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54 Pestizid-haltige Lebensmittel im Test

ÖKO-TEST Jahrbuch für 2013
vom 19.10.2012

Pestizide in Lebensmitteln

Zu viel ist zu viel

Die Pestizidbelastung von Obst und Gemüse, das innerhalb der EU angebaut wird, ist erfreulicherweise gesunken. Untersucht man jedoch abseits der großen Warenströme Produkte wie Weinblätter, Linsen oder exotische Früchte, dann zeigt sich plötzlich ein ganz anderes Bild: Wir fanden in 13 von 54 Produkten Rückstände über den Höchstmengen. Zehn davon hätten gar nicht verkauft werden dürfen.

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19.10.2012 | Eigentlich hatten wir ja gedacht, das Problem mit überhöhten Pestizidmengen in Obst und Gemüse hätte sich im Großen und Ganzen erledigt. Das liegt insbesondere an einer besseren Qualitätssicherung der großen Handelsketten, die von ihren Lieferanten häufig verlangen, die offiziellen Rückstandshöchstmengen zum Teil zu einem beträchtlichen Prozentsatz zu unterbieten.

Es gibt allerdings noch einen weiteren Grund, weshalb Rückstände heute häufiger unterhalb der Höchstmengen bleiben. So wurden im Zuge der EU-Harmonisierung Rückstandshöchstmengen nach oben angepasst, und auch das dürfte den Handel mit Obst und Gemüse "entspannt" haben.

Dennoch gibt es immer wieder problematische Produktgruppen, in denen plötzlich bestimmte Stoffe gehäuft auftreten. Besondere Risiken birgt zudem Drittlandsware. Zahlen des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes (CVUA) Stuttgart von 2011 weisen für konventionell angebautes Gemüse aus Nicht-EU-Ländern eine Beanstandungsquote von 13,5 Prozent und für konventionell angebautes Obst aus diesen Ländern von 6,6 Prozent aus - das ist deutlich mehr als in Obst und Gemüse aus Europa und dem Inland gefunden wurde.

Wir haben uns im Test die aktuellen Problemfelder vorgenommen und wollten wissen, wie die Situation derzeit im Markt aussieht. Sämtliche Waren wurden im Labor auf über 500 Pestizide untersucht.

Das Testergebnis

Jedes vierte Produkt überschreitet Höchstmengen. Unsere Stichprobe zeigt, dass die Kontrollen der Überwachungs- und Zollbehörden offenbar nicht ausreichen, um die Regale von nicht verkehrsfähigen Lebensmitteln frei zu halten. Nicht verkehrsfähig sind Produkte, deren gemessener Pestizidgehalt auch nach Abzug einer analytischen Schwankungsbreite von 50 Prozent noch über der Höchstmenge liegt. Dies trifft auf zehn Produkte im Test zu. Betroffen sind alle Weinblätter.

Negativ aufgefallen sind auch Linsenprodukte sowie einzelne Proben aus Brasilien, Senegal, Mexiko, Indien und Uganda. Dies lässt jedoch nicht den Schluss zu, sämtliche Exoten seien mit Vorsicht zu genießen. Im Gegenteil: Bohnen, Zuckererbsen, Ananas, Papaya und Mangos waren gar nicht oder nur sehr gering belastet.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Weinblätter tatsächlich während oder kurz nach der Spritzperiode geerntet worden sein müssen. Anders lassen sich die schlechten Testergebnisse nicht erklären. So enthalten die Produkte nicht nur bis zu 22 unterschiedliche Wirkstoffe pro Probe, sondern überschreiten auch bis zu elf Mal die erlaubten Höchstmengen. Aufgrund der geringen Mengen an Weinblättern, die man normalerweise isst, ist von einer akuten Giftigkeit aber nicht auszugehen.

Die Cooky Grüne Linsen enthalten mehr Glyphosat als erlaubt. Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel, auch bekannt unter dem Handelsnamen Roundup. In letzter Zeit mehren sich Hinweise auf eine erbgutschädigende Wirkung von Glyphosat. Laut Hersteller ist das Produkt inzwischen nicht mehr im Laden erhältlich.

In den Lin

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Dieses Mal kauften wir risikoorientiert ein. Welche Lebensmittel in den letzten Jahren besonders häufig mit Pestiziden belastet waren, recherchierten wir bei Landesuntersuchungsämtern und dem europäischen Schnellwarnsystem RASFF. Aufgrund dieser Hinweise fiel die Wahl zuallererst auf Obst und Gemüse aus afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Ländern. Hinzu kamen Linsen und andere Hülsenfrüchte, da es hier vor eineinhalb Jahren Höchstmengenüberschreitungen gegeben hatte. Auch Weinblätter können erheblich belastet sein, weshalb einige Proben ebenfalls im Einkaufswagen landeten. Die Produkte ließen wir wie üblich beim Discounter und in Supermärkten einkaufen - aber auch überall dort, wo Obst und Gemüse aus Nicht-EU-Ländern angeboten wird, etwa in den Lebensmittelabteilungen von Kaufhäusern, in türkischen und asiatischen Lebensmittelläden oder in der Frankfurter Kleinmarkthalle.

Die Inhaltsstoffe
Das Untersuchungsprogramm umfasste zwei Screenings mit insgesamt über 500 Pestizidwirkstoffen. Hinzu kamen je nach Produkt Einzelmethoden. So kann Glyphosat, das in Linsen für die Belastung gesorgt hatte, nur mithilfe einer spezifischen Methode erfasst werden. Gleiches gilt für Morpholin, einem in der EU verbotenen Zusatzstoff zur Oberflächenbehandlung von exotischen Früchten. Für Ethephon existiert ebenfalls eine Spezialmethode. Gefunden wurde der Stoff, der die Reifung steuert, bislang vor allem in Tomaten, Feigen, Paprika und Ananas. Die Weinblätter ließen wir zusätzlich auf Kupfer untersuchen. Kupferlösungen werden im Weinbau verbreitet gegen Pilze und Bakterien versprüht.

Die Bewertung
Welche Pestizidmengen in Lebensmitteln enthalten sein dürfen, ist gesetzlich geregelt. Überschreitet ein Stoff die Höchstmenge, führt das immer zu einem "ungenügenden" Urteil. Aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes werten wir aber auch schon ab, wenn ein Pestizidgehalt bestimmte Höchstmengen zu mehr als zehn bzw. zu mehr als 50 Prozent ausschöpft. Zusätzlich wurde die akute Gefährlichkeit der Rückstände geprüft. Auffälligkeiten wurden mit Punktabzug bestraft. Kritisch sehen wir auch eine größere Anzahl an Rückständen pro Produkt, da völlig unklar ist, wie sich dieser Mix gesundheitlich auswirkt.

So haben wir getestet

Insgesamt 56 Proben möglicherweise belasteter Produkte wurden eingekauft.

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