Kinderuhren im Test: Fast alle stecken voller Schadstoffe

ÖKO-TEST Jahrbuch für 2012 | Autor: Maren Klein | Kategorie: Kinder und Familie | 14.10.2011

Die meisten Kinderuhren im Test fallen durch.
Foto: Nadya Kubik/Shutterstock

Endlich! Die erste eigene Uhr. Leider ist die Auswahl an Modellen, deren Armbänder nicht vor Gift strotzen, sehr, sehr klein. Drei Hersteller haben die belasteten Uhren nach unseren katastrophalen Testergebnissen vom Markt genommen.

Aktualisiert am 14.10.2011 | Ab dem Kindergarten fangen Kinder an, Zeit mit ihren eigenen Erfahrungen zu verknüpfen. Eine Ansage wie "in einer Stunde sind wir da" bleibt für sie ungreifbar, aber mit der Info "das dauert so lange wie die Fahrt zur Oma" können sie dann schon etwas anfangen.

Der nächste Schritt, nämlich ein Gefühl dafür zu bekommen, wie lange bestimmte Zeitabschnitte sind, was eine Minute oder eine Stunde ist, ist für Kinder hingegen ein echter Quantensprung. Und die Uhr gleich der nächste.

"Es gibt Vierjährige, die die Uhr schon unbedingt lernen wollen, aber auch Drittklässler, die sich noch schwertun", sagt Doris Feldmann vom Verband Bildung und Erziehung. Und: "Als Pflichtstoff in der Schule ist die Uhr durchaus ein Knackpunkt, an dem es schwierig werden kann, viel leichter fällt es Kindern, die sie aus eigenem Antrieb lernen wollen." Als Anreiz, sich durchzubeißen, ist eine eigene Uhr am Arm bestimmt genau das Richtige.

Leider sind unsere Kinderuhrentests in der Vergangenheit immer ein ziemlich trauriges Thema gewesen, da die Armbänder voller Schadstoffe steckten. Wir wollten wissen, ob sich die Lage gebessert hat und haben 15 Uhren in die Labore geschickt, darunter solche mit Textil-, Kunststoff- und Lederarmband, supergünstige für 5 Euro bis hin zu Markenuhren für knapp 40 Euro.

Kinderuhren im Test: Das Fazit

Bei den Herstellern ist offenbar die Zeit stehen geblieben. Auch wenn es längst Alternativen zu höchst problematischen Phthalatweichmachern gibt: Sie werden immer noch eingesetzt. In Spielzeug für Kleinkinder und Babyartikeln, wo sechs Verbindungen seit inzwischen fünf Jahren reglementiert sind, stiegen die Hersteller zunehmend auf Ersatzweichmacher um, ihnen blieb ja nichts anderes übrig.

In Kinderuhren, die streng genommen nicht mehr zu dieser Produktgruppe zählen, werden die üblen Vertreter aber noch immer eingesetzt. Offensichtlich geht's nicht ohne Verbote. Das gilt auch für zinnorganische Verbindungen, die weitgehend noch nicht reglementiert sind und wohl auch deshalb in rauen Mengen nachgewiesen wurden – nicht nur in Kunststoff-, sondern auch in Textilarmbändern.

Das Ergebnis: Elf der 15 Uhren sind "ungenügend", zwei "mangelhaft". Drei Hersteller haben ihre Uhren nach unserem Test aus dem Verkauf genommen. Einziger Lichtblick ist eine "gute" Uhr. Hier störten nur die optischen Aufheller.

Schadstoffe in Kinderuhren im Test

Je mehr Geld man für die Uhr zahlt, desto besser die Qualität? Leider nicht. Letztlich schneidet eine 5-Euro-Uhr genauso schlecht ab wie ein Knapp-40-Euro-Modell. Auch vom Material selbst kann man nicht ausgehen: Textilarmbänder können ebenso stark schadstoffbelastet sein wie Kunststoff- und Ledermodelle.

In fast allen Uhrenbändern wurden zinnorganische Verbindungen nachgewiesen, die nicht nur sehr giftig sind, sondern die sich unter anderem auch als immunschädigend erwiesen haben. Die reinen Kunststoffarmbänder enthalten allesamt Weichmacher und sind häufig mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen belastet.

Bei den textilen Armbändern hingegen wurden durch das Färben und Aufhellen Schadstoffe eingebracht. Auch Lederarmbänder sind keine Option: In einem Armband wurde Chlorkresol nachgewiesen, das wohl über die Lederkonservierung ins Material kam, und das ist noch lange nicht alles, auch Phthalatweichmacher, Anilin und Chrom stecken im Armband.

Krebserregende Stoffe in Kinderuhren entdeckt

Klar, Kinder haben's gerne knallig. Leider schaffen es nicht alle Hersteller, das mit einigermaßen vernünftigen Farben hinzubekommen. Die gelben Streifen in einem Textilarmband enthalten mehr p-Aminoazobenzol, als der Gesetzgeber erlaubt. Die Verwendung von Farbstoffen, die dieses krebserregende aromatische Amin abspalten können, ist inzwischen europaweit verboten.

In zwei Armbanduhren wurde krebsverdächtiges Anilin nachgewiesen, das zur gleichen Gruppe von Farbbausteinen gehört, aber dennoch völlig legal ist. Zwei andere Modelle wurden mit dem krebserregenden Farbstoff Dispers-Gelb 3 gefärbt, der nach einer inzwischen schon Jahre alten Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung in Textilien nicht mehr zum Einsatz kommen sollte.

Diesen Test haben wir zuletzt im ÖKO-TEST Magazin August 2011 veröffentlicht. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das ÖKO-TEST Jahrbuch für 2012 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

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Testverfahren

Der Einkauf: 15 Kinderuhren mit Armbändern aus verschiedenen Materialien: Textil, Kunststoff, Leder. Die großen Marken wie Flik Flak, Casio und Co. sind mit dabei, aber auch eine 5-Euro-Uhr vom "1-Euro-Discount" Tedi. Ohne die Kinderlieblinge Prinzessin Lillifee, Capt'n Sharky und Cars ging's natürlich nicht.

Die Inhaltsstoffe: Für die verschiedenen Uhrbänder wurden spezielle Testprogramme zusammengestellt. Bei elastischen Kunststoffarmbändern muss es Weichmacher geben, die das ermöglichen, auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sind hier oft ein Thema. Aus textilen Armbändern können sich krebserregende und allergisierende Farbstoffe herauslösen, aus der Verarbeitung halogenorganische Verbindungen zurückbleiben; wo Polyester eingesetzt wird, ist giftiges Antimon in der Regel nicht weit. Durch die spezielle Ausrüstung, die Leder erhält, landen womöglich Chlorkresole und -paraffine im Material. Zinnorganische Verbindungen können bei allen Materialien ein Problem sein, das wissen wir spätestens seit unserem Test 2007. Bei den Gehäusen der Uhren wurde geprüft, ob sich Nickel herauslöst.

Die Bewertung: Bei Grenzwertüberschreitungen wie im Fall einer Uhr, die zu viel p-Aminoazobenzol enthält, ist die Sache klar: nicht verkehrsfähig, "ungenügend". Wir geben aber auch völlig legalen Schadstoffschleudern ein "ungenügendes" Gesamturteil, wenn's sein muss.

Bewertungslegende

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führen zur Abwertung um fünf Noten: mehr als 30 mg/kg verbotene aromatische Amine (p-Aminoazobenzol). Zur Abwertung um jeweils vier Noten führen: a) ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 250 μg/kg Dibutylzinn und/oder ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 2.500 μg/kg weiterer zinnorganischer Verbindungen; b) ein stark erhöhter Gehalt von in der Summe mehr als 1.000 μg/kg polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe; c) als krebserregend eingestufte Dispersionsfarbstoffe (Dispers-Gelb 3); d) ein stark erhöhter Gehalt von mehr als 1.000 mg/kg in Spielzeug und Babyartikel gesetzlich reglementierte Phthalatweichmacher (DEHP, DINP); e) Anilin.

Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein erhöhter Gehalt von mehr als 25 bis 250 μg/kg Dibutylzinn und/oder Tributylzinn und/oder mehr als 250 bis 2.500 μg/kg weitere zinnorganische Verbindungen, falls nicht schon ein stark erhöhter Gehalt von Dibutylzinn oder anderer zinnorganischer Verbindungen abgewertet wurde; b) erhöhte Gehalte von mehr als 100 bis 1.000 μg/kg einer oder mehrerer polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe; c) mehr als 6 mg/kg migrierbares Isophoron; d) mehr als 20 mg/kg Formaldehyd/ -abspalter; e) mehr als 5 bis 50 mg/kg Chlorkresol.

Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) optische Aufheller; b) mehr als 1 mg/kg Antimon; c) mehr als 10 bis 1.000 mg/kg phosphororganische Verbindungen (Triphenylphosphat); d) PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe im Produkt; e) mehr als 1.000 mg/kg einer oder mehrerer Ersatzweichmacher (DEHT, DiNCH), wenn nicht bereits wegen Phthalatweichmachern abgewertet wurde; f) mehr als 100 mg/kg Chrom; g) halogenorganische Verbindungen.

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils eine Note: a) PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe in der Verpackung; b) bromierte Flammschutzmittel auf der Platine.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" oder schlechter ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.

Testmethoden

Testmethoden: Analysiert wurde eine repräsentative Mischprobe des Armbandmaterials, die Farbstoffanalysen wurden zum Teil an den einzelnen Bestandteilen des Armbandes durchgeführt. Zinnorganische Verbindungen: NaDDTC, EtOH, Hexan, NaBEt4, GC-AED. PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe: Röntgenfluoreszenzanalyse. Schwermetalle: Röntgenfluoreszenzanalyse. Bromierte Flammschutzmittel auf der Platine: Röntgenfluoreszenzanalyse. Phthalate/alternative Weichmacher/phosphororganische Verbindungen/Chlorkresole: GC/MS nach Extraktion und Derivatisierung. Isophoron: Migration in Anlehnung an DIN EN 71-10:2006, HPLC-FLD. Halogenorganische Verbindungen: Probe wird mit Reinstwasser in der Soxhlet-Apparatur eluiert. Binden der organischen Halogene an Aktivkohle. Verbrennung der Aktivkohle im Sauerstoffstrom. Microcoulometrische Bestimmung des Halogengehalts. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe: GC-MSD (25 PAK nach EPA/EU/JECFA). Optische Aufheller: qualitativer Nachweis (UV-Licht). Dispersionsfarbstoffe: Analytik entsprechend § 64 LFGB 82.02-10 Norm DIN 54231 (November 2005); Dünnschichtchromatografie, TLC und HPLC mit DAD (UV/Vis-Detector). Aromatische Amine: Prüfung auf Amine nach reduktiver Spaltung; Analytik entsprechend § 64 LFGB 82.02-2 Prüfung ohne vorherige Extraktion DIN EN 14362-1 (Juni 2004); Analytik entsprechend § 64 LFGB 82.02-4 Prüfung nach vorhergehender Extraktion DIN EN 14362-2 (Juni 2004); bei Hinweisen auf 4-Aminoazobenzol zusätzliche Prüfung entsprechend § 64 LFGB 82.02-9 (September 2006); GC/MS, TLC; zusätzliche Prüfung auf Anilin und Xylidine; Bestimmungsgrenze 5 ppm.

Einkauf der Testprodukte: Mai 2011.

Diesen Test haben wir zuletzt im ÖKO-TEST Magazin August 2011 veröffentlicht. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das ÖKO-TEST Jahrbuch für 2012 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

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