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64 Kinderspielzeuge im Test

ÖKO-TEST Jahrbuch Kleinkinder für 2010
vom 08.01.2010

Kinderspielzeug

Verspielt

Unser Test zeigt, dass die Sicherheit von Kinderspielzeugen sträflich vernachlässigt wird. Vor allem die Schadstoffbelastung schreit zum Himmel. Über ein Viertel der Produkte können wir zwar empfehlen, doch an den meisten gibt es viel auszusetzen.

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08.01.2010 | Spielen und Spielzeug ist nicht nur Zeitvertreib, sondern wichtig für die Entwicklung der Kinder. Dabei erlernen sie motorische und soziale Fähigkeiten. Leider sind viele Spielzeuge alles andere als förderlich, denn sie sind hochgradig mit Schadstoffen belastet und/oder bergen Verletzungsgefahren. Dies hat ÖKO-TEST in der Vergangenheit immer wieder festgestellt. Selbst die Behörden warnen. Denn manche Kinderspielzeuge erfüllen nicht einmal die relativ laschen gesetzlichen Anforderungen an diese Produktgruppe. Das europäische Warnsystem Rapex, das gefährliche Produkte auflistet, warnt jährlich vor Hunderten von Spielzeugen. Die Dunkelziffer liegt sicher viel höher. Viele der Produkte stammen aus China, wo zwei Drittel der importierten Spielwaren produziert werden. ÖKO-TEST wollte wissen, wie es ums Spielzeug bestellt ist. Wir schickten deshalb Artikel aus zehn unterschiedlichen Produktgruppen in die Labore: Puppen und Anziehpuppen, Plüschtiere und Bausteine, Kunststoff- und Actionfiguren, Fahrzeuge und Kugelbahnen, Perlen und Rollenspiele, und zwar sowohl Marken- wie auch billige No-Name-Produkte. Wir ließen sie auf Schadstoffe untersuchen und wollten wissen, ob sie ausreichend sicher sind - nicht nur im Hinblick auf die Spielzeugnorm.

Das Testergebnis

Einmal mehr ist das Ergebnis katastrophal. Fast die Hälfte der Produkte fällt durch, meist weil sie hochgradig mit Schadstoffen belastet sind. Einige Spielzeuge hätten deshalb gar nicht am Markt sein dürfen. Teilweise sind auch Sicherheits- oder Deklarationsmängel der Spielzeugnorm nicht erfüllt. Doch es gibt auch eine positive Seite: An immerhin gut einem Viertel der Artikel gibt es nichts zu beanstanden.

Mitunter liegt das Ergebnis an der Art der Produkte. So schneiden fast alle Bausteine, egal ob aus Holz oder Plastik, sowie fast alle Kugelbahnen mit "sehr gut" ab. Dagegen kommt bei Puppen absolut keine Freude auf, und auch Anziehpuppen und Kunststofftiere versammeln sich fast komplett am Ende der Notenskala.

In drei Spielzeugen sind jeweils mehrere der in Babyartikeln und Kinderspielzeug verbotenen Phthalatweichmacher über dem Toleranzwert vorhanden, im Battleplan Set Crary Fighter Jet, im Magic Puzzle Animal Happy World und in der Puppe Annie Baby. Diese drei Billigspielzeuge sind auch mit anderen Schadstoffen hoch belastet.

Textile Teile der Pilou Früchtepuppe Birne überschreiten den Grenzwert für verbotene aromatische Amine. Das gilt auch für die gelben Lena Wooden Beads Holzperlen, die allerdings nicht unter die Vorschrift der Bedarfsgegenständeverordnung fallen, die nur für Textilien und textile Spielzeuge gilt. In unserer Bewertung macht das keinen Unterschied, weil wir finden, dass für alle Spielwaren gleichermaßen strenge Vorschriften gelten sollten.

Erschreckt waren wir auch darüber, dass etliche Spielsachen mit in anderen Bereichen verbotenen bromierten Flammschutzmitteln belastet sind. So wurden im Lautsprechergehäuse der Puppe Annie Baby sowohl polybromierte Biphenyle wie auch polybromierte Diphenylether deutlich über dem Grenzwert der Elektroverordnung nachgewiesen.

In Anlehnung an die Spielzeugnorm ließen wir untersuchen, inwieweit die Kinderspielzeuge Sicherheits- und Deklarationsanforderungen erfüllen. Das Testinstitut kritisierte bei der Puppe Simba Dolly My Rag Doll eine Strangulierungsgefahr durch ein langes Haarband sowie verschluckbare Haargummis und bei der Haba Lotta and Friends verschluckbare Kleinteile in Form von Stulpen. Die Spielzeugnorm erfüllen diese beiden Beispiele dennoch, weil hier - für uns unverständlich - viele Ausnahmen vorgesehen sind: Die Strangulierungsgefahr gibt es nach Norm nur für am Spielzeug befestigte Bänder und die Gefahr des Verschluckens spielt bei Gummi, Schnüren und Gewebe keine Rolle. Auch dass beim Bambia Plüsch-Hund die Rückennaht von Hand leicht zu öffnen ist, das Füllmaterial herausquillt und verschluckt werden kann, ist nach Spielzeugnorm kein Problem, wenn es sich um Faserflaum handelt.

Eindeutiger ist die Sache, wenn es um die erforderliche Deklaration nach Spielzeugnorm geht. Hier gibt es einige Verstöße. So müssen Hersteller oder Importeur mit Adresse genannt, der Warnhinweis "für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet" in deutscher Sprache gut lesbar und/oder das Warnsymbol mit rotem Rand ausreichend groß sein. Besonders dreist finden wir, wenn der Hersteller des Battleplan Set Crary Fighter Jet gar nicht erkennbar ist.

Zum Stichwort Warnhinweis und Warnsymbol: Damit wollen sich einige Hersteller einfach aus der Verantwortung ziehen, denn für Kinder unter 36 Monaten gelten erhöhte Anforderungen. "Spielzeug mit weicher Füllung und einfachen Formen zum Halten und Kuscheln" sind nach Norm als Spielzeug für Kinder unter drei Jahren eingestuft. Danach müssten Puppen mit weichem Körper für die Kleinsten gedacht sein, auch wenn einige Anbieter dies anders sehen wollen. "Unnötige Warnhinweise sollten vermieden werden, da sie die Effektivität solcher Anwendungen herabsetzen", ergänzen die Normverfasser. Wenn Spielzeuge einen nach Meinung von ÖKO-TEST unangemessenen Warnhinweis tragen, werten wir ab. Kinder ab zwei Jahren spielen durchaus gerne mit Kunststofftieren und es gibt auch keinen stichhaltigen Grund, warum sie es nicht sollten.

So reagierten die Hersteller

Anbieter Simm nimmt die hohe Konzentration des aromatischen Amins p-Aminoazobenzol in der Farbe sehr ernst, auch wenn die Azo-Farbstoffe nur für Textilien verboten sind. Er habe den Lieferanten aufgefordert, diese Farbe nicht mehr einzusetzen.

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