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ÖKO-TEST Oktober 2016
vom

Stillkissen und -bezüge

Gut gepolstert

Stabil und doch biegsam. Um das zu erreichen, werden Stillkissen mit kleinen Kunststoffperlen, Polyesterwatte oder Schaumstoffen gepolstert. Wer es natürlich will, greift lieber zu Füllungen aus Getreidespelz. Was aber ist die bessere Wahl? Unser Test zeigt: Vor- und Nachteile bringen beide - Kunst- wie Naturstoffe.

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29.09.2016 | Praktisch ist es, so ein langes wurstförmiges Kissen. Eine Mutter kann sich ein Stillkissen bequem als Stütze unter den Rücken oder den Ellbogen schieben und so beim Stillen in aufrechter Sitzposition Wirbelsäule, Arme und Schultern entlasten. Sie kann es auch für eine entspannte Seitenlage im Liegen nutzen. Und schläft das Kind ein, was beim Stillen häufig geschieht, kann man es zu einer Schlaufe formen und dem Baby eine Art Nest bauen, um es kurzzeitig abzulegen.

Doch was knistert und raschelt eigentlich darin? Welche Füllungen sorgen dafür, dass Stillkissen zugleich so flexibel und fest sind? Wer sich auf dem Markt umsieht, wird feststellen, dass es mittlerweile ein breites Spektrum unterschiedlicher Füllmaterialien gibt: Mikroperlen aus Polystyrol, Schaumstoff aus Polyurethan, Elastoiden aus Latexflocken, Polyesterwatte, Schurwolle und Dinkelspelz. Welche Vor- und Nachteile bringen sie jeweils? ÖKO-TEST hat sich die Materialien einmal näher angeschaut.

Polystyrol (Mikroperlen)

In den meisten hierzulande erhältlichen Stillkissen stecken kleine Kügelchen aus dem Kunststoff Polystyrol oder EPS (Expandiertes Polystyrol). Zusammengebacken kommen sie auch in Styropor und Dämmstoffen zum Einsatz. EPS-Mikroperlen haben einen Durchmesser von 0,5 bis 1,5 Millimeter. Größere Kugeln messen zwischen 1,5 und 2,5 Millimeter. Chemiekonzerne produzieren ein Granulat, das mit dem Treibmittel Pentan und Wasserdampf bei hohen Temperaturen zu Polystyrolperlen aufschäumt, je nachdem wie stark, werden sie kleiner oder größer. Verwendung finden die kleinen Kunststoffkugeln häufig auch als Füllung in Sitzsäcken.

Vorteile: Kissen mit EPS-Kügelchen sind sehr leicht. Die Perlen sind geräuscharm und passen sich dem Körper an, je kleiner desto besser. Sie nehmen die Körperwärme an. Das Material ist kostengünstig, hygienisch und antiallergisch.

Nachteile: Polystyrol wird durch Polymerisation von Styrol hergestellt. Styrol ist gesundheitlich bedenklich, wenn man es einatmet. Geruchssensible können schon relativ geringe Mengen davon riechen. Im fertigen Polystyrol sollte möglichst kein reines Styrol mehr vorhanden sein. Das hängt jedoch von der Produktion und einer Nachbehandlung durch Entgasen ab. Die Styrolmonomere sind relativ fest eingeschlossen, gasen aber mit der Zeit aus. Im Rahmen der europäischen Chemikalienverordnung Reach wurde der Stoff unlängst neu bewertet. Demnach kann er vermutlich das Kind im Mutterleib schädigen. Außerdem können Schäden an Hörorganen auftreten. Ausgasendes Styrol reizt zudem Augen und Haut. Polystyrol ist stark brennbar und muss in Dämmstoffen mit Flammschutzmitteln ausgerüstet werden. In einigen Ländern wird das auch für Polstermöbel gefordert.

Dinkelspelz

Getreidespelz wird seit Jahrhunderten für Kissen verwendet, auch wenn es lange in Vergessenheit geraten war. Bei Spelzen handelt es sich um die robusten, getrockneten Hülsen des Getreidekorns. Sie bleiben als Abfallprodukt bei der Getreideernte übrig. Erst kurz vor der Weiterverarbeitung werden Spelz und Korn getrennt. Neben Dinkelspelz werden auch Stillkissen mit Füllungen aus Hirse- und Buchweizenschalen angeboten.

Vorteile: Der Spelz passt sich wie Sand dem Körper an. Zudem speichert er die Körperwärme. Das Rieselgeräusch beim Wechsel der Ruhepositionen kann als entspannend (aber auch störend) empfunden werden. Das organische Material stellt kaum eine Belastung für die Umwelt dar. Anders als bei Kunststofffüllungen besteht zudem wenig Gefahr, dass es mit chemisch-synthethischen Schadstoffen belastet ist. Voraussetzung ist allerdings, dass der Spelz aus kontrolliert biologischem Anbau stammt, da die Getreidehülsen ansonsten Pestizidrückstände enthalten können.

Nachteile: Dinkelkissen haben ein vergleichsweise hohes Gewicht. Zudem verliert der Spelz trotz seiner Robustheit mit der Zeit durch Abrieb an Volumen. Der größte Nachteil aber ist: Er kann stark mit Bakterien, Schimmelpilzsporen und Mykotoxinen (Schimmelpilzgiften) belastet sein - und zwar nicht erst mit Gebrauch, sondern schon ab Werk. Aufgrund von Feuchtigkeit, die durch Schweiß, Speichel oder Tröpfchen von Muttermilch entstehen kann, kann sich die Keimbelastung noch erhöhen. Die Kissen müssen deshalb stets gut gelüftet und trocken gehalten werden. Nach längerem oder häufigerem Gebrauch sollte die Füllung komplett ausgetauscht werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt, dass es "zu erheblichen mikrobiellen Besiedlungen kommen kann" und damit "gesundheitliche Risiken für den Verbraucher einhergehen" können. Die Gefährdung stuft das BfR jedoch insgesamt als geringfügig ein. Risiken bestehen allerdings für Allergiker und Atoptiker (Personen, die leicht eine Allergie bekommen). Über die Luft können Partikel eingeatmet werden und bei sensibilisierten Personen zu Asthma, Schnupfen oder Augenreizung führen.

Polyesterwatte

Synthetischer Polyester wird bereits seit rund hundert Jahren hergestellt. In größerem Stil kommt er seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Textilien zum Einsatz. Als Kissenfüllungen gibt es ihn in Form von Flocken, Hohlfaserkügelchen oder Polysticks. In Stillkissen ist er meist watteförmig.

Vorteile: Polyester ist weich und bleibt dauerhaft elastisch. Da er sich gut bei 60 Grad Celsius waschen lässt und seine Form nach kurzem Schütteln wiedergewinnen kann, wird er gern für Allergiker empfohlen.

Nachteile: Polyestergewebe können Rückstände von Antimon enthalten. Bei der Produktion werden Antimonoxide als Katalysator verwendet. Das problematische Halbmetall kann sich zum Beispiel durch Schweiß aus den Fasern lösen und Haut und Schleimhäute reizen. Der Stoff gelangt primär über die Haut in den Körper.

Naturlatex (Flocken)

Als Latex wird der Milchsaft der Kautschukpflanze bezeichnet. Indigene Völker Amazoniens nutzen ihn seit Jahrtausenden. Nach Europa kam das Ausgangsmaterial für Gummi mit der Entdeckung Amerikas. Die Geburtsstunde der modernen Gummiproduktion schlug 1840, als Charles Goodyear das Vulkanisierungsverfahren entwickelte. Dadurch gelang es, das Material dauerhaft elastisch zu machen.

Vorteile: Weich wie Gummi - die Redewendung sagt schon, wo die Vorteile von Latexflocken in Stillkissen liegen.

Nachteile: Latex ist als Kissenfüllung relativ schwer. In Naturkautschuk können krebserregende Nitrosamine stecken, die beim Vulkanisierungsprozess, ohne die auch Naturlatex nicht auskommt, entstehen können. Im Gegensatz zu synthetisch hergestelltem Gummi können in Naturkautschuk zudem Latexproteine stecken. Der Milchsaft der Kautschukpflanze enthält davon mehr als 250 verschiedene, von denen einige Allergien auslösen können. Der Gehalt an Latexproteinen lässt sich aber bei der Herstellung durch Waschprozesse minimieren.

Schaumstoff (Polyurethan)

Schaumstoffe in Stillkissen werden in der Regel auf Basis von Polyurethan hergestellt. Polyurethane sind Kunststoffe oder Kunstharze, die aus einer Reaktion von Isocyanaten mit Polyolen entstehen.

Vorteile: Der Schaumstoff ist leicht, weich und elastisch.

Nachteile: Wie fast alle Schaumstoffe fördert er das Schwitzen. Mit geeigneten Bezügen lässt sich das zumindest reduzieren. Isocyanat, das bei der Herstellung eingesetzt wird, ist stark giftig und krebsverdächtig. Nach dem Schäumen ist es jedoch in der Regel nicht mehr nachweisbar.

Schurwolle

Schurwolle eignet sich nicht nur besonders gut für weiche, wärmende Kleidung. Sie wird auch als Füllung von Kissen eingesetzt.

Vorteile: Schurwolle ist weich und warm. Sie ist ein nachwachsender Rohstoff und belastet damit kaum die Umwelt.

Nachteile: In Schurwolle finden sich immer wieder Rückstände von Insektiziden und Fungiziden. Manche stammen noch aus der Schafzucht, bei der die Tiere zur Schädlingsabwehr damit behandelt werden. Mitunter werden aber auch Gifte wie Permethrin zur Mottenbekämpfung während der Weiterverarbeitung und Lagerung verwendet. Bei Schurwolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung verpflichten sich die Züchter, auf Insektizide zu verzichten.

ÖKO-TEST hat 14 Stillkissen mit den genannten Füllungen eingekauft und in die Labore geschickt, um sie auf die jeweils materialtypischen Schadstoffe hin untersuchen zu lassen. Elf Kissen erhielten wir inklusive Bezug, drei ohne. Für Letztere erwarben wir jeweils passende Bezüge, die wir ebenfalls auf Schadstoffe prüfen ließen.

Das Testergebnis

Mehr als die Hälfte in Ordnung. Mehr als 50 Prozent der Produkte können wir empfehlen. Acht von 14 Stillkissen - mit und ohne Bezug - bekommen von uns ein "sehr gut" oder "gut". Diese Noten erhalten auch alle drei einzeln getesteten Stillkissenbezüge.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben insgesamt 17 Produkte in Kaufhäusern, bei Babyausstattern und Onlinehändlern eingekauft: elf Stillkissen mit Bezügen, drei ohne und drei einzelne Bezüge. Am häufigsten auf dem Markt sind Stillkissen mit Mikroperlen aus Polystyrol oder EPS (Expandiertes Polystyrol), Schaumstoff und Polyesterwatte. Wir haben acht Stillkissen mit solchen Kunststofffüllungen ausgewählt. In vier Produkten stecken Getreidespelzen und in jeweils einem Schurwolle und Latexflocken.

Die Inhaltsstoffe
Aus Polystyrolfüllungen kann Styrol ausgasen, das beim Einatmen gesundheitsschädlich sein kann. Selbstverständlich stand diese Substanz bei solchen Füllungen im Fokus der Laboranalysen. Zudem wollten wir wissen, ob in Kunststofffüllungen schädliche zinnorganische Verbindungen stecken und sich aus Polyester giftiges Antimon löst. Die Naturfüllungen haben wir auf Pestizidrückstände aus der Landwirtschaft überprüft, diejenigen mit Getreidespelzen zusätzlich auf Sporen und Schimmelpilze, die bei Allergikern und Menschen mit Neigung zu Allergien Symptome auslösen oder eine Sensibilisierung bewirken können. Das einzige mit Latexflocken gefüllte Kissen im Test wurde in einer aufwendigen Prüfkammeruntersuchung auf ausgasende, krebserregende Nitrosamine getestet. Alle Bezüge - überwiegend gefärbte Baumwolle - haben wir auf problematische Farbbestandteile testen lassen sowie auf umstrittene halogenorganische Verbindungen und Formaldehyd/-abspalter, die zur Textilveredelung eingesetzt werden. Zudem wollten wir wissen, ob sich bedenkliche Schwermetalle wie das Allergen Nickel aus den bunten Aufdrucken, Applikationen und Stoffen lösen können.

Bewertung
Stillkissen und -bezüge kommen direkt mit Babys Haut in Berührung. Ausdünstungen aus Kunststofffüllungen sowie Sporen und Schimmelpilze aus Naturfüllungen können zudem über die Atemwege in die Lunge geraten. Die Produkte können im Gesamturteil nur "sehr gut" sein, wenn sie keine problematischen oder umstrittenen Inhaltsstoffe enthalten.

So haben wir getestet

Mit dem bloßen Auge ist der Befall der Spelzen mit Sporen nicht zu erkennen.