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ÖKO-TEST Jahrbuch für 2014
vom

Margarine und Streichfette

Ölpest

Palmöl steckt in Fertigsuppen, Schokoriegeln - und Margarine. Die Anbauflächen für Ölpalmen wachsen stetig. ÖKO-TEST wollte von den Anbietern wissen, ob die Palmölprodukte für ihre Margarine verantwortungsvoll hergestellt worden sind. Labore untersuchten die Produkte auf Schadstoffe und Fettzusammensetzung.

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11.10.2013 | Als niederländische Seeleute im Jahr 1848 die ersten Ölpalmen ins heutige Indonesien brachten, legten die Kolonialherren den Grundstein für eine einzigartige Wachstumsstory: 1980 betrug die weltweite Produktion von Palmöl 4,5 Millionen Tonnen. Im Jahr 2012 waren es laut dem US-Landwirtschaftsministerium 54 Millionen Tonnen. Indonesien und Malaysia produzieren rund 90 Prozent des weltweit gehandelten Palmöls. Dass dies mittlerweile das meistverkaufte Pflanzenöl der Welt ist, hat einen einfachen Grund: Die Ölpalme ist ertragreicher als Raps, Soja oder Sonnenblume.

Der Anbau ist kaum mechanisiert - die Früchte müssen per Hand geerntet werden. Da die Frucht in tropischen Ländern gedeiht, in denen niedrige Arbeitsstandards vorherrschen, verfügen die Produzenten über billige Arbeitskräfte bei der Ernte. Laut einer Studie für die Organisation "Brot für die Welt" leiden Plantagenarbeiter unter miserablen Arbeitsbedingungen. Es fehlen beispielsweise Schutzbekleidungen beim Umgang mit Pestiziden. Gewerkschaftsmitglieder klagen über Benachteiligungen bis hin zu Repressionen. Und die Löhne sind auf den Ölpalmenplantagen im Vergleich zur Kolonialzeit gesunken.

Aber noch etwas schrumpft aufgrund der unvergleichlichen Wachstumsstory Palmöl: der Urwald. Forschungsergebnisse auf der Basis von Daten der Food and Agriculture Organisation (FAO) der Vereinten Nationen zeigen, dass zwischen 1990 und 2005 1,87 Millionen Hektar Palmölplantagen in Malaysia und mehr als drei Millionen Hektar in Indonesien neu angelegt wurden, von denen mehr als die Hälfte durch Abholzung von Wäldern entstand. Die Indonesian Association of Palm Oil Companies (GAPKI) rechnet im Jahr 2013 mit einem Wachstum der Anbaufläche für Ölpalmen um weitere 700.000 auf insgesamt 10,3 Millionen Hektar.

Experten der Weltbank schätzen, dass bereits im Jahr 2010 rund 70 Prozent der Plantagen Indonesiens auf zuvor bewaldeten Flächen, 25 Prozent auf Torfflächen angelegt worden waren. Abstrakte Zahlen für eine konkrete Umweltkatastrophe: Denn Regenwald, der auf Torfböden wächst, enthält bis zu 50-mal mehr Kohlenstoff als "normaler" Regenwald. Werden solche Torfwälder für den Anbau von Ölpalmen gerodet, wird CO2 in Massen freigesetzt.

Und es gibt einen weiteren Skandal in Zusammenhang mit dem Ölpalmenanbau: die Vertreibungen von lokaler Bevölkerung für den Plantagenbau. Die Studie für "Brot für die Welt" kommt zum Schluss: Der Ölpalmenanbau verletzt massiv die politischen und zivilen Menschenrechte der örtlichen Bevölkerung. Durch die Vertreibung wird ihnen der Zugang zu Ressourcen verwehrt, ohne Alternativen zur Bildung einer neuen Lebensgrundlage zu bieten.

Wenn also die Palmölproduktion die Umwelt zerstört, das Klima erwärmt, Menschen ihr Land und ihre Rechte nimmt, gleichzeitig aber die durch Bevölkerungswachstum stetig steigende Nachfrage nach günstigem pflanzlichem Öl nicht ohne die ertragreiche Ölpalme befriedigt werden kann, braucht es einen verantwortungsvollen Anbau von Ölpalmen. Den beansprucht der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) für sich. Gegründet im Jahr 2004 in Zürich auf Initiative von so unterschiedlichen Akteuren wie dem Schweizer Unternehmen Migros und dem WWF, versucht die Organisation nach eigener Aussage "nachhaltige Anbaumethoden für Palmöl zu fördern und so die Umweltschädigung zu begrenzen". Ein Zertifizierungssystem soll die Einhaltung von Prinzipien und Kriterien sicherstellen.

Doch seitdem die erste Ladung RSPO-Palmöl im November 2008 den Hafen von Rotterdam erreichte, ist die Kritik an der Organisation nicht abgerissen. Die RSPO-Kriterien seien schwach, wirkungsvolle Sanktionen nicht vorgesehen. Unerträglich finden einige die Tatsache, dass ein RSPO-Mitglied eine Vorzeigeplantage zertifizieren lassen kann und auf seinen übrigen Plantagen weiter gegen Menschenrechte verstößt, internationale Mindestarbeitsnormen nicht einhält und Regenwald vernichtet. Denn den RSPO-Mitgliedern wird eine Zeitspanne - in der Regel fünf Jahre - zugestanden, in der die Zertifizierung aller Plantagen erfolgen muss. Darüber hinaus gibt es die Fundamentalkritik: Riesige Plantagen aus Monokulturen von Ölpalmen können niemals nachhaltig sein. Solche Plantagen führten zur Entwaldung und in der Folge zum Verlust der biologischen Vielfalt, zu Überschwemmungen, Dürren, Bodenerosion und Gewässerverschmutzung.

Zwar hat der RSPO auf die Kritik reagiert. Im April 2013 hat die RSPO-Generalversammlung eine Überarbeitung der viel kritisierten Prinzipien und Kriterien verabschiedet. Ein großer Wurf ist es selbst in den Augen des RSPO-Gründungsmitglieds WWF nicht geworden. Die Hauptkritikpunkte des WWF Deutschland am neuen Prinzipien-/Kriterien-Katalog: 1. Es gibt immer noch kein klares Verbot für den Anbau von Ölpalmen auf Torfböden. Laut dem neuen Kriterium 7.4 sollen neue Plantagen auf Torfböden lediglich "vermieden" werden. 2. Hochgiftige Pestizide der WHO-Kategorien 1A und 1B sind immer noch nicht verboten. Nur wurde die Formulierung des entsprechenden Kriteriums leicht geändert. Es heißt jetzt, dass diese Pestizide reduziert und eliminiert werden sollen. Früher hieß es: reduziert "oder" eliminiert. Allerdings fehlt eine klare Zeitangabe, bis wann dies erfolgen soll. 3. Bei den Treibhausgasemissionen hat man sich auf kein Reduktionsziel geeinigt. Treibhausgasemissionen müssen zwar erfasst, aber erst ab 2016 veröffentlicht werden.

Verbrauchern wird es zurzeit zumindest beim Produkt Margarine noch schwer gemacht, bewusst zu Artikeln zu greifen, die RSPO-zertifiziertes Palmöl enthalten. Die meisten enthalten Palmöl, das nach einem der vier RSPO-Handelsmodelle zertifiziert ist, aber ein RSPO-Siegel findet man sehr selten. Ab 2014 wird sich das ändern. Denn dann gilt EU-weit eine Deklarationspflicht für Öle. Der Hinweis "enthält pflanzliche Öle und Fette" reicht dann nicht mehr aus. Vielleicht steigt dann auch die Nachfrage nach zertifiziertem Öl seitens der Unternehmen. Denn zurzeit können die Produzenten nur die Hälfte ihres nach den RSPO-Kriterien hergestellten Öls als solches verkaufen.

Doch es gibt bereits heute gute Nachrichten: Indonesien hat das im Mai ausgelaufene Moratorium auf das Abholzen von Regenwald und das Umwandeln dieser Rodungen sowie von Torfflächen in Plantagen verlängert.

Wenn immer größere Teile der Weltbevölkerung auf Palmöl als Fettlieferant in der Nahrung angewiesen sind und gleichzeitig in den Haupterzeugerländern die aktuelle Gesetzgebung aus Sicht vieler Experten nicht ausreicht, um Menschen, Tiere und Umwelt angesichts einer expandierenden Palmölproduktion zu schützen, ist ein Mindeststandard wie RSPO allein aus Mangel an Alternativen unterstützenswert. Er ist eben - wie vergleichbare Standards für andere Rohstoffe oft - besser als nichts.

Um zu prüfen, wie umweltschonend und fair das Palmöl produziert worden ist, welches die 20 Margarinen enthalten, die ÖKO-TEST eingekauft hat, haben wir den Anbietern einen umfangreichen Fragebogen zugeschickt. Wir wollten wissen, ob bei der Palmölproduktion Mindestlöhne gezahlt und die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation eingehalten werden. Beim Thema Umweltschutz interessierte uns der Einsatz von hochgiftigen Pestiziden sowie der Schutz für Urwald und Torfböden beim Plantagenbau. Neben den Fragebögen durchliefen die Margarinen und Streichfette in einem weiteren Teil unseres umfangreichen Produkttests aufwendige Laboranalysen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf den Fettschadstoffen 3-MCPD-Ester sowie Glycidylester, die besonders in raffiniertem Palmöl und Produkten, die Palmöl enthalten, etwa Margarine, in größeren Mengen vorkommen können.

Das Testergebnis

... fällt ziemlich schlecht aus. So erreichte nur ein Produkt das beste Urteil "gut", etwas mehr als die Hälfte schnitt mit "befriedigend" ab. Drei Produkte erreichten nur ein "mangelhaft" und eine Margarine bekam sogar nur die Note "ungenügend". Der wichtigste Abwertungsgrund bei den konventionellen Produkten waren schlechte Ergebnisse im Testbereich Palmölproduktion und Transparenz. Außerdem enthalten fast alle Marken Vitamine und Aromen, die das Gesamtergebnis noch einmal drückten. Die schlechten Noten bei den Bio-Marken kamen hingegen durch erhöhte Fettschadstoffwerte und durch eine ungünstige Fettzusammensetzung zustande.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Unsere Einkäufer legten 20 Margarinen und Streichfette in den Warenkorb - darunter vier Bio-Marken; die restlichen Produkte sind bekannte konventionelle Marken sowie Eigenmarken der Discounter und Supermärkte.

Die Inhaltsstoffe
In den Laboren wurden die Margarine und Streichfette auf die Fettschadstoffe 3-MCPD-Ester und Glycidylester untersucht. Diese entstehen während des Herstellungsprozesses unter Hitzeeinwirkung und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Besonders viele Fettschadstoffe entstehen bei der Herstellung von Palmöl - einem wichtigen Stoff in der Margarineherstellung. Außerdem interessierte uns, ob Aromen oder Vitamine zugesetzt werden.

Die Fettzusammensetzung
Auf das Verhältnis kommt es an. Deshalb haben wir die von den Laboren ermittelten Mengen an Fettsäuren einander gegenübergestellt. Ideal ist ein Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 von nicht mehr als 5:1. Zudem achteten wir auf ein ausgewogenes Verhältnis der ungesättigten zu den gesättigten Fettsäuren. Dieses sollte nicht kleiner als 2:1 sein, so die Empfehlungen von Fachgesellschaften.

Weitere Mängel
Als weiteren Punkt nahmen wir die Auslobung der Margarinepackungen genau unter die Lupe. Fanden wir irreführende oder falsche Aussagen vor, werteten wir diese ab.

Palmölproduktion und Transparenz
In allen Testprodukten stecken Palmöl und/oder Palmölbestandteile. Da der Anbau der Ölpalme in der Regel mit Umweltzerstörung und Ausbeutung der Plantagenarbeiter einhergeht, haben wir bei den Margarineanbietern konkret nachgefragt, ob die Plantagenarbeiter einen Mindestlohn erhalten und ob grundlegende internationale Arbeitsnormen eingehalten werden. Zu allen Antworten verlangten wir von den Anbietern Nachweise, die die Richtigkeit der Angaben belegen.

Die Bewertung
Da die Fettschadstoffe Glycidol und 3-MCPD möglicherweise krebserregend sind, werten wir ab, wenn deren Summe oder die gefundene Menge an Glycidol erhöht sind. Je höher die Werte umso schlechter die Note. Zugesetzte Aromen und Vitamine gehören unserer Meinung ebenfalls nicht in Lebensmittel. Und auch bei einer ungünstigen Fettzusammensetzung fällt unser Urteil streng aus. Das Testergebnis Inhaltstoffe und das Testergebnis Fettzusammensetzung haben insgesamt eine vorrangige Stellung bei der Bildung des Gesamturteils. Dieses wird darüber hinaus aber auch vom Testergebnis Palmölproduktion und Transparenz beeinflusst, wodurch in den meisten Fällen die schlechten Noten zustande gekommen sind.

So haben wir getestet

Rund 20 Prozent Palmöl oder Palmölprodukte stecken in Margarinen und Streichfetten.

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