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ÖKO-TEST Dezember 2015
vom

Fiebermittel / Schmerzmittel, Kinder

Neue Erkenntnisse

Ob Kopf- oder Zahn-, Regel- oder Gelenkschmerzen: Vieles lässt sich mit rezeptfreien Schmerzmitteln auch ohne Arztbesuch gut behandeln. Deren Wirksamkeit ist belegt, bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind sie sicher - auch die koffeinhaltigen Kombinationspräparate.

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27.11.2015 | Zuletzt belegten Schmerzmittel hinter Erkältungsmitteln Platz zwei unter den umsatzstärksten rezeptfreien Arzneimitteln: 110 Millionen Packungen setzten Apotheken und Versandhandel ab, der Umsatz betrug 512 Millionen Euro. Nimmt man die 38 Millionen Packungen von Mitteln gegen Muskel- und Gelenkschmerzen hinzu, wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller fast eine Milliarde Euro für Schmerzmittel ausgegeben.

Die Präparate enthalten zum einen die nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS), Naproxen und Diclofenac. Diese wirken nicht nur schmerzlindernd, sondern auch fiebersenkend und entzündungshemmend. Häufig verwendet wird auch Paracetamol, das aber im Gegensatz zu den NSAR in therapeutischen Dosen nicht entzündungshemmend wirkt.

Während ASS seit seiner Markteinführung im Jahr 1899 (Aspirin) keines Rezeptes bedurfte, erhielten andere Schmerzwirkstoffe erst in den vergangenen 20 Jahren den OTC-Status, dürfen seitdem also ohne Rezept über den Tresen (OTC = over the counter) verkauft werden. Damit ein Arzneimittel nicht mehr der Verschreibung eines Arztes bedarf, muss es sich als sicher und gut verträglich erwiesen haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass Nebenwirkungen völlig ausgeschlossen sind. Da die meisten unerwünschten Arzneimittelwirkungen mit der eingenommenen Dosis zusammenhängen, ist es besonders wichtig, die im Beipackzettel angegebenen Dosierempfehlungen einzuhalten. "Hält man sich an die Dosierangaben der Hersteller und vermeidet die häufige Einnahme, kann man unbesorgt sein", sagt Dr. Stefanie Förderreuther von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Gefahr bestehe tatsächlich nur, wenn man es in weit höheren Dosierungen als empfohlen einnimmt.

Nierenärzte sehen sich allerdings regelmäßig mit Patienten mit NSAR-geschädigten Nieren konfrontiert. Sie haben eine ganze Reihe von Risikofaktoren ausgemacht: eine bereits bestehende Nierenerkrankung, eine - auch noch unerkannte - Einschränkung der Nierenfunktion, die physiologischerweise bei älteren Menschen auftritt, Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzschwäche, die jahrelange notwendige hochdosierte Einnahme von NSAR, beispielsweise aufgrund rheumatischer Erkrankungen. Vor allem die gleichzeitige Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten (Diuretika, ACE-Hemmer) erhöht das Risiko für Nierenschäden. Schließlich macht auch Flüssigkeitsmangel die Nieren anfälliger. "Schmerzmittel sind nierengefährlich, das wissen wir seit Langem", warnt Professor Jan Galle von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN).

Immer wieder kontrovers diskutiert werden Kombinationspräparate, die meistens ASS und Paracetamol und Koffein enthalten. Ausgangspunkt waren vor allem die Erfahrungen mit der Kombination Phenacetin plus Koffein. Wie sich herausstellte, schädigte der Schmerzwirkstoff Phenacetin die Nieren, woraufhin er hierzulande vor knapp 30 Jahren verboten wurde. "Phenacetin hätte nie und nimmer zugelassen werden dürfen", erklärt ÖKO-TEST-Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz.

Die Idee hinter den Mischanalgetika ist zum einen, bei gleicher Wirkung die Dosis der einzelnen Wirkstoffe zu verringern, und zum anderen, die Wirkung zu beschleunigen, da Koffein die Aufnahme der Schmerzwirkstoffe in die Blutbahn beschleunigen soll. Zudem wirkt Koffein belebend und selbst moderat schmerzhemmend. Die DMKG sieht die dosisabhängigen Risiken der Einzelsubstanzen aufgrund der geringeren Dosierung als niedriger an. Außerdem enthalte schon eine Tasse Kaffee mehr Koffein als eine Tablette eines Kombinationspräparates. 2012 widmete sich die renommierte Cochrane Collaboration, die für evidenzbasierte Medizin steht, der Frage, inwieweit Koffein Schmerzpatienten nutzt. Die Wissenschaftler erkannten einen Vorteil für den Koffeinzusatz: Mit koffeinhaltigen Schmerzmitteln erreichen fünf bis zehn Prozent mehr Patienten eine gute Schmerzlinderung als mit koffeinfreien Präparaten. Wenn 15 Patienten damit behandelt werden, kann einer von diesem Vorteil profitieren.

Hingegen sieht Wolfgang Becker-Brüser vom pharmakritischen Arznei-Telegramm keinen Grund für den Einsatz von Koffein. Weil die Beimischungen den "Dauergebrauch möglicherweise fördern", rät das Fachmagazin 2003 vom Gebrauch von Mischanalgetika ab. 2007 äußern auch Bundesärztekammer und Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) diese Befürchtung: "Motor der Einnahme ist zunächst der analgetische Effekt, zur Aufrechterhaltung der Medikation kann die psychische Stimulation beitragen." Und 2009 stuft die Leitlinie der europäischen Neurologen (EFSN) zur Behandlung des Spannungskopfschmerzes Kombinationspräparate als Mittel der zweiten Wahl ein, weil für einige Experten diese eher einen medikamentenbedingten Kopfschmerz verursachen als einfache Schmerzmittel.

Grund genug auch für ÖKO-TEST Kombinationspräparate kritisch zu sehen: Es hagelte Abwertungen um fünf Noten für die Kombination von zwei Schmerzmitteln mit Koffein und um vier Noten für die Kombination von zwei Schmerzmitteln. Diesmal wollten wir wissen, ob es mehr gibt als Befürchtungen und ein "möglicherweise": Belegen Studien, dass gerade Kombinationspräparate das Risiko erhöhen, abhängig zu werden? Wir haben unserem wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie an der Universität Frankfurt, mit einem Gutachten beauftragt.

Im ÖKO-TEST: 74 rezeptfreie Arzneimittel gegen leichte bis mäßig starke Schmerzen und/oder Fieber, darunter Monopräparate mit den Wirkstoffen Acetylsalicylsäure (ASS), Diclofenac, Paracetamol, Naproxen und Ibuprofen sowie Kombinationspräparate mit Koffein und/oder Ascorbinsäure.

Das Testergebnis

Wirksam gegen Schmerzen und Fieber sind sie alle und die Gebrauchsinformationen enthalten die wichtigen Hinweise zu Risiken und Nebenwirkungen, zur Dosierung sowie zur Anwendung bei Kindern und Schwangeren. Das Gros aller getesteten Produkte schneidet mit "sehr gut" und "gut" ab. Nur zwei Mischpräparate bewerten wir weiterhin mit "ungenügend". Die Mittel mit Diclofenac landen im Mittelfeld.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Rezeptfreie Fieber- und Schmerzmittel sind apothekenpflichtig. Wir haben alle Produkte - sowohl Mono- als auch Kombinationspräparate - in der kleinstmöglichen Packungsgröße in der Apotheke eingekauft. Berücksichtigt wurden die gängigen Wirkstoffe Ibuprofen, Paracetamol, ASS und Naproxen. Erstmalig ist auch Diclofenac dabei, das wie Naproxen klassischerweise zwar eher bei Gelenkbeschwerden eingesetzt wird, sich aber auch zur Behandlung von Kopfschmerzen eignet.

Die Begutachtung
Unseren wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt, wissenschaftlicher Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker in Eschborn, haben wir mit der Begutachtung der Präparate beauftragt. Dabei ging es nicht nur um deren Wirksamkeit, sondern auch um Risiken und Nebenwirkungen. Außerdem haben wir ihn gefragt, ob der Zusatz von Vitamin C zu einem Schmerzmittel dem Anwender Vorteile bringt und inwiefern das Lysinsalz des Ibuprofens dem einfachen Ibuprofen überlegen ist.

Die Hilfsstoffe
Um die Wirkstoffe eines Arzneimittels in eine anwendergerechte Form zu bringen, bedarf es verschiedener Hilfsstoffe. Ob sich darunter umstrittene oder bedenkliche Substanzen wie Farb-, Konservierungsstoffe und Paraffine befinden, haben wir anhand der Deklaration in den Beipackzetteln überprüft.

Die Bewertung
Das A & O eines Arzneimittels ist, dass Wirksamkeit und Sicherheit gegeben sind und der Anwender im Beipackzettel alle notwendigen Informationen zu Risiken, Nebenwirkungen, Dosierung und Anwendungsdauer erhält. Dies schlägt sich im Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel nieder. Ein "sehr gutes" Ergebnis hier sollte unserer Meinung nach jedoch nicht durch die unnötige Verwendung problematischer Hilfsstoffe getrübt werden.

So haben wir getestet

Wie gefährlich sind Schmerzmittel mit mehreren Wirkstoffen? Wir sind der Frage nachgegangen.