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12 Raufaser-Tapeten im Test

Ratgeber Bauen 2015
vom 08.05.2015

Tapeten, Raufaser

Ziemlich weiße Weste

Sie erscheint schlicht und ist für jeden Farbton offen: In zwei von drei Haushalten kleben Raufasertapeten an den Wänden. Recht so: Sowohl im Praxistest als auch in der chemischen Analyse zeigten die getesteten Produkte nur kleinere Mängel.

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08.05.2015 | Noch schlicht oder schon öde? Die Raufaser hat Fans und Feinde. Und Letztere sprechen ihr sogar den Tapeten­status ab: Für den Verband der Deutschen Tapetenindustrie sind nur all solche Wand­bekleidungen Tapeten, deren Trägerschichten aus Papier oder Vlies bestehen und nach dem Anbringen an die Wand nicht nachbehandelt werden müssen. Laut dieser Definition adelt also erst ein Anstrich die Raufaser, macht sie zur Tapete. Davor ist sie eine "überstreichbare Wandbekleidung" - nur "halbfertig", wie die Tapetenindustrie formuliert.

Diese Kritik kontert Ulrich Türk, Leiter Marketing des Unternehmens Erfurt & Sohn, locker: "Raufasertapeten sind Tapeten, auch wenn Ihnen vom Verband (... der Deutschen Tapetenindustrie, Anm. d. Red.) etwas anderes mitgeteilt wurde." Türk arbeitet laut Türk für das "marktführende Unternehmen im Bereich der überstreich­baren Wandbeläge".

Und während sich der Verband der Tapetenindustrie zum 125-jährigen Bestehen in einer Presseerklärung vom September 2014 angesichts von 28 Millionen in Deutschland und von 61 Millionen ins Ausland verkauften Tapetenrollen feierte, nennt Ulrich Türk auch mal eine Hausnummer: "Aus ­einer repräsentativen Marktbefragung von privaten Endverbrauchern der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 2013 im Auftrag von Erfurt & Sohn wurde auf die Frage "Welche Arten von Wandbelägen sind in Ihrem Haushalt vorhanden?" wie folgt geantwortet: Raufasertapete: 65 Prozent, Papiertapete: 38 Prozent, Putz: 31 Prozent, Vliestapete: 25 Prozent, Digitalfototapete: 2 sowie kein Wandbelag: 4 Prozent." Zur richtigen Lesweise rät Türk dann noch: "Bitte beachten Sie bei der Interpretation der Antworten, dass auch eine Vliestapete eine Vliesraufasertapete sein kann." Auch solche Produkte gehören zum Portfolio des Raufaserriesen von der Wupper.

Das Heimwerkerportal henkelhaus.de der Düsseldorfer Firma Henkel stellt in seiner "kleinen Tapeten­kunde" die Raufaser als "meistverkaufte Struktur­wandbekleidung" vor. Struktur schaffen die gleichmäßig eingearbeiteten Holzfasern, die je nach Raufaser­sorte in Größe und Form variieren. Die Holzkörner samt Papiermasse aus gereinigtem, zermahlenem Altpapier werden zwischen zwei Papierlagen gebracht und durch Druck von Press­walzen verbunden. Zur Ressourcenschonung tragen Raufasertapeten bei, die mit dem RAL-Umweltzeichen 35, dem Blauen Engel gekennzeichnet sind. Denn diese Produkte müssen seit der jüngsten Überarbeitung der RAL-Kriterien vom Juni 2014 einen Altpapier­anteil von 100 Prozent (davor: 80 Prozent) aufweisen. Das gilt für neue Produkte, die die Hersteller seit dem 1. Januar 2015 in den Verkehr bringen. Außerdem mussten Hersteller Tapeten auch schon nach den alten Labelbedingungen chlorfrei bleichen.

Wir haben zehn Raufasertapeten und zwei Vliesraufasertapeten eingekauft und auf Schadstoffe untersuchen lassen. In einem Praxistest ließen wir die Handhabung der Produkte beim Tapezieren prüfen.

Das Testergebnis

Elf der zwölf Raufasertapeten im Test schnitten mit dem Gesamturteil "gut" ab, sie zeigten kaum Schwächen - sowohl im Test Inhaltsstoffe als auch während der Praxisprüfung. Dort erreichten fünf Produkte die Bestnote. Nur ein Produkt stürzte tief ab.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben zwölf Raufasertapeten - mit dabei auch zwei Vliesraufasertapeten mit Textilanteilen - in den bekannten Baumärkten sowie in Möbel- und Einrichtungshäusern gekauft. Ausgewählt haben wir Eigenmarken der Baumärkte und Möbelhäuser sowie Produkte des europäischen Marktführers für Raufaser, Erfurt & Sohn aus Wuppertal. Es spiegelt das Marktangebot wider, dass wir mehrere Produkte von Erfurt & Sohn für den Test auswählten. Eingekauft haben wir die Rollenmaße 25 mal 0,53 Meter sowie 15 mal 0,53 Meter.

Der Praxistest
Wie sich die einzelnen Tapeten verarbeiten lassen, prüfte ein Berufsschulfachlehrer und Malermeister mit seinem Team. Sie studierten die Verarbeitungsanleitung der Produkte und deren Handhabung beim Tapezieren.
Verarbeitungsanleitung: Welche Kleisterart wird empfohlen? Sind die Weichzeiten angegeben? Was verrät die Anleitung über die entscheidende Vorbereitung des Untergrunds? Helfen Piktogramme und narrensichere Erläuterungen auch "Gelegenheitshandwerkern" zum Ziel? Antworten auf diese Fragen suchte der Praxisprüfer in den Verarbeitungsanleitungen der Tapeten.
Handhabung beim Tapezieren: Der Tapezier-Super-GAU? Wenn die Tapete reißt. Und Blasen zwischen Untergrund und Wandbekleidung will auch niemand. Bahn um Bahn klebten die Praxisprüfer die Tapeten auf den schulmäßig vorbereiteten Untergrund. Dabei prüften sie, ob etwas reißt, sich Blasen bilden. Die Handwerker arbeiteten sowohl mit dem Tapezierwischer als auch mit der Gummirolle, trennten Überstände mit Schere und Tapetenabreißer.

Die Inhaltsstoffe
Wir ließen die Tapeten auf giftige, flüchtige organische Verbindungen untersuchen, die oft in Wandmaterialien enthalten sind, ausdünsten und in die Raumluft gelangen. Zum Prüfprogramm gehörte auch der Nachweis halogenorganischer Verbindungen. Das ist eine Gruppe von Verbindungen, zu der auch krebserregende und allergieauslösende Stoffe gehören.

Die weiteren Mängel
Ein Entsorgungshinweis in der Verarbeitungsanleitung sollte aus Gründen des Umweltschutzes und Verbraucherservices Standard sein. Wo dieser Hinweis fehlt, werten wir ab.

Die Bewertung
Tapeten müssen schadstofffrei sein, da wir uns ständig in ihrer Nähe aufhalten und sie die Qualität der Raumluft, etwa durch flüchtige organische Verbindungen, belasten können. Genauso wichtig wie ein sauberes Produkt ist aber auch eines, dessen Verarbeitungsanleitung keine Fragen offen- und das sich gut verarbeiten lässt. Deshalb kann das Gesamturteil nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis beim Praxistest beziehungsweise dem Test Inhaltsstoffe.

So haben wir getestet

Harter Kern: Raufasertapeten trennt man besser mit dem Tapetenabreißer.