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Ratgeber: Einkaufen

ÖKO-TEST März 2010
vom 26.02.2010

Ratgeber: Einkaufen

Zum Bauern oder in den Discounter?

Einkaufen auf dem Bauernhof - immer mehr Menschen nutzen dieses Angebot. Doch ist der Einkauf dort ökologischer als im Supermarkt, beim Discounter oder auf dem Wochenmarkt? ÖKO-TEST hat die Vor- und Nachteile der verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten geprüft.

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26.02.2010 | Der Bio-Hof von Agnes und Wilhelm Timmermann ist eine Freude. Er liegt am Rande der Sülldorfer Feldmark im Westen Hamburgs, kurz vor der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein, einem Naturschutzgebiet mit Pferdehöfen, Kühen und satten grünen Wiesen. Vor über 250 Jahren wurde der Hof der Timmermanns gegründet, und seitdem wird hier Landwirtschaft betrieben - seit 20 Jahren nach den Vorgaben des Anbauverbandes Bioland.

Es gibt einen wunderbaren Hofladen unter Rieddach, in dem Gemüse, Obst, Eier und Fleisch aus eigener Erzeugung eingekauft werden können. Darüber hinaus findet man in dem großzügig und ästhetisch gestalteten Laden fast alle Lebensmittel für den täglichen Bedarf. Also auch Brot und Käse, Nudeln, Reis und Kartoffelpüree, Milchprodukte, Fertigprodukte, Wein, Säfte und sogar Eis.

Ein Besuch hier ist ein kleiner Ferientag für die ganze Familie. Die Kinder können im Heu toben, Kaninchen streicheln, zugucken, wenn die Hofschweine gefüttert werden, und die Hühner besuchen - derweil die Eltern in Ruhe einkaufen. Manche aus dem nahe gelegenen Sülldorf kommen per Rad oder zu Fuß mit Kinderwagen, um einzukaufen. Gerade am Wochenende aber herrscht hier manchmal der Ausnahmezustand. Dann ist der Hof randvoll geparkt mit Autos. Die kommen von überall her, aus Hamburg, aber auch aus dem holsteinischen Pinneberg, wie das Nummernschild verrät.

Doch ist es wirklich ökologisch sinnvoll, auf einen Bauernhof am Stadtrand oder gar auf die grüne Wiese zu fahren, um dort Lebensmittel einzukaufen? Mitnichten. Zumindest dann nicht, wenn mit dem Wagen vorgefahren wird.

Eine Tonne Blech für zehn Kilo Lebensmittel

Mittlerweile gibt es am Rande jeder Großstadt Bio-Höfe, zu denen die Stadtbevölkerung strömt, sei es die Domäne Mechthildshausen bei Wiesbaden, der Dottenfelderhof bei Frankfurt oder Gut Wulksfelde im Osten Hamburgs. Allesamt Höfe, die zwar Bio zu bieten haben, aber entweder überhaupt nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind oder aus Bequemlichkeit und Zeitmangel mit dem Auto angesteuert werden.

Das sieht auch Martin Demmeler vom alternativen Energiedienstleister Green City Energy so. Er hat im Rahmen einer Regionalstudie zur Lebensmittelbereitstellung die verschiedenen Einkaufsstätten - Höfe, Discounter, Supermärkte mit regionalem Angebot und Wochenmärkte - unter die Lupe genommen und auf ihre ökologische Sinnhaftigkeit abgeklopft. Er beurteilte die Einkaufsmenge und die Fahrtwege, die für den Einkauf anfallen, aber auch die Wege, die hinter dem Lebensmittel stehen. Ergebnis: Der Erlebniseinkauf auf dem Bauernhof ist ökologisch wenig sinnvoll. Er kritisiert, dass hierfür oftmals weite Strecken per Pkw zurückgelegt werden, zugleich aber nur geringe Mengen an Nahrung transportiert werden. "Da wird eine Tonne Blech für zehn bis 20 Kilo Nahrung bewegt. Das ist ökologisch gesehen kein günstiges Verhältnis." Demmeler will vom Erlebniseinkauf beim Bauern aber nicht kategorisch abraten. Wenn die Kinder im Heu toben, Kälber streicheln und beim Eiersammeln helfen dürfen, und die Eltern einen Draht zum Erzeuger aufbauen, führt dies auch dazu, dass mehr Lebensmittel in Bio-Qualität gekauft werden. Und wenn ein Pendler auf dem Weg zur Arbeit täglich an einem Bio-Hof vorbeifährt, ist es natürlich sinnvoll, wenn er auf dem Rückweg gleich auf dem Hof einkaufen geht.

4.334 Kilometer für eine Schale Erdbeeren

Alle anderen gehen dann besser in den Discounter? Auch nicht die pauschal richtige Lösung. Zwar liegen Lidl, Aldi, Penny und Co. in Städten meist recht zentral und können notfalls auch zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden. Doch wer auf einen der dazugehörigen Parkplätze fährt, stellt fest: die Fahrradständer bleiben leer, um die Autostellplätze wird hingegen gerangelt.

Zugleich muss der Transport der Lebensmittel in die Geschäfte berücksichtigt werden. Die Supermärkte und Discounter bewirken "hohe ökologische Belastungen, da Lebensmittel über große Entfernungen transportiert werden", sagt Martin Demmeler. Eine Studie aus dem Hause Rewe, für die die CO2-Belastung und in diesem Zusammenhang die Transportkilometer bei der Erzeugung von einem Schälchen Erdbeeren der Marke Best Alliance Früherdbeeren analysiert wurden, zeigt: Zuerst werden die Erdbeerenpflanzen über eine Entfernung von rund 660 Kilometer in einem 20-Tonnen-Lkw von Segovia nördlich von Madrid nach Huelva transportiert. Die PET-Schalen, in die die fertigen Früchte dort verpackt werden, haben nochmals eine Strecke von 750 Kilometer von Valencia nach Huelva hinter sich. Die Transportstrecke von Huelva ins Rewe-Zentrallager nach Achern in Süddeutschland, die die mit Erdbeeren voll gepackten Schalen (500 Gramm) dann zurücklegen, beträgt weitere 2.224 Kilometer. Bei der Verteilung in Deutschland in die Märkte werden schließlich nochmals maximal 700 Kilometer fällig. Macht für ein Pfundschälchen Erdbeeren: 4.334 Kilometer.

Das also kann es auch nicht sein. Doch wo das täglich Brot einkaufen? Am günstigsten aus ökologischer Sicht bewertet Demmeler Geschäfte mit einem regionalen Sortiment. Das können Supermärkte sein, die neben den üblichen Markenartikeln ein eigenes Angebot an regional erzeugten Produkten wie Gemüse und Obst, Eier und Wurst aus dem näheren Umfeld im Sortiment haben. Ob Rewe oder Edeka, Tengelmann oder Coop, viele konventionelle Märkte bieten seit einiger Zeit solche Regionalwaren an. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Supermärkte, die zwar keine eigenen Regionalmarken führen, die aber - je nach Angebot und Jahreszeit - frische Produkte von regionalen Erzeugern einkaufen. Auch die Bio-Supermärkte und Naturkostfachgeschäfte setzen bei Teilen des Sortiments auf regionale Produkte. In den SuperNaturmärkten von Alnatura werden Lebensmittel aus dem Umland mit dem Hinweis "aus der Region" gekennzeichnet. Kleine Dorf- oder Nachbarschaftsläden halten ebenfalls ein regionales Lebensmittelangebot bereit, seien es die Kartoffeln vom Bauern aus dem Nachbarort oder Wurst und Fleisch vom Metzger aus der Kreisstadt.

Es geht um die Wurst

Der Vorteil dieser Konzepte ist, dass Supermärkte, Dorf- und Bio-Läden meist ortsnah liegen und somit, zumindest theoretisch, auch zu Fuß oder Rad erreichbar sind. Auch bringt das regionale Angebot mit Abstand die geringsten ökologischen Belastungen durch Lebensmitteltransporte mit sich. Karotten, Kartoffeln und Eier werden teils von einem lokalen, nur wenige Kilometer entfernten Erzeuger geliefert, ergab eine Anfrage von ÖKO-TEST bei verschiedenen Supermarktketten. Teils liegen 100 Kilometer zwischen Hof und Supermarkt, was aber im Vergleich zu weit gereisten Erdbeeren eine Kleinigkeit ist. Im besten Fall beliefert der Landwirt gleich mehrere Märkte und lastet damit seinen Transporter aus, was ein weiteres Plus in Sachen Ökologie bedeutet.

Dasselbe gilt für den Wochenmarkt. Er ist für die Verbraucher gut erreichbar, da er stets zentral in einem Ort gelegen ist. Werden dort regional erzeugte Lebensmittel angeboten, sind auch die Transporte dahinter überschaubar. Ideal ist es, wenn Äpfel, Birnen, Pflaumen, Salat und Tomaten, Wurst, Fleisch und Käse aus regionaler und möglichst biologischer Erzeugung kommen. Der Frankfurter Erzeugermarkt an der Konstabler Wache ist so ein Markt. Dort dürfen ausschließlich Landwirte aus dem Rhein-Main-Gebiet ihre Ware verkaufen. Das Gemüse kommt aus Oberrad, die Wurst aus dem Vogelsberg, das Brot aus Bad Vilbel und der Honig aus Maintal. Rund 50 Bauern verkaufen auf dem Markt, der dieses Jahr 20 Jahre alt wird. Zugleich sorgen die Erzeuger für das leibliche Wohl. An einfachen Holztischen zwischen den Ständen werden Ebbelwoi, Grie Soß oder Bratwurscht gespeist und das eine und andere Pläuschchen gehalten. Der Markt wird daher auch als Deutschlands größter Stammtisch bezeichnet.

Doch auf vielen Wochenmärkten sieht es anders aus. Da kommen Teile des Angebots von überall her, nur nicht aus der Region. Die Tomaten aus Holland, Italien oder Spanien, die Trauben aus der Türkei oder Griechenland, die Äpfel aus Neuseeland und Chile und Ananas und Mango aus Afrika. Das hat mit der einstigen Marktidee der regionalen Lebensmittelvermarktung nichts mehr zu tun.

Dass die Qualität oft zu wüschen übrig lässt, zeigt der Pestizidreport Nordrhein-Westfalen. Dort lässt sich nachlesen, wie es um die Belastung der Produkte in einzelnen Einkaufsstätten steht, also bei Aldi, Lidl, Penny, Rewe. Auch das Angebot auf Groß- und Wochenmärkten wird beprobt. Die Daten werden von der Lebensmittelüberwachung zur Verfügung und ins Internet gestellt (www.umwelt.nrw.de ->Verbraucherschutz->Lebensmittel->Pestizidreport). Ergebnis: In der Vergangenheit schnitt Obst und Gemüse aus dem Discounter oder Supermarkt besser oft ab als das, was im übrigen Einzelhandel, also in kleinen Läden, auf Wochen- und Großmärkten verkauft wurde. Beispiel Paprika: Hier fanden sich in 54 Prozent der Proben von Großmärkten und in 48 Prozent der Proben von Wochenmärkten und Einzelhandelsgeschäften, die 2009 gezogen wurden, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Ein Prozent der Paprikaproben überschritt sogar den zulässigen Höchstwert. Bei den Discountern sah es fast durchweg besser aus. "Nur" in 13 Prozent der Paprika von Lidl fanden sich Rückstände, bei Rewe waren 17 Prozent betroffen und bei Penny 25 Prozent.

Ähnlich ist die Tendenz auch bei anderen Gemüse- und Obstsorten. Rückstände von Pestiziden finden sich darin zwar oft. Wesentlich häufiger belastet als Discounterware waren aber die Produkte vom Wochenmarkt. Die Gemüseanbieter beziehen wie auch Restaurants ihre belastete Ware von Großmärkten: Flugananas, griechische Trauben und vieles mehr.

Vor wenigen Jahren noch gerieten Discounter regelmäßig durch belastetes Obst und Gemüse in die Schlagzeilen. Immer wieder hatten ÖKO-TEST und verschiedene Verbraucherschutzorganisationen die enormen Belastungen mit Pflanzenschutzmitteln offengelegt. Seitdem richteten die Märkte bessere Kontrollsysteme ein und machten ihren Lieferanten dezidierte Vorgaben, welche Rückstände sie in Obst und Gemüse akzeptieren. Beispiel Edeka. Die Eigenmarken dürfen höchstens 50 Prozent der gesetzlich erlaubten Rückstände enthalten, anderes Obst und Gemüse kann seit 2007 nur noch mit höchstens 70 Prozent der üblicherweise akzeptierten Höchstmenge belastet sein. Edeka hat außerdem zusammen mit dem Öko-Institut in Freiburg eine Liste für besonders heikle Pestizide erarbeitet. Seit diesem Jahr sollen alle als besonders kritisch eingestuften Mittel von den Lieferanten nicht mehr angewendet werden. Nicht zuletzt gibt es eine Rückstandsdatenbank, in der die Analysedaten erfasst und ausgewertet werden. Kritische Produkte werden verstärkt kontrolliert und notfalls ausgelistet.

Dass die Discounter selbst aktiv geworden sind, zeigt aber auch eins: Die Lebensmittelkontrollen seitens der Länder sind zu schlapp. Zwar werden hier regelmäßig zahlreiche Lebensmittel in Bezug auf ihre Belastung mit Schadstoffen untersucht. Doch der Probenumfang ist gering. Beispiel Hamburg. Vom Hygieneinstitut der Stadt wurden 2008 gerade mal 385 Lebensmittelproben pflanzlicher Herkunft auf die Rückstände von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln untersucht. Wenn man bedenkt, dass Hamburg ein bedeutender Importhafen ist, ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Fest steht indes: Es lohnt sich beim Einkauf auf heimisches Grünzeug zurückzugreifen. Das zeigen die Daten der Nationalen Berichterstattung Pflanzenschutzmittelrückstände, die das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit jährlich veröffentlicht. So wurden 2007 in 9,5 Prozent der Obst- und Gemüseproben aus Nicht-EU-Ländern, die hierzulande verkauft wurden, die zulässigen Höchstgehalte für Pflanzenschutzmittel überschritten. Bei den Produkten aus EU-Ländern waren fünf Prozent der Proben stärker belastet, als erlaubt ist. Hingegen enthielten "nur" 2,7 Prozent der aus Deutschland stammenden Obst- und Gemüseproben Rückstände in unerlaubter Höhe. Die Ämter fanden in 0,8 Prozent der Äpfel aus Deutschland Rückstände über der erlaubten Höchstmenge. Von Äpfeln aus Frankreich waren 12,1 Prozent der Proben übermäßig belastet und von Äpfeln aus Brasilien sogar 25 Prozent der Proben. Beim Salat waren 1,8 Prozent der deutschen Proben über der Höchstmenge belastet gegenüber 8,5 Prozent der belgischen, 8,7 Prozent der französischen und 9,1 Prozent der italienischen Köpfe. Bio war in jedem Fall der Sieger. Hier wurden nur in 0,9 Prozent der Proben insgesamt die für Bio-Produkte geltenden Höchstgehalte überschritten, die wiederum meist deutlich unter den für konventionelle Ware geltenden Werten liegen.

Auch Bio-Betriebe und regionale Kleinerzeuger können die Umwelt belasten

Viele, aber nicht alle Lebensmittel, die in Naturkostläden, Bio-Supermärkten und bei Discountern verkauft werden, kommen aus Deutschland - und manchmal auch aus der Region. Rund 50 Prozent der Bio-Lebensmittel werden jedoch aus anderen Ländern importiert. Ob dies ökologisch gesehen Frevel ist oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zunächst einmal spielt das Transportmittel eine Rolle. So schadet der Transport per Flugzeug dem Klima 80-mal mehr, als wenn die Waren per Schiff befördert werden, aber 300-mal mehr als die heimische Erzeugung. Doch auch Produkt und Jahreszeit spielen eine Rolle. Werden Braeburnäpfel aus Neuseeland Ende März per Schiff über 23.000 Kilometer ins württembergische Meckenheim transportiert, kostet das "nur" etwa ein Drittel mehr Energie, als wenn die Früchte hier geerntet wurden und monatelang im energieintensiven Kühlhaus lagern, erklärt der Agrarwissenschaftler Michael Blanke vom Institut für Gartenbauwissenschaften der Universität Bonn. "Genügend große Betriebe können, energetisch gesehen, sehr viel günstiger Lebensmittel am Markt bereitstellen als kleine Betriebe, unabhängig davon, ob diese Betriebe in deutschen Regionen, innerhalb der EU oder global agieren", weiß Elmar Schlich von der Universität Gießen. Das heißt aber auch: Der kleine Bio-Hof wirtschaftet viel energieintensiver als der große, egal wo er sich befindet. Deutsche Obstbaubetriebe, in denen 1.000 Tonnen Äpfel im Jahr erzeugt werden und die somit relativ groß sind, setzten pro Kilo Frucht unterm Strich nur 40 Gramm Kohlendioxid (CO2) frei. Werden weniger als 200 Tonnen geerntet, bedeutet dies pro Kilo eine CO2-Belastung von bis zu 200 Gramm. Schlich rät den Kleinerzeugern, sich zu Kooperationen oder Genossenschaften in der Region zusammenzuschließen, um eine ausreichende Betriebsgröße zu erreichen.

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