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9 Kinderteppiche im Test

Jahrbuch Kleinkinder 2018
vom 18.01.2018

Kinderteppiche

Das Spiel ist aus

Kinderteppiche laden Kinder zum Toben und Träumen ein. Im Test überzeugte die Qualität der meisten Matten. In einigen Teppichen stecken allerdings problematische Inhaltsstoffe.

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18.01.2018 | Straßen, Bauernhöfe, Comic-Helden und ganze Ritterburgen: Motivmatten machen das Kinderzimmer gemütlich und laden zum Toben und Träumen ein. Bei all den Vorzügen vergessen Eltern schnell, um was für ein sensibles Produkt es sich handelt. Kleinkinder sabbern auf den Matten, der Nachwuchs liegt beim Spielen oft stundenlang darauf, reibt Arme und Handflächen über die Fasern und kann so Schadstoffe über Haut und Mund aufnehmen. Welche verboten sind und wie viel drin sein darf, steht allerdings nicht klar fest. Denn Kinderteppiche sind nicht eindeutig Spielzeug, für das die EU-Spielzeugrichtlinie gilt: "Teppiche werden dann zu einer Spielware, wenn ein Spielwert vorliegt. Das ist bei einem Teppich mit abgebildeten Straßen der Fall. Ein Teppich, der nur ein dekoratives Bild aufweist, ist keine Spielware", erklärt Achim Ginkel vom Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz.

Was derzeit alles in Kinderteppichen steckt und ob sich die Matten elektrostatisch aufladen lassen, haben wir geprüft und neun Produkte in die Labore geschickt.

Das Testergebnis

Wir können sechs Produkte mit der Note "gut" empfehlen. Doch zwei Teppiche rasseln aufgrund der darin nachgewiesenen Inhaltsstoffe mit "ungenügend" durch unsere Prüfungen.

Der spanische Hersteller Lorena Canals preist seinen Kinderteppich Casita im Netz schlicht falsch als "schadstofffrei" an: Unser Labor fand Anilin in großen Mengen in der Matte. Der Farbstoffbestandteil steht bisher "nur" unter Verdacht, bei Hautkontakt über längere Zeiträume für Blasenkrebs zu sorgen. Es existiert deshalb kein gesetzlicher Grenzwert.

In der Rückseite des Jako-o Spielteppich Ritter wies das von uns beauftragte Labor den fortpflanzungsschädigenden Weichmacher DEHP nach - in einem Gehalt unterhalb des Grenzwerts, der für Spielzeug gilt. Zudem enthält der Teppich DEHT. Ob der Weichmacherersatz gesundheitlich unbedenklich ist, ist nicht zweifelsfrei geklärt.

Um das Sensibilisierungsrisiko für eine Latexallergie möglichst niedrig zu halten, sollte ein Kinderteppich gänzlich frei von Latexproteinen sein. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn es Schleich nicht gelingt, seinen Teppich ohne die Eiweiße zu produzieren.

Unseren Praxistest bestehen so gut wie alle Teppiche. Von keinem löste sich Farbe in Schweiß- oder Speichelsimulanzien. Nur einer fällt in puncto Elektrostatik auf. Wer Handflächen und Schuhe auf dem Jako-o Spielteppich Ritter reibt, kann ihn mit 2.000 Volt Spannung laden - viel zu viel fürs Kinderzimmer.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben neun Teppiche eingekauft. Darunter sind sowohl Spielteppiche im engeren Sinn mit aufgedruckten Straßen und Bauernhöfen als auch eher dekorative Kinderteppiche, etwa mit Motiven von Trickfiguren, Teppiche teurer Marken ebenso wie die Billigvarianten aus Möbelhäusern und Onlinehandel. Die günstigste Matte kostet 19,99, die teuerste 179 Euro. Die Teppiche bestehen überwiegend aus Acryl, Nylon und Polyester. Aber auch ein Teppich aus Baumwolle und einer aus Schurwolle kamen in die Labore.

Die Inhaltsstoffe
Kinderteppiche werden überwiegend im Tuftingverfahren gefertigt. Dabei wird das Garn in vorgefertigtes Trägermaterial eingestochen, ein Gewebe meist aus Polyester oder Polypropylen. Die Webmaschine fixiert dann die Fäden von unten, etwa mit Klebstoff oder Polyurethanschaum. Da kann einiges an problematischen Stoffen zusammenkommen, weshalb wir die Teppiche etwa auf hormonwirksame Weichmacher, allergisierende optische Aufheller und Latexproteine sowie krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und chlorierte Verbindungen untersuchen ließen. Über den Färbeprozess können halogenorganische Verbindungen in die Teppiche gelangen, über die Farben allergisierende Dispersions- oder krebserregende Azo-Farbstoffe, aber auch Schwermetalle. Die verarbeiteten Garne dünsten möglicherweise auch aus, weshalb wir nach flüchtigen organischen Verbindungen fahnden ließen. Weil wir ein schimmelanfälliges Schurwolleprodukt berücksichtigten, war zudem ein Check auf aufgebrachte Pestizide unumgänglich.

Der Praxistest
Oberflächen aus Kunststoffen können sich elektrostatisch aufladen. Es genügt, wenn das Kind beim Spielen mit Kleidung reibt oder mit der Hand oder dem Fuß über den Teppich streicht. Und Kinder verbringen sehr viel Zeit auf Spielteppichen. Eine zu hohe elektrostatische Oberflächenspannung wirkt sich negativ auf das Raumklima aus, da die Spannung Staub und Schadstoffe aufwirbelt. Baubiologen haben diese Elektrizität unter realistischen Alltagsbedingungen erzeugt und gemessen. Interessiert hat uns auch, ob die Teppiche schweiß- und speichelbeständig sind.

Die Bewertung
ÖKO-TEST macht es wie Eltern es tun: Geht es ums Kindeswohl, gibt es keine Kompromisse. Bestenfalls bereitet ein Spielteppich über lange Zeit Spielspaß - aber nur wenn er frei von Schadstoffen ist. So kann das Gesamturteil nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis der Tests Inhaltsstoffe und Praxisprüfung.

So haben wir getestet

Durch Reibung entsteht Spannung - wir ließen sie im Labor nachmessen.

Online abrufbar