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Passierte Tomaten: Schimmelige Tomaten in jeder fünften Passata

Magazin Mai 2021: Tomaten | Autor: Birgit Hinsch/Meike Rix | Kategorie: Essen und Trinken | 30.04.2021

Passierte Tomaten im Test: Welche Marken sind empfehlenswert?
Foto: ÖKO-TEST

Neun von 49 passierten Tomaten im Test haben ein deutliches Problem mit Schimmelpilzgiften. Anders gesagt: Bei der Herstellung landen schimmelige Tomaten in den Gläsern und Dosen. Betroffen sind vor allem Bio-Marken. Immerhin schneiden aber auch 17 Passata mit Bestnote ab. 

  • Mit "sehr gut" können wir 17 von 49 Gläsern und Dosen passierte Tomaten empfehlen. 
  • Ärgerlich: Jede fünfte Passata im Test hat ein Problem mit Schimmelpilzgiften.
  • Wer passierte Tomaten in Bio-Qualität kauft, unterstützt einen Anbau ohne synthetische Pestizide und Kunstdünger. Doch Vorsicht bei der Auswahl: Im Test sind vor allem Bio-Produkte mit Schimmelpilzgiften belastet.
  • Manche Etiketten zur Herkunft der Tomaten können verwirren. Wir erklären, worauf Verbraucherinnen und Verbraucher achten können. 

Passierte Tomaten bilden zu jeder Jahreszeit eine aromatische Grundlage für Saucen und Suppen. Allerdings hat unser Test Unappetitliches zu Tage gefördert: In jeder fünften Passata kritisieren wir giftige Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen. Das bedeutet, bei der Herstellung sind schimmelige Tomaten in Gläser und Dosen gewandert.

Die entdeckten bedenklichen Schimmelpilzgifte zählen zu den Alternariatoxinen. Die Schwärzepilze der Gattung Alternaria, die auf Pflanzen weit verbreitet sind, produzieren diese Gifte.

Passierte Tomaten werden häufig für Saucen und Suppen verwendet. Wir haben 50 Passata getestet: 17 schneiden "sehr gut" ab.
Passierte Tomaten werden häufig für Saucen und Suppen verwendet. Wir haben 50 Passata getestet: 17 schneiden "sehr gut" ab. (Foto: Marian Weyo/Shutterstock)

Kritik an Schimmelpilzgiften in passierten Tomaten 

Wir kritisieren Schimmelpilzgifte, weil sie ein mögliches Gesundheitsrisiko bergen. So hat das Gift Alternariol (AOH) in Zellstudien das Erbgut geschädigt und eine östrogenähnliche Wirkung gezeigt. Die in unserem Test häufiger festgestellte Tenuazonsäure (TEA) hat in Tierversuchen die Bildung körpereigener Proteine gehemmt, was zu Organschäden führen könnte.

Um mehr über die Wirkungen der Gifte zu erfahren, müsste die Wissenschaft sich dringend intensiver mit den Stoffen befassen: "Insgesamt ist die Datenlage noch dünn und es besteht dringender Forschungsbedarf", sagt Markus Schmidt-Heydt, der sich am Max Rubner-Institut mit den Schimmelpilzgiften beschäftigt.

Neben hohen TEA- oder AOH-Gehalten ist der Stoff Ergosterol ein Hinweis auf verarbeitete gammlige Früchte. Er steckte auch in den meisten passierten Tomaten mit hohen TEA- oder AOH-Gehalten. Der Stoff an sich ist allerdings gesundheitlich unbedenklich. 

Übrigens: Verpflichtende gesetzliche Grenzwerte für Alternariatoxine gibt es bislang nicht. Sie sind auch nicht in Arbeit. Vorgesehen sind zunächst nur Richtwerte ("indicative levels"), bei deren Überschreitung die Hersteller gehalten sind, die Ursachen zu ermitteln.


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Bio-Passata besonders betroffen 

Auffällig: Besonders deutliche Belastungen mit Pilzgiften hat das beauftragte Labor vor allem in Bio-Produkten gefunden. Das ließe sich zwar erklären. So argumentierte ein Hersteller, er habe es deshalb schwerer, Schimmelpilzbelastungen zu minimieren, weil Bio-Landwirte keine Fungizide spritzen dürfen. Stimmt.

Allerdings zeigen 19 von 26 Bio-Produzenten, dass es besser geht. In der Praxis heißt das: Verdorbene Tomaten vor dem Verarbeiten per Hand oder elektronisch aussortieren.

Pestizidgehalt überschreitet gesetzlichen Grenzwert

Was gibt es außerdem über die Inhaltsstoffe der passierten Tomaten im Test zu sagen? Einmal hat das von uns beauftragte Labor das in der Europäischen Union längst verbotene Pestizid Chlorfenapyr gefunden. Der Wert liegt klar oberhalb des gesetzlichen Rückstandshöchstgehalts. Chlorfenapyr steht etwa beim Pestizid Aktionsnetzwerk PAN auf der Liste der weltweit besonders gefährlichen Pestizide, weil es stark bienengiftig ist.

Doch damit nicht genug. In dem Produkt stecken sechs weitere Pestizide in Spuren, darunter das ebenfalls bienentoxische Cypermethrin. Laut Anbietergutachten waren in einem chargengleichen Rückstellmuster keine Pestizidrückstände nachweisbar.

In den anderen Passata im Test wies das von uns beauftragte Labor, wenn überhaupt, nur Spuren von ein bis zwei Pestiziden nach. 

(Foto: ÖKO-TEST )

Passierte Tomaten: Über Arbeitsrecht und Transparenz 

Weil im Geschäft mit den Tomaten weltweit viel im Argen liegt, was Arbeitsrecht, Transparenz und Transportwege betrifft, haben wir den Herstellern auch Fragen zu ihren Lieferketten und zum Anbau der Tomaten geschickt.

Wie steht es um die Arbeitsbedingungen?

Reguläre Arbeitsverträge, gesetzlicher Mindestlohn, das Recht auf Gewerkschaften – das sollten auch im Tomatenanbau Selbstverständlichkeiten sein. Tatsächlich konnte uns jedoch nur knapp die Hälfte der Anbieter von ihren Bemühungen um faire Arbeitsbedingungen überzeugen: mit Zertifikaten und Auditberichten, die sich an internationalen Sozialstandards orientieren.

Branchenvereinbarungen, Lieferantenverträge oder Firmenleitbilder, die keiner unabhängigen Kontrolle durch Dritte unterliegen, ließen wir nicht als Beleg gelten.

Woher kommen die Tomaten?

Auf der Mehrheit der Packungen ist ausdrücklich Italien als Herkunftsland angegeben. Tatsächlich konnten die Hersteller uns in den meisten Fällen auch mit Lieferdokumenten den Anbau der Tomaten in Italien plausibel darlegen. Sogar für die Produkte ohne Herkunftshinweise auf der Verpackung bekamen wir Belege für den Anbau in Italien.

Nebulös bleibt dagegen ausgerechnet die Herkunft der Tomaten mit dem besonders regionalspezifischen Namen Gustibus Passierte Tomaten mit sizilianischen Kirschtomaten. Auf der Rückseite der Flasche findet sich der Hinweis, dass die sizilianischen Früchte gerade einmal 49,9 Prozent ausmachen. Belege schickte uns die Firma weder dafür noch für die restlichen 50,1 Prozent.   

Herkunft der Tomaten: Darauf können Sie achten 

Echt italienisch? Wir erklären, was hinter den Etiketten steckt.
Echt italienisch? Wir erklären, was hinter den Etiketten steckt. (Foto: ÖKO-TEST)

Und worauf können Vebraucherinnen und Verbraucher achten? Von manchen Etiketten lässt sich rein gar nichts zum Ursprung der Rohware ablesen, von anderen richtig viel. Manche Angaben können verwirren. 

  1. Sichere Sache: Wenn unter dem EU Bio-Logo "italienische Landwirtschaft" steht, dann hat eine Öko-Kontrollstelle diese Angabe im Rahmen ihrer jährlichen Bio-Kontrolle mit überprüft.

  2. Schwammig: "IT-BIO-007, EU-Landwirtschaft" bedeutet dagegen nur, dass eine Kontrollstelle in Italien tätig war und Rohwaren aus der EU verarbeitet wurden. Auch eine italienische Herstelleradresse sagt nichts über die Herkunft, sondern lediglich über den Ort der Abfüllung.

  3. Patriotisch: Wenn der Produktname oder eine Flagge ein bestimmtes Land suggeriert, aber die Hauptzutat nicht von da stammt, muss der Hersteller das zumindest angeben.

Herstellung passierter Tomaten nicht immer transparent 

Nach Zahlen der Naturschutzorganisation WWF werden in Süditalien für ein Kilo Tomaten 115 Liter Wasser benötigt – ein Spitzenwert im südeuropäischen Anbau. Umso wichtiger sind wassersparende Maßnahmen: 

Immerhin 30 Anbieter der Passata im Test haben uns geantwortet, dass die Landwirte darauf achten, Wasser sparsam einzusetzen. Einsparungen erreiche man vor allem durch Tröpfchenbewässerung, Mulchen oder die Überwachung von Temperatur, Feuchtigkeit und weiteren Messdaten.

Die Anbieter einiger Marken im Test haben gar keine Antwort auf unsere Fragen geschickt. Dabei ist Transparenz die Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Lage für Mensch und Umwelt in der Tomatenproduktion verbessert.

Die Testsieger, die Testtabelle sowie das gesamte Ergebnis im Detail lesen Sie im ePaper.

Weiterlesen auf oekotest.de:


Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Im Test: 49-mal fein passierte Tomaten. Gut die Hälfte der Produkte stammt aus kontrolliert ökologischer Landwirtschaft. Im Labor ließen wir die Produkte auf Rückstände von Pestiziden, Schimmelpilzgifte und die Qualitätsparameter Ergosterol und Lycopin untersuchen. Ergosterol ist nicht schädlich, weist aber auf die Verarbeitung schimmeliger Tomaten hin. Der eher gesundheitsfördernde Farbstoff Lycopin zeigt an, dass überwiegend reife und nur wenig grüne Früchte in der Passata gelandet sind. Nur einmal bemängeln wir einen vergleichsweise sehr niedrigen Lycopingehalt. Das Dosenprodukt wurde auch auf Bisphenol A und Zinn geprüft.

Die Anbieter sollten darüber hinaus Fragen zur Herkunft und zum Anbau der verwendeten Tomaten beantworten. Wir wollten wissen, ob die Tomaten wirklich aus Italien kommen, wie es die meisten Etiketten vermuten lassen. Außerdem baten wir um aussagekräftige Nachweise, inwieweit sich die Verarbeitungsbetriebe um faire Arbeitsbedingungen auf den Tomatenfarmen kümmern. Des Weiteren sollten sie darlegen, was sie tun, um wassersparend zu bewässern.

Bewertungslegende 

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um fünf Noten: ein Pestizidgehalt über dem für Tomaten geltenden EU-Rückstandshöchstgehalt von 0,01 mg/kg (hier: Chlorfenapyr). Zur Abwertung um vier Noten führen: Gehalte an Alternariatoxinen über den von der EU-Kommission gemäß Entwurf von 2019 empfohlenen Richtwerten ("indicative levels") für Tomatenprodukte von 500 μg/kg für Tenuazonsäure und 10 μg/kg für Alterariol (in der Tabelle: "TEA oder AOH stark erhöht"). Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein Tenuazonsäuregehalt, der den empfohlenen Richtwert zu mehr als der Hälfte ausschöpft (in der Tabelle: "TEA erhöht"); b) ein in der EU nicht zugelassenes Pestizid in einem Gehalt von mehr als 0,01 mg/kg (hier: Chlorfenapyr). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein besonders bedenkliches Pestizid in einem Gehalt von mehr als 0,01 mg/kg (hier: Cypermethrin); b) 5 oder mehr in Spuren nachgewiesene Pestizide; c) ein Ergosterolgehalt von mehr als 15 mg/kg Tomatentrockenmasse (in der Tabelle "Ergosterol erhöht"), wenn nicht schon für Tenuazonsäure oder Alterariol abgewertet wurde; d) ein "sehr niedriger" Lycopingehalt von weniger als 120 mg/kg. Steht bei konkret benannten Analyseergebnissen "nein", bedeutet das unterhalb der Bestimmungsgrenze der jeweiligen Testmethode.

Bewertung Testergebnis Anbau und Transparenz: Unter dem Testergebnis Anbau und Transparenz führen zur Abwertung um jeweils zwei Noten: a) die deklarierte Herkunft der Tomaten anhand von unabhängigen Dokumenten für die eingesetzte Rohware nicht belegt oder keine Antwort (Ausnahmen: a) Bio-Produkte, für die die deklarierte Herkunft auch durch die Kennzeichnung "Italien- bzw. EU-Landwirtschaft" belegt werden konnte; b) als "Passata die Pomodoro" gekennzeichnete Produkte, die gemäß Ministerial Decree of 17/02/2006 von italienischen Behörden als 100-Prozent-Italien zertifiziert sind.); b) Bemühungen um faire Arbeitsbedingungen nicht belegt oder keine Antwort. Als Nachweise werteten wir Zertifikate für die Sozialstandards SA8000, Social Footprint sowie GRASP-Evaluierungsnachweise; außerdem Auditberichte bzw. die nachgewiesene Mitgliedschaft für das Kontrollinstrument SEDEX/SMETA – jeweils bezogen auf den genannten Verarbeitungsbetrieb und/oder den/ die Erzeuger. Zur Abwertung um eine Note führt: keine Hinweise auf wassersparende Bewässerungsmethoden im Tomatenanbau, jeweils bezogen auf den genannten Verarbeitungsbetrieb und/oder den/die Erzeuger. Hat ein Anbieter auf unsere Fragen zur Herkunft und zum Anbau (Arbeitsbedingungen, Bewässerung) nicht geantwortet, lautet das Testergebnis Anbau und Transparenz "ungenügend".

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: zwei oder mehr in Spuren nachgewiesene Pestizide in einem Bio-Produkt. Zur Abwertung um eine Note führt: PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Deckeldichtung.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Anbau und Transparenz, das "mangelhaft" oder "ungenügend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um zwei Noten. Ein Testergebnis Anbau und Transparenz bzw. ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" oder "ausreichend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. "Gute" Testergebnisse Anbau und Transparenz bzw. Weitere Mängel wirken sich nicht aus. Hat ein Anbieter auf unsere Fragen zur Herkunft und zum Anbau nicht geantwortet, kann das Gesamturteil nicht besser als "ausreichend" sein.  

Testmethoden 

Pestizide: Screenings per GC-MS/MS und LC/MS/MS – jeweils für Lebensmittel mit hohem Wassergehalt. Lycopin: ASU L00.00-149:2014. Alternariatoxine: LC-MS/MS. Geprüft wurde auf Alternariol, Alternariolmonomethylester, Altenuen, Tentoxin, Tenuazonsäure (TEA). Ergosterol: HPLC. Die Tomaten-Trocken-Substanz (TTS) wurde mit einer angenommenen Trockenmasse von 9 g/100 g passierte Tomaten und unter Vernachlässigung des Anteils an zugesetztem Kochsalz berechnet. PVC/PVDC/¬chlorierte Verbindungen in der Verpackung: Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: Dezember 2020 

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