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Vitaminpräparate

Bestenfalls nutzlos

Mit einer Pille rundum gut versorgt: Das versuchen uns Hersteller von Multivitaminpräparaten seit Jahrzehnten schmackhaft zu machen. Dabei ist nicht nur deren Nutzen fraglich. Vielmehr häufen sich Hinweise, dass sie sogar schaden können.

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09.10.2015 | Wer rundum sorglos sein will, soll - so die Hersteller von Vitaminpillen - gleich zum A-bis-Z-Präparat greifen.

Doch in jüngster Zeit mehren sich die Hinweise, dass die Vitaminpillen anscheinend sogar schaden können. Unter dem Titel "Weniger ist mehr - Nahrungsergänzungsmittel und die Sterblichkeitsrate bei älteren Frauen" hatten Wissenschaftler im Fachmagazin Archives of Internal Medicine die Daten von 38.772 Frauen ausgewertet. Diese waren zu Studienbeginn im Jahr 1986 durchschnittlich knapp 62 Jahre alt. Bis Ende 2008 waren 40 Prozent von ihnen gestorben. Dazwischen wurden sie dreimal zur Einnahme von Nahrungsergänzungen befragt. Das Ergebnis erschreckt zunächst. Viele Supplemente erhöhten die Sterblichkeitsrate: Multivitamine um 2,4 Prozent, Zink um 3 Prozent, Eisen um 3,9 Prozent, Vitamin B6 um 4,1 Prozent, Folsäure um 5,9 und Kupfer sogar um 18 Prozent.

Die Vitaminbefürworter entrüsteten sich. Die Aussagen seien "unseriös und wissenschaftlich so nicht haltbar", stellte prompt die Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung (Give) fest. Entscheidende Standards seien nicht eingehalten, auf eine umfassende und exakte Erfassung des Ernährungsstatus verzichtet sowie die Dosis und Formulierung der Wirkstoffe nicht angegeben worden. In der Tat lassen sich mit derartigen Studien keine ursächlichen Zusammenhänge nachweisen. Schwächen ihrer Studie nennen die Autoren selbst beim Namen. Sie räumen etwa ein, dass sie Vorteile wie eine verbesserte Lebensqualität durch die Supplemente nicht ausschließen können.

Einen "weiteren Sargnagel für die Vitamin-E-Supplementation" machte das Ärzteblatt MMW - Fortschritte der Medizin aus. In einer Studie hatte das fettlösliche Vitamin E das Risiko für Prostatakrebs bei gesunden Männern erhöht. Die Einnahme einer Kombination von Vitamin E plus Selen oder von Selen allein erhöhte das Risiko zwar nicht, verringerte es aber auch nicht. Allerdings wurden in der Studie sehr hohe Dosierungen gewählt: 400 Internationale Einheiten Vitamin E, das entspricht knapp 270 Milligramm (mg) sowie 200 Mikrogramm (µg) Selen. Hierzulande erhältliche Nahrungsergänzungsmittel enthalten meist um die 12 mg Vitamin E und um die 25 µg Selen.

Ende 2011 verkündete die Ärzte-Zeitung dann noch: "Vitaminpillen fördern Schlaganfall." Sie bezog sich auf australische Forscher, die unter anderem der Frage nachgegangen waren, ob sich mit den Vitaminen A, C und E Schlaganfällen vorbeugen lässt. Als Antioxidantien sollen sie schließlich freie Radikale und reaktive Sauerstoffverbindungen in den Gefäßen abfangen und so die Arterienverkalkung bremsen. Doch Pustekuchen: Bestenfalls wirkte sich die Einnahme überhaupt nicht auf die Schlaganfallrate aus, während in einigen kontrollierten Studien Vitamin A sogar die Sterberate erhöhte.

In der Schwangerschaft jedoch steigt der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen: Zwar kann man durch eine bewusste Ernährung den Anteil der Vitamine deutlich erhöhen. Bei Folsäure ist das aber kaum zu schaffen. Frauen nehmen nur etwa zwei Drittel der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Menge von 400 Mikrogramm (µg) Nahrungsfolat auf. Der Bedarf daran steigt mit der Schwangerschaft auf 600 µg. Zusätzlich empfiehlt die DGE: Frauen, die schwanger werden wollen, sollten 400 µg Folsäure pro Tag zusätzlich aufnehmen. Das Netzwerk Junge Familie befürwortet zudem eine ergänzende Jodzufuhr (100 bis 150 µg täglich).

Da die Einnahme von Vitaminpräparaten nicht immer ohne Risiko ist, überprüft ÖKO-TEST grundsätzlich, ob ein Nutzen für die Anwender durch Studien wissenschaftlich belegt ist. Für den aktuellen Test haben wir 47 Multivitaminpräparate mit und ohne Mineralstoffe eingekauft, von denen zehn speziell für Menschen über 50 Jahre ("50+") und fünf für Kinder angeboten werden. Alle sind als Nahrungsergänzungsmittel im Verkehr. Zudem haben wir zehn Vitaminpräparate für Schwangere in der Apotheke eingekauft sowie ein Nahrungsergänzungsmittel von Dm.

Das Testergebnis für Multivitaminpräparate und Multivitaminpräparate 50+

Kein Produkt ist eine Empfehlung wert. Die wenigsten erreichen mit Ach und Krach ein "befriedigend". Zu hohe Dosierungen, fragwürdige Auslobungen und mangelnder Nutzen sorgen für die vielen "mangelhaften" und "ungenügenden" Gesamturteile.

Das Testergebnis für Vitaminpräparate für Schwangere

Kein Präparat können wir empfehlen. Alles, was über Folsäure und Jod hinausgeht, ist mit einer angemessenen Ernährung zu decken. Außerdem sind Vitamine und Mineralstoffe in vielen getesteten Produkten überdosiert.

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Eingekauft haben wir Präparate, die nur Vitamine enthalten und sogenannte A-Z-Produkte, die außer Vitaminen auch Mineralstoffe und Spurenelemente liefern. Berücksichtigt wurden Produkte speziell für Kinder, für Senioren und für alle, die sich dazwischen befinden. Fündig wurden wir in Drogerien und Apotheken, im Reformhaus, beim Discounter, im Supermarkt und im Versandhandel. Als traditionelle Arzneimittel oder ergänzend bilanzierte Diäten vertriebene Produkte haben wir außer Acht gelassen.

Die Inhaltsstoffe
Was steckt eigentlich in so einer Pille oder Kapsel drin? Dieser Frage sind wir nachgegangen und haben uns die Vitaminmengen angeschaut, die man nach den Empfehlungen der Hersteller täglich zu sich nimmt. Werden die Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für Nahrungsergänzungsmittel eingehalten? Berücksichtigt haben wir dabei auch unterschiedliche Empfehlungen für unterschiedliche Altersgruppen. Beispiel Vitamin A: Hier nennt das BfR als tägliche Höchstmengen 400 µg für Erwachsene und 200 µg für Kinder zwischen vier und zehn Jahren.

Die Auslobungen
Braucht ein gesunder Mensch überhaupt eine solche "Ergänzung zur Nahrung" oder nutzt das Präparat nur dem Geldbeutel der Hersteller? Wir haben uns die Auslobungen auf den Verpackungen angeschaut und überprüft, was davon gesichert und belegt ist. Dabei orientierten wir uns an den wissenschaftlichen Bewertungen von gesundheitsbezogenen Angaben (Health Claims) durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Die Bewertung
Mit "sehr gut" oder "gut" konnte schon deshalb kein Multivitaminpräparat abschneiden, weil ein Nutzen für den gesunden Verbraucher nicht erkennbar und der Bedarf an Vitaminen und Mineralien bequem durch eine abwechslungsreiche Ernährung zu decken ist. Überdosierungen und fragwürde Auslobungen lassen das Gesamturteil dann schnell in den Keller rutschen.

So haben wir getestet

Der "Wohlfühltipp": So nicht, denn das ist viel zu wenig.

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