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21 Kinderjeans im Test

ÖKO-TEST Januar 2017
vom 28.12.2016

Kinderjeans

Schmutzige Wäsche

Jeans sind zeitlos. Sie stehen aber auch für die Ausbeutung von Textilarbeitern. Viele Anbieter geben sich bedeckt, wenn es um Lieferanten und soziale Bedingungen in den Produktionsbetrieben geht. Auch in Sachen Schadstoffe liegt einiges im Argen. Knapp die Hälfte der getesteten Kinderjeans enthält Anilin.

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28.12.2016 | Es ist ein Novum, aber vermutlich kein Wendepunkt: Überlebende der Brandkatastrophe im September 2012 in der pakistanischen Textilfabrik Ali Enterprises verklagen den Textildiscounter Kik auf Schadenersatz. Einen Antrag auf Prozesskostenhilfe hat das Dortmunder Landgericht im August 2016 gewährt. Rund vier Jahre nachdem 260 Menschen starben und etliche schwere Verletzungen davontrugen, muss sich damit erstmals ein Textilanbieter wegen grober Sicherheitsverstöße bei einem ausländischen Zulieferer vor der deutschen Justiz verantworten. Ein Teilerfolg, der vor allem darin begründet liegt, dass Kik zum Zeitpunkt des Unglücks der einzig bekannte Kunde von Ali Enterprise war.

Solch klare Verhältnisse sind in der Textilbranche jedoch die Ausnahme. Strukturell habe sich nämlich nach Fabrikbränden wie in Pakistan und dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangadesch, bei dem 2013 insgesamt 1.138 Textilarbeiter starben, viel zu wenig getan, sagt Berndt Hinzmann von der Nichtregierungsorganisation INKOTA-Netzwerk/Kampagne für Saubere Kleidung. Es mangle nach wie vor an Transparenz und der strategischen Umsetzung höherer Sozialstandards, um etwa Hungerlöhnen, massiven Überstunden, Kinder- und Zwangsarbeit vorzubeugen.

In der Regel arbeiten die Produktionsbetriebe für viele verschiedene Kunden, und die Anbieter überblicken das komplexe Geflecht ihrer Zulieferer nicht. Im Falle von Jeans stehen sie oft - wenn überhaupt - mit den Nähereien und Wäschereien am Ende der Lieferkette in direktem Geschäftskontakt, nicht aber mit den Betrieben, die die Garne spinnen, die Stoffe weben, die Baumwolle herstellen und "Zutaten" wie Knöpfe liefern. Indirekt sind große Textilunternehmen teils mit mehreren Tausend Betrieben in unterschiedlichen Ländern verknüpft - vielfach aber ohne Kenntnis über die dortigen Arbeitsbedingungen.

Verhaltenskodizes, in denen die Zulieferer Sozial- und Sicherheitsstandards gemäß den ILO-Kernarbeitsnormen zusichern, sind ohne Kontrollen kaum mehr als Lippenbekenntnisse. Und wenn es Betriebsprüfungen gibt, führen diese häufig nicht zu den gewünschten Änderungen, wie es die Löning-Studie 2016 zeigt. Rund die Hälfte der Befragten, darunter deutsche Textilunternehmen, bewerten die "Durchsetzung und Kontrolle von Standards bei Lieferanten als unzureichend". Den schwarzen Peter schieben sie gerne den Produktionsbetrieben zu. In Hintergrundgesprächen beklagen Anbieter etwa die starke Verhandlungsposition der Zulieferer, die Lieferverträge eher aufkündigen als geforderte Verbesserungen umsetzen würden.

Aus Sicht von Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen ist das aber der falsche Ansatzpunkt. Laste der Kostendruck für soziale Verbesserungen und Umweltauflagen allein auf den Zulieferern, geben sie diesen an ihre Arbeiter weiter, sagt Berndt Hinzmann. Die Unternehmen müssten mehr Kapital von oben in die Lieferkette einbringen, auch um beispielsweise Schulungen von Einkäufern vor Ort oder regelmäßige Kontrollen durch unabhängige Organisationen (Audits) zu finanzieren. Die Konsequenz ist klar: Angesichts höherer Produktionskosten müssten Textilanbieter ihre Gewinnmargen reduzieren und Konsumenten dazu bereit sein, mehr für Textilien zu zahlen.

Ohne die entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Anstöße verläuft dieser Prozess aber mehr als schleppend. Immer noch gibt es keine einheitliche Definition für existenzsichernde Löhne - obwohl schon lange bekannt ist, dass die gesetzlichen Mindestsätze in Produktionsländern wie China und Bangladesch kaum zum Überleben reichen. Immer noch sind Textilprodukte, deren faire Herstellung zertifiziert ist, fast nur im Internethandel erhältlich, selten aber in großen Modehäusern. Und immer noch fehlt ein Gesetz, das Textilanbieter zu mehr sozialer Verantwortung in den Zulieferbetrieben verpflichtet.

Einen solchen gesetzlichen Rahmen hat auch das Bündnis für nachhaltige Textilien bislang nicht geschaffen. Obgleich die Hoffnungen groß waren, als sich 2014 Vertreter aus Politik, Industrie und Nichtregierungsorganisationen an einen Tisch setzten. Nach wie vor ist daher öffentlicher Druck das Mittel der Wahl - so wie im Falle von Kik, das den Hinterbliebenen der Brandkatastrophe in Pakistan nach der zugelassenen Schadensersatzklage nun doch rund fünf Millionen Dollar zusätzlich zahlen will. Freiwillig, versteht sich!

ÖKO-TEST hat sich gefragt, wie gut die Anbieter von Kinderjeans über ihre Lieferketten Bescheid wissen und welche Bemühungen es gibt, um ein Mindestmaß an Sozial- und Sicherheitsstandards in den Zulieferbetrieben zu gewährleisten. Außerdem wollten wir wissen, ob die Kinderhaut Schadstoffen ausgesetzt ist, wenn sie mit dem Stoff eines der 21 gekauften Modelle in Kontakt kommt.

Das Testergebnis Inhaltsstoffe

Blue Bluejeans: "Blue" zu sein, also betrübt - dafür gibt in puncto Inhaltsstoffen vor allem ein vermutlich krebserregender Stoff Anlass, der in zehn der Bluejeans steckt. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Zehn andere Kinderjeans können wir, zumindest was die Inhaltsstoffe betrifft, empfehlen. Sie schneiden hier mit "gut" ab.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
21 blaue Jeans für Kinder in den Größen 116 bis 122 sind in unserem Einkaufskorb gelandet. Darunter: bekannte Marken sowie günstige Hosen von Textildiscountern. Auch Jeans von Versandhändlern und zertifizierte Naturtextilien sind dabei. Preislich liegen die Hosen zwischen 5,99 und 69,95 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Weil Jeans in der Regel mit dem unproblematischen Farbstoff Indigo gefärbt werden, dürften gefährliche Farbstoffbestandteile eigentlich keine große Rolle spielen. Dennoch hat das von uns beauftragte Labor etwa auf problematische aromatische Amine untersucht - einige von ihnen sind krebserregend, andere zumindest krebsverdächtig. Auch auf allergieauslösende Dispersionsfarbstoffe hat das Labor getestet. Formaldehyd ist krebserregend und in der Textilindustrie immer noch weit verbreitet. Außerdem auf der Prüfliste: halogenorganische Verbindungen, die etwa aus der Bleiche mit Chlor stammen können, überflüssige optische Aufheller und Nonylphenolethoxylate, die zum Beispiel als Tensid eingesetzt werden.

Die Materialeigenschaften
Wie stark geben die Jeans Farbe ab? Weil Bluejeans leicht Spuren auf hellen Sofas hinterlassen können, hat ein Labor die Hosen auf ihre Reibechtheit getestet. Auch haben wir die Waschechtheit der Jeans überprüfen lassen.

Transparenz
Viele Textilien entstehen nach wie vor unter katastrophalen Arbeitsbedingungen. Transparenz und soziale Verantwortung sind unerlässlich, um daran langfristig etwas zu ändern. Deswegen sollten uns die Jeansanbieter glaubhaft darlegen, wo sie die von uns getesteten Artikel produzieren und wie sie die Sozial- und Sicherheitsstandards in den jeweiligen Betrieben überprüfen. Mit einem umfangreichen Fragebogen haben wir stichhaltige Nachweise zur Lieferkette und ihren Bemühungen um gute Arbeitsbedingungen angefordert. Den Unternehmen sicherten wir eine streng vertrauliche Behandlung geschäftsinterner Unterlagen zu.

Die Bewertung
Farbstoffbestandteile, die unter Krebsverdacht stehen, haben nichts in Kinderkleidung verloren. Deswegen werten wir Anilin rigoros ab. Zu weniger strengen Abzügen führen Stoffe, die etwa Allergien auslösen oder die Haut reizen können wie halogenorganische Verbindungen oder optische Aufheller. Auch unzureichende Antworten auf unsere Fragen zur Transparenz wirken negativ auf das Gesamtergebnis. Am deutlichsten dann, wenn Unternehmen nicht geantwortet oder uns keine Belege für ihre Angaben geschickt haben.

So haben wir getestet

Blaues Wasserbad: Beim Färben können problematische aromatische Amine wie Anilin in die Jeans gelangen.