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ÖKO-TEST März 2015
vom

Obstbrei in Tüten

Quatschobst

Statt Apfelstückchen in Tupperdosen stecken in vielen Schulranzen Alutüten mit Obstbrei - "ganz ohne Zuckerzusatz". Doch das "Quetschobst" ist von Natur aus etwa so süß wie Fruchtzwerge - und manche Hersteller finden Wege, diese Süße "natürlich" zu steigern. Nur eine einzige Tüte schneidet mit "gut" ab.

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27.02.2015 | Und plötzlich waren sie da, die kleinen, bunten Aluminiumtüten im Babyregal des Supermarkts, gleich neben den Breigläschen. Erst gab es sie nur mit Obstbrei gefüllt, dann auch mit Joghurt, Quark und Getreide - und es werden immer mehr. Denn der süße Brei zum Saugen mit den lustigen Bildchen auf der Verpackung kommt bei der Zielgruppe ziemlich gut an: Kinder lieben die "Quetschies". Und Eltern kaufen sie - auch, wenn sich manchmal leise das schlechte Gewissen wegen der Verpackung meldet. Aber die leise Stimme wird schnell übertönt: Die Tüten sind doch so praktisch - zumindest während langer Autofahrten. "Außerdem isst die Mia sonst überhaupt kein Obst", beruhigt man die Stimme weiter - und schließlich ist Obstbrei ja gesund. Ist er doch, oder?

Ja, Obst ist gesund. Und Obstbrei auch. Aber er ist von Natur aus auch sehr süß - je nach Sorte mit Zuckergehalten, die vergleichbar mit dem eines Fruchtzwergs sind. Das ist zunächst einmal auch nicht bedenklich, weil die Vitamine und Ballaststoffe, die unter und in der Schale stecken, so wertvoll sind, dass der enthaltene Fruchtzucker quasi als "Beigabe" völlig in Ordnung ist. Allerdings gibt es Mittel und Wege, den natürlichen Zuckergehalt zusätzlich in die Höhe zu treiben: ganz natürlich, ohne zugesetzten Kristallzucker. Und dann stecken in den Tüten bis zu 18 Gramm Zucker pro 100 Gramm - umgerechnet stolze sechs Stück Würfelzucker.

Apfelsaftkonzentrat ist so eine Möglichkeit, die Süße natürlich zu steigern. Durch den Entzug von Wasser wird der Saft konzentriert - und dadurch extrem süß. Je nach Konzentration stecken in der sirupähnlichen Masse schnell einmal 60 Gramm Fruchtzucker pro 100 Milliliter; in einem Apfel sind es im Durchschnitt gerade einmal etwa zehn Gramm. Wenn das also unter den Brei gemischt wird, schnellt der Zuckergehalt in die Höhe. Noch "effektiver" ist Traubensaftkonzentrat, weil Trauben von Natur aus süßer als Äpfel sind. Die dreisteste Methode ist die Zugabe von "Fruchtsüße", wenn gleichzeitig mit dem Versprechen "ohne Zuckerzusatz" geworben wird: Fruchtsüße hört sich erst einmal gesünder an als Zucker, ist aber im Grunde nichts anderes. Es handelt sich um ein Gemisch aus Glukose und Fruktose, das ernährungsphysiologisch im Grunde dem Kristallzucker gleichzusetzen ist. Fruchtextrakt, Dicksaft, Oligofruktose, getrocknete Früchte, Sirup - all diese Inhaltsstoffe sind weitere Möglichkeiten, das Produkt zu süßen, ohne Kristallzucker zuzusetzen.

Wer dann noch mit dem beliebten "ohne Zuckerzusatz" wirbt, täuscht den Verbraucher. Das sieht auch das Verwaltungsgericht Lüneburg so (Az. 6A 62/11). Das Gericht hatte 2013 entschieden, dass ein Getränkehersteller nicht mit dem Versprechen "ohne Kristallzuckerzusatz" werben durfte, wenn dem Produkt Traubensüße zugesetzt wurde. Das Gericht stützte sich auf die EG-Verordnung 1924/2006 (die sogenannte Health-Claims-Verordnung), nach der die Verwendung der Werbung "ohne Zuckerzusatz" nur zulässig ist, wenn das "Produkt keine zugesetzten Mono- oder Disaccharide oder irgendein anderes wegen seiner süßenden Wirkung verwendetes Lebensmittel" enthält. Selbst Produkte, denen keine süßende Zutaten zugesetzt wurden, die aber natürlich süß sind, sollten laut der Verordnung den Zusatz "enthält von Natur aus Zucker" tragen.

Auf "Quetschobst" ist dieser Hinweis besonders wichtig, weil die Verpackung so gestaltet ist, dass die Kinder das Obst durch das Mundstück der Verpackung saugen, und der süße Brei im Mund dadurch die Milchzähne umspült. "Dabei entsteht derselbe Effekt wie beim Dauernuckeln von Säften oder süßen Tees aus einer Nuckelflasche oder Schnabeltasse", erklärt Dr. Johanna Kant, Vorsitzende des Bundesverbandes der Kinderzahnärzte. Denn: "Die Beläge im Mund wandeln den Zucker - ganz egal ob Fruchtzucker, Traubenzucker oder Haushaltszucker - um in eine Säure, die wichtige Mineralien aus den Zähnen herauslöst." Die Folge: Kariesgefahr. Frisches Obst ist deswegen immer zu bevorzugen, sagt die Kinderzahnärztin.

Wie hoch ist denn nun der Zuckergehalt genau? Was steckt an unerwünschten Beigaben in den bunten Tüten? Und wie kritisch ist die Aluminiumverpackung zu bewerten? Wir haben 16 "Obstquetschen" ins Labor geschickt.

Das Testergebnis

Quatsch zum Quetschen: Nur eine einzige Tüte schafft es auf ein "gut". Alle anderen können wir nicht oder nur eingeschränkt empfehlen. Fünf Produkte floppten im Test: Für Pestizide, Konzentrate, Fruchtsüße und mangelhafte Deklaration können wir nur ein "ungenügend" geben.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Obstbrei in Tüten mit mindestens zwei Sorten, meist mit Äpfeln und Bananen, ist in unserem Einkaufskorb gelandet. Die meisten Produkte finden sich gleich neben den Beikostbreigläschen im Babyregal und richten sich mit ihren bunten Tüten, Comicbildchen und ihrer gesamten Aufmachung direkt an Kinder. Auf dem Alutütenmarkt tummeln sich erstaunlich viele Bio-Anbieter: Neun der getesteten 16 Produkte sind zertifizierte Bio-Lebensmittel.

Die Inhaltsstoffe
Den Inhalt der Tüten ließen wir auf rund 550 verschiedene Pestizide untersuchen und sind völlig unerwartet fündig geworden. Nach mehreren aktuellen Funden in Obst und Gemüse standen auch Chlorat und Perchlorat auf der Liste. Außerdem wollten wir wissen: Welche umstrittenen Süßungsmittel oder Zusatzstoffe stecken in dem Brei? Weiterhin stand die Verpackung im Fokus der Untersuchungen: Besteht sie aus PVC/PVDC/chlorierten Verbindungen und/oder Aluminium? Gehen Aluminium oder womöglich Bisphenol A aus der Verpackung auf den Brei über? Zudem ließen wir das Mundstück auf schädliche Stoffe wie Blei und Cadmium analysieren.

Die Bewertung
Obstbrei in bunten Tüten, der sich mit seiner Aufmachung direkt an Kinder wendet und meist neben den Babygläschen im Supermarkt steht, ist ein Produkt, das Eltern auch für ihre Kinder unter drei Jahren kaufen - zumindest wenn die Tüten keine gegenteiligen Hinweise tragen. Daher stufen wir sie als Beikost ein und bewerten sie entsprechend den Vorgaben der Diätverordnung - auch wenn diese Einordnung von den Landesuntersuchungsämtern noch nicht einheitlich so gehandhabt wird. Zwei Tüten fallen allerdings nicht in diese Definition: Das Odenwald Pocket Fruchtmus Apfel, Erdbeer, Banane und Probios 100 % Polpa di frutta con pera e banana richten sich nicht an Kinder und werden deswegen nach unseren üblichen Kriterien für Lebensmittel bewertet.

So haben wir getestet

Verschluckbar oder nicht - das ist die Frage, um die es bei dem genormten Prüfzylindertest geht.

So haben wir getestet

Die kleinen Deckel passen hinein.