Fieber- und Schmerzmittel im Test: Viele können überzeugen

Jahrbuch für 2017 | Autor: Jürgen Steinert | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 20.10.2016

Wir haben Fieber- und Schmerzmittel untersucht.
Foto: Kmpzzz/Shutterstock

Ob Kopf- oder Zahn-, Regel- oder Gelenkschmerzen: Viele Schmerzen lassen sich mit rezeptfreien Schmerzmitteln auch ohne Arztbesuch gut behandeln. Deren Wirksamkeit ist belegt, bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind sie sicher - auch die koffeinhaltigen Kombinationspräparate.

Schmerzmittel enthalten zum einen die nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS), Naproxen und Diclofenac. Diese wirken nicht nur schmerzlindernd, sondern auch fiebersenkend und entzündungshemmend. Häufig verwendet wird auch Paracetamol, das aber im Gegensatz zu den NSAR in therapeutischen Dosen nicht entzündungshemmend wirkt.

Im ÖKO-TEST: 73 rezeptfreie Arzneimittel gegen leichte bis mäßig starke Schmerzen und/oder Fieber, darunter Monopräparate mit den Wirkstoffen Acetylsalicylsäure (ASS), Diclofenac, Paracetamol, Naproxen und Ibuprofen sowie Kombinationspräparate mit Koffein und/oder Ascorbinsäure.

Das Testergebnis

  • Wirksam gegen Schmerzen und Fieber sind sie alle und die Gebrauchsinformationen enthalten die wichtigen Hinweise zu Risiken und Nebenwirkungen, zur Dosierung sowie zur Anwendung bei Kindern und Schwangeren. Das Gros aller getesteten Produkte schneidet mit "sehr gut" und "gut" ab. Nur zwei Mischpräparate bewerten wir weiterhin mit "ungenügend". 

  • Acetylsalicylsäure (ASS) hat sich in der Behandlung von Fieber und Schmerzen bewährt. Da sich die Magenverträglichkeit verbessert, wenn ASS in viel Wasser aufgelöst wird, werten wir alle Darreichungsformen ab, bei denen dies nicht gegeben ist (Tabletten, Kautabletten, Granulat) - auch wenn im Beipackzettel auf die Notwendigkeit von reichlich Flüssigkeit hingewiesen wird. Zur Behandlung von Fieber bei Kindern ist ASS tabu, weil es in sehr seltenen Fällen zum Reye-Syndrom führen kann, einer lebensbedrohlichen Schädigung des Gehirns.

  • Paracetamol gilt als wirksam und gut verträglich. Es weist eine geringe therapeutische Breite auf, das heißt, die wirksame und die schädliche Dosis liegen nicht weit auseinander. Eine Überdosierung kann zu schweren Leberschäden führen. Insbesondere bei Kindern ist auf eine alters- und gewichtsbezogene Dosierung zu achten.

  • Ibuprofen ist heute der am häufigsten verlangte Schmerzwirkstoff. In der niedrigen, rezeptfrei erhältlichen Dosierung wirkt Ibuprofen vor allem schmerzlindernd und eignet sich daher zur Behandlung leichter bis mäßig starker Schmerzen. Rezeptpflichtiges Ibuprofen ist höher dosiert und wirkt dann eher entzündungshemmend und antirheumatisch. Aufgrund des gleichen Wirkmechanismus ähneln die Nebenwirkungen denen von ASS. In der modernen - und teureren - Variante als Salz der Aminosäure Lysin soll Ibuprofen schneller wirken. Ein Wirksamkeitsvorteil ist aber nicht belegt.

  • Die Wirkung des Naproxens setzt vergleichsweise langsam ein. Aus diesem Grund wird Naproxen klassischerweise eher bei Gelenkbeschwerden eingesetzt.

  • Diclofenac darf bei Fieber nicht länger als drei, bei leichten bis mäßig starken Schmerzen nicht länger als vier Tage angewendet werden. Der halogenorganische Wirkstoff hat sich mittlerweile als Umweltproblem entpuppt. Wir werten den Stoff um zwei Noten ab.

  • Kombinationspräparate mit Koffein sind aufgrund der Datenlage 2015 eine gute Alternative zu den Monopräparaten - immer vorausgesetzt, sie werden bestimmungsgemäß gebraucht.
  • Kombinationspräparate sollten Schwangere nicht oder nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Auch Kinder unter 12 bzw. 14 Jahren dürfen die Mittel nicht einnehmen. Um vor allem Überdosierungen von Paracetamol zu verhindern, sollten keine anderen Paracetamol-haltigen Arzneimittel wie Grippemittel eingenommen werden.

  • Vitamin C (Ascorbinsäure) verbessert weder die Wirksamkeit noch die Verträglichkeit. Daher betrachten wir den Zusatz als unnötig und werten ihn um eine Note ab.

Diesen Test haben wir zuletzt im ÖKO-TEST Magazin 12/2015 veröffentlicht. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das Jahrbuch für 2017 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Der Einkauf: Rezeptfreie Fieber- und Schmerzmittel sind apothekenpflichtig. Wir haben alle Produkte - sowohl Mono- als auch Kombinationspräparate - in der kleinstmöglichen Packungsgröße in der Apotheke eingekauft. Berücksichtigt wurden die gängigen Wirkstoffe Ibuprofen, Paracetamol, ASS und Naproxen. Erstmalig ist auch Diclofenac dabei, das wie Naproxen klassischerweise zwar eher bei Gelenkbeschwerden eingesetzt wird, sich aber auch zur Behandlung von Kopfschmerzen eignet.

Die Begutachtung: Unseren wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt, wissenschaftlicher Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker in Eschborn, haben wir mit der Begutachtung der Präparate beauftragt. Dabei ging es nicht nur um deren Wirksamkeit, sondern auch um Risiken und Nebenwirkungen. Außerdem haben wir ihn gefragt, ob der Zusatz von Vitamin C zu einem Schmerzmittel dem Anwender Vorteile bringt und inwiefern das Lysinsalz des Ibuprofens dem einfachen Ibuprofen überlegen ist.

Die Hilfsstoffe: Um die Wirkstoffe eines Arzneimittels in eine anwendergerechte Form zu bringen, bedarf es verschiedener Hilfsstoffe. Ob sich darunter umstrittene oder bedenkliche Substanzen wie Farb-, Konservierungsstoffe und Paraffine befinden, haben wir anhand der Deklaration in den Beipackzetteln überprüft.

Die Bewertung: Das A & O eines Arzneimittels ist, dass Wirksamkeit und Sicherheit gegeben sind und der Anwender im Beipackzettel alle notwendigen Informationen zu Risiken, Nebenwirkungen, Dosierung und Anwendungsdauer erhält. Dies schlägt sich im Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel nieder. Ein "sehr gutes" Ergebnis hier sollte unserer Meinung nach jedoch nicht durch die unnötige Verwendung problematischer Hilfsstoffe getrübt werden.

Bewertungslegende

Unter dem Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel führt zur Abwertung um vier Noten: die koffeinfreie Wirkstoffkombination ASS plus Paracetamol. Zur Abwertung um zwei Noten führt: Diclofenac. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) der Wirkstoff ASS als Tablette, Kautablette oder Granulat, die/das ohne Wasser eingenommen werden kann; b) die Kombination eines Schmerzwirkstoffs mit Ascorbinsäure (Vitamin C). Unter dem Testergebnis Hilfsstoffe führt zur Abwertung um zwei Noten: der halogenorganische Farbstoff Erythrosin (E 127). Zur Abwertung um eine Note führen: die Farbstoffe Chinolingelb (E 104) und/oder Gelborange S (E 110) und/oder Ponceau 4R (E 124). Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel und dem Testergebnis Hilfsstoffe. Es kann nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" ist, verschlechtert das Testergebnis Hilfsstoffe um eine Note.

Testmethoden

Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel: Begutachtung der Studien zur Wirksamkeit und Beurteilung der Beipackzettel durch Gutachter.

PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen: Deklaration und/oder Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: August 2015

Diesen Test haben wir zuletzt im ÖKO-TEST Magazin 12/2015 veröffentlicht. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das Jahrbuch für 2017 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

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