Startseite

ÖKO-TEST August 2012
vom

Fairer Handel

Unfaire Geschäfte

Der faire Handel wächst rasant. Das lockt Geschäftemacher. Doch es gibt Siegel, denen Sie vertrauen können. Welche das sind, zeigt unser Test.

8202 | 48
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

27.07.2012 | Für 413 Millionen Euro haben die Deutschen im Jahr 2010 faire Produkte gekauft. Das ist nicht allzu viel. Von den 500.000 Tonnen Kaffee beispielsweise, die Deutschland jährlich verbraucht, waren gerade einmal 8.152 Tonnen fair gehandelt. Doch mit zweistelligen Wachstumsraten, 2010 waren es 28 Prozent, ist fair schwer im Kommen. Das heißt, es ist viel Geld zu verdienen. Trotzdem wundert es, welch verwirrende Vielfalt von Siegeln auf Lebensmitteln, Kleidung und sogar auf Pflastersteinen pappt. So haben wir allein für die Kaffees in unserem Test 14 verschiedene Auslobungen gefunden.

Auch wer nach fairen Klamotten sucht, landet in einer unüberschaubaren Welt: bei der Social Fashion Company und T-Shirts mit dem Etikett Fair, bei El Puente (Fair Fashion), bei der Bio Shirt Company (menschenwürdige Produktionsbedingungen), beim Otto-Versand (Cotton made in Africa), bei Pants to Poverty (Fairtrade Certified Cotton) oder bei www.fairbleiben.com, wo es Klamotten von Fairliebt oder Earth Positiv gibt. Als wäre das nicht schon verwirrend genug, gibt es ganz unterschiedliche Standards und Zertifizierungssysteme, die Fairness belegen sollen. Auf der einen Seite zum Beispiel die Fair-Wear-Foundation und die Ethical Trading Initiative mit hohen Anforderungen, auf der anderen Seite die Business Social Compliance Initiative und die Worldwide Responsible Accredited Produktion. Das sind zwei Unternehmensinitiativen mit niedrigen Vorgaben.

Was aber macht ein T-Shirt zu einem fairen T-Shirt, was zeichnet einen fairen Orangensaft aus? Für die World Fair Trade Organisation (WFTO) ist fairer Handel "eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte ProduzentInnen und ArbeiterInnen - insbesondere in den Ländern des Südens - leistet der Faire Handel einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung." In der WFTO haben sich Pioniere und Wegbereiter des fairen Handels zusammengeschlossen, insgesamt 350 Firmen und Organisationen aus der ganzen Welt. Die Definition hört sich fair an, ist aber nicht konkret genug für einen Test.

Unserer Untersuchung haben wir die vier wichtigsten Kriterien zugrunde gelegt - zwei, die für Produzenten, und zwei, die für Arbeiter unverzichtbar sind. Faire Label und Auslobungen sollten erstens dafür sorgen, dass die Produzenten einen garantierten Mindestpreis für ihre Produkte bekommen. So sind sie nicht abhängig von den Preisschwankungen und der Spekulation auf dem Weltmarkt. Der Mindestpreis soll die Produktions- und die Lebenshaltungskosten decken, sprich: Er liegt in der Regel über dem Weltmarktpreis. Für Kaffee werden auf dem Weltmarkt derzeit allerdings 3,30 Euro pro Kilo bezahlt, während der Mindestpreis von Fairtrade bei 2,50 Euro liegt. Daher bekommen die Bauern einen Aufschlag von gut 35 Cent pro Kilo auf den Weltmarktpreis, also insgesamt 3,66 Euro, für Bio-Kaffee sind es fast 90 Cent, macht zusammen 4,19 Euro. Zweitens muss die Vorfinanzierung der Produktion gesichert sein. Die Abnehmer müssen sich also verpflichten, auf Anforderung einen Teil des Kaufpreises vor der Lieferung der Ware zu bezahlen. Das soll verhindern, dass sich Kleinbauern und Kooperativen, die nicht genügend Geld zur Finanzierung der Produktionskosten haben, zu Wucherzinsen Geld leihen müssen. Drittens müssen die Vergabebedingungen eines Siegels verbindlich festlegen, dass die Arbeiter auf Bananenplantagen oder die Näherinnen in Kleiderfabriken zumindest den gesetzlich festgelegten Mindestlohn erhalten. Was sich wie eine Selbstverständlichkeit anhört, ist in vielen Ländern jedoch eher die Ausnahme. Außerdem muss ein Siegel die Einhaltung aller Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) vorschreiben. Dazu gehört beispielsweise das Verbot von Kinder- und Sklavenarbeit. Auch das scheint selbstverständlich, ist es aber genauso wenig wie die Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns.

Dass Bauern von ihrer Arbeit nicht leben können, ist längst kein Phänomen mehr, das allein die Südhalbkugel betrifft. Um über die Runden zu kommen, bräuchte ein Milchbauer in Deutschland etwa 40 Cent pro Liter. Derzeit bekommt er jedoch nur 26,5 bis 31 Cent. Daher versuchen seit einiger Zeit Molkereien und Lebensmittelketten, Verbraucher mit fairer Milch zur Zahlung eines höheren Preises zu bewegen. So kostet die Unsere Heimat frische fettarme Milch (Fair handeln) bei Edeka 55 Cent pro Liter, Gut & Günstig, aber nicht fair, ist der Liter dort für nur 45 Cent zu haben.

Insgesamt haben wir für unseren Test 72 Importprodukte eingekauft sowie sieben Milchsorten.

Das Testergebnis

Von fair bis unfair: Nur die Vergabebedingungen der Siegel und Auslobungen auf 50 der 79 Produkte im Test erfüllen alle vier grundlegenden Anforderungen. Denn anders als im Bio-Bereich, wo es durch die EU-Öko-Verordnung und das EU-Bio-Siegel Mindeststandards gibt, die alle Bio-Produkte erfüllen müssen, legt für faire Produkte jedes Label die Kriterien nach eigenem Gusto fest.

ÖKO-TEST August 2012

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST August 2012 für 3.80 € kaufen (zzgl. Versand)

Zum Shop

ÖKO-TEST August 2012

Online lesen?

ÖKO-TEST August 2012 für 2.99 € kaufen

Zum ePaper