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ÖKO-TEST Februar 2017
vom

Buntstifte

Zum Stiften gehen

Der Boom von Erwachsenenmalbüchern beschert Schreibwarenherstellern Rekordumsätze. Die Qualität ihrer Malware ist allerdings oft lausig. Unser Test enttarnt auch namhafte Markenprodukte als Dreckschleudern. Nur zwei von zwanzig Sets eignen sich für Groß und Klein.

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26.01.2017 | Kritzeln, krakeln, kolorieren: Buntstifte sind aus Kinder- und Klassenzimmern nicht wegzudenken. Erste Striche mit den Farbschreibern lernt der Nachwuchs oft über Malbücher. "Ausmalbilder können den Einstieg in das kreative Malen erleichtern oder zu Beginn des Jugendalters neu bahnen", erklärt Stefan Reichelt, Professor für Kunsttherapie des Kindes- und Jugendalters an der Alanus Hochschule bei Bonn. Ausmalen schule zudem Konzentration, Auge-Hand-Koordination und die sensorische Wahrnehmung.

Auch Millionen Erwachsene haben überraschend ihre Leidenschaft für das Einfärben gedruckter Bildchen entdeckt. Der Absatz von speziellen Malbüchern boomt weltweit, Buntstifthersteller schieben Sonderschichten. Das Traditionsunternehmen Faber-Castell etwa meldete dank des Trends mit 631 Millionen Euro Umsatz für das Geschäftsjahr 2015/2016 sein "best year ever". Auch Konkurrent Schwan Stabilo führt sein erfolgreichstes Jahr seit Gründung unter anderem auf den Ausmalboom zurück: Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr um hundert Millionen Euro.

Ins Rollen brachte das Geschäft die schottische Illustratorin Johanna Basford. Ihr "Mein verzauberter Garten" erklomm im Jahr 2013 international die Bestsellerlisten, wurde millionenfach verkauft. Hierzulande sei das Phänomen allerdings bis 2015 noch eine Randerscheinung gewesen, sagt Thomas Koch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Bis zum Januar 2016 waren ihm zufolge dann plötzlich mehr als 250 Erwachsenenmalbücher lieferbar. Allein für die erste Jahreshälfte 2016 meldeten Verlage 110 neue Titel.

Japan, Indien, Zen-Buddhismus, Fantasyfilme, exotische Welten, aber auch Katzen, Erotik und Schimpfwörter: Mit der Titelflut kam die Motivvielfalt. "Ausmalbücher für Erwachsene sind anspruchsvoller und kleinteiliger, mit dünneren Linien und kleineren Feldern, die präziser ausgemalt werden sollten als die großen Flächen in Kindermalbüchern", erklärt Koch.

Aus der angestaubten Mandala-Esoterikecke katapultierte die Sparte auch ein neuer Werbedreh. Meditatives Malen wird als farbenfroher Protest gegen Leistungsdruck und permanente Onlinepräsenz verkauft. Die Kladdentexte versprechen Stressabbau in einer technologisierten und als schneller empfundenen Zeit. "Malbücher für Erwachsene werden überwiegend von Frauen für Frauen als Geschenke gekauft", umreißt Monika Schlitzer vom Kinder- und Sachbuchverlag Dorling Kindersley die Zielgruppe. Überzeugten Käufern würden die Bücher als nur leicht fordernde Beschäftigung ähnlich wie Sudoku oder Kreuzworträtsel beim Abschalten helfen und für Zerstreuung sorgen: "Das ist Autosuggestion. Sie können natürlich auch Hula-Hoop machen."

Buntstifte, zu denen neben den Kleinen nun auch immer mehr Große greifen, fielen bisher allerdings in ÖKO-TESTs reihenweise durch. Belastet waren "ungenügende" Schreiber mit hormonell wirksamen Weichmachern und vor allem mit krebserregenden Farbbausteinen. Zwar hielten Anbieter meist die gesetzlichen Vorschriften für Spielzeug ein. Doch unseren bewusst höher gesetzten Standards genügten sie nicht.

Kinder kauen auf der Malware herum, verschlucken mitunter Krümel und haben über längere Zeit mit Stift und Mine intensiven Hautkontakt. Deshalb fahnden wir etwa nach gefährlichen Farbbausteinen mit einer Methode, die der Gesetzgeber eigentlich für Textilien vorschreibt. Sie simuliert die Veränderung der eingesetzten Farbpigmente durch Schweiß und Bakterien. Das Abspalten sogenannter aromatischer Amine aus den Farbstoffen wird dafür unter anderem mit einer Reagenz provoziert. Und aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes haben wir eine strengere Abwertungsgrenze festgelegt, als sie die Norm vorsieht. Um nach Spielzeugnorm einwandfrei und sicher zu sein, müssen die Pigmente bisher nur einer wässrigen Lösung standhalten. Aus Sicht der Landesuntersuchungsämter in Sachsen und Rheinland-Pfalz spiegelt dies einen realistischen Gebrauch von Buntstiften wider, ergab unsere Nachfrage. Toxikologen fordern hingegen wie ÖKO-TEST wesentlich höhere Sicherheitskriterien. Anbieter müssen garantieren können, dass Stifte auch unter härteren Umständen keine Krebserreger freisetzen.

Welche Qualität besitzen Buntstifte aktuell? Wir haben 20 Sets für Kinder und Erwachsene einem umfassenden Schadstoffcheck unterzogen und uns gefragt, was sie auf dem Papier taugen.

Das Testergebnis

Katastrophal: Die Qualität von drei Vierteln der getesteten Stifte lässt mehr als zu wünschen übrig. Sie fallen mit "ungenügend" durch. Es trifft Billiganbieter genauso wie Traditionsfirmen und Öko-Marken. Zum Notenabzug führen vor allem krebserregende und krebsverdächtige Farbbestandteile sowie problematische Weichmacher. Nur drei Stiftsets bewerten wir mit "befriedigend". "Gut" oder "sehr gut" gibt's lediglich für zwei Produkte.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 20 Buntstiftsets für die Schule und den Hobbybedarf eingekauft. Fündig wurden wir im Schreibwarenhandel, bei Spielzeuganbietern, in Ein-Euro-Shops, Drogerien und Supermärkten. Der Packungspreis schwankt zwischen einem und 10,40 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Wir haben ein Labor darauf angesetzt, die Stiftlacke auf verbotene Phthalate und weitere problematische Weichmacher zu untersuchen. Sie werden verarbeitet, um die Oberfläche geschmeidig zu halten. Spezialisten prüften für uns überdies die roten, gelben sowie schwarzen Lacke und Minen auf krebsverdächtige und krebserregende primäre aromatische Amine. Ein weiteres Labor testete die schwarzen Minen auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Auch wollten wir wissen, ob in den Stiften Schwermetalle oder halogenorganische Verbindungen stecken.

Der Praxistest
Wie gut taugen die Buntstifte zum Malen? Eine Einschätzung lieferte ein auf technische Prüfungen spezialisiertes Labor. Zwei Mitarbeiter und ein Kind beurteilten systematisch die Farbintensität sowie die Stabilität von Stiftspitze und -mine beim Malen. Zudem testeten sie, wie leicht das Anspitzen von der Hand ging und ob dabei die Mine brach.

Die Bewertung
Kinder lutschen und kauen an Buntstiften und halten sie oft stundenlang in den Händen. Mitunter verschlucken sie auch Teile. Das Maß der Dinge ist daher die Schadstofffreiheit: Aromatische Amine wie Anilin und für die Gesundheit problematische Weichmacher werten wir rigoros ab. Streng sind wir auch bei hohen PAK-Gehalten.

So haben wir getestet

Ratsch, ratsch: Wie stabil Mine und Spitze beim Anspitzen bleiben und wie gut die Stifte decken, ermittelte ein Techniklabor für uns.

Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 2/2017:

Buntstifte

Kritzeln, krakeln, kolorieren: Buntstifte sind aus Kinderzimmern nicht wegzudenken. Die Kleinen stecken beim Malen aber schon mal gerne den Stift in den Mund. Deshalb haben wir 20 Sets einem umfassenden Schadstoffcheck unterzogen und unter anderem nach aromatischen Aminen, die durch das Abspalten aus Farbbausteinen entstehen, suchen lassen. Wir haben mit einer Methode gearbeitet, die der Gesetzgeber eigentlich für Textilien vorschreibt. Denn es leuchtet nicht ein, warum bei krebserzeugenden Aminen für Spielzeug laschere rechtliche Prüfvorgaben gelten als etwa für Bekleidung. Geht es um Kinder, sollte die höchstmögliche Sicherheitsstufe verpflichtend sein, fordern nicht nur wir, sondern auch Toxikologen.