Startseite

ÖKO-TEST September 2015
vom

Kinderteppiche

Das Spiel ist aus

Kinderteppiche laden Kinder zum Toben und Träumen ein. Im Test überzeugte die Qualität der meisten Matten. In vier Teppichen stecken allerdings sehr problematische Inhaltsstoffe, das Haba-Produkt ist aus unserer Sicht nicht verkehrsfähig.

13843 | 495
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

28.08.2015 | Über die Dächer huscht ein dunkler Schatten, aus den Fenstern brennt es lichterloh. Mit gewaltigen Schwingen reißt Dagomir im Sinkflug noch die Bauklotzmauer ein. Dann landet der Plastikdrache auf der großen Kreuzung und der Teppich mit der aufgedruckten Stadt ist erobert. Doch die Playmobil-Indianer geben nicht auf. "Wuh hu uh uh", heult Theo und klopft sich mit der flachen Hand auf den Mund. Auf allen vieren rutscht der Fünfjährige herum, stellt die Spielfiguren neu vor sich auf. Pfeile zischen vor den Augen des Jungen über den Teppich. Schließlich sinkt das feuerspeiende Fabeltier getroffen auf den Bodenbelag.

Eine typische Szene, wie sie Kinder mit ein wenig Fantasie oft auf bunt bedruckten Teppichen erleben. Straßen, Bauernhöfe, Comic-Helden und ganze Ritterburgen: Motivmatten machen das Kinderzimmer gemütlich und laden zum Toben und Träumen ein. Weil sie auch ordentlich Lärm schlucken, freuen sich nicht nur die Eltern, sondern auch die Nachbarn über einen Kinderteppich. Bei all den Vorzügen vergessen Eltern schnell, um was für ein sensibles Produkt es sich handelt. Kleinkinder knabbern und sabbern an und auf den Matten. Der Nachwuchs liegt beim Spielen oft stundenlang darauf, reibt Arme und Handflächen über die Fasern, kann so Schadstoffe über Haut und Mund aufnehmen. Welche verboten sind und wie viel drin sein darf, steht allerdings nicht klar fest. Denn Kinderteppiche sind nicht eindeutig Spielzeug, für das die EU-Spielzeugrichtlinie gilt: "Teppiche werden dann zu einer Spielware, wenn ein Spielwert vorliegt. Das ist bei einem Teppich mit abgebildeten Straßen der Fall. Ein Teppich, der nur ein dekoratives Bild aufweist, ist keine Spielware", erklärt Achim Ginkel vom Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz.

Dieter Bohn vom Landesbetrieb Hessisches Landeslabor ergänzt: "Es handelt sich um Einzelfallentscheidungen. Ist eine Einordnung als Spielzeug nicht vorzunehmen, so handelt es sich um Bedarfsgegenstände, die länger mit der Haut in Berührung kommen." Für die würden dann die laxeren Werte der EU-Chemikalienverordnung REACH gelten. Ob die Matte fürs Kinderzimmer nun Spielzeug oder Bedarfsgegenstand ist: Gesetzliche Pflichtkontrollen wie etwa bei Verlegeteppichen gibt es für die sogenannten abgepassten textilen Bodenbeläge nicht. Die Industrie setzt - wenn überhaupt - auf freiwillige Qualitätskontrollen.

Zu kaufen gibt es unüberschaubar viele Spielmatten, meist als Stückware für teils weniger als fünf Euro. Solche Preise machen in der Herstellung billige Kunststofffasern wie Acryl, Nylon, Polyester und Polyamid möglich. Sie sind im Vergleich zu Naturfasern technisch einfacher zu bedrucken. Und Importe: Das Gros der zugeschnittenen und eingefassten Velours- und Schlingenteppiche stammt dem Statistischen Bundesamt zufolge aus Belgien, den Niederlanden, der Türkei, aus Ägypten oder China. Gefertigt werden sie dort meist industriell. Nur bei aufwendigeren Motiven wird noch mit der Hand bestickt. Beim maschinellen Tuften stechen Tausende Nadeln die Fasern durch ein Trägermaterial, in der Regel ein engmaschiges Gewebe oder Vlies aus Polyester oder Polypropylen. Von unten werden die Fäden dann mit Polyurethanschaum, Klebstoff oder Latex fixiert.

Das viele Plastik kann krank machen: Als wir zuletzt im Jahr 2002 Spielteppiche unter die Lupe nahmen, fand sich in einigen Testkandidaten eine ganze Batterie von karzinogenen Schadstoffen. Drei von 13 überprüften Matten enthielten erhöhte Mengen aromatischer Kohlenwasserstoffe wie Toluol oder Xylol. Solche leicht flüchtigen Lösemittel schädigen das Nervensystem, einige können Krebs erregen. In fünf Matten fanden die Prüfer damals halogenorganische Verbindungen. Viele von ihnen lösen Allergien aus, manche erzeugen Krebs. In zwei Teppichen spürten wir zudem Antimon auf, das Hersteller in der Produktion von Kunststoffen als Katalysator einsetzen. Das Halbmetall kann die Haut reizen.

Hat sich die Teppichqualität nun - dreizehn Jahre später - verbessert? Was aktuell alles in Kinderteppichen steckt und ob sich die Matten elektrostatisch aufladen lassen, haben wir geprüft und 15 Produkte in die Labore geschickt.

Das Testergebnis

Die Qualität hat sich nicht gesteigert. Im Jahr 2002 erhielten acht von 13 Spielmatten die Note "gut", zwei waren "befriedigend" und je eine "ausreichend", "mangelhaft" und "ungenügend". Diesmal können wir zwar neun von 15 Produkten empfehlen: achtmal mit "gut", einmal sogar mit "sehr gut". Zwei bewerten wir mit "befriedigend". Doch insgesamt vier Teppiche rasseln mit "ungenügend" komplett durch unsere Prüfungen. Einer davon hätte aus unserer Sicht zudem so nicht verkauft werden dürfen.

ÖKO-TEST September 2015

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST September 2015 für 4.50 € kaufen (zzgl. Versand)

Zum Shop

ÖKO-TEST September 2015

Online lesen?

ÖKO-TEST September 2015 für 3.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 15 Teppiche eingekauft. Darunter sind sowohl Spielteppiche im engeren Sinn mit aufgedruckten Straßen und Bauernhöfen als auch eher dekorative Kinderteppiche, etwa mit Motiven von Trickfiguren, Teppiche teurer Marken ebenso wie die Billigvarianten aus Möbelhäusern und Onlinehandel. Die günstigste Matte kostet 15,99, die teuerste 145 Euro. Die Teppiche bestehen überwiegend aus Acryl, Nylon und Polyester. Aber auch ein Teppich aus Baumwolle und einer aus Schurwolle kamen in die Labore.

Die Inhaltsstoffe
Kinderteppiche werden überwiegend im Tuftingverfahren gefertigt. Dabei wird das Garn in vorgefertigtes Trägermaterial eingestochen, ein Gewebe meist aus Polyester oder Polypropylen. Die Webmaschine fixiert dann die Fäden von unten, etwa mit Klebstoff oder Polyurethanschaum. Da kann einiges an problematischen Stoffen zusammenkommen, weshalb wir die Teppiche etwa auf hormonwirksame Weichmacher, allergisierende optische Aufheller und Latexproteine sowie krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und chlorierte Verbindungen untersuchen ließen. Über den Färbeprozess können halogenorganische Verbindungen in die Teppiche gelangen, über die Farben allergisierende Dispersions- oder krebserregende Azo-Farbstoffe, aber auch Schwermetalle. Die verarbeiteten Garne dünsten möglicherweise auch aus, weshalb wir nach flüchtigen organischen Verbindungen fahnden ließen. Weil wir ein schimmelanfälliges Schurwolleprodukt berücksichtigten, war zudem ein Check auf aufgebrachte Pestizide unumgänglich.

Der Praxistest
Oberflächen aus Kunststoffen können sich elektrostatisch aufladen. Es genügt, wenn das Kind beim Spielen mit Kleidung reibt oder mit der Hand oder dem Fuß über den Teppich streicht. Und Kinder verbringen sehr viel Zeit auf Spielteppichen. Eine zu hohe elektrostatische Oberflächenspannung wirkt sich negativ auf das Raumklima aus, da die Spannung Staub und Schadstoffe aufwirbelt. Baubiologen haben diese Elektrizität unter realistischen Alltagsbedingungen erzeugt und gemessen. Interessiert hat uns auch, ob die Teppiche schweiß- und speichelbeständig sind.

Die Bewertung
ÖKO-TEST macht es wie Eltern es tun: Geht es ums Kindeswohl, gibt es keine Kompromisse. Bestenfalls bereitet ein Spielteppich über lange Zeit Spielspaß - aber nur wenn er frei von Schadstoffen ist. So kann das Gesamturteil nicht besser sein als das schlechteste Einzelergebnis der Tests Inhaltsstoffe und Praxisprüfung.

So haben wir getestet

Durch Reibung entsteht Spannung - wir ließen sie im Labor nachmessen.