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ÖKO-TEST September 2016
vom

Einkaufstrolleys

Rentnervolvo reloaded

Seit gut einem halben Jahrhundert gibt es Einkaufstrolleys - zunächst fast ausschließlich im Schottenmuster mit wackligem Griff und quietschendem Rad. Doch das Oma-Image ist der "Hackenporsche" los: Immer mehr Junge kaufen umweltbewusst mit den Wagen ein, die es jetzt auch in cool und sogar mit integrierten Lautsprechern gibt. Leider heißt es in Sachen Schadstoffe: Nachbessern!

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25.08.2016 | Ein|kaufs|trol|ley, der (m.); Pl.: die; Substantiv. Gestell auf zwei Rädern, von denen im Durchschnitt eins quietscht, und einem in Schottenmuster karierten taschenähnlichen Behältnis zum Transport von Einkäufen, das von älterer Hand an einem zumeist wackligen Griff bei einer Geschwindigkeit von bis zu zwei Stundenkilometern holpernd gezogen wird. Synonyme: Einkaufsroller, Rentnervolvo (ugs., ostdeutscher Raum), Hackenporsche (ugs.), Kartoffelmercedes (ugs.).

So hätte man bis vor einigen Jahren noch den Einkaufsroller definieren können. Das ist aber längst vorbei. Das Transportmittel hat sein staubiges Image abgelegt; immer mehr junge Leute, gerade in Großstädten, nutzen die praktische Einkaufshilfe. Und es spricht ja auch einiges dafür: kein Schleppen, keine Plastiktüten, keine Abgase, kein Lärm. Das Einkaufen mit dem Trolley ist eine umweltfreundliche Alternative zum Auto und zur Tüte. Das alte Schottenmuster sieht man allerdings kaum noch. Die Hersteller haben sich einiges einfallen lassen, um die junge Zielgruppe zu gewinnen. Stoffe aus angesagter gebrauchter Lkw-Plane sind ein Beispiel dafür, coole Farben und Muster ein weiteres. Die Wagen haben auch technisch aufgerüstet, sie lassen sich jetzt gut ziehen, versprechen Regendichte sowie einfachen Treppentransport und sehen dabei noch gut aus.

Ein Wiener Designbüro verkauft den Hackenporsche (die Bezeichnung hat es 2004 tatsächlich in den Duden geschafft) sogar mit integrierten Boxen, quasi ein Ghettoblaster auf Rollen. Zugegeben, der Preis liegt mit 1.800 Euro für das Einstiegsmodell etwas höher als der für den handelsüblichen Ghettoblaster oder Trolley. Aber wer im Freibad cool sein will, muss dafür eben etwas tiefer in die Tasche greifen. Auch DJs haben die Roller für sich entdeckt: Für sie gibt es die Wagen mit integrierten Taschen für MP3-Sticks, CDs und CD-Player, Laptop und Kopfhörer.

Wir wollten genau wissen, ob die Einkaufstrolleys nur gut aussehen oder ob sie das auch sind. Deswegen haben wir zehn Wagen ausgewählt und ins Labor geschickt, um sie gewohnt umfangreich auf Schadstoffe prüfen zu lassen. Außerdem hat ein Institut die Trolleys im Praxistest auf Herz und Nieren, Halt und Nähte geprüft.

Das Testergebnis

Keine Abgase, kein Plastikmüll, kein Lärm - wir würden wirklich gern wenigstens einen der getesteten Trolleys empfehlen. Aber ein "gut" oder ein "sehr gut" hat sich leider keiner verdient. Immerhin schneiden vier Wagen mit einem "befriedigend" ab. Irgendwas ist immer: Bestand ein Trolley den Schadstofftest mit "sehr gut", zerhaute es ihn in der Praxisprüfung. Und hielt er der Praxisprüfung ohne Wenn und Aber stand, steckte er voller Phthalate und giftiger zinnorganischer Verbindungen.

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Verschiedene Rollensysteme, als Anhänger fürs Fahrrad verwendbar, höhenverstellbare Griffe, cool und bunt oder schlicht und uni: Aus dem breiten Angebot an Einkaufstrolleys haben wir zehn ganz unterschiedliche ausgewählt. Auch die Preise variieren erheblich: vom Sparpreis von 17,99 bis zu stolzen 235 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Unsere Tests zeigen immer wieder: Die Stoffe von Taschen, besonders den als wasserdicht ausgelobten, stecken voller Schadstoffe. Deshalb haben wir umfangreiche Analysen beauftragt: Krebserregende aromatische Amine, die in den Farben stecken können, standen auf der Prüfliste, genauso wie giftige zinnorganische Verbindungen, die zum Beispiel als Stabilisator für PVC verwendet werden, giftige Schwermetalle wie Blei und Cadmium, bedenkliche Phthalate und andere Weichmacher.

Die Praxisprüfung
Einkaufstrolleys sollen nicht nur schick aussehen, sie sollen vor allem belastbar sein. Um das zu prüfen, hat das von uns beauftragte Labor den Alltagsgebrauch simuliert. Die Wagen mussten einer Strecke von 72 Kilometern standhalten, die zu zwei Dritteln eben, zu einem Drittel uneben war. Zusätzlich mussten sie 1000-mal eine simulierte Bordsteinkante überwinden. Die Prüfer haben die Verschlüsse 500-mal geöffnet und geschlossen, um deren Belastungsfähigkeit zu testen. Auch einen fünfminütigen Regenschauer hatten die Trolleys bei geschlossenem Deckel zu bestehen. Jeweils zwei kleine, mittlere und große Menschen prüften die Wagen außerdem daraufhin, wie gut sie zu schieben, ziehen und tragen sind. Außerdem auf dem Prüfplan: Wie einfach lassen sich die Einkaufstrolleys befüllen? Und verstauen? Wie sind sie verarbeitet?

Die Bewertung
Klar: Der Idealfall wäre ein stabiler Einkaufswagen, der schadstofffrei jedem Regenschauer trotzt und dauerhaft den Belastungen des Alltags standhält. Deswegen fließen die Testergebnisse Praxisprüfung und Inhaltsstoffe ins Gesamturteil ein. Die Schadstoffbelastung haben wir mit 40 Prozent allerdings etwas geringer bewertet, weil der Körperkontakt nur gering ist. Wenn ein Wagen jedoch zerstört aus der Belastungsprüfung hervorging, hilft auch keine Schadstofffreiheit weiter - kaputt ist kaputt.

So haben wir getestet

Der Griff bricht: Das Ikea-Modell ist bei der Belastungsprüfung auf der Prüftrommel ausgestiegen.