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ÖKO-TEST Dezember 2017
vom

Parfüms

Nur ein paar Tropfen

... ihres Lieblingsdufts soll Marilyn Monroe nachts getragen haben, sonst nichts. Für Allergiker kann das schon zu viel sein. Viele Düfte sind alles andere als traumhaft. Doch einige Parfüms können Sie guten Gewissens unter den Weihnachtsbaum legen.

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23.11.2017 | Jede Frau ist einzigartig. Jedes Parfüm auch. Das versucht uns zumindest die Industrie glauben zu machen. Schließlich soll das einzigartige Geschenk auch dieses Jahr wieder unter vielen Weihnachtsbäumen liegen. Riesig ist der Aufschrei denn auch, wenn der Gesetzgeber Duftstoffe, die sich als besonders schädlich erwiesen haben, reglementieren oder sogar verbieten will. Aktuell trifft es die Duftstoffe Lyral sowie Atranol und Chloratranol, beides natürliche Bestandteile von Eichenmoos- und Baummoosextrakten. Sie dürfen künftig nicht mehr in Kosmetika stecken. Das einzigartige Parfüm, der spezielle Hauch - alles dahin?

"Jeder Verlust eines Duftstoffs bedeutet einen Verlust an Duftbildern und Vielfalt in der Duftwelt", schreibt uns der Verband der Riechstoffhersteller. Doch bedeuten Verbote und Konzentrationsgrenzen wirklich die rote Karte für klassische Düfte? Solche Reglementierungen sind eine große Herausforderung, aber zu bewältigen, sagt Parfümeur Marc vom Ende. Er arbeitet beim Duftstoffhersteller Symrise, der auch große und bekannte Dufthäuser wie Guerlain, Hermès und Dior zu seinen Kunden zählt. "Ich persönlich habe noch keinen Fall erlebt, in dem sich die Rezeptur eines Parfüms nicht anpassen ließ." Es sei die Aufgabe technischer Parfümeure, die Rezepturen vorhandener Düfte entsprechend zu modifizieren. Und auch bei Neukompositionen müsse man die gewünschten Effekte eben mit anderen Stoffen hinbekommen. Genau das sei die Kunst des Parfümeurs: "Parfümerie ist immer auch Veränderung, schon allein, weil wir nicht mehr die Düfte der 70er-Jahre haben wollen." So hat sich auch Marylin Monroes Parfüm, der Klassiker Chanel No 5, verändert: Es fiel in früheren Tests durch Moschus-Verbindungen auf, heute sind diese nicht mehr enthalten.

Etwas verändern an den Düften, das wollte auch die EU. Und zwar zum Schutz der Verbraucher. Im Jahr 2012 veröffentlichte das wissenschaftliche Beratergremium der EU-Kommission ein Papier, in dem 82 Duftstoffe und ätherische Öle als nachgewiesene Kontaktallergene genannt waren, dazu viele weitere, die wahrscheinlich Allergien erzeugen können. Lyral, Atranol und Chloratranol bewerteten die Experten als "nicht sicher", zwölf weitere Duftstoffe wollten sie in ihrer Konzentration begrenzen. Über viele weitere allergene Duftstoffe sollten Verbraucher auf dem Etikett informiert werden. Denn während alle übrigen Inhaltsstoffe von Kosmetika fein säuberlich auf der Verpackung aufgeführt werden müssen, dürfen Duftstoffe unter dem Begriff "Parfüm" erscheinen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen: 26 Duftstoffe, die häufiger im Zusammenhang mit Allergien stehen, müssen die Hersteller seit 2005 unter den Inhaltsstoffen nennen. Professor Wolfgang Uter von der medizinischen Fakultät der Universität Erlangen, der das EU-Papier aus dem Jahr 2012 federführend mitgestaltet hat, sagt: "Richtiger wäre es, alle eingesetzten Duftstoffe zu deklarieren."

Ein Vorschlag, der bei den Herstellern auf wenig Gegenliebe stößt. Aber auch Fachleute wie Professor Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken/Universität Göttingen, der auch ÖKO-TEST berät, hält die Liste der zu deklarierenden Stoffe für übertrieben lang, nicht bei allen Stoffen sei die allergene Eigenschaft ausreichend belegt.

Bislang ist wenig aus dem Papier umgesetzt: Nach fünf Jahren wurden im August dieses Jahres endlich die drei Duftstoffe Lyral, Atranol und Chloratranol verboten. Die Übergangsfristen sind lang: Erst ab 29. August 2019 dürfen keine Mittel mit diesen Substanzen mehr in den Verkehr gebracht werden, zwei Jahre länger dürfen bereits vorhandene noch in den Regalen stehen.

Alles andere ist letztlich noch offen, seit Jahren wird in Konsultationen und Workshops debattiert und gerungen. Ein langfristig angelegtes wissenschaftliches Projekt IDEA (International Dialogue for the Evaluation of Allergens), an dem Branchenvertreter, Wissenschaftler und Mediziner und andere Interessenvertreter teilnehmen, beschäftigt sich seit 2013 damit, das Risiko der Duftstoffe quantitativ zu bewerten und herauszufinden, ab welchen Konzentrationen keine Sensibilisierungen mehr auftreten. Damit gewinnt die Industrie erst einmal viel Zeit. Möglicherweise liefert das Projekt aber auch bessere Daten. Auch für den Allergieexperten Axel Schnuch ist das ein interessanter Ansatz. Er rechnet damit, dass künftig Konzentrationsempfehlungen und gegebenenfalls Beschränkungen die Regel sein werden. Ob sie in der Praxis dann tatsächlich zu weniger Allergien führten, müsse sich noch zeigen.

Auch die Hersteller rechnen damit, dass eine weitergehende Deklarationspflicht kommen wird. Allerdings ist völlig unklar, wann und in welcher Form. Bislang konnte die Duftstoff- und Aromenindustrie um ihre Parfümöle ein großes Geheimnis machen und macht es offenbar immer noch. Die Geheimniskrämerei stellt dann auch die Hersteller von Kosmetika vor Probleme. Methoden, mit denen sich die betroffenen Duftstoffe im Labor bestimmen lassen, werden zurzeit auf europäischer Ebene erst entwickelt. Das kann dauern. "Bei allem Verständnis für die Schwierigkeiten der Kosmetikindustrie, Inhaltsstoffe in ihren Duftstoff-Mischungen überhaupt zu identifizieren, empfinde ich die Verzögerung bei der Ausweitung der Deklaration als eine Zumutung für Betroffene und ihre betreuenden Ärzte", sagt Professor Uter. Die Parfümeure und Anbieter von Parfümölen wüssten doch sehr wohl, was in ihren Gemischen enthalten sei. Und: "Parfümerie scheint mir da tatsächlich noch alchemistisch und nicht wissenschaftlich zu sein!" Höchste Zeit also für die Duftstoffindustrie im Zeitalter der Aufklärung anzukommen.

Ob Klassiker, neue Kreation oder Naturkosmetikduft: Wir wollten wissen, welche schädlichen Stoffe Parfüms enthalten und haben 20 Damendüfte im Labor prüfen lassen.

Das Testergebnis

Schöne Bescherung. Auch wenn rund die Hälfte der Parfüms immer noch am Ende der Notenskala rangiert, haben wir doch eine gute Nachricht. Fünf Parfüms - davon drei aus dem Bereich der zertifizierten Naturkosmetik - erreichen die Bestnote "sehr gut".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Ein wohlriechender Duft steht als Geschenk zu Weihnachten hoch im Kurs. Wir kauften deshalb 20 verschiedene Parfümkompositionen mit unterschiedlichen Duftintensitäten in der Preisspanne von rund zehn bis 70 Euro für 30 Milliliter ein: neben einem echten Parfüm überwiegend Eaux de Parfum, auch einige Eaux de Toilette sowie zwei leicht parfümierte Wässerchen. Darunter finden sich große Namen wie Chanel, Dior, Guerlain, Prada, aber auch preiswertere Modemarken wie Bruno Banani, Mexx und S'Oliver sowie vier zertifizierte Naturkosmetikprodukte.

Die Inhaltsstoffe
Die Duftstoffe machen ein Parfüm aus. Wir ließen die Riechwässer deshalb auf allergieauslösende Duftstoffe und auf künstliche Moschusdüfte untersuchen, die sich im Fettgewebe anreichern. Auch Rückstände von hormonell wirksamen Phthalatweichmachern standen auf dem Prüfprogramm.

Die Bewertung
Der Wohlgeruch darf nicht mit bedenklichen Inhaltsstoffen erkauft werden. Duftstoffe, die häufig Allergien auslösen, künstliche Moschusdüfte und bedenkliche UV-Filter sind kein Geschenk für die Haut. Dafür vergeben wir Minuspunkte, die sich addieren können. In Kosmetik verbotene Stoffe wie DEHP werten wir deutlich ab.

So haben wir getestet

Ätherische Öle unterliegen natürlichen Schwankungen. Deshalb ist es für Naturkosmetikhersteller schwierig, die Duftstoffe korrekt zu deklarieren.

Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 12/2017:

Parfüm

Nur ein paar Tropfen.

Parfüms gehören zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken der Deutschen. Die meisten Duftwasser sind jedoch gerade für Allergiker keine Freude. Zu diesem Resümee kommt ÖKO-TEST, das 20 Damendüfte getestet hat, darunter sowohl Klassiker mit großem Namen wie von Dior, Boss, Prada, Chanel und Gaultier, als auch Mode- und Kosmetikmarken wie Bruno Banani, Mexx und Biotherm sowie Naturkosmetik. In jedem zweiten Produkt entdeckte das Labor allergene Duftstoffe. Doch es gibt auch gute Nachrichten.