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ÖKO-TEST August 2016
vom

Pyrrolizidinalkaloide in Rooibostee

Unkraut vergeht nicht

Rooibostee ist lecker und gesund? Nicht unbedingt. Denn der Tee kann erheblich mit giftigen Pflanzenstoffen belastet sein, wie unser Test zeigt. Entwarnung können wir nur für drei Bio-Produkte geben sowie - mit Abstrichen - für drei weitere Bio-Tees.

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28.07.2016 | Rooibostee schmeckt angenehm mild, gilt als gesund und bekömmlich. Seine rotbraune Farbe erinnert an Schwarztee. Anders als dieser enthält er aber kein Koffein. Das macht ihn zu einem idealen Getränk, etwa am Abend oder für Familien mit kleinen Kindern. Für Abwechslung ist ebenfalls gesorgt: Rooibostee kann man pur oder aromatisiert trinken.

Jede Menge Genuss und Wohlbefinden also. Was überhaupt nicht dazu passen will, sind Meldungen von giftigen Pflanzenstoffen im Tee. Die Rede ist von Pyrrolizidinalkaloiden. PA - so die Abkürzung - sind eigentlich etwas ganz Natürliches. Viele Pflanzen bilden diese Stoffe zum Schutz vor Fraßfeinden. Die Krux: Bestimmte PA gelten als leberschädigend und krebserregend - und dies bereits in sehr kleinen Mengen.

Mittlerweile ist bekannt, dass die Stoffe nicht aus den Teepflanzen selbst stammen, sondern durch mitgeerntete PA-haltige Unkräuter eingetragen werden. Sind sie einmal ins Erntegut gelangt, lassen sie sich daraus nicht mehr entfernen. Ein Eintrag lässt sich nur verhindern, indem die unerwünschten Pflanzen von Anfang an beseitigt werden. Dafür sind Schulungen der Arbeiter in der Regel unerlässlich.

Rooibostee wird dank der besonderen Ansprüche an das Klima und die Böden ausschließlich in der Westkap-Region Südafrikas angebaut. Die dortige Flora gehört zu den vielfältigsten der Welt. Insofern war es nicht einfach, die Pflanzen, die für den PA-Eintrag in Rooibostee verantwortlich sind, ausfindig zu machen. Einen entscheidenden Beitrag lieferten im Herbst 2014 die Botaniker Ben-Erik van Wyk und Helen Long von der Universität Johannesburg. Sie fanden ein Greiskraut - botanisch Senecio angustifolia -, das wie der Rooibosstrauch gelb blüht und ähnliche nadelförmige Blätter hat. Weil es der Teepflanze so ähnlich sieht, wird es offenbar leicht übersehen. So entdeckten die Wissenschaftler selbst auf Plantagen, die bereits von Unkraut befreit worden waren, noch größere Bestände. Das Greiskraut ist nicht die einzige PA-liefernde Pflanze im Rooibosanbau, aber die wichtigste, so das Fazit der Studie.

Dass Rooibostee bei Untersuchungen der Teewirtschaft und Überwachungsbehörden auffällig war, überrascht vor diesem Hintergrund nicht mehr. Nach Aussage der Wirtschaftsvereinigung Kräuter- und Früchtetee (WKF) habe das Thema seit Bekanntwerden des Vorkommens von PA in Tees und Kräutertees im Jahr 2013 höchste Priorität. Gemeinsam mit den Anbauern in Südafrika habe man in den vergangenen Jahren umfangreiche Maßnahmen zur Senkung der PA-Gehalte in Rooibostee entwickelt und umgesetzt, heißt es weiter. Dadurch seien die Gehalte schon gesunken. Konkrete Zahlen wollte die WKF aber nicht nennen. Die neue Ernte 2016 bleibe im Durchschnitt aber deutlich unter dem Eingriffswert.

Diesen sogenannten Eingriffswert gibt es seit Oktober 2015. Er ist Teil eines Minimierungskonzepts, das die Länder im Rahmen einer einheitlichen Vorgehensweise abgestimmt haben. Die Untersuchungsergebnisse hatten gezeigt, dass speziell Rooibostee auf der Kippe steht, würde man die aktuelle Risikoeinschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zugrunde legen. Diese zielt insbesondere auf eine weitestgehende Reduzierung von Krebsrisiken ab. "Bestimmte PA haben im Tierversuch krebserregende und erbgutschädigende Wirkungen gezeigt. Daher kann eine sichere untere Wirkschwelle nicht festgelegt werden", sagt Bernd Schäfer, Lebensmitteltoxikologe am BfR. "In der EU gilt die Empfehlung, die Exposition gegenüber genotoxisch und kanzerogen wirkenden Substanzen so weit zu minimieren, wie dies vernünftig erreichbar ist, da selbst geringe Aufnahmemengen, insbesondere bei regelmäßigem Verzehr, mit einer Erhöhung gesundheitlicher Risiken verbunden sein können."

Basierend darauf hat das BfR einen sehr niedrigen Zielwert abgeleitet. Abgesehen davon kann die langfristige Aufnahme von PA auch zu Veränderungen der Leber führen. Das zeigten Tierstudien mit höheren Dosen. Auf dieser Grundlage hat das BfR einen weiteren Wert berechnet, und zwar den sogenannten Gesundheitsbasierten Richtwert. Er ist rund 14-mal so hoch wie der Zielwert.

Im Rahmen des Risikomanagements einigten sich die Länder auf den Gesundheitsbasierten Richtwert zur Beurteilung. Produkte mit überhöhten Gehalten sollen demnach vom Markt genommen werden. "Solche Produkte sind als nicht sicher zu beurteilen", sagt Birgit Bienzle vom Verbraucherschutzministerium Baden-Württemberg. Allerdings könnten wie bei Schimmelpilzgiften Maßnahmen für eine Charge nur dann ergriffen werden, wenn die untersuchte Probe repräsentativ war. Das bedeutet in der Regel die Untersuchung größerer Mengen.

"Für das Minimierungskonzept haben wir Eingriffswerte auf der Grundlage von Gehalten aus der Wirtschaft festgelegt", so Bienzle weiter. "Die Höhe orientiert sich dabei an den am höchsten belasteten Proben des aktuellen Erntejahres, wir sprechen von der 95. Perzentile." Das Ziel: die Spitzen kappen und die weitere Absenkung kontinuierlich voranbringen.

Wir wollten wissen, ob man Rooibostee eigentlich noch trinken kann, und haben 22 Produkte ins Labor geschickt.

Das Testergebnis

Das Unbehagen bleibt. Gut zwei Drittel der Produkte schießen deutlich über den Zielwert des BfR hinaus. Fünf Tees schöpfen diesen sogar um weit mehr als 1.000 Prozent aus. Einziger Lichtblick sind drei Bio-Tees, die lediglich Spuren von PA aufweisen. Sie zeigen aber, dass geringere Belastungen möglich sind.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Rooibostee wird zwar nicht so häufig getrunken wie andere Kräutertees, gehört aber dennoch in vielen Super- und Verbrauchermärkten, Bio-Läden, Teegeschäften, Reformhäusern und Discountern zum Standardsortiment. Unsere Einkäufer fanden insgesamt 22 Produkte. Keine Eigenmarken bekamen sie bei Aldi Nord, Rewe, Penny und Kaufland. Auf dem Einkaufszettel stand Rooibostee natur oder - falls dieser nicht erhältlich war - Rooibostee Vanille.

Der Inhaltsstoff
Dass Tee im Allgemeinen mit Pyrrolizidinalkaloiden (PA) verunreinigt sein kann, ist seit 2013 bekannt. Rooibostee ist erst kürzlich in den Fokus gerückt, nachdem immer wieder hohe Belastungen festgestellt worden waren. Wir ließen die Produkte in einem spezialisierten und erfahrenen Labor nach aktueller Methode auf 28 PA-Verbindungen untersuchen.

Die Bewertung
Die gemessenen Gehalte variieren stark - von wenigen Mikrogamm pro Kilogramm Tee bis knapp zwei Milligramm. Wir orientieren uns an dem strengen Zielwert des Bundesinstituts für Risikobewertung. Der Eingriffswert, der kürzlich im Rahmen eines Minimierungskonzepts festgelegt wurde, greift hingegen zu kurz. Er kann bestenfalls Spitzenbelastungen abfangen. Daraus folgt: Um gesundheitliche Risiken durch PA vorsorglich zu reduzieren, muss der Wert so schnell wie möglich weiter sinken. Weil nur ein Parameter getestet wurde, haben wir kein Gesamturteil vergeben.

So haben wir getestet

Sehen sich sehr ähnlich: der Rooibosstrauch ......

So haben wir getestet

... und das PA-haltige Greiskraut.