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15 Blutdruckmessgeräte im Test

ÖKO-TEST Mai 2010
vom 30.04.2010

Blutdruckmessgeräte

Ruhig Blut!

Der Blutdruck lässt sich auch bequem zu Hause kontrollieren. Ob am Oberarm oder am Handgelenk: Die meisten getesteten Geräte leisten gute Arbeit. Allerdings stecken in den Manschetten jede Menge Schadstoffe.

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30.04.2010 | Bevor sich Bernhard Müller zusammen mit seiner Frau an den Frühstückstisch setzt, macht der 65-Jährige einen kurzen Zwischenstopp am Schreibtisch. Neben dem Telefon hat dort ein Blutdruckmessgerät seinen festen Platz gefunden. Seit Müller vor gut sechs Jahren einen leichten Schlaganfall erlitt, der zum Glück keine bleibenden Schäden zurückließ, misst er täglich seinen Blutdruck. Denn möglicherweise war ein schon lange bestehender zu hoher Blutdruck die Ursache für den Schlaganfall.

Routiniert legt Bernhard Müller die Manschette des Geräts um den freien linken Oberarm, drückt den Startknopf und wartet das Ergebnis ab: 138 zu 88 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) erscheint auf dem Display, der Puls wird mit 68 Schlägen pro Minute angegeben. Müller notiert die Werte zufrieden in sein Blutdrucktagebuch und freut sich auf den Morgenkaffee.

Einen Blutdruck von 138 zu 88 mmHg stuft die aktuelle Leitlinie der Deutschen Hochdruckliga und der Deutschen Hypertonie Gesellschaft als "hoch normal" ein. Ab Werten von 140 zu 90 mmHg spricht man von Bluthochdruck, als optimal gelten Werte unter 120 zu 80 mmHg. Weltweit gesehen erreichen aber 55 bis 60 Prozent aller Bluthochdruckpatienten nicht die Zielwerte von unter 140 zu 90 mmHg.

Bernhard Müller, der regelmäßig blutdrucksenkende Medikamente einnimmt, ist also vergleichsweise gut eingestellt: "Bis zu meinem Schlaganfall habe ich den zu hohen Blutdruck nicht wirklich ernst genommen - tat ja nie weh."

Vor allem der systolische Blutdruck (der obere der beiden Blutdruckwerte) nimmt mit dem Alter kontinuierlich zu, da die Gefäße an Elastizität verlieren. Mit steigenden Blutdruckwerten nimmt das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte zu.

Da die Blutdruckmessung beim Arzt immer nur eine Momentaufnahme darstellt, ist es für Bluthochdruckpatienten wichtig, regelmäßig zu Hause zu messen. Apotheken und Sanitätshäuser bieten eine ganze Reihe von Geräten an. ÖKO-TEST hat 15 Blutdruckmessgeräte - acht fürs Handgelenk, sieben für den Oberarm - eingekauft, einem Praxistest unterzogen und im Labor auf umstrittene und bedenkliche Inhaltsstoffe untersuchen lassen.

Das Testergebnis

Sowohl die Oberarm- als auch die Handgelenksgeräte messen den Blutdruck recht zuverlässig. Bei zwei Geräten lässt die Messgenauigkeit allerdings heftig zu wünschen übrig. Zudem trüben Weichmacher und andere problematische Inhaltsstoffe in vielen Manschetten das Bild.

Bei zwei Geräten war jeder fünfte Messwert jenseits der Realität

Der Praxistest: Mehr als die Hälfte aller untersuchten Geräte schneidet bei der Blutdruckmessung mit "gut" ab. Die mittlere Abweichung der Blutdruckwerte zum Referenzwert lag beim oberen systolischen Wert in der Regel zwischen 5,5 und 7 mmHg, beim unteren diastolischen Wert zwischen 4 und 7 mmHg. Ideal wäre allerdings eine mittlere Abweichung von weniger als 3 mmHg, weshalb alle Geräte hier Notenabzug bekommen. Je nach Anteil der Fehlmessungen verschlechtert sich das Teilergebnis Blutdruckmessung weiter. Hier ließen vor allem das Prima Oberarm Blutdruck-Messgerät KP 7501 von Polygreen und das Braun Vital Scan Plus BP 1600, Handgelenk von Kaz Hausgeräte zu wünschen übrig: Zirka jede fünfte Messung war als Fehlmessung zu werten, das heißt, die Messwerte wichen um 15 mmHg und mehr vom Referenzwert ab.

Als Zusatzfunktion verfügen viele Geräte über eine Arrhythmiekontrolle, die einen unregelmäßigen Herzschlag anzeigt. Ob dieser Krankheitswert hat, kann nur eine ärztliche Untersuchung feststellen.

Die Geräte lassen sich durchweg "gut" handhaben, in fünf Fällen fällt die Beurteilung der Handhabung sogar "sehr gut" aus. Hier gehen die Vollständigkeit der Gebrauchsanleitung sowie die Positionierungshilfen, die Durchführung der Messung sowie das Ablesen und Speichern des Messwerts ein.

Die Gebrauchsinformation sollte auf alle Fälle die Blutdruckwerte richtig interpretieren und darauf hinweisen, dass immer unter gleichen Bedingungen und nach einer Ruhephase gemessen werden sollte, nicht geraucht oder Kaffee getrunken werden sollte, im Sitzen ohne dabei zu sprechen oder den Arm zu bewegen zu messen ist und die Manschette nicht über der Kleidung angelegt werden sollte. Zudem sind Hinweise wünschenswert, was ganz allgemein den Blutdruck beeinflussen kann, zum Beispiel der Tagesverlauf, Essen und Trinken oder auch Alkohol. Bei vier Geräte fehlen einige dieser Hinweise.

Positionierungshilfe: Das A und O für eine ordentliche Blutdruckmessung ist die korrekte Positionierung des Gerätes. Deutliche Mängel wiesen hier das Hydas- und das Medisana-Gerät auf: Es fehlten sowohl eine Markierung am Gerät und an der Manschette für die richtige Lage über der Arterie als auch eine Abbildung für die Manschettenposition am Gerät. Bei einigen Handgelenksgeräten beschränkt sich die Positionierungshilfe auf eine grobe Skizze.

Um den Verlauf der Blutdruckwerte verfolgen zu können, sollten die Geräte über ausreichend Speicherplatz verfügen. Unter der Annahme, dass der Patient zweimal täglich misst und einmal im Monat zum Arzt geht, braucht das Messgerät also mindestens 60 Speicherplätze. Die stellen fünf Geräte nicht zur Verfügung.

Die Inhaltsstoffe: In etlichen Manschetten stecken Weichmacher aus der Gruppe der Phthalate. Phthalate stehen im Verdacht, Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane zu schädigen und außerdem wie ein Hormon zu wirken. Hinzu kommen als Flammschutzmittel eingesetzte phosphororganische Verbindungen in zwei sowie antimikrobiell wirkendes Phenol in drei Geräten.

So reagierten die Hersteller

Die Firma Beurer und das Tochterunternehmen Hans Dinslage monieren, der Praxistest entspräche nicht den Anforderungen der Norm EN 1060-4 für Blutdruckmessgeräte. Die Zahl der Probanden sei zu gering, um eine Aussage über die klinische Genauigkeit des Blutdruckmessgeräts machen zu können, zudem hätten mindestens zwei Prüfer die Messungen durchführen müssen. Des Weiteren vermuten viele Hersteller aufgrund der hohen Mittelwertabweichung einen systematischen Fehler in unserem Test.

Die vorgebrachten Bedenken wurde jedoch bei der Auswertung der Testmessungen berücksichtigt: Die Werte der Fehlmessungen sind nicht in die Berechnung der Abweichung des Mittelwerts vom Referenzwert eingeflossen, Mittelwertabweichungen von bis zu 7,5 mm Hg (bei weniger als 7,5 % Fehlmessungen) wurden noch als "gut" eingestuft.

Polygreen, Anbieter des Prima Oberarm Blutdruck-Messgeräts KP 7501 empfiehlt uns, zum Nachweis der Messgenauigkeit "ein örtliches Eichamt mit der Kontrolle der statischen Druckkennlinie zu beauftragen". Diese in den Gebrauchsinformationen mit ±3 mmHg angegebene Messgenauigkeit sagt jedoch nichts über die Genauigkeit aus, mit der das jeweilige Gerät den Blutdruck am Menschen misst. Darüber hinaus bemängelt Polygreen, dass bei den von uns durchgeführten Messabläufen ein subjektiver Faktor nicht auszuschließen sei, weil bei der Referenzmessung mit einem klassischen Blutdruckmessgerät das menschliche Ohr der entscheidene Sensor sei. Nur: Auch bei der Prüfung nach der Norm EN 1060-4 und der Prüfung für das Siegel der Hochdruckliga wird so verfahren.



So haben wir getestet

Der Einkauf

Blutdruckmessgeräte gibt es zwar nicht wie Sand am Meer, doch wer in die Apotheke oder ins Sanitätshaus geht, hat die Qual der Wahl. Wir haben daher vorher die großen Anbieter gefragt, welches die gängigsten Geräte Ihres Hauses sind - und diese nach Möglichkeit eingekauft. So kam eine ausgewogene Mischung von Oberarm- und Handgelenksgeräten zusammen, die sich preislich zwischen zehn und 90 Euro bewegen. Auf den Einkauf von Aktionsware beim Discounter haben wir verzichtet, da diese Geräte beim Erscheinen dieses Tests schon lange nicht mehr am Markt wären.

Der Praxistest

Mit der Überprüfung der Messgenauigkeit haben wir ein Institut beauftragt. 21 Freiwillige unterschiedlichen Alters und Blutdrucks testeten die Geräte. Die Messung fand in einem leisen, spartanisch eingerichteten Raum statt. Nach dem Eintreffen im Institut hatte jeder Proband mindestens zehn Minuten Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Sie nahmen an einem Schreibtisch Platz, legten den Arm zur Messung auf einem Kissen ab und krempelten den Ärmel hoch. Zunächst maß eine medizinisch ausgebildete Fachkraft mit einem praxisüblichen Manometer und Stethoskop den Referenzblutdruck. Anschließend legte der Proband das Gerät laut Gebrauchsinformation an und maß selbst den Blutdruck - im Zweiminutenabstand insgesamt drei Mal. Nach einer weiteren Referenzmessung folgt das nächste Gerät, jeweils fünf pro Sitzung.

Die Schadstoffe

Wir wollten wissen, was man sich zur Messung des Blutdrucks da eigentlich um den Arm wickelt. Enthält die Manschette problematische Inhaltsstoffe, beispielsweise bedenkliche Weichmacher, Flammschutzmittel aus der Gruppe der phosphororganischen Verbindungen oder ist sie antimikrobiell ausgerüstet? Um dies zu klären, haben wir ein Labor mit einem Schadstoffscreening beauftragt. Gleichzeitig ließen wir prüfen, welche Teile des Geräts chlorierte Kunststoffe enthalten und ob die Platinen mit bromierten Flammschutzmitteln ausgestattet sind.

Die Bewertung

Da ein technisch noch so ausgefeiltes Gerät nichts nützt, wenn es keine brauchbaren Werte liefert, haben wir der praktischen Blutdruckmessung das meiste Gewicht gegeben. Ausreißerwerte, die um 15 mmHg und mehr vom Referenzwert abwichen, haben wir bei der Mittelwertbildung nicht berücksichtigt, aber den Fehlmessungen zugeordnet. Das Testergebnis Praxisprüfung haben wir stärker gewichtet als das Testergebnis Inhaltsstoffe, da sich die Kontaktzeit auf wenige Minuten pro Tag beschränkt.

Interview

Nicht in die Hochdruckkrise messen

Professor Rainer Kolloch arbeitet im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld. Er ist Hypertensiologe und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

ÖKO-TEST: Wer sollte sich ein Blutdruckmessgerät kaufen?

Kolloch: Die Selbstmessung ist in einer ganzen Reihe von Situationen hilfreich. Da ist der Praxishochdruck: Ist der Blutdruck nur situationsbedingt oder ständig zu hoch? Dann die sogenannte maskierte Hypertonie: In der Praxis ist alles normal, draußen hingegen sind die Werte ständig zu hoch. Auch während der Therapiekontrolle ist das Messen zu Hause hilfreich, um zu prüfen, ob die Wirkung der Medikamente ausreicht.

ÖKO-TEST: Wie verhalte ich mich, wenn die Werte zu hoch sind?

Kolloch: Einzelne zu hohe Werte sollten auf keinen Fall dazu führen, dass der Patient eigenständig die Medikation ändert, also die Dosis erhöht. Hier heißt es abwarten und lieber in zwei Stunden nochmals messen. Ein einzelner zu hoher Wert erhöht auch nicht gleich das Risiko für einen Schlaganfall. Das ist erst der Fall, wenn der Blutdruck über Jahre zu hoch ist.

ÖKO-TEST: Sind Fallstricke durch das ständige Blutdruckmessen zu erwarten?

Kolloch: Sind die Werte über längere Zeit stabil, sollte man mit der Selbstmesserei aufhören, um sich nicht selbst zu neurotisieren. Es gibt Patienten, die messen sich in die Hochdruckkrise. Bei einem gut eingestellten Blutdruck reichen regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt aus.