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17 Vitaminpräparate für Schwangere im Test

ÖKO-TEST Oktober 2010
vom 24.09.2010

Vitaminpräparate für Schwangere

Heißes Eisen

Werdenden Müttern bietet die Industrie eine Reihe von Produkten an, damit es dem Fötus nicht an wichtigen Nährstoffen mangelt. Viele Anbieter schießen jedoch übers Ziel hinaus. Nur vier Produkte bekommen ein "sehr gut" oder "gut", sieben sind "ungenügend".

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24.09.2010 | Endlich schwanger! Spätestens jetzt ist für viele Frauen der Zeitpunkt gekommen, über eine gesunde Lebensweise nachzudenken. Schluss mit dem Rauchen, Wasser statt Wein, mehr Obst und Gemüse auf den Speiseplan - nur das Beste soll es für den Nachwuchs sein.

Knapp 96 Prozent der Frauen gaben in einer Umfrage für die Apothekenzeitschrift Baby und Familie an, alle von der Krankenkasse im Rahmen der Mutterschutzrichtlinie angebotenen Vorsorgeuntersuchungen genutzt zu haben. Ein Viertel der Mütter betonte, sie würden sich grundsätzlich gesund ernähren, vier von zehn Frauen sagten, während der Schwangerschaft noch bewusster auf eine ausgewogene Ernährung geachtet zu haben.

Für die gesamte Dauer der Schwangerschaft geht man von einem Mehrbedarf an Energie von täglich rund 255 Kilokalorien aus, also rund zehn Prozent mehr als normal. Der Mehrbedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen wird deutlich höher angenommen: 58 Prozent mehr Vitamin B6, 38 Prozent mehr Vitamin A, 100 Prozent mehr Eisen und 43 Prozent mehr Zink nennt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in ihren Zufuhrempfehlungen.

Zwar ist es durch eine bewusste Auswahl der Lebensmittel möglich, nur wenig mehr zu essen, aber zugleich den Anteil der Vitamine deutlich zu erhöhen. Bei Folsäure ist der Spagat aber praktisch nicht zu schaffen. Gerade junge Frauen nehmen nur etwa zwei Drittel der von der DGE empfohlenen Menge von 400 Mikrogramm (µg) Nahrungsfolat auf. Der Bedarf dieses B-Vitamins steigt mit der Schwangerschaft auf 600 µg. Zusätzlich empfiehlt unter anderem die DGE: "Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, sollten zusätzlich 400 µg synthetische Folsäure pro Tag in Form von Supplementen aufnehmen, um Neuralrohrdefekten vorzubeugen."

Da nimmt es nicht wunder, dass die Industrie Schwangere als Zielgruppe entdeckt hat. Die Palette der angebotenen Vitaminpillen reicht von simplen Präparaten, die lediglich Folsäure, Vitamin B12 und Jod enthalten, bis hin zu Multivitamin- und -mineralstoffprodukten mit oder ohne Fischöl mit der Omega-3-Fettsäure DHA oder mit probiotischen Bakterien. Aber ist das alles wirklich nötig? Oder werden Schwangere gar überversorgt?

Bis heute gibt es nur einzelne Empfehlungen zu bestimmten Nährstoffen, etwa Folsäure. Erst Ende September - und damit nach Drucklegung dieses Heftes - wollen sich Experten des Netzwerks Junge Familie zusammensetzen, um über ein Konsensuspapier zu beraten. Vertreten sind neben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, das Forschungsinstitut für Kinderernährung, die Nationale Stillkommission, das Bundesinstitut für Risikobewertung und der Deutsche Hebammenverband. Da aber nicht absehbar war, ob und wann sich die Runde einigen wird, einzelne Vertreter vorab auch keine Prognosen abgeben wollten, hat sich ÖKO-TEST bereits jetzt des Themas angenommen.

Dazu kauften wir 17 Vitaminpräparate für Schwangere ein. Diese sind als Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel im Verkehr. Unseren wissenschaftlichen Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, haben wir um eine Stellungnahme gebeten. Zusätzlich schickten wir Produkte mit Fischöl ins Labor, um den Gehalt an Omega-3-Fettsäuren zu überprüfen und nach Schwermetallen zu fahnden.

Das Testergebnis

Viel hilft nicht unbedingt viel: Nur vier Präparate schneiden mit "sehr gut" oder "gut" ab. Die Mehrzahl der Produkte fällt allerdings durch, da Schwangeren mit Vitaminen und Mineralstoffen aus der Gießkanne nicht geholfen ist. Alles, was über die Bestandteile Folsäure und Jod in den getesteten Produkten hinausgeht, ist mit einer angemessenen Ernährung zu decken. Viele Produkte enthalten Vitamine in Mengen, die weit über den tatsächlichen Bedarf hinausgehen.

Mit Vitaminen nach dem Gießkannenprinzip ist Schwangeren nicht geholfen

Sinnvoll ist die zusätzliche Einnahme von Folsäure vier Wochen vor und während des ersten Schwangerschaftsdrittels. Eine unzureichende Folatversorgung in der Schwangerschaft geht nicht nur mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburten und geringem Geburtsgewicht einher. Ein Mangel an Folsäure in der Frühphase der Schwangerschaft kann einen Neuralrohrdefekt, also einen offenen Rücken zur Folge haben. Mit der zusätzlichen Einnahme von 400 µg Folsäure verringert sich dieses Risiko um rund 75 Prozent. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schlägt eine Höchstmenge von 400 µg Folsäure in Nahrungsergänzungsmitteln vor. Neun Produkte enthalten allerdings zwischen 500 und 800 µg Folsäure und werden dafür um eine Note abgewertet.

Selbst bei guter Ernährung ist vor allem die Versorgung mit Folsäure und Jod kritisch

Jodmangel in der Schwangerschaft kann zu körperlicher und geistiger Behinderung des Kindes führen. Nach Rücksprache mit dem Arzt wird daher die zusätzliche Einnahme von 100 bis 150 µg Jodid empfohlen. Darüber hinausgehende Jodmengen (je 200 µg in drei Produkten) werten wir ab, zumal bei einer erhöhten Jodzufuhr eine Überfunktion der Schilddrüse und bestimmte Autoimmunerkrankungen nicht auszuschließen sind. Die Das gesunde Plus Folsäure 600 + B6 + B12, Depot-Tabletten enthalten kein Jod. Was kein Problem ist, wenn eine ausreichende Jodversorgung der Schwangeren gewährleistet ist und auch von ärztlicher Seite keine Bedenken bestehen. Allerdings sollte darüber auf der Verpackung informiert werden. Dies ist hier aber nicht der Fall und wird von uns als Deklarationsmangel gewertet.

Eisen wiederum sollte in Nahrungsergänzungsmitteln nicht enthalten sein. Schwangere haben zwar einen erhöhten Eisenbedarf, der aber gezielt und nur nach Rücksprache mit dem Arzt mit speziellen Präparaten gedeckt werden sollte. In acht Testprodukten steckt Eisen. Das werten wir um zwei Noten ab.

Omega-3-Fettsäuren sind wichtig - sollten aber aus fettem Meeresfisch kommen

Neun Präparate enthalten mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl, insbesondere Docosahexaensäure (DHA) in Mengen bis zu 340 mg pro empfohlener Tagesdosis. Schwangeren wird von verschiedener Seite, etwa der DGE, der Stiftung Kindergesundheit und der World Association of Perinatal Medicine, empfohlen, täglich im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA aufzunehmen - vorzugsweise aus zwei Portionen fettem Meeresfisch pro Woche. Die Fettsäure soll sich positiv auf die Entwicklung von Gehirn und Sehvermögen auswirken. Über einigen entsprechenden Health-Claims brütet die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA derzeit aber noch, andere hat sie bereits abgelehnt, weil sie die Zusammenhänge aufgrund der von den Anbietern eingereichten Daten als nicht ausreichend belegt ansieht. Das BfR empfiehlt Höchstmengen für die Anreicherung von Lebensmitteln mit Omega-3-Fettsäuren festzusetzen, unter anderem auch deshalb, weil die langfristigen Auswirkungen einer erhöhten Aufnahme bislang nicht abschließend geklärt seien. Professor Berthold Koletzko, Vorstand der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und Jugendmedizin und Experte auf dem Gebiet, ließ uns auf Anfrage mitteilen, aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Diskussion in der Expertengruppe "derzeit keine gesicherten Auskünfte" geben zu können.

So reagierten die Hersteller

Zum Thema Folsäure bat uns die Firma SteriPharm zu beachten, "dass die offizielle Dosierungsempfehlung von 400 µg Folsäure für die Kinderwunschphase und das erste Schwangerschaftsdrittel in wissenschaftlichen Kreisen als zu niedrig angesehen wird". Konkrete Zahlen werden in den Empfehlungen allerdings nicht genannt, es ist lediglich von "mindestens 400 µg Folsäure" die Rede. Anbieter Schaebens erklärt die verwendeten 600 µg Folsäure mit dem, von zwei europäischen Industrieverbänden der EU-Kommission vorgeschlagenen Höchstwert für Nahrungsergänzungsmittel.

Anbieter Mammutpharma erklärte: "Wir verzichten bewusst auf Fischöl/DHA." Dies nicht nur aus regulatorischen Gründen. Vielmehr seien die aktuell wieder aufkommenden Diskussionen "hinsichtlich der möglichen Aufnahme von Dioxinen, PCBs und Schwermetallen wie Quecksilber durch die Einnahme von Fischöl/DHA in den Mutterleib zu gravierend". Besonders geachtet habe man hingegen auf Vitamin D, da Deutschland ein Vitamin-D-Unterversorgungsland sei.



Nährstoffempfehlungen der DGE für Schwangere

Folsäure: 600 µg Nahrungsfolat + 400 µg synthetische Folsäure

Der Fötus benötigt Folsäure zur DNA-Synthese. Zwar deuten Studien an, dass eine noch höhere Zufuhr von Folsäure (bis 800 µg) Neuralrohrdefekte komplett verhindern kann. Da es sich dabei allerdings um ein komplexes Geschehen handelt, das nicht nur von der Folsäurezufuhr abhängt, orientieren wir uns an den Empfehlungen der DGE und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Vitamin B12: 3,5 µg

Alle getesteten Produkte enthalten neben Folsäure auch Vitamin B12. Dies ist sinnvoll, da sich die beiden Vitamine im Stoffwechsel ergänzen. Da Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln in nennenswerten Mengen vorkommt, ist die zusätzliche Einnahme für Vegetarier, insbesondere Veganer, wichtig.

Jod: 230 µg

Durchschnittlich nehmen Frauen nur 92 µg auf, selbst bei Verwendung von jodiertem Speisesalz sind es nur 185 µg, hat die Nationale Verzehrsstudie II ergeben. Der Körper benötigt Jod zum Aufbau von Schilddrüsenhormonen.

Vitamin D: 5 µg

Die Versorgung mit Vitamin D wird als kritisch eingestuft. Allerdings ist der Körper in der Lage, das fettlösliche Vitamin selbst in ausreichendem Maße zu bilden, wenn genügend UV-B-Licht die Haut erreicht. Aufgrund möglicher vorbeugender Wirkungen gegen eine Reihe von Erkrankungen wird eine höhere Zufuhrempfehlung diskutiert. Da sich aber der Bedarf während der Schwangerschaft kaum ändert, haben wir uns bei der Bewertung trotzdem an der vom BfR empfohlenen Höchstmenge von 5 µg Vitamin D für Nahrungsergänzungsmittel orientiert.

Eisen: 30 mg

Der Eisenbedarf verdoppelt sich während der Schwangerschaft von 15 mg auf 30 mg pro Tag. Trotzdem sollte Eisen nach Auffassung unseres wissenschaftlichen Beraters nur bei begründetem Verdacht und sorgfältiger Diagnose ergänzt werden. Das BfR sieht in der unkontrollierten und langfristigen Aufnahme von zusätzlichem Eisen gesundheitliche Risiken und rät daher von der Verwendung in Nahrungsergänzungsmitteln ab. Ergibt die ärztliche Untersuchung tatsächlich zu niedrige Eisenspiegel, stehen entsprechend hoch dosierte Eisenpräparate zur Verfügung.

Vitamin A: 1,1 mg (ab 4. Monat)

Der Fötus benötigt Vitamin A für die Lungenentwicklung. Daher sollte insbesondere im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel auf eine ausreichende Zufuhr geachtet werden. Nicht gesichert ist, ob hohe Dosen Vitamin A durch Umwandlung in Retinsäure das Ungeborene schädigen. Die getesteten Präparate enthalten kein Vitamin A, einige aber Betacarotin als Provitamin A. Für Betacarotin gibt es nur einen Schätzwert (2-4 mg), weil der Bedarf des Menschen noch nicht mit hinreichender Genauigkeit angegeben werden kann. Isoliertes Betacarotin wird kritisch gesehen, da nicht abschließend geklärt ist, bei welcher Dosis negative Wirkungen zu erwarten sind.



So haben wir getestet

Der Einkauf

Reine Folsäurepräparate hat ÖKO-TEST schon häufiger getestet. In den vergangenen Monaten sind uns jedoch immer mehr Produkte aufgefallen, die mehr als nur das eine B-Vitamin enthalten und zur Deckung des in Schwangerschaft und Stillzeit erhöhten Bedarfs beitragen sollen. Eingekauft haben wir dann in Apotheken und Drogerien. Um das Testfeld möglichst einheitlich zu gestalten, wurden ausdrücklich als "jodfrei" oder "ohne Jod" gekennzeichnete Produkte nicht berücksichtigt.

Die Begutachtung

Unser wissenschaftlicher Berater Professor Manfred Schubert-Zsilavecz ist der Frage nachgegangen, inwieweit der erhöhte Nährstoffbedarf in der Schwangerschaft mit angemessener Ernährung und Lebensführung zu decken ist, und wann es selbst dann noch problematisch werden kann. Und siehe da: Außer der zusätzlichen Einnahme von Folsäure und Jodid erachtet er viele Zutaten als überflüssig.

Inhaltsstoffe und Deklaration

Quelle für die auf vielen Produkten ausgelobte Omega-3-Fettsäure DHA ist Fischöl. Dieses kann mit Schwermetallen und fettlöslichen Umweltgiften wie Dioxinen, PCBs und PAKs verunreinigt sein. Allerdings sind die Öle hochgradig aufbereitet und nach den Erfahrungen der Untersuchungsämter eher unauffällig. Trotzdem haben wir auf Schwermetalle analysieren lassen. Erfreulicherweise waren Arsen und Quecksilber gar nicht nachweisbar, Spuren von Cadmium lediglich in drei Fällen. Auch am deklarierten DHA-Gehalt gab es nichts zu mäkeln: Häufig enthielten die Produkte sogar deutlich mehr DHA als angegeben.

Die Bewertung

Da die Präparate von der Aufmachung her sehr ähnlich sind, haben wir für Nahrungsergänzungsmittel und diätetische Lebensmittel die gleichen Kriterien angelegt. Für Vitamine und Mineralstoffe in Mengen, die über die Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung für Nahrungsergänzungsmittel hinausgehen, gab es Abwertungen: Zwei Noten haben wir immer dann abgezogen, wenn die entsprechenden Nährstoffe gar nicht enthalten sein sollten (Eisen, Kupfer, Mangan) oder die Gefahr der Anreicherung im Körper besteht (das fettlösliche Vitamin D). Auch die Zugabe von Betacarotin (Provitamin A) sehen wir kritisch: Zum einen hat sich die Aufnahme von isoliertem Betacarotin als gesundheitlich bedenklich erwiesen, zum anderen sichert bereits die übliche Ernährung den Vitamin-A-Bedarf.