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ÖKO-TEST Dezember 2014
vom

Funktionswäsche für den Winter

Wolle mer se reinlasse?

Gegen Frieren und Schwitzen setzen einige Anbieter von Funktionswäsche auf Naturfasern, andere auf Kunststofffasern. Beim Kampf gegen Schweißgeruch hingegen ist sich die Mehrheit einig: Da muss ein Biozid ran. Im Material- und Schadstofftest präsentierten sich viele Unterhosen und -hemden von bekannten Herstellern mit nur mäßigem Erfolg.

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28.11.2014 | Dezember, 8.30 Uhr. Der Sessellift fährt 15 lange Minuten bis zur Bergstation. Es schneit. Und der Wind bläst scharf. Wie schön, dass die Funktionsunterwäsche so gut die Körperwärme isoliert. 12.30 Uhr: Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. Und der Puls hämmert mit mehr als 130 Schlägen pro Minute beim Aufstieg hin zum unberührten Tiefschneehang. Wie praktisch, dass die Funktionswäsche so atmungsaktiv ist und den Schweiß von der Haut wegschafft.

Aber wie geht das beides zusammen? Dicht und wärmend, doch gleichzeitig durchlässig zu sein? Daran arbeiten die Hersteller von Funktionswäsche für den Winter, die in Snowboard freien Zeiten noch Skiunterwäsche hieß. Die einen Hersteller setzen auf die Natur, vor allem auf Merinowolle. Die anderen vertrauen der Chemie, Kunstfasern aus Polyester, Polypropylen oder Polyamid.

Damit die körpereigene Wärme nicht durch die Textilien entschwindet, müssen diese die Wärme isolieren, also dem sogenannten trockenen Wärmefluss weg vom Körper Widerstand leisten. Entscheidend für die Isolierungswirkung der Unterwäsche ist die Dicke des Materials. Einige Anbieter informieren die Käufer auf den Verpackungen über die Stärke der Wäsche in Gramm pro Quadratmeter. Andere geben das Gewicht in Begriffen wie Light-, Middle- oder Heavyweight an. Es gibt Produzenten, die zusätzlich eine zweite Stofflage an exponierten Körperstellen einsetzen, um dort dem Wärmefluss noch mehr Widerstand zu leisten.

Zusätzlich zur Dicke des Textils können aber auch Lufteinschlüsse in der Textilkonstruktion für die isolierende Funktion des Materials verantwortlich sein. Angerautes Material oder feine, abstehende Fäserchen dienen als "Abstandhalter" zur Haut. Dadurch bilden sich in mikrofeinen Zwischenräumen Lufteinschlüsse zwischen Haut und Stoff, welche die Wärme des Körpers festhalten. Merinowolle ist zum Beispiel stark gekräuselt und bildet auf diese Weise Lufteinschlüsse. Doch auch Kunstfasern lassen sich entsprechend texturieren. So weit, so warm.

Doch wie funktioniert das mit der Atmungsaktivität? Sind wärmeisolierende und Feuchtigkeit transportierende Eigenschaften kein Widerspruch? Jein. Zwar kann man bei doppellagigen Einsätzen sicher sein, dass dort die Wärmeisolation höher ist als an einlagigen Stellen. An jenen Stellen wird aber auch meistens die Atmungsaktivität niedriger sein, allein schon wegen der Dicke des Stoffes, da dann der Weg, den der Wasserdampf durch die Textilschicht zurücklegt, länger ist. Aber das ist dann kein Problem, wenn die doppellagigen Stellen sich dort befinden, wo weniger stark geschwitzt wird. Andersherum können Hersteller an den Stellen, wo mit vermehrtem Schwitzen gerechnet wird, etwa unter den Achseln, weitmaschigere Stoffe oder Mesheinsätzen mit Netzstruktur verwenden und so für stärkere Atmungsaktivität sorgen.

Entscheidend für die Atmungsaktivität ist aber nicht nur die Maschenweite, sondern auch die Faser selbst. Polyester, Polyamid und Polypropylen transportieren Feuchtigkeit gut und nehmen selbst kaum Feuchtigkeit auf. Merinowolle nimmt die Feuchtigkeit dagegen im Inneren der Wollfaser auf und speichert sie. Sie trocknet langsamer als synthetische Fasern, fühlt sich aber auch normal verschwitzt nicht nass an oder klebt auf der Haut wie Baumwolle. Entscheidend: Atmungsaktive Funktionsunterwäsche bringt nichts, wenn sie nicht Teil eines atmungsaktiven Bekleidungssystem aus verschiedenen Schichten ist.

Und das perfekte System startet mit der ersten Lage, der Funktions(unter)wäsche. Und um die hat sich ÖKO-TEST gekümmert. Wir kauften 14 langärmlige Oberteile und lange Unterhosen als Set oder einzeln und schickten sie in die Labore. Und die haben die Textilien auf Schadstoffe und Materialeigenschaften untersucht.

Das Testergebnis

Erste Lage nur zweitklassig. Die untersuchten Funktionsunterwäschen für den Winter überzeugten im Großen und Ganzen nicht. Die "erste Lage", die der Wintersportler auf der nackten Haut trägt, enthält in den meisten Fällen zu viele Schadstoffe. Und kaum ein Produkt meisterte den Test Materialeigenschaften, bei dem Labore die Wärmeisolation und die Atmungsaktivität der Stoffe bestimmten, ohne Abzüge. Für ein "gut" reichte es am Ende nur für zwei Unterhemd/Unterhosen-Kombinationen.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben vierzehn Funktionswäschen für den Winter - bestehend aus einem langärmligen Oberteil und einer langen Unterhose - eingekauft. Vier Produkte waren als Wäscheset zu kaufen. Die Produkte der übrigen zehn Anbieter im Test waren nur einzeln als Oberteile und Unterhosen im Angebot. Die Oberteile und Unterhosen des jeweiligen Anbieters tragen jedoch denselben Produktnamen, weisen dasselbe Design auf, gleichen sich in Materialzusammensetzung und Verpackungsgestaltung. Mit dabei sind sehr hochwertige Funktionswäschen sowie günstigere Produkte. Wir wählten Wäsche aus Merinowolle, aber auch solche aus Kunstfasern wie Polyester oder Polyamid aus. Die günstigste Kombination kostet 13,90 Euro, die teuerste 160 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Funktionswäsche trägt man auf der Haut. Deshalb haben die Labore die Oberteile und Unterhosen auf Schadstoffe untersucht, die nichts in Unterwäsche zu suchen haben. Zum Beispiel auf krebserregende Farbstoffbestandteile, halogenorganische Verbindungen, die zum Teil Allergien auslösen können, und reizendes Antimon. Da der inflationäre Einsatz des Biozids Silber in Funktionswäsche im Kampf gegen geruchsbildende Bakterien die Umwelt belasten kann, hat sich ein Labor auch um den Nachweis dieser Ausrüstung gekümmert.

Die Materialeigenschaften
Funktionsunterwäsche für den Winter sollte wärmen, aber auch atmungsaktiv sein, das heißt Feuchtigkeit (Wasserdampf) von der Haut durch den Stoff hindurch lassen, damit sich kein Schweißfilm auf der Haut bildet. Beides haben wir testen lassen: die Atmungsaktivität sowie die Wärmeisolation der Funktionswäsche für den Winter.

Die Bewertung
Auch wenn Skilanglauf, Alpinski, Snowboarden im Fun Park oder ein gemütlicher Spaziergang durch die Winterlandschaft unterschiedliche Grade der Wärmeisolation des getragenen Funktionswäschesets verlangen: Funktionswäsche für den Winter sollte zumindest dem Wärmeisolationsgrad entsprechen, der ganz allgemein Thermalwäsche auszeichnet. Liegt er darunter, werten wir ab. Genauso wie bei einer unzureichenden Atmungsaktivität. Da uns beide Materialeigenschaften gleich wichtig sind, beeinflussen deren Prüfungen das Testergebnis Materialeigenschaften zu gleichen Teilen. Für die Gewichtung des Testergebnisses Inhaltsstoffe und des Testergebnisses Materialeigenschaften gilt: Hier bestimmt die schlechteste Einzelnote das Gesamturteil.

So haben wir getestet

Eine Lage Fleece (grau) sorgt für hohe Wärmeisolation am Hosenboden.