Lippenpflegestifte mit Sonnenschutz: Das Problem mit UV-Filtern

Jahrbuch Kosmetik für 2023 | Autor: Christine Throl/Heike Baier/Lena Wenzel | Kategorie: Kosmetik und Mode | 08.12.2022

Lippenpflegestifte mit UV-Schutz im Test: Wie schlagen sich Labello, Blistex & Co.?
Foto: ÖKO-TEST/Pearl PhotoPix/Shutterstock

UV-Schutz ist nicht nur auf der Haut wichtig, sondern auch auf den Lippen. Vor allem auf der Unterlippe ist die Gefahr für Sonnenbrand hoch. Schutz bieten Lippenpflegestifte mit UV-Filtern. Doch Vorsicht bei der Auswahl des Sonnenschutzes für die Lippen: Die Inhaltsstoffe sind teils bedenklich.  

  • Im Test: 17 Lippenpflegestifte mit UV-Schutz, darunter zwei Naturkosmetikprodukte. 
  • Sechs Produkte sind mit "sehr gut" rundum empfehlenswert. 
  • Einige Lippenpflegestifte mit UV-Schutz im Test enthalten bedenkliche UV-Filter und weitere Problemstoffe.

Aktualisiert am 08.12.2022 | Der Schnee glitzert, die Sonne scheint, die Piste ist frei – wenn der Winter sich von dieser schönen Seite zeigt, ist UV-Schutz dringend angesagt. Denn die Schneekristalle verstärken die Wirkung der Sonne. Gerade an den Lippen, die kaum Eigenschutz gegen UV-Strahlen besitzen, ist die Gefahr für Sonnenbrand besonders hoch.

Ein Lippenpflegestift mit UV-Schutz ist dann eine praktische Sache, denn er ist schnell aus der Tasche gezogen und schützt die Lippen auch gleich vor dem Austrocknen. Allerdings verengt sich derzeit die Auswahl an UV-Filtern, die wir für diesen Einsatzzweck empfehlen können.

Das Problem mit UV-Filtern in Lippepflegestiften

Der Grund: Den mineralischen UV-Filter Titandioxid (TiO2) betrachten wir in neuem Licht, denn die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat ihn im Sommer 2021 für die orale Aufnahme über Lebensmittel als möglicherweise erbgutschädigend eingestuft.

Darum sollte auch Lippenpflege in unseren Augen vorsorglich auf Titandioxid verzichten. Denn einen Teil der Lippenkosmetik verschlucken wir: Bis zu 57 Milligramm pro Tag können es sein. Das sagen Berechnungen des für die Bewertung von Kosmetika zuständigen EU-Gremiums SCCS.  

Lippenpflegestifte mit UV-Schutz im Test: Welche Produkte sind am besten?
Lippenpflegestifte mit UV-Schutz im Test: Welche Produkte sind am besten? (Foto: Pearl PhotoPix/Shutterstock)

Kritik an Titandioxid in Lippenpflegestiften im Test

In unserem vorigen Test von Lippenpflegestiften mit UV-Schutz im Januar 2019 haben wir Titandioxid noch nicht abgewertet. Aber nun gerät der Stoff immer stärker in die Kritik.

Schon länger gilt TiO2 als kritisch, wenn es als ganz feiner Staub in Nano-Größe eingeatmet wird. Kosmetische Sprays dürfen deshalb keine Partikel enthalten, die kleiner sind als 100 Nanometer. In den vergangenen Jahren gab es dann auch immer mehr Hinweise auf eine Gesundheitsgefahr, wenn Titandioxid als Lebensmittelzusatz in den Darm gelangt.

Im Sommer 2021 prüfte die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit die Datenlage und kam zum Schluss, dass E171 – so der Name von Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff – als "nicht sicher" eingestuft werden müsse. Weil bei derzeitiger Studienlage eine Genotoxizität des Stoffes zwar nicht bewiesen, aber auch nicht ausgeschlossen werden könne. Klartext: E171 kann möglicherweise das Erbgut schädigen.  

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Sonnenschutz für Lippen: Lieber ohne Titandioxid

Inwieweit sich die Daten zu E171 auf kosmetisches Titandioxid übertragen lassen, ist bisher nicht geklärt. Die EFSA betont, in ihrer Bewertung die orale Aufnahme von Titandioxid aus Kosmetik nicht berücksichtigt zu haben. Dennoch halten wir es aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes für richtig, Titandioxid in Kosmetika, die teilweise verschluckt werden können, abzuwerten.

Insgesamt enthalten sieben Lippenpflegestifte im Test Titandioxid als UV-Filter oder als Farbstoff. Als Farbpigment taucht es in der Inhaltsstoffliste unter dem Namen CI 77891 auf, als UV-Filter steht es als Titanium Dioxide dort. Die höchsten Gehalte an TiO2 hat das beauftrage Labor übrigens in den beiden Naturkosmetik-Stiften gemessen.

Weiterer Kritikpunkt: Die Deklaration der mineralischen UV-Filter. Wenn mehr als die Hälfte der Titandioxid- oder Zinkoxid-Partikel in Nano-Größe vorliegt, müsste laut Kosmetik-Verordnung hinter den Stoffen der Zusatz "nano" in der Liste der Inhaltsstoffe stehen. Wir haben die Partikel im Labor nachmessen lassen. Demnach fehlt auf fünf Lippenpflegestiften die Auslobung "nano".  

Beim Wintersport ist Sonnenschutz ein Muss: Mit Lippenpflegestiften lässt sich der UV-Schutz schnell auftragen.
Beim Wintersport ist Sonnenschutz ein Muss: Mit Lippenpflegestiften lässt sich der UV-Schutz schnell auftragen. (Foto: Marko Ristic Leo/Shutterstock)

Chemische UV-Filter sind auch nicht unbedenklich

Bei aller Aufregung um Titandioxid: Mindestens ebenso kritisch sehen wir einige chemische UV-Filter in den Lippenpflegestiften. Diese Filter dringen in tiefere Hautschichten vor und wandeln dort die UV-Strahlen in Wärme um. Ein Teil der Filter gelangt dabei in die Blutbahn.

Das EU-Bewertungsgremium SCCS ist ständig dabei, neue Daten zum Gefahrenpotenzial der UV-Filter zu sichten. Ganz neu ist die Empfehlung, die zugelassene Höchstmenge des Filters Homosalat drastisch auf 0,5 Prozent herabzusetzen. Anlass sind neue Daten aus Tierversuchen, die auf eine mögliche Schädigung von Nieren, Leber und Schilddrüse hinweisen.

Unter dem Verdacht, wie ein Hormon zu wirken, steht Homosalat schon länger, ebenso wie einige andere UV-Filter: Für Ethylhexylmethoxycinnamat und Benzophenon-3 gibt es Hinweise aus Tierstudien, für Octocrylen aus Zellversuchen.  

Weitere Problemstoffe in Lippenpflegestiften

Und damit ist die Liste der Stoffe, die wir in den Lippenpflegestiften bemängeln, noch lange nicht zu Ende:

  • In zwei Produkten wies das beauftragte Labor halogenorganische Verbindungen nach. Viele Vertreter dieser Stoffgruppe können Allergien auslösen.
  • Ein Pflegestift enthält Paraffine, also Fette aus der Erdölindustrie. Sie können sich in den Organen anreichern. Die Paraffine im untersuchten Produkt sind außerdem mit aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen (MOAH) verunreinigt. Unter den MOAH können krebserregende Substanzen sein.

Die bedenklichen UV-Filter und die anderen Problemstoffe, auf die wir gestoßen sind, haben zur Folge, dass sechs Lippenpflegestifte mit "mangelhaft" oder "ungenügend" durch den Test fallen. Damit raten wir vom Kauf dieser Produkte ab. Sechs Produkte können wir aber auch mit Bestnote empfehlen. 

Zinkoxid als UV-Schutz der Zukunft? 

Weil Titandioxid in die Kritik geraten ist, weichen Hersteller nun vermehrt auf den zweiten zugelassenen mineralischen UV-Filter Zinkoxid aus. Gerade in der Naturkosmetik ist er wichtig, da chemische UV-Filter hier tabu sind.

Eins zu eins gegeneinander austauschen lassen sich die Filter jedoch nicht. Zinkoxid hat seine Stärken in der Streuung der langwelligen UVA-Strahlen. Es schützt gegen die kurzwellige UVB-Strahlung aber sehr viel schwächer als Titandioxid.

Lange war deshalb ein sehr hoher mineralischer UV-Schutz ohne Titandioxid gar nicht machbar. Seit wenigen Jahren sind aber neue verbesserte Zinkoxid-Filter auf dem Markt, die sogar Lichtschutzfaktor 50 erreichen. Dafür muss Zink dann jedoch sehr hoch konzentriert werden – nahe der zugelassenen Höchstmenge von 25 Prozent. Zink hat außerdem in höheren Konzentrationen eine gewisse austrocknende Wirkung. In Windelcremes ist genau das erwünscht – in Lippenpflege nicht.

Die Testsieger, die Testtabelle sowie das gesamte Ergebnis im Detail lesen Sie im ePaper.

Diesen Test haben wir zuletzt im ÖKO-TEST Magazin 1/2022 veröffentlicht. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das Jahrbuch Kosmetik für 2023 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben

Weiterlesen auf oekotest.de:

Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Wir haben 17 Mal Lippenpflege mit UV-Schutz in Drogerien, (Bio-)Supermärkten und Apotheken eingekauft. Dabei landeten Produkte mit LSF zwischen 20 und 50 in unserem Einkaufskorb.

Die Liste der Inhaltsstoffe haben wir auf Problemstoffe wie bedenkliche UV-Filter, umstrittene PEG/PEG-Derivate und Plastikverbindungen gecheckt. Zusätzlich haben wir die Produkte in Speziallaboren analysieren lassen; auf halogenorganische Verbindungen und allergieauslösende Duftstoffe etwa. Ist die krebsverdächtige Verbindung Benzophenon in Lippenpflege mit dem UV-Filter Octrocrylen nachweisbar? Welche Menge des in Verruf geratenen Stoffs Titandioxid steckt in den Produkten? Enthalten die mineralischen UV-Filter Titandioxid und Zinkoxid eventuell Nanomaterial und ist das entsprechend deklariert? Das hat ein Labor nach einer im EU-Projekt "NanoDefine" beschriebenen Methode überprüft.

Schließlich haben wir darauf geachtet, ob die Hersteller ausreichende Anwendungs- und Warnhinweise auf den Hülsen und Kartons abdrucken, die helfen Hautkrebs zu vermeiden. Wir haben die Anbieter auch gefragt, ob sie in Kunststoffverpackungen recyceltes Plastik einsetzen. Dafür wollten wir Belege sehen.

Bewertungslegende 

Soweit nicht abweichend angegeben, handelt es sich bei den hier genannten Abwertungsgrenzen nicht um gesetzliche Grenzwerte, sondern um solche, die von ÖKO-TEST festgesetzt wurden. Die Abwertungsgrenzen wurden von ÖKO-TEST eingedenk der sich aus spezifischen Untersuchungen ergebenden Messunsicherheiten und methodenimmanenter Varianzen festgelegt.

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führen zur Abwertung um jeweils zwei Noten: a) PEG/PEG-Derivate; b) halogenorganische Verbindungen; c) bedenkliche UV-Filter (hier: Benzophenon-3, Ethylhexylmethoxycinnamat, Homosalat); d) Titandioxid als UV-Filter oder Farbpigment CI 77891 in Pflegemitteln für die Lippen; e) Paraffine/künstliche paraffinartige Stoffe; f) MOAH. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) bedenkliche UV-Filter, falls nicht schon wegen bedenklicher UV-Filter um zwei Noten abgewertet wurde (hier: Octocrylen); b) BHT; c) deklarationspflichtige Duftstoffe, die Allergien auslösen können (hier: Hydroxycitronellal); e) Tartrazin (CI 19140).

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: a) Silikone und/oder synthetische Polymere als Kunststoffverbindungen (hier: Dimethicone, Hydrogenated Polydecene, Phenyl Trimethicone, Polyethylene, Silica Dimethyl Silylate, Simethicone, Triacontanyl PVP). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung; b) fehlende Angabe "nano" bei Titandioxid bzw. Zinkoxid in der Liste der Inhaltsstoffe gemäß EU-Kosmetik-Verordnung 1223/2009 und der Empfehlung 2011/696 der EU-Kommission zur Definition von Nanomaterial, wenn das in den Produkten enthaltene Titandioxid bzw. Zinkoxid zu mehr als 50 Prozent nanoförmig vorliegt; c) keine ausreichenden Sonnenschutz-Empfehlungen: mindestens die Hinweise"mehrfach auftragen, um den Lichtschutz aufrecht zu erhalten" und "Sonnenschutzmittel großzügig auftragen" fehlen; d) ein Umkarton, ohne weitere Sonnenschutzhinweise.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" oder "ausreichend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "mangelhaft" ist, verschlechtert das Gesamturteil um zwei Noten. Aus rechtlichen Gründen weisen wir darauf hin, dass wir die (vom Hersteller versprochenen) Wirkungen der Produkte nicht überprüft haben.

Testmethoden 

Testmethoden (je nach Zusammensetzung der Produkte): Deklarationspflichtige Duftstoffe/Diethylphthalat/Polyzyklische Moschusverbindungen/Nitromoschus-Verbindungen/Cashmeran: Extraktion mit TBME, GC-MS. Halogenorganische Verbindungen: a) Heißwasserextraktion mit anschließender Zentrifugation und Membranfiltration, Binden der organischen Halogene an Aktivkohle, Verbrennung der Aktivkohle im Sauerstoffstrom, microcoulometrische Bestimmung des Halogengehalts; b) Extraktion mit Essigester, Verbrennung des Extrakts im Sauerstoffstrom, microcoulometrische Bestimmung des Halogengehalts. Nanomaterial: Untersuchung auf Titandioxid- bzw. Zinkoxid-Partikel: Single Particle ICP-MS nach Erstellung einer Dispersion mittels Ultraschallsonotrode. Benzophenon (falls Octocrylen deklariert): Extraktion mit THF/Methanol, LC-MS/MS. Aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH): LC-GC/FID. PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung: Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: August - September 2021 

Diesen Test haben wir zuletzt im ÖKO-TEST Magazin 1/2022 veröffentlicht. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das Jahrbuch Kosmetik für 2023 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.

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