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Reaktionen: Zeitschrift Spiegel

ÖKO-TEST Januar 2013
vom 28.12.2012

Reaktionen: Zeitschrift Spiegel

Das Sturmgeschütz des Shitstorms

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28.12.2012 | Als "Sturmgeschütz des Shitstorms" hat der Journalist Christian Jakubetz in seinem Internetblogg vor einiger Zeit den Spiegel wegen eines Berichts über die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl bezeichnet - eine Anspielung auf das "Sturmgeschütz der Demokratie", als das der Spiegel in besseren Zeiten galt. Früher hatte man das Gefühl, so Jakubetz, dass "hier Journalismus im besten Sinne gemacht wurde. Sehr fakten- und eben durchaus auch meinungsstark. Inzwischen ist in vielen Fällen leider nur noch meinungsstark als Attribut übrig geblieben."

Mit dem Versuch, einen Shitstorm zuentfachen, hatten wir kürzlich zu tun. Da beschäftigte sich www.spiegel.de unter der Überschrift "ÖKO-TEST und Co. - Welche Lebensmittelsiegel wirklich taugen" mit 20 Siegeln auf Lebensmitteln. Das Ergebnis: ÖKO-TEST wurde mit einem gelben Daumen (weniger gut), andere wie der TÜV mit einem grünen Daumen (top) bewertet.

Lesen Sie beide Beschreibungen, dann ist klar, warum man die Bewertung im günstigsten Fall als willkürlich bezeichnen kann. An ÖKO-TEST wird beispielsweise kritisiert: "Die Vergabekriterien unterscheiden sich von Test zu Test" (was selbstverständlich ist, weil man Mineralwasser anders testet als Thunfisch). "Eine einfache Orientierung gibt das Siegel also nicht." Beim TÜV dagegen wird mit dem grünen Daumen honoriert, dass sich "die Regeln von Betrieb zu Betrieb unterscheiden" und die Ergebnisse nicht "wirklich vergleichbar sind".

Um zu wissen, dass unsere Tests nicht nur Hinweise darauf geben, ob "ein Produkt frei von gesundheitsschädlichen Stoffen ist", hätte der Autor nur ein ÖKO-TEST-Magazin zur Hand nehmen müssen. Dann hätte er beispielsweise den Test Putenfleisch gesehen mit dem Bericht über die miserablen Haltungsbedingungen. Oder er hätte auf unserer Internetseite nachschlagen können, wo wir über 100 Testverfahren darstellen, zum Beispiel, wie wir Waschmittel auf Waschwirkung testen oder Fahrradkindersitze auf Sicherheit.

Nicht nur willkürlich, sondern richtig bösartig ist der Hinweis bei ÖKO-TEST: "Die Hersteller müssen eine Gebühr zahlen, um mit der Auszeichnung werben zu dürfen." Eine solche Bemerkung findet sich nur noch bei dem einzigen mit einem roten Daumen nach unten bewerteten Siegel. Tatsächlich ist die Nutzung des ÖKO-TEST-Labels kostenlos, die Hersteller zahlen lediglich einmalig eine Bearbeitungsgebühr von 300 Euro. Denn wir müssen beispielsweise prüfen, ob sie das Label überhaupt verwenden dürfen (die Stiftung Warentest, die im Spiegel-Bericht nicht vorkommt, nimmt dafür 500 Euro). Bei den anderen Labeln, mit denen sich www.spiegel.de beschäftigt, müssen die Nutzer nicht nur die Testkosten selbst zahlen, sondern meistens auch noch eine umsatzabhängige Nutzungsgebühr. Insgesamt kommen so schnell mehr als 10.000 Euro Kosten zusammen.

Doch der Hinweis bei ÖKO-TEST führte zum vorhersehbaren Ergebnis. Wir bekamen Briefe wie den von Arianne Hahn. Sie schreibt: Wir mussten "sehr schockiert zur Kenntnis nehmen, das ÖKO-TEST sein Siegel an die Produzenten der Produkte verkauft. Pfui Teufel. Wir fühlen uns verarscht und betrogen und werden Ihre Zeitschrift mit Sicherheit nicht mehr kaufen."

Ganz schlimm wird es, wenn sich zu Willkür und Bösartigkeit noch Inkompetenz gesellt. So bewertet www.spiegel.de das EU-Biosiegel mit einem grünen, die Bio-Label verschiedener Anbieter wie Edeka und Rewe jedoch mit einem gelben Daumen. Zur Begründung hieß es: "Keine dieser Eigenmarken geht wesentlich über die Mindeststandards des staatlichen Bio-Siegels hinaus." Auf unsere Nachfrage, warum die Eigenmarken schlechter bewertet werden, obwohl sie höhere Anforderungen stellen als das EU-Siegel, schrieb uns der Autor Nicolai Kwasniewski: "Sollten sich die Konzerne dazu entschließen, die Standards für ihre Bio-Marken zu senken, können sie das tun, ohne dass der Verbraucher das mitbekommt. Sie müssten zwar darauf verzichten, das EU-Bio-Siegel auf ihre Produkte zu drucken, die Aufmachung könnte aber dieselbe bleiben." Das offenbart bemerkenswerte Inkompetenz. Denn jedes Bio-Produkt in der EU muss zumindest die Anforderungen des EU-Bio-Siegels erfüllen. Außerdem muss das Siegel auf jedes Bio-Produkt gedruckt werden. Von uns darauf aufmerksam gemacht, ergänzte Kwasniewski flugs seinen Artikel um folgende Passage: "Die Bio-Handelsmarken suggerieren durch ihre Namen und die Aufmachung, dass sie über die Vorgaben des Bio-Siegels hinausgehen. Sollten sich die Konzerne aber dazu entschließen, die Standards für ihre Bio-Marken zu senken, können sie das tun, ohne dass der Verbraucher das mitbekommt. Die Eigenmarken sind deshalb nur eingeschränkt zu empfehlen - sie bieten gegenüber dem staatlichen Siegel weniger Verlässlichkeit bei den Bewertungskriterien."

Auch das ist Unsinn, macht das Ganze aber zu einer Meinungsäußerung, die kaum angreifbar ist. Tatsächlich haben wir versucht, das Machwerk gerichtlich verbieten zu lassen. Doch mit dem Hinweis auf das Recht der freien Meinungsäußerung hat das Gericht nur in einem - unwesentlichen - Punkt eine einstweilige Verfügung erlassen.

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