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30 Mittel gegen Haarausfall im Test

ÖKO-TEST April 2010
vom 26.03.2010

30 Mittel gegen Haarausfall im Test

Kahlauer

Ein lichter werdendes Haupt gilt immer noch als Zeichen mangelnder Vitalität. Eine ganze Reihe von Arzneimitteln und Kosmetika soll den Haarschwund aufhalten oder gar umkehren. Doch unser Test ergab: Wirksame Abhilfe gibt es nur auf Rezept - inklusive Nebenwirkungen.

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26.03.2010 | Ein voller Haarschopf wird mit Attraktivität gleichgesetzt. Lichtet sich das Haupt, leidet die Seele, die weibliche mehr als die männliche. Während fast 85 Prozent aller Frauen sagen, sie täten alles, um einen Haarausfall zu stoppen oder umzukehren, würde jeder zweite Mann nichts gegen die zunehmende Kahlheit unternehmen.

Am häufigsten ist der erblich bedingte Haarausfall: Er beginnt bei Männern mit Geheimratsecken, die sich über eine Halb- bis zur Vollglatze auswachsen können. Bei Frauen macht er sich oft erst nach den Wechseljahren bemerkbar, verläuft viel milder und führt nur selten zur Kahlköpfigkeit.

Grundsätzlich verliert jeder Mensch ganz natürlich täglich zwischen 60 und 100 Haaren - bei einer Gesamtzahl von 90.000 bis 150.000 Kopfhaaren. Ursache ist der Wachstumszyklus des Haares: Zwei bis sechs Jahre lang befindet sich ein Haar in der Wachstumsphase und legt pro Monat rund einen Zentimeter zu. Dem schließt sich eine kurze Übergangsphase von ein bis zwei Wochen an, in der die Haarwurzel umgebaut wird. Danach folgt eine zwei- bis viermonatige Ruhephase, in der das Haar schließlich ausfällt. Diese drei aufeinanderfolgenden Phasen wiederholen sich kontinuierlich. Da sich im Laufe des Lebens - und je nach ererbter Ausstattung - die Wachstumsphase jedoch immer mehr verkürzt, werden die Haare weniger.

In Apotheken und Drogerien hat ÖKO-TEST insgesamt 30 Mittel eingekauft, die auf das Problem Haarausfall abzielen: neun rezeptpflichtige und fünf nicht rezeptpflichtige Arzneimittel, ein Nahrungsergänzungsmittel, eine ergänzend bilanzierte Diät und 14 Kosmetika. Für alle Produkte haben wir nach Wirksamkeits- beziehungsweise Nutzenbelegen gesucht. Äußerlich anzuwendende Präparate haben wir auch auf umstrittene und bedenkliche Inhaltsstoffe untersuchen lassen.

Das Testergebnis

An der Mehrzahl der Produkte können wir kein gutes Haar lassen. Von den Arzneimitteln schneiden lediglich die Finasterid-haltigen, nur zur Anwendung bei Männern zugelassenen, rezeptpflichtigen Präparate mit "gut" ab. Die Nutzenbelege aller Nichtarzneimittel reichen hingegen nicht aus, um selbst schwammig formulierte Hinweise zur Anwendung bei Haarausfall zu rechtfertigen.

Finasterid muss dauerhaft eingenommen werden - nach dem Absetzen fallen die Haare wieder aus

Die Arzneimittel: Die Wirksamkeitsdaten für Finasterid (Propecia und Generika) stufen wir als überzeugend ein. Der Wirkstoff hemmt das Enzym 5-Alpha-Reduktase und senkt so die Spiegel des Hormons Dihydrotestosteron (DHT) im Blut. In der Folge steigt die Anzahl der Haare. Zugelassen sind die 1-mg-Finasterid-Tabletten zur Behandlung früher Stadien des Haarausfalls bei Männern zwischen 18 und 41 Jahren. Wie in den Gebrauchsinformationen angegeben, fehlen allerdings Wirksamkeitsnachweise bei beginnenden Geheimratsecken und Haarverlust im Endstadium. Voraussetzung, um das Fortschreiten des Haarausfalls aufzuhalten, ist die kontinuierliche Einnahme des Präparates: Nach dem Absetzen gehen hinzugewonnene Haare wieder verloren. Die Langzeitrisiken sind allerdings noch ungeklärt. Mögliche Nebenwirkungen sind Libidoverlust, Erektionsstörungen und vermindertes Ejakulatvolumen. Zudem besteht der Verdacht, dass Finasterid Brustkrebs auslösen kann. Bei Frauen ist Finasterid wirkungslos und im gebärfähigen Alter wegen fruchtschädigender Wirkungen absolut unangebracht.

Die Wirksamkeit von Minoxidil in den beiden nicht rezeptpflichten Regaine-Präparaten ist "gut" belegt. Wie das ursprünglich als Blutdrucksenker eingeführte Minoxidil den Haarausfall stoppt, konnte bis heute nicht geklärt werden. Nach verschiedenen Studien können 20 bis 40 Prozent der behandelten Männer mit einem Stopp des Haarausfalls rechnen, zehn bis 20 Prozent mit einem Wiederwachstum kräftiger Haare. Bei Frauen ist der Effekt weniger ausgeprägt. Notenabzug gibt es für Nebenwirkungen im Herz-Kreislaufbereich. In seltenen Fällen kann Herzklopfen auftreten.

Für die Lösungen Ell-Cranell Alpha und Pantostin mit dem Wirkstoff Alfatradiol sind die Wirksamkeitsbelege nur wenig überzeugend. Zwar war in einer Studie eine Zunahme des Anteils der Haare in der Wachstumsphase zu verzeichnen, mangels Übersichtsfotografien blieb jedoch ungeklärt, ob der Haarausfall damit gestoppt war. In einer Vergleichsstudie mit Minoxidil wirkte Alfatradiol aber einem beschleunigten Haarausfall entgegen.

Die Kortisonabkömmlinge Flupredniden-21-acetat (Crinohermal Fem, Lösung) und Prednisolon (Alpicort F, Lösung) wirken zwar gegen Entzündungen der Kopfhaut. Ein positiver Effekt auf das Haarwachstum ist jedoch nicht belegt, auch nicht in Kombination mit Estradiolbenzoat bzw. Estradiol und Salicylsäure.

Die Wirksamkeit der Pantovigar, Hartkapseln erachten wir als noch nicht ausreichend belegt. Helfen soll die Mischung aus zwei B-Vitaminen, Trockenhefe, der Aminosäure Cystin und dem Protein Keratin bei diffusem Haarausfall und brüchigen Fingernägeln. Immerhin deutet eine kleine Studie mit 60 Teilnehmerinnen einen positiven Effekt auf die Wachstumsphase des Haares an.

Kosmetische Mittel dürfen schon per definitionem nicht gegen Haarausfall wirken

Die Kosmetika versuchen mit einer bunten Palette verschiedenster Inhaltsstoffe neuen Haarwuchs zu aktivieren, den Haarausfall einzudämmen oder ihm vorzubeugen, die Haarwurzel zu stärken, zu schützen oder ihren Energieumsatz zu erhöhen. Eingesetzt werden unter anderem Koffein, Hopfenextrakt, Klettenwurzelextrakt, Ginseng, Vitamine, Aminosäuren, Eiweißbruchstücke (Peptide), Carnitin und Taurin. Allerdings liegen für diese Substanzen entweder keine oder (noch) nicht publizierte Daten vor, die einen Nutzen bei Haarausfall belegen. Die Firma Rausch, Anbieter der Rausch Original Haartinktur, schickte die Ergebnisse einer dreimonatigen Wirksamkeitsstudie mit gerade einmal 22 Probanden. Schlauerweise lief die Studie von Oktober bis Dezember, also zu einer Zeit, in der die Haardichte aufgrund jahreszeitlicher Schwankungen im Haarwachstum ohnehin natürlicherweise zunimmt. Allgemeine Hinweise auf mögliche positive Effekte einzelner Inhaltsstoffe mögen zwar plausibel erscheinen, dürfen nach Ansicht unseres Gutachters, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, "aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Daten aus konkreten produktbezogenen Studien fehlen, die die beanspruchte Wirksamkeit belegen".

Für Aminexil (im Kerium-und im Vichy Dercos Technique-Spray) liegen nach Auffassung von Schubert-Zsilavecz ebenfalls keine überzeugenden Wirksamkeitsnachweise vor. So fehlt in einer Studie nicht nur eine Placebogruppe, sondern aufgrund der nur zwölfwöchigen Dauer können auch jahreszeitliche Schwankungen nicht ausgeschlossen werden.

Die anderen: Für das Nahrungsergänzungsmittel Innéov Haarfülle Anti-Haarausfall, Tabletten und Kapseln, die unter anderem Taurin und Grüntee-Extrakt enthalten und die Haarwurzel stärken und Haarausfall verlangsamen wollen, liegen keine publizierten Daten vor, die diesen Anspruch rechtfertigen würden. Das gilt auch für die ergänzend bilanzierte Diät Priorin, Kapseln "zur diätetischen Behandlung von hormonell erblich bedingten Haarwachstumsstörungen und Haarausfall bei Frauen", die auf einem Hirseextrakt, Pantothensäure und Cystin basieren.

Auch mit Extrakten aus Grüntee, Tomaten oder Hirse lässt sich der Haarausfall nicht beheben

Bedenkliche und/oder umstrittene Inhaltsstoffe: Der Rausch Haartinktur, Spezial-Lotion ist Resorcinol Acetat zugesetzt, das immer Spuren von freiem Resorcin enthält. Resorcin dringt in die Haut ein, löst Allergien aus und kann möglicherweise auch zu Leber- und Nierenschäden führen.

In mehreren Produkten stecken Cashmeran oder polyzyklische Moschus-Verbindungen, die sich im Fettgewebe anreichern. Auch allergisierende Duftstoffe wie Hydroxycitronellal oder Cinnamyl alcohol fanden die von uns beauftragten Labore. Weitere Duftstoffe wie Citral, Eugenol, Geraniol, Citronellol oder Cumarin treten als Allergene weitaus seltener in Erscheinung, können aber vor allem für Duftstoffallergiker zum Problem werden.

Für erhöhte und stark erhöhte Gehalte des Vergällungsmittels Diethylphthalat kassiert die Hälfte der kosmetischen Haarausfallmittel Notenabzug. Phthalate stehen im Verdacht, wie ein Hormon zu wirken.



So reagierten die Hersteller

Die Anbieter der getesteten Nichtarzneimittel hatten wir vorab gebeten, uns Nutzenbelege für ihre Präparate zuzuschicken. Nur Dr. Kurt Wolff, Anbieter der Alpecin- und Plantur-Produkte zog es vor, nicht zu antworten. Ansonsten waren die Reaktionen bemerkenswert. Wovon würden Sie mehr erwarten: Von einem Mittel, das "bei Haarausfall" oder einem, das "gegen Haarausfall" eingesetzt wird? Nach Auffassung des Dm Drogeriemarktes werde das Balea Men Coffein Tonikum "bei Haarausfall" angewendet, womit es sich um ein Kosmetikum handele, welches helfe, Haarausfall vorzubeugen. Hingegen würden "keine Wirkaussagen gegen Haarausfall ... getätigt. Dieses ist sehr wichtig, da es sich hierbei sonst um medizinische Wirkversprechen handeln würde!" Es verwirrt allerdings, wenn auf der Rückseite der Verpackung "Antihaarausfall-System" steht.

L'Oréal, Hersteller der Vichy Dercos Technique-, Neril- und Kerium-Produkte teilte mit: "Nach der Kosmetikverordnung müssen wir als Hersteller Wirksamkeitsnachweise zu den Auslobungen jedes Produkts auf Verlangen der zuständigen Behörde vorlegen. Wir legen die Studien grundsätzlich außerhalb dieser vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Verpflichtung nicht vor."

Für die Thymuskin Haarkur teilte uns der Anbieter mit, in Kürze werde die Veröffentlichung einer Studie italienischer Dermatologen erwartet.

Viel Verpackung, wenig drin

Etliche kosmetische Haarausfallprodukte fallen vor allem durch ihre aufwendige Verpackung auf. Frappierend war die Diskrepanz zwischen Umkarton und Inhalt unter anderem beim nebenstehend abgebildeten Kerium Anti-Haarausfall, Spray von La Roche-Posay. Auch zwischen Preis und Nutzen liegen Welten.

Konsens zur Behandlung

Eine aktuelle Stellungnahme der Gesellschaft für Dermopharmazie zum erblich bedingten Haarausfall bestätigt unsere Bewertung der getesteten, äußerlich anzuwendenden Produkte. Mit Ausnahme der Minoxidil-Präparate seien alle anderen "entweder verschreibungspflichtig oder wurden nicht hinlänglich auf Wirksamkeit geprüft beziehungsweise nicht für wirksam befunden. Letzteres gilt insbesondere für die zahlreichen zur Anwendung bei Haarausfall angebotenen kosmetischen Mittel."

Weitere Arten von Haarausfall

Der kreisrunde Haarausfall (Alopecia areata) äußert sich durch Haarverlust an umschriebenen Bereichen des Kopfs. Ursache dieser zweithäufigsten Form des Haarausfalls ist möglicherweise eine Autoimmunreaktion. Eher selten kommt der diffuse Haarausfall vor. Ursächlich sind zumeist Schilddrüsenfunktionsstörungen, Infektionen oder die Einnahme bestimmter Medikamente. Die Diagnose wird anhand der Krankengeschichte, einer klinischen Untersuchung sowie Laborwerten gestellt. Die Therapie richtet sich nach der Ursache des Haarverlusts.

Haarausfall im Internet

Fundierte Informationen rund um das Thema Haarausfall und unerwünschte Körperbehaarung bietet www.haarerkrankungen.de. Expertenrat geben hier Professor Hans Wolff und Dr. Christian Kunte. Wer einen kompetenten Haararzt sucht, wird unter www.trichocare.de fündig. Die Seite beschreibt darüber hinaus anschaulich, was ein Trichoscan ist (eine computergestützte Methode zur Bestimmung des Haarwurzelstatus mit einer Spezialkamera) oder wie eine Übersichtsfotografie zur Therapiekontrolle abläuft.

Glatzenrechner

Dr. Kurt Wolff betreibt die Seite www.glatzenrechner.de. Zehn Fragen sind zu beantworten, angefangen vom Alter über die berufliche Belastung bis hin zur erblichen Veranlagung. Resultat ist eine Prognose, ob und in welchem Alter man sich auf eine Glatze einstellen muss.

So haben wir getestet

Der Einkauf

Man kann mit Haarausfall beim Arzt vorstellig werden und erhält dann vielleicht ein Rezept. Man kann aber auch auf eigene Faust an seinem Haupt herumdoktern und geht direkt in eine Apotheke oder Drogerie. Für den Einkauf haben wir daher recherchiert, welche Arzneimittel zur Anwendung gegen Haarausfall zugelassen und am Markt sind, und was Apotheken und Drogerien darüber hinaus an Nichtarzneimitteln (Kosmetika, Nahrungsergänzungsmitteln, ergänzend bilanzierten Diäten) anbieten. Auf windige Produkte, die via Internetversand die Haare wieder sprießen lassen wollen, haben wir diesmal verzichtet.

Nutzen und Wirksamkeit

Arzneimittel haben ein klar umrissenes Anwendungsgebiet, das von "Behandlung früher Formen des Haarausfalls vom männlichen Typ" (Finasterid) bis hin zur "Anwendung bei diffusem Haarausfall und brüchigen Fingernägeln" (Pantovigar) reicht. Kosmetika hingegen versprechen einen Zusatznutzen, der aber häufig kaum von einer arzneilichen Indikation zu unterscheiden ist: "wirkt dem Haarausfall entgegen; verstärkt den natürlichen Haarwuchs" (Rausch Original Haartinktur) oder auch "intensive Behandlung gegen Haarausfall" (Kerium Anti-Haarausfall, Spray). Um prüfen zu können, ob sich diese Aussagen begründen lassen, haben wir die Anbieter aller Nichtarzneimittel vorab gebeten, uns Nutzenbelege zuzuschicken, die wir dann zur Bewertung herangezogen haben.

Die Inhaltsstoffe

Die Mehrzahl der getesteten Lösungen und Tinkturen im Test ist alkoholhaltig und parfümiert. Diese Produkte haben wir im Labor zum einen auf Diethylphthalat untersuchen lassen, da der verwendete Alkohol damit vergällt sein kann. Zum anderen haben wir die Duftstoffe analysieren lassen: Sind allergieauslösende Substanzen enthalten? Wie steht es um Moschus-Verbindungen, die sich im Körper anreichern können? Des Weiteren haben wir nach umstrittenen halogenorganischen Verbindungen sowie bedenklichen Formaldehyd/ -abspaltern suchen lassen, die zur Konservierung eingesetzt werden können.

Die Bewertung

Arzneimittel werden behördlich zugelassen, wenn Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität nachgewiesen sind. Wenn es trotzdem passiert, dass ÖKO-TEST die Wirksamkeit eines Präparats als nicht ausreichend nachgewiesen erachtet, dann deshalb, weil wir strengere Anforderungen an die Wirksamkeitsbelege stellen. Bei Kosmetika hat hingegen der Hersteller die gesundheitliche Unbedenklichkeit und die angepriesene Wirkung zu verantworten. Da sie per definitionem keinen Anspruch auf klinisch relevante Wirkungen erheben dürfen, haben wir sie auch nicht unter pharmakologischen Gesichtspunkten bewertet. Statt dessen sind wir der Frage nachgegangen, ob und in welchem Ausmaß einzelne Inhaltsstoffe von Kosmetika einen Beitrag zu Verminderung von Haarausfall leisten - mit enttäuschenden Ergebnissen.

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