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Ratgeber Kosmetik 2016
vom

Faszienrollen

Faszinierend?

Verspannungen lösen, Schmerzen lindern, die Leistung der Muskeln erhöhen: Die Hersteller von Faszienrollen versprechen viel. Doch den Nutzen der Schaumstoffwalzen belegen allenfalls gute Erfahrungen - die Datenlage ist bescheiden.

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09.06.2016 | Um Faszien ist ein wahrer Hype entfacht. Das Bindegewebe ist Gesprächsthema, seit Wissenschaftler postulieren, dass Faszien mehr sind als passive Muskelhüllen.

"Faszien sind ein Netzwerk, das den Körper zusammenhält und strukturiert", sagt Dr. Robert Schleip, Direktor der bundesweit einzigen Faszienforschungsgruppe an der Universität Ulm. Die klassische Anatomie verstehe unter Faszien lediglich flächiges, derbes Fasergewebe, das einzelne Muskeln und Muskelgruppen netzartig umhülle. Neuere Forschung zähle nun auch Sehnen, Bänder, Gelenkkapseln sowie alle lockeren Bindegewebsformen dazu.

Schleip ist, wenn man so will, Auslöser des Hypes. Der Humanbiologe veranstaltete im Jahr 2007 mit Kollegen den ersten Faszienforschungskongress an der Harvard Medical School in Boston. Wissenschaftler zeigten erstmals Bindegewebsveränderungen anhand von hochauflösenden Ultraschallbildern. Bis dahin führten Faszien ein Schattendasein, so Schleip, da es keine messbaren Erkenntnisse gegeben habe. Die Fitnessbranche sei dann schnell auf den Zug aufgesprungen.

Ihr Verkaufsschlager sind Faszienrollen aus Schaumstoff in allen erdenklichen Farben, Härtegraden und Oberflächentexturen, meist so lang wie ein Unterarm. Mit den Walzen gleitet man langsam und unter Druck des Körpergewichts über Rücken, Schenkel, Waden oder auch den Allerwertesten. Selbst die Fußballnationalmannschaft trainiert mit den Rollen: "Der jahrelange Einsatz im Leistungssport zeigt, dass es etwas bringt. Mit den Massagerollen lässt sich das Bindegewebe regenerieren und erhalten", ist Klaus Eder, leitender Physiotherapeut der Nationalelf, überzeugt. Die Spieler massieren ihm zufolge bereits seit der Ära Jürgen Klinsmann Beine und Waden ergänzend vor und nach dem Training. "Prinzipiell lassen sich Faszien wie etwa die Oberschenkelfaszie und die kleinen Faszien in Armen und Beinen durch Selbstmassage gut erreichen", meint auch Dr. Ingo Tusk, Chefarzt der Sportorthopädie der Frankfurter Rotkreuz-Kliniken und Arzt der Fußballnationalspielerinnen. Die Massage mit Faszienrollen könnte helfen, die Dehnbarkeit von verhärtetem Gewebe wieder zu erhöhen. Allerdings massiere man mit den Rollen nicht allein die Faszien, sondern auch immer Haut- und Muskelgewebe mit. Wo genau die positiven Effekte ausgelöst werden, lasse sich also nicht exakt feststellen.

"Faszienmassage ist vergleichbar mit Yoga", ist Forscher Schleip überzeugt. Beides erhöhe Studien zufolge schon kurzfristig die Beweglichkeit, auf lange Sicht könnten sich anhaltende Effekte zeigen. "Für chronische Stubenhocker sind Faszienrollen daher eine kluge Option, um etwas gegen Versteifungen und Verspannungen zu tun." Zudem gebe es ernsthafte Erkenntnisse, dass die Rollenmassage nach sportlicher Belastung den subjektiv empfundenen Muskelkater lindere und den Stoffwechsel anrege.

Als Pionier ist er ein gefragter Mann. Er hält Vorträge für Faszienrollenhersteller, wirbt als Fürsprecher für einzelne Produkte und Trainingsbücher. Führende Anbieter wie Blackroll und Artzt sponsern seine Forschung. Auch Schleips Frau verdient am Trend. Ihre Augsburger Firma bildet für viel Geld zertifizierte Faszientrainer aus. Schleip selbst berät die "Fascial Fitness Association" offiziell. Alles kein Problem seiner Meinung nach: "Wir unterstützen nur Produkte, die wir auch ohne Bezahlung empfehlen würden", sagt der Humanbiologe. Die Forschung sei immer unabhängig und ergebnisoffen, ihre Finanzierung transparent.

Doch es gibt Kritik am Faszienhype: "Man wird fast von dem Gefühl beschlichen, dass der Begriff der Faszie mythisch überhöht wird", sagt Professor Ralph Witzgall vom Lehrstuhl für Molekulare und Zelluläre Anatomie der Universität Regensburg. Wer unter dem Begriff Faszien künftig alle möglichen, histologisch aber sehr verschiedenen Bindegewebsstrukturen zusammenfasse, wisse am Ende nicht mehr, worüber er redet. Wenn Faszien ein Netzwerk seien, das den gesamten Körper als Kontinuum lückenlos durchzieht, dann müssten irrsinnigerweise auch Knochen dazu zählen, denn "Faszien setzen sich in Sehnen und Sehnen setzen sich in Knochen fort", so Witzgall. Es sei zwar denkbar, dass eine Rollenmassage Versteifungen auflöst und Muskeln samt Faszien dadurch dehnbarer würden. Belastbare Studien seien ihm allerdings nicht bekannt. Er gehe von einem ordentlichen Placeboeffekt aus.

Auch Sportwissenschaftler sind skeptisch: "Ein spezielles Faszientraining ist für gesunde Menschen meist nicht notwendig, außer wenn sie ein Defizit haben", meint Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Kraft- und Beweglichkeitstraining stärke immer auch das Bindegewebe. Dr. Andreas Lison, Leiter des Zentrums für Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf, warnt gar, es mit den Rollen zu übertreiben: "Wer in Eigenregie zu häufig und stark massiert, könnte sogar Bindegewebe und Muskelfasern zerstören."

"Was heute als Faszientraining beworben wird, ist alter Wein in neuen Schläuchen", ergänzt Christel Flügge vom Deutschen Verband für Physiotherapie. Therapeuten massierten Faszien bereits seit Jahrzehnten mit den Händen. Die Rollen hätten prinzipiell denselben Effekt gegen Verspannungen und Verklebungen, ergänzten bei wirklichen Beschwerden aber nur Bewegung, Stretching sowie Physiotherapie und seien eben nicht neu: "Schon vor 40 Jahren haben wir das Bindegewebe mit Nudelhölzern gedehnt."

Ist der Wirbel um die Walzen eine Luftnummer oder sind sie für bestimmte Anwendungen hilfreich? Im ÖKO-TEST: 16 Massagerollen unterschiedlicher Anbieter. Wir haben sie zum Schadstoffcheck ins Labor geschickt und nach aussagekräftigen klinischen Studien gesucht, die ihren Nutzen belegen.

Das Testergebnis

Vermasselt. Dem Hype zum Trotz: Die wissenschaftlichen Beweise für einen Nutzen der Faszienrollen sind dürftig. So schneidet kein Produkt besser als mit "ausreichend" ab. Sieben Walzen beurteilen wir wegen problematischer Inhaltsstoffe und fehlender Trainingshinweise mit "mangelhaft".

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben Massagerollen von 16 Anbietern gekauft. Darunter Modelle großer Sportmarken, No-Name-Produkte sowie Lizenzkopien des Marktführers Blackroll. Die teuerste Faszienrolle kostete 69,90 Euro, für die preiswerteste zahlten unsere Einkäufer 16,19 Euro. Wichtig war uns, die gesamte Bandbreite der verfügbaren Formen und Belastbarkeitsgrade zu berücksichtigen. Der Test deckt daher sowohl verschieden weiche Rollen als auch unterschiedlich texturierte Massageoberflächen ab.

Die Inhaltsstoffe
Alle getesteten Faszienroller sind aus diversen Kunststoffarten gefertigt, überwiegend Schaumstoff. Um herauszufinden, was drinsteckt, durchliefen die Rollen zum einen ein umfangreiches Schadstoffscreening. Zum anderen fahndeten die von uns beauftragten Labore gezielt nach giftigen Schwermetallen, umstrittenen halogenorganischen Verbindungen, PVC/PVDC/chlorierten Verbindungen sowie krebserregenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen. Natürlich prüften die Labore verdächtige Rollen auch auf Formamid: ein Stoff, der möglicherweise das Erbgut schädigt. Er kann sich beim Aufschäumen aus Treibmitteln bilden.

Die Funktionalität
Die Massage des Faszienbindegewebes mit Schaumstoffrollen soll wahre Wunder bewirken: mehr Beweglichkeit, weniger Schmerzen, schnellere Regeneration, mehr Elastizität und Leistung der Muskeln. Unklar ist allerdings, wie haltbar die angepriesenen Effekte sind. Bewirkt das Kneten des Fasziengewebes überhaupt etwas? Lassen sich "Verklebungen der Faszien lösen", "Beweglichkeit verbessern" oder "Haltungsschäden entgegenwirken"? Erzielen moderate Sport- und Dehnungsübungen oder auch eine klassische Massage vergleichbare Effekte? Wir baten die Hersteller um die Zusendung produktspezifischer Studien, mit denen sie die Wirksamkeit ihrer Massagerollen für die beworbenen Anwendungsgebiete belegen. Zusätzlich haben wir auch selbst in Fachdatenbanken nach solchen Studien gesucht und befragten Experten, ob sie die Werbeaussagen für wissenschaftlich belegt halten.

Die Bewertung
Im Vordergrund stand für uns die Frage, ob es für die Faszienrolle überhaupt einen wissenschaftlich gut belegbaren Nutzen gibt. Positive Praxiserfahrungen von Sportlern und Therapeuten sind nach unseren strengen Kriterien zu wenig. Die Trainingsgeräte sollten aber natürlich auch frei von Schadstoffen sein. Daher geht das Testergebnis Funktionalität zu 70 Prozent in das Gesamturteil ein, das der Inhaltsstoffe zu 30 Prozent. Auch eine Rolle ohne Schadstoffbelastung kann das Fehlen belastbarer Wirksamkeitsbelege nicht ausbügeln.

So haben wir getestet

Giftiges Quecksilber fand das von uns beauftragte Labor im Produktlabel einer Faszienmassagerolle.