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Bierverkostung: Darum bewerten wir nicht, wie das Pils im Test schmeckt

Autor: Birgit Hinsch | Kategorie: Essen und Trinken | 29.05.2019

Bierverkostung: Darum bewerten wir nicht, wie das Pils im Test schmeckt
(Foto: Imago Images/Manuel Geisser)

Und wie schmeckt das Bier im Test jetzt? Die Antwort: Mal so, mal so. Wir haben die Sensorik nicht bewertet. Denn ob Ihr Pils dem Profi-Verkoster schmeckt, hängt vom Zufall und der Lagerung ab.

Wir hätten Ihnen im Test jeweils gerne gesagt: Ja, dieses Bier schmeckt, wie Pils schmecken soll. Doch das können wir guten Gewissens und vor allem objektiv nicht tun. Denn eine vergleichende Bierverkostung ist kaum möglich. In unserem Bier-Test spielt der Geschmack deshalb keine Rolle.

Es gleicht einem Glücksspiel, ob Sie ein gut oder ein schlecht schmeckendes Bier kaufen. Denn die Lagerung in Getränke- und Supermärkten, in Tankstellen und Discountern ist oftmals so schlecht, dass selbst ein perfekt gebrautes Bier geschmacklich Schaden nehmen kann. Die größten Feinde: zu hohe Temperaturen, Tageslicht und der Faktor Zeit.

Lagerung beeinflusst Bier-Geschmack

Selbstverständlich wollten wir wissen, wie die 43 Pilsbiere in unserem Bier-Test schmecken. Wir haben sie deshalb professionell verkosten lassen. Anders als in unserem Pilsbier-Test aus dem Jahr 2009 prüften die Verkoster die Biere dieses Mal nach einem aufwendigen Schema. Das Ziel: Noch besser, klarer und differenzierter zu durchleuchten, ob ein Pils typischen Geschmackserwartungen entspricht.

Das hat zunächst geklappt. Die beauftragten Profi-Verkoster haben verbreitete sensorische Fehler gefunden. Sie kritisierten vor allem geschmackliche Mängel durch Sauerstoff, Lichtbefall und Geschmack nach Pappe. All dies hat allerdings direkt mit Transport und Lagerung zu tun. Mit anderen Worten: Wenn das Sixpack von der Tankstelle dort länger in der Sonne stand, schmeckt das Bier schlecht.

Bierverkostung nicht Teil des Testergebnisses

Die Braubranche war aufgeschreckt. Die Reaktionen, die wir erhielten, nachdem wir die Hersteller über die Sensorikergebnisse informiert hatten, sprechen eine deutliche Sprache. „Falsch gelagerte Bierproben, eine unsachgemäße Probenvorbereitung und eventuell bereits zuvor ungeeignete Lagerungsbedingungen wären als Ursache für die auf Alterung hinweisenden sensorischen Eindrücke plausibel“, schreibt uns etwa der Deutsche Brauer-Bund. Sicher ist: Das von uns beauftragte Fachlabor hat die Proben sachgerecht eingekauft und vorbereitet. Was zuvor im Handel mit dem Bier geschah, wissen wir nicht.

Pils empfindlicher als andere Biersorten

Pils hat stärker mit schlechter Lagerung zu kämpfen als andere Biersorten. Dr. Wolfgang Stempfl, ein ausgewiesener Biersensorikexperte, sagt: „Pils ist vor allem deshalb besonders anfällig, weil es viel Hopfen enthält und das Hopfenaroma besonders empfindlich auf Sauerstoff reagiert.“ Fehlnoten seien in dem leichten, schlanken Getränk, das Pils nun mal auszeichnet, außerdem schneller erkennbar.

Auch unsere Testergebnisse sprechen dafür, dass Pils besonders empfindlich ist. Wir ließen von einem der bekanntesten Marken-Biere im Test zwei weitere Proben einkaufen. Fachgerecht. Eine Probe stammt aus dem gleichen Getränkemarkt wie das ursprünglich getestete Bier, eine weitere aus einem andere Markt. Wir ließen die beiden Biere verkosten. Fachgerecht.

Das Ergebnis: Mal so, mal so. Die Ergebnisse der drei Tests lagen so weit auseinander, dass wir zum Geschmack kein objektives Urteil fällen konnten. Zu diesem Bier, aber auch zum Geschmack aller anderen Pils im Test.

Biergeschmack: Was Brauereien tun können

Allgemein gilt, dass Produktion und Lagerung ineinandergreifen sollten. Das A und O ist etwa die Minimierung des Eintrags von Sauerstoff in das Bier während des Brauens, sagt uns Experte Stempfl. Auch eine lange Kaltlagerung vor dem Abfüllen wirke stabilisierend. Wie lange die Brauereien das durchhalten, hänge allerdings von der Tankkapazität ab. Und die kann schnell knapp werden, wenn etwa im Sommer der Bierdurst groß ist und die Anlagen auf Hochtouren laufen.

Es ist auch denkbar, dass Brauereien sich besser darum kümmern, was mit ihren Produkten nach der Auslieferung passiert. Da ist zum Beispiel diese kleine Münchener Brauerei. Sie hat kein Bier in unserem Test, weil sie nur eine kleine, wenig bekannte Pilsmarke braut und möchte nicht genannt werden. Aber sie hat einen Plan: Sie hat mit ihren Handelspartnern klare Vereinbarungen getroffen. Danach dürfen die Biere im Laden keinesfalls am Fenster oder draußen stehen. Nein. Sie müssen in die dunkle Ecke. Auch verlange man, nur begrenzte Mengen an Ware in den Verkauf zu räumen, und den Rest in Kühlräumen schlummern zu lassen.

Infos zur Haltbarkeit von Bier nicht optimal

Auch das Mindesthaltbarkeitsdatum setzen die Brauereien. Dabei legen sie höchst unterschiedliche Laufzeiten fest. Sie reichen von wenigen Monaten bis zu einem Jahr. Wer international verkauft, braucht längere Zeiträume. Natürlich wissen Branchenkenner und vor allem die Brauer selbst, dass die langen Haltbarkeitszeiträume nicht gut sind für den Geschmack.

Was für den Verbraucher einfacher wäre: Wenn die Brauer endlich das Abfülldatum auf die Flaschen drucken würden. Dann könnten wir Verbraucher sehen, wie lange die Flaschen schon im Laden stehen.

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