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ÖKO-TEST März 2012
vom

Geräte gegen Rückenschmerzen

Kreuzzug

Das Geschäft mit dem Rückenleiden treibt bunte Blüten: Hersteller mitunter exotischer Produkte kämpfen um Käufer. Von nutzlos bis schädlich: Bei unserem großen Test war alles dabei.

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24.02.2012 | Überall in Deutschland zieht, sticht, klopft und drückt es. Die Bundesbürger haben es im Kreuz. In der Patientenleitlinie "Kreuzschmerz" von Bundesärztekammer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) aus dem Jahr 2011 heißt es: "Etwa drei von vier Deutschen geben an, mindestens einmal in ihrem Leben solche Beschwerden gehabt zu haben. Besonders betroffen sind dabei die Kreuzbein- und Lendenregion."

In den meisten Fällen sind Kreuzschmerzen harmlos und heilen nach kurzer Zeit von selbst aus. Und meist lässt sich auch keine konkrete Ursache für die Beschwerden benennen. Können Mediziner die Schmerzen des Patienten nicht eindeutig körperlichen Veränderungen, zum Beispiel an den Bandscheiben oder den Wirbelkörpern, Infektionen oder Tumoren zuordnen, sprechen die Ärzte vom "nicht spezifischen Kreuzschmerz". Das trifft laut Patientenleitlinie bei mindestens 85 von 100 Menschen mit Kreuzschmerzen zu.

Kreuzschmerzen können chronisch werden und dann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben. Und auch die Volkswirtschaft leidet: Das Statistische Bundesamt gibt an, dass die Krankheitskosten im Jahr 2008 für die Diagnose Rückenschmerzen bei 3,5 Milliarden Euro lagen. Die Krankheitskostenrechnung zeigt auf, wie stark bestimmte Krankheiten und deren Folgen die deutsche Volkswirtschaft belasten.

Treffen kann es jeden. "Den typischen Rückenschmerzpatienten gibt es nicht", weiß Dr. Thomas Pauly, Orthopäde aus Düsseldorf. Natürlich gebe es Faktoren, die Rückenschmerzen begünstigen: "Wer den ganzen Tag sitzt und sich zu wenig bewegt, wird eher Probleme mit dem Kreuz bekommen." Er persönlich habe sich für die Orthopädie entschieden, weil er dachte, da hat man Knochen, Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke und dann funktioniert das. Tatsächlich spiele aber die Psyche eine enorme Rolle. "Nicht umsonst sagt der Volksmund: Er ist vom Schicksal gebeugt." Stress sei also nicht zu unterschätzen. "Wir wissen inzwischen, dass es auch zwischen nächtlichem Zähneknirschen und Rückenschmerzen einen Zusammenhang gibt", ergänzt Pauly.

Dass die Zahl der von Rückenschmerzen betroffenen Menschen zunimmt, zeigt die Langzeitstudie des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK), für die der Verband von 1998 bis 2008 rund 6.000 Bürger befragte: In diesen zehn Jahren haben Rückenschmerzen um ein Viertel zugenommen. Hatten es im Jahr 2008 schon 67 Prozent der Deutschen im Kreuz, waren es zehn Jahre zuvor "nur" 53 Prozent. Die meist gewählte Therapieform laut BKK-Studie: Medikamente. 2008 erhielten zwei von drei Patienten Pillen gegen ihr Leiden. Auf Platz zwei der Therapieliste steht Krankengymnastik, gefolgt von Massagen und Spritzen. Laut Studie haben auch Faktoren wie der Body Mass Index (BMI) oder die sportliche Betätigung einen großen Einfluss: Mit steigendem BMI, also mit steigendem Körpergewicht, nimmt die Rückenschmerzbetroffenheit deutlich zu. Wer gar keinen Sport treibt, ist häufiger von gelegentlichen und auch chronischen Rückenschmerzen betroffen.

Was die Studie im Übrigen auch verrät: Nur ein Drittel (36 Prozent) der Betroffenen suchten 2008 einen Arzt auf. 1998 waren es noch 57 Prozent. Auf den Trend, den Rückenschmerz selbst zu kurieren, hat die Industrie längst reagiert. Es gibt einen gewaltigen Markt für Geräte gegen Rückenschmerzen: Sogenannte Traktionsgeräte üben einen Zug auf die Wirbelsäule aus, versprechen so Linderung. Es gibt die klassischen Wärmekissen, Stützgürtel, die ruhigstellen. Die Hersteller von TENS-Geräten versprechen, Strom durch die Haut in die verspannten Muskeln zu leiten, sie so zu lockern. Und schließlich warten noch Hunderte von Trainingsgeräten auf Kunden, die ihre Rücken- und Bauchmuskeln aufbauen wollen, um das kranke Kreuz zu stützen.

Ob Geräte gegen Rückenschmerz heilen, verschwendete Zeit und Geld sind oder gar Schaden anrichten, hat ÖKO-TEST von Experten eines Institutes für Sportwissenschaften untersuchen lassen. Im Test waren insgesamt 16 Produkte, die außerdem noch in verschiedenen Laboren auf Schadstoffe untersucht wurden.

Das Testergebnis

Es gibt kein Allheilmittel gegen Rückenschmerzen: Einzelne Geräte können bei unspezifischen Rückenschmerzen durchaus wirksam sein, allerdings hängt das immer von den zugrunde liegenden Beschwerden ab. Eine pauschale Empfehlung gibt es also nicht. Die Mehrzahl der getesteten Geräte schneidet mit "ausreichend" oder schlechter ab. Etliche Produkte könnten besser dastehen, wenn sie nicht mit Schadstoffen belastet wären.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Aus dem umfangreichen Angebot an Geräten gegen Rückenschmerzen haben wir 16 Produkte im Versandhandel und bei Internethändlern eingekauft. Sie lassen sich in die Gruppen Traktion (Zugwirkung)/Dehnung, Wärmetherapie, Training, Stützgürtel und Reizstromtherapie einteilen. Die Auswahl umfasst Großgeräte, die die komplette Wirbelsäule strecken sollen, Wärme spendende Produkte, Stützvorrichtungen, die ruhigstellen, sowie TENS-Kleingeräte, die per transkutaner elektrischer Nervenstimulation Strom über Elektroden durch die Haut in verspannte Muskeln schicken. Bei unspezifischen Rückenschmerzen bringt oft schon Bewegung viel. Deshalb haben wir auch Trainingsgeräte im Test, die die Wirbelsäule stabilisieren und Muskeln aufbauen sollen.

Die Praxisprüfung
Um herauszubekommen, ob die Geräte gegen Rückenschmerzen nützen, sind wir noch einmal zur Uni gegangen. Am Institut für Sportwissenschaft und Motologie der Universität Marburg ließen Wissenschaftler die 16 Geräte von zwei Probandengruppen ausprobieren. Jeweils zehn gesunde Tester und zehn mit chronisch-unspezifischem Rückenschmerz testeten alles: vom Kirschkernkissen bis zum Überkopftrainer. Nach dem Gebrauch wurden die Probanden nach ihrer Meinung zu Handhabung, Anwendbarkeit und Wirkung befragt. Bei Geräten, die einen Einfluss auf die Haltung haben, nahmen die Forscher vor und nach der Anwendung einen Wirbelsäulenscan vor. Die Forscher dokumentierten und verglichen die relative Stellung der Wirbel zueinander. Bei Streck- und Dehngeräten erfolgten Messungen der Gesamtkörperstreckung und der Rumpfbeweglichkeit. Um die Wirkung der Geräte auf die Rumpfbeweglichkeit zu bestimmen, notierten die Wissenschaftler den Finger-Boden-Abstand beim Vornüberbeugen - vor und nach dem Gebrauch. Abschließend beurteilten die Forscher die Geräte aus trainingswissenschaftlich-biomechanischer Sicht, aus einem orthopädisch-medizinischem Blickwinkel und inwieweit die Geräte physiotherapeutisch wirken. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis und die Realisierung der Herstellerversprechen zur Wirksamkeit überprüften die Wissenschaftler.

Die Inhaltsstoffe
So unterschiedlich die Geräte gegen Rückenschmerzen sind, so verschieden gestaltet sich die Suche nach möglichen Schadstoffen in den Produkten. Waren Kunststoffteile und Schaumstofffüllungen angebracht oder enthalten, ließen wir die Labore zum Beispiel nach Weichmachern und chlorierten Kunststoffen suchen. Auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, von denen einige Verbindungen krebserregend sind, und schädliche zinnorganische Verbindungen können aus Produktionsrückständen enthalten sein. Platinen von Elektrogeräten ließen wir auf schädliche bromierte Flammschutzmittel analysieren.

Die Bewertung
Das ideale Gerät gegen Rückenschmerzen ist schadstofffrei und sein Geld wert. Und entscheidend ist natürlich, dass es wirkt. Deshalb fließt die Note der Praxisprüfung zu 70 Prozent in das Gesamturteil ein, das Testergebnis Inhaltsstoffe zu 30 Prozent. Damit ein "sehr gut" beim Testergebnis Inhaltsstoffe nicht aus einem unnützen Gerät ein mittelmäßiges macht, kann das Gesamturteil nicht besser sein als das Testergebnis Praxisprüfung. Das ist dann "gut", wenn das Gerät gegen Schmerzen wirkt und auch vom Käufer problemlos zu Hause angewendet werden kann. Handelt es sich beim Produkt um ein Trainingsgerät, welches laut Anbieter nicht direkt gegen Schmerzen wirken soll, beurteilten wir die Anwendbarkeit und den Trainingseffekt. Schließlich gab es für all die Geräte einen Notenabzug, die schlicht zu teuer waren für das, was sie bieten.

So haben wir getestet

Ein Scan der Wirbelsäule enthüllt, ob die getesteten Geräte die Haltung beeinflussen.