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35 Zahnpflegekaugummis im Test

ÖKO-TEST September 2015
vom 28.08.2015

Zahnpflegekaugummis

Kauderwelsch

Für ein strahlendes Lächeln! Hilft Zahnverfärbungen zu vermindern! Starker Kariesschutz! - so die vollmundigen Versprechen der Anbieter von Zahnpflegekaugummis. Was stimmt, was ist Mythos? Wir haben einigen Werbeaussagen auf den Zahn gefühlt und zahlreiche Produkte unter die Lupe genommen. Unser Befund: Alle sind wirksam, aber nur neun empfehlenswert.

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28.08.2015 | Strahlend weiße und gesunde Zähne sind das Ideal - und das lassen sich Patienten einiges kosten! Je nach Aufwand kostet eine professionelle Zahnreinigung zwischen 50 und 150 Euro. Zahn-Bleeching, also das Aufhellen der Zähne mit der Chemiekeule, gibt es in der Drogerie und in der Apotheke schon für wenige Euro, beim Zahnarzt kostet es ein Vielfaches. Viele Verbraucher vertrauen außerdem auf die Versprechen der Hersteller von Zahnpflegekaugummis. ÖKO-TEST wollte wissen, ob Werbeaussagen wie "Für strahlend weiße Zähne" oder "Hilft Plaquesäuren zu neutralisieren" stimmen oder ins Reich der Mythen gehören.

Zuckerfreie Kaugummis sind eine gute Ergänzung zum Zähneputzen!

Stimmt - allerdings maximal als eine Art "kleine Lösung" zur Zahnpflege zwischendurch, also nach dem Essen oder Naschen, wenn Zähneputzen gerade nicht möglich ist. Ein vollwertiger Ersatz fürs Zähneputzen sind zuckerfreie Kaugummis aber nicht. "Durch das Kaugummikauen wird primär der Speichelfluss angeregt, was beispielsweise unmittelbar nach Verzehr von Süßigkeiten oder gesüßten Getränken zu einer Verkürzung der Zeit führt, in der Säuren in der Zahnplaque gebildet werden", erklärt der Zahnmediziner und Professor am Universitätsklinikum Aachen, Hendrik Meyer-Lückel. "Gleichwohl wird die Plaque an den entscheidenden Stellen aber nicht durch Kaugummikauen entfernt." Das erreiche man nur durch Zähneputzen und Zahnzwischenraumhygiene.

Zahnpflegekaugummis beugen Karies vor und neutralisieren zahnschädliche Säuren!

Stimmt! Das haben voneinander unabhängige klinische Studien belegt. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat sich mit der wissenschaftlichen Untermauerung von gesundheitsbezogenen Angaben für zuckerfreien Kaugummi befasst und die Wirkungen zur Zahn- und Mundgesundheit bestätigt. Im Mund funktioniert das so: "Kaugummikauen stimuliert und erhöht den Speichelfluss. Dadurch werden neben Nahrungsresten auch Karies auslösende Bakterien von den Zähnen und aus der Mundhöhle geschwemmt", erklärt Dr. Thomas Wolf, Zahnarzt und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Unimedizin Mainz im Bereich Zahnerhaltungskunde. "Je größer die Speichelmenge und je höher die Speichelfließrate ist, umso schneller werden die potenziell schädlichen Sub­stanzen abtransportiert." Unsere Zähne sind besonders nach dem Genuss zucker- und kohlenhydrathaltiger Mahlzeiten gefährdet. Können danach die Zähne nicht ordentlich gereinigt werden, sinkt der pH-Wert im Mund und der Säuregehalt steigt an. Dem Zahnschmelz werden so Mineralstoffe entzogen. Kaugummikauen kann dem entgegenwirken: "Durch die verstärkte Speichelproduktion und die Puffersysteme des Speichels steigt der pH-Wert wieder an und Säuren werden weggewaschen", sagt Dr. Wolf. Zugleich unterstützt der Speichel die Remineralisierung des Zahnschmelzes, da er die zuvor entzogenen Mineralstoffe wieder auffüllt.

Zähne werden strahlend weiß!

Stimmt nicht! Laut Zahnmedizinern schafft es ein Kaugummi nicht, Zähne weißer zu machen. "Damit Zähne sichtbar weißer werden, müssten die Kaugummis ein Bleichmittel enthalten", erklärt der Zahnarzt Dr. Lutz Laurisch. Ein Kaugummi könne allerdings dazu beitragen, dass sich die Zähne langsamer durch äußere Ablagerungen verfärben, wie sie zum Beispiel Kaffee, Tee oder Tabak verursachen. Verantwortlich dafür seien dem Kaugummi zugesetzte Stoffe wie Natriumbikarbonat (auch: "baking soda"), aber auch eine Steigerung der Speichelproduktion. "Es gibt einige, meist von der Industrie initiierte Studien, die belegen, dass durch das mehrmalige tägliche Kaugummikauen Verfärbungen in einem geringeren Maße auftreten", sagt der Uni-Professor Hendrik Meyer-Lückel. Bereits bestehende Zahnverfärbungen kann ein Zahnpflegekaugummi laut Experten aber nicht reduzieren. Farbstoffe, die sich in bestehende Plaque eingelagert haben, lassen sich nur mechanisch, also beispielsweise durch Bürsten, beseitigen.

Geschmackszusätze wirken besser!

Stimmt! In Studien konnte gezeigt werden, dass das Kaugummikauen von Produkten mit Geschmackszusätzen wie Zitronen- und/oder Apfelsäure durch Reizung der Geschmacksnerven zu einer erheblichen Steigerung des Speichelflusses führt: mit Geschmackszusätzen um das Zehnfache, während Kaugummis ohne Zusätze den Speichelfluss "nur" um das Fünffache steigerten. Selbst nach 20 Minuten Kaugummikauen war die Speichelflussrate um ein Vielfaches höher. Gerade für Menschen, die zum Beispiel aufgrund von Medikamenteneinnahme unter Mundtrockenheit leiden oder eine eingeschränkte Kaufunktion haben, sind derartige Kaugummis besonders hilfreich. Dass diese Zusätze eine zusätzliche kariespräventive Wirkung haben, ist aber nicht erwiesen.

Neben den zahnmedizinischen Belegen zur Wirksamkeit von Zahnpflegekaugummis wollte ÖKO-TEST nun wissen, ob problematische Inhaltsstoffe darin stecken. Deshalb haben wir 35 Produkte in Laboren untersuchen lassen und die Zutatenliste gecheckt.

Das Testergebnis

Wirksam, aber nicht alle Inhaltsstoffe überzeugen: Dreimal "sehr gut", siebenmal "gut", fünf Produkte sind "befriedigend", 14 "ausreichend" und drei "mangelhaft": Die meisten Zutaten in den Kaugummis sind unserer Meinung nach zwar überwiegend unbedenklich. Allerdings enthalten 21 Produkte überflüssige und umstrittene Süßstoffe. Grundsätzlich sind zuckerfreie Zahnpflegekaugummis aber eine gute Ergänzung zur Zahnpflege zwischendurch.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Spearmint, Fresh-Mint, Mikrogranulate, Frucht- oder Zimtgeschmack: Das Sortiment zuckerfreie Zahnpflegekaugummis ist breit aufgestellt. Dementsprechend voll wurde auch unser Einkaufswagen: Insgesamt 35 Produkte aus Supermärkten, Drogerien und Internetshops kamen zusammen, darunter vier Sorten für Kinder.

Die Inhaltsstoffe
Die Zusammensetzung der Kaumasse lässt sich im Labor nach Angaben von Experten nicht aufdröseln, deshalb haben wir die weiteren Zutaten wie Zuckeralkohole, Süßstoffe und Aromen unter die Lupe genommen. Bei einem Produkt ließen wir im Labor überprüfen, ob das als antimikrobieller Wirkstoff ausgelobte Mikrosilber auch tatsächlich enthalten ist.
Die Weiteren Mängel
Auch wenn Anbieter sich auf das Produktgeheimnis berufen: Verbraucher sollten wissen, was sie kauen. Deshalb haben wir als Weiteren Mangel abgewertet, wenn Anbieter die Zusammensetzung ihrer Kaumasse schuldig geblieben sind. Im Labor nachgewiesene PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung haben wir ebenfalls als Weiteren Mangel abgewertet.

Die Bewertung
Einen direkten Abzug hagelte es für den Süßstoff Sucralose, der zur Chlorchemie gezählt wird, sowie für alle anderen Süßstoffe. Außerdem haben wir ein Produkt wegen des enthaltenen Mikrosilbers abgewertet, da sowohl die Studienlage als auch die von uns befragten Zahnmediziner keinen ausreichenden Beleg für eine Wirksamkeit ausmachen konnten. Auch wenn Geschmackszusätze laut Zahnmedizinern den Speichelfluss besser anregen: Natürliche Aromen aus dem Labor sehen wir kritisch und werten sie ab, sofern sie nicht zu 95 Prozent aus dem angegebenen Lebensmittel stammen.

So haben wir getestet

Was steckt in Kaugummis so alles drin? Die Zutatenliste gibt erste interessante Anhaltspunkte.