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20 Einweggeschirr aus nachwachsenden Rohstoffen im Test

ÖKO-TEST Juni 2018
vom 24.05.2018

Einweggeschirr aus nachwachsenden Rohstoffen

Weg Damit

Plastikfreies Einweggeschirr liegt im Trend. Doch wie gut sind diese Produkte aus Palmblättern, Zuckerrohr und Polymilchsäure wirklich? Durchwachsen: In einigen stecken Schadstoffe und Schimmel, ein Teller enthält sogar das Pestizid DDT.

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24.05.2018 | Der Imbisskunde der Zukunft kann die Verpackung gleich mitessen. Von 2020 an sollen Snacks der Schnellrestaurantkette Nordsee in Behältern aus Meeresalgen über die Ladentheke gehen. Wer sich scheut, in die vom Alfred-Wegener-Institut und der Hochschule Bremerhaven entwickelte Verpackung zu beißen, kann zumindest sicher sein, dass sie nach dem Wegwerfen schnell verrottet - im Gegensatz zu Alufolie oder Styropor.

Dies ist eines von vielen Beispielen, wie Industrie und Wissenschaft derzeit an unterschiedlichsten Verpackungsmaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen arbeiten. Ob Maisstärke, Zuckerrohrfasern, Kaffeesatz oder Gras - der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Was für Verpackungen gilt, gilt längst auch für andere Einwegprodukte. Angesichts der Vermüllung des Planeten mit Plastik sind Menschen allerorten auf der Suche nach Alternativen. Wer sich heute im Handel etwa nach Einweggeschirr umschaut, findet Teller aus Palmblättern oder Weizenkleie und Becher aus dem biokompatiblen Kunststoff PLA (Polymilchsäure).

Können Öko-Bewusste bedenkenlos zugreifen? Umweltexperten sind, vor allem in Bezug auf sogenannte Bio-Kunststoffe, skeptisch. "Hersteller und Händler, die Bio-Plastik einsetzen, bewerben ihre Produkte häufig als ‚umweltfreundlich', ‚grün' oder ‚öko'. Unabhängig vom eingesetzten Rohstoff ist die Herstellung von Kunststoffen sehr ressourcen- und energieintensiv", heißt es etwa in einer Stellungnahme der Deutschen Umwelthilfe. Viele dieser Kunststoffe bauten sich ähnlich langsam ab wie konventionelles Plastik. Durch das sogenannte Bio-Plastik könne sich das Problem der Vermüllung sogar noch verschärfen, da es suggeriere, es sei biologisch abbaubar.

Es gibt Zweifel, ob die Kompostierung dieser Kunststoffe perspektivisch überhaupt sinnvoll ist. Es "entstehen keine wertgebenden Kompostbestandteile wie Nährstoffe und Mineralien oder bodenverbessernder Humus, sondern ausschließlich CO2 und Wasser", heißt es in einem Infopapier des Umweltbundesamts. Fraglich sei auch, ob die Rottezeiten in industriellen Kompostierbetrieben überhaupt eingehalten werden könnten. Eine Hausgartenkompostierung scheide - wegen der fehlenden Wärmebehandlung - ganz aus.

Ein weiteres Problem: Sowohl der Verbraucher als auch das Personal der Bio-Abfallanlagen kann die abbaubaren Kunststoffe nur schwer von den herkömmlichen unterscheiden. "Dies kann zu erhöhten Fehlwürfen und damit Verunreinigungen in der Bio-Tonne führen. Zum anderen werden beide Materialien mangels Unterscheidbarkeit zum Großteil als Fremdstoffe in der Vorsortierung ausgelesen", informiert der Verband kommunaler Unternehmen (VKU).

Bei Palmblättern und Bagasse (Zuckerrohr) sieht es mit der Kompostierbarkeit besser aus, wie eine Studie der Schweizer Umweltberatungsfirma Carbotech und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt. Allerdings steht auch hier eine ressourcen- und energieintensive Herstellung einer relativ kurzen Nutzungsdauer entgegen.

Also doch besser ga

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 20 Einweggeschirre eingekauft. 13 Teller und Schalen sowie sieben Becher aus unterschiedlichen Materialien, die als "kompostierbar", "biologisch abbaubar" oder "aus nachwachsenden Rohstoffen" ausgelobt sind: Palmblätter, Laub, Zuckerrohr, Pappe und Bio-Kunststoffe auf Basis von Polylactid (PLA), der aus Mais und Rüben hergestellten Polymilchsäure.

Die Inhaltsstoffe
Alle Produkte wurden umfangreich auf Schadstoffe untersucht. Die Labore prüften, je nach Material, auf Formaldehyd, Schwermetalle, halogenorganische Verbindungen, Phthalate und andere Weichmacher sowie auf Melaminkunstharz. Die Produkte aus Palmblättern und Laub analysierten die Experten zusätzlich auf Pestizide, Keime und Schimmelpilze.

Bei Geschirr, das sich für Heißgetränke oder Suppen eignet, wollten wir wissen, ob es auch wirklich dicht hält, wenn es mit heißer Flüssigkeit gefüllt ist. Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen riechen mitunter unappetitlich. Geschulte Sensoriker testeten deshalb für uns alle Produkte auf ihre Aromaintensität.

Die Weiteren Mängel
Auslobungen wie "kompostierbar", "biologisch abbaubar", "fair" und "aus nachhaltiger Forstwirtschaft" verbuchen wir unter den Weiteren Mängeln, wenn sie uns der Anbieter nicht belegen konnte.

Die Bewertung
Für jeden problematischen Inhaltsstoff gibt es Notenabzug, der bei besonders bedenklichen Pestiziden stärker ausfällt. Aber auch für Werbung mit nicht belegten Aussagen gibt es Abzüge, die sich auf das Gesamturteil auswirken.

So haben wir getestet

Unter dem Mikroskop fanden die Laborexperten Schimmel, Bakterien, Milbenkot und wie hier im Bild Hefepilze.