Startseite
3 Produkte von Martina Gebhardt im Test

Ratgeber Kosmetik 13:2013 mit CD
vom 08.11.2013

Martina Gebhardt

Die Alchemistin

Martina Gebhardt beschäftigt sich mit Spagyrik, einer alten Alchimistenkunst. Auf einem restaurierten Hof in Bayern wird daraus Kosmetik.

889 | 8

08.11.2013 | Mit einem Hundebiss fing alles an. Drei Jahre alt war Martina Gebhardt da. Und hatte nach der Attacke des Vierbeiners ein Mal im Gesicht. Vom Biss auf der Wange blieb über die Jahre eine unschöne Narbe zurück, geholfen hätte nur die plastische Chirurgie. Doch davor hatte Gebhardt, mittlerweile zum Teenager herangewachsen, Angst. So begann sie, nach Alternativen zu fragen - und immerhin, ihr alter Kinderarzt hatte eine. Monatelang, so erinnert sie sich, massierte sie die Thymian-Wollwachssalbe auf, die der Mediziner für sie angefertigt hatte. Sie bemerkte mit Staunen: Nicht nur die Narbe milderte sich ab. Als positive Nebenwirkung verschwanden auf der eingecremten Wange die Aknepickel. Von da an las die damals 17-Jährige alles, was sie zum Thema Heilkräuter und Kosmetik in die Hände bekam. Und sie begann, zu experimentieren.

Kein "Wachstum auf Kredit"

Mit dem Ergebnis versorgt sie ihre Freundinnen mit Aknecreme, später entwickelt sie mehrere Produkte und startet, parallel zum Architekturstudium, einen kleinen Versandhandel. Es ist eine Unternehmensgründung in überschaubaren Schritten. Mit 19 vertreibt Gebhardt ihre selbstgemachte Naturkosmetik noch im familiären und Freundesumfeld, mit 27 gründet sie ihre eigene Firma. Der Einfachheit halber gibt sie ihr den Namen Martina-Gebhardt-Naturkosmetik. Seither wächst das Unternehmen beständig und ohne Schulden. Denn, das ist einer von Gebhardts Grundsätzen: "Wachstum auf Kredit heißt ungesundes, anorganisches Wachstum - das ist wie Kunstdünger bei Pflanzen."

Ein anderer Grundsatz ist es, sich in der Naturkosmetik auf das Wesentliche zu beschränken. Die Rezepturen bauen auf wertvollen Ölen, Kräuterauszügen und ätherischen Ölen auf. Großtechnisch hergestellte Tenside und Emulgatoren kommen ebenso wenig vor wie isolierte pflanzliche Wirkstoffe, die in anderen Naturkosmetika eingesetzt werden. Sinnliche Kosmetik, die sich auf das Wesentliche beschränkt, das ist Gebhardts Philosophie. Isolierte pflanzliche Wirkstoffe oder technisch hergestellte Emulgatoren sind tabu. Auch Vorgefertigtes kommt nicht in die Tiegel: "Wir kaufen alle Inhaltsstoffe, die auf unseren Etiketten stehen, selbst ein und mischen sie selbst. Früher war das üblich, heute sind wir damit eine große Ausnahme."

Moderne und Vergangenheit

Alle Produkte entstehen in einem alten Bauernhof in Rott am Lech südwestlich von München. 1990 hat die Unternehmerin das in Teilen mehr als 800 Jahre alte Gebäude gekauft und so umgestaltet, dass es modernsten Produktions- und Hygienestandards genügt und dennoch seine Ausstrahlung bewahrt hat. So sind 350 Jahre alte Holzbalken freigelegt und ziehen sich offen sichtbar durch die Büros der Mitarbeiter und durch den Ausstellungsraum. Die Produktionsräume im Erdgeschoss bilden das Kontrastprogramm dazu: Wohin man sieht, blinkender Edelstahl und keimtötende Schleusen. Durch die Fenster jedoch sieht man in den Garten, der den Hof umgibt. Industrie und Handwerk, Moderne und Vergangenheit sind hier miteinander verbunden. Die Chefin hat noch vor der Firmengründung ein Architekturstudium abgeschlossen, das merkt man dem Gebäude an.

Vor Ort ist Martina Gebhardt jedoch nur noch wenige Wochen im Jahr. Den größten Teil der Zeit verbringt sie heute in den USA. Dort, auf ihrer Farm in der Wüste, stieß sie bei der Auseinandersetzung mit Heilpflanzen auf die Spagyrik - ein alchimistisches Verfahren zur Gewinnung von Pflanzenessenzen. Die Wurzeln dieses Wissens sind einige Tausend Jahre alt. In der Spagyrik verascht man unter anderem getrocknete Heilpflanzen. Dabei entweichen das restliche Wasser und der Kohlenstoff, übrig bleiben die Mineralstoffe der Pflanzen. Diese kristallisieren in trockener Luft als Salze aus. Der Prozess kann bis zu mehreren Jahren dauern.

Die wasserlöslichen Kristalle werden dem Destillat zurückgegeben und bilden mit ihm eine spagyrische Essenz. Diese wird dann, wie eine homöopathische Urtinktur, in das Wasser für die Produktion einer Creme oder Körpermilch eingerührt und dabei entsprechend potenziert. Der Prozess ist unter Wissenschaftlern umstritten - tatsächlich fehlen Wirksamkeitsnachweise. Kritisiert wird auch, dass als Wirkträger der Spagyrika nicht die jeweiligen Inhaltsstoffe gelten, sondern die durch das besondere Fertigungsverfahren entwickelten, sogenannten metaphysischen Kräfte. Für Gebhardt ist Spagyrik jedoch mehr als ein Verfahren: "Sie ist eine Lebensphilosophie, ein ganz persönlicher Weg."

Die Heilkundlerin ist davon überzeugt, dass der Schlüssel zu Harmonie und Gesundheit in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise liegt: "Keiner weiß bislang wirklich, wie sich energetische Prozesse auf unseren Körper und unsere Haut übertragen lassen und uns beeinflussen. Sicher können wir von den alten Kulturen lernen, wo Körper, Seele und Geist noch als Ganzes behandelt werden." Weil auch die anthroposophisch bewegte Demeter-Gemeinschaft in dieser Tradition steht, hat Martina Gebhardt ihre Produkte komplett von Demeter zertifizieren lassen - als erstes Kosmetikunternehmen weltweit. Auch in den Rohstoffen bemüht sie sich darum, "den Rhythmus und die Dynamik der Natur zu integrieren": Über 98 Prozent der Rohstoffe stammen aus biologisch kontrolliertem Anbau, viele von Demeter-Betrieben. Zusätzlich stellt die Chefin in der Wüste von Utah, 9.000 Kilometer vom Stammhaus entfernt, spagyrische Essenzen her, die den Produkten zugefügt werden.

Verarbeitet, verpackt und vertrieben wird alles weiterhin von Rott aus. Martina Gebhardt beschäftigt 30 Mitarbeiter und verkauft ihre Produkte außer im Inland auch nach Japan, Korea, in die USA und in viele europäische Länder. In Deutschland vertreibt die Firma ihre 140 Produkte umfassende Kosmetiklinie vor allem über Naturfachkosmetikerinnen und Naturkostläden. Damit erwirtschaftet das Unternehmen einen Umsatz von rund fünf Millionen Euro. Nicht viel, aber genügend, um sich die Freiheit zu nehmen, neue Wege zu gehen. Zum Beispiel beim Thema Anti-Aging: Vor einigen Jahren, beim Gang durch die Wüste, dachte die heute 54-Jährige über das Älterwerden nach - darüber, wenn nicht Narben, sondern Falten das Gesicht zieren. Nicht dagegen ankämpfen, nicht "anti" sein, das schien ihr richtig. "Bei Anti-Aging bin ich gegen etwas. Ich baue Widerstand auf, das kostet Kraft, ich verliere Energie und beschleunige so den Alterungsprozess. Entspanne ich mich in diesem Zustand des Altwerdens, nehme ihn an und sage, es ist gut so, dann fühle ich mich wohl, schön, voller Ausstrahlung, geliebt." Und so fiel ihr der Name für eine neue Kosmetikserie ein: Happy Aging.

Infos: www.martina-gebhardt-naturkosmetik.de



Bester Werbeslogan

...weil wir einfach ganz anders sind

Wie teuer muss eine gute Gesichtscreme sein?

10,00 €, wenn sie Demeter-Qualität haben soll, ca. 8,00 € in Bioqualität

Die fünf bedenklichsten, noch erlaubten Inhaltsstoffe

Glycerin

Über 20 Prozent Alkohol in Leave-on-Produkten

Bis wann haben Sie Methyldibromoglutaronitril, Diethylphthalat, MoschusAmbrette oder Paraphenylendiamin verwendet?

Methyldibromoglutaronitril: nie

Diethylphthalat: nie

Moschus Ambrette: nie

Paraphenylendiamin: nie

Die Antwort von Martina Gebhardt, die sehr hochwertige Naturkosmetik herstellt, bezieht sich wohl auf Stoffe, die dafür nicht verwendet werden sollten. Beide Substanzen, den feuchtigkeitsbewahrenden Wirkstoff Glycerin und über 20 Prozent Alkohol in Leave-on-Produkten, wertet ÖKO-TEST nicht ab.

Ratgeber Kosmetik 13:2013 mit CD

Gedruckt lesen?

Ratgeber Kosmetik 13:2013 mit CD ab 6.90 € kaufen

Zum Shop

Ratgeber Kosmetik 13:2013 mit CD

Online lesen?

Ratgeber Kosmetik 13:2013 mit CD für 5.99 € kaufen

Zum ePaper

Weiterlesen?

Online abrufbar