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Fair-Trade-Kosmetik: Warum sie sich noch nicht durchgesetzt hat

Ratgeber Kosmetik 2015 | Kategorie: Kosmetik und Mode | 30.06.2015

Fair-Trade-Kosmetik: Warum sie sich noch nicht durchgesetzt hat
Foto: Santaverde GmbH; WALA Heilmittel GmbH; CC0 / Unsplash.com / Aaron Burden

Das Fairtrade-Siegel findet sich in Deutschland nur auf wenigen Kosmetika. Dabei unterstützen hiesige Naturkosmetikfirmen seit Langem faire Anbauprojekte. Es gibt viele Gründe, weshalb sie ihr Engagement nicht an die große Glocke hängen.

Bei Kaffee, Tee oder Schokolade ist das Fairtrade-Siegel weitverbreitet und gibt uns das gute Gefühl, dass unser Genuss nicht auf Kosten anderer geht. Das Logo garantiert mit seinen Standards den Rohstofferzeugern ein sicheres Einkommen und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Neben Lebensmitteln sind inzwischen auch eine ganze Fülle anderer Produkte in Deutschland Fairtrade-zertifiziert: Von Blumen über Kuscheltiere bis zu T-Shirts und Jeans reicht die Palette, sogar Sportbälle finden sich darunter.

Nur im (Natur-)Kosmetikmarkt spielt das Siegel bislang so gut wie keine Rolle. Es ist lediglich auf einer verschwindend geringen Anzahl von Produkten zu finden. Und das, obwohl die großen Hersteller wie Weleda, Wala und Laverana oder auch kleinere wie Santaverde eigene Projekte nach fairen Prinzipien in den Anbauländern unterstützen und auch initiieren. Warum ist das faire Label auf Kosmetik noch die absolute Ausnahme?

Fair-Trade-Kosmetik

Die Suche nach einer Antwort schickt einen ins Dickicht der internationalen Gütesiegel und ihrer Organisationen. Denn das Fairtrade-Label ist nicht das einzige faire Siegel am Markt, es ist nur das bekannteste. Dahinter steht die Organisation Fairtrade International, kurz FLO. Unter ihrem Dach versammeln sich 19 nationale Siegelinitiativen, die 24 Länder abdecken, in Deutschland der Verein Transfair mit Sitz in Köln.

Tipp: Faire Kosmetik im Test – mehr als die Hälfte "sehr gut"

Gemeinsam ist allen Initiativen, dass sie auf den Fairtrade-Standards aufbauen wollen. Das heißt, sie fördern den direkten Handel mit den sogenannten Entwicklungsländern und sorgen dafür, dass die Hersteller einen fairen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Weitere Standards sind langfristige Handelsbeziehungen, die Möglichkeit einer Vorfinanzierung, demokratische Organisationsstrukturen, keine ausbeuterische Kinderarbeit, Umweltschutz und die Entwicklung der lokalen Strukturen.

Trotz dieser gemeinsamen Linie haben die nationalen Initiativen individuelle Handlungsspielräume. Und die nutzen sie auch. Transfair etwa war lange dagegen, in Deutschland das Fairtrade-Siegel für Kosmetik zu vergeben. Der Grund: Nach Ansicht des Vereins kamen die Produzenten der Rohstoffe bei der Siegelvergabe finanziell zu kurz.

In Handarbeit pressen marokkanische Frauen das wertvolle Arganöl aus.
In Handarbeit pressen marokkanische Frauen das wertvolle Arganöl aus. (Foto: i+m NATURKOSMETIK BERLIN GmbH)

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Doch inzwischen hat sich die FLO auf ein gemeinsames Regelwerk für Kosmetik geeinigt, das von Deutschland akzeptiert wurde. Demnach wird das Fairtrade-Label für Kosmetik nicht an ein gesamtes Produkt, sondern für einzelne Inhaltsstoffe vergeben. "Für die Produzenten bedeutet das eine Chance, ihre Absätze zu steigern und neue Märkte zu erschließen", heißt es bei Transfair. Denn ein großer Teil der bereits existierenden Fairtrade-Rohstoffe könne auch in Kosmetikartikeln verarbeitet werden, wie Sheabutter oder Zucker. Hinzu kämen neue Bereiche wie Kokosöl, Bienenwachs und Kakaobutter.

Im Gegensatz zu Deutschland vergeben Fairtrade-Organisationen beispielsweise in Frankreich oder Großbritannien das begehrte Logo schon länger an Kosmetik, auch wenn nur zwei beziehungsweise fünf Prozent der Inhaltsstoffe fair gehandelt sind - je nachdem, ob die Produkte auf der Haut bleiben (fünf Prozent) oder wieder abgewaschen (zwei Prozent) werden. Solche zertifizierten Kosmetikartikel gibt es etwa von Alter Eco, Noèhm, Urtekram, Boots, Lush und Bubble & Balm.

Um Transparenz für Verbraucher zu gewährleisten, darf das Siegel auf Kosmetik- und Pflegeprodukten nur in Kombination mit dem Hinweis "mit Fairtrade-Zutaten" auf der Verpackung erscheinen. Auf der Rückseite des Produkts muss zudem angegeben sein, wie viel Prozent der Inhaltsstoffe Fairtrade-zertifiziert sind und welche das sind. So soll der Verbraucher den Unterschied zwischen einem fair gehandelten Honig - also einem vollständig fairen Produkt - und einer Gesichtscreme mit fairem Honig und weiteren konventionell gehandelten Inhaltsstoffen erkennen. Theoretisch, so rechnet Transfair Deutschland vor, könnte durch die Zwei- beziehungsweise Fünf-Prozent-Regel etwa die Hälfte der existierenden Kosmetikprodukte ein Fairtrade-Siegel tragen.

Die Realität sieht zwei Jahre nach Einführung des Fairtrade-Zeichens für Kosmetik in Deutschland ernüchternd aus: Bis auf die Firma Fair Squared, die hierzulande ein nennenswertes Sortiment an fair gehandelten Kosmetika wie Gesichts-, Lippen- und Handpflege sowie Kondome aus fair gehandeltem Naturkautschuk anbietet, sind in Deutschland bislang nur noch eine Fußlotion und Zahnreinigungstabs von Lush sowie Wattepads und -stäbchen von Terra Naturi (Eigenmarke der Drogeriemarktkette Müller) mit dem Label auf dem Markt.

i+m NATURKOSMETIK BERLIN GmbH (2)In armen Ländern wie Äthiopien sichern faire Anbauprojekte wie dieses für Rosenöl etlichen Menschen die Existenz.
i+m NATURKOSMETIK BERLIN GmbH (2)In armen Ländern wie Äthiopien sichern faire Anbauprojekte wie dieses für Rosenöl etlichen Menschen die Existenz. (Foto: WALA Heilmittel GmbH)

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Tatsächlich scheint in Deutschland niemand auf das Fairtrade-Siegel für Kosmetik gewartet zu haben. In den Reihen der hiesigen Naturkosmetikhersteller ist es dazu jedenfalls erstaunlich ruhig. Bio-Zertifizierung ist in der Branche ein wichtiges Thema. Aber Fairtrade?

Gerhard Benz, seit vielen Jahren Produktionsleiter bei Primavera, bringt es so auf den Punkt: "Wir haben schon lange fair gehandelt, bevor dieses Label kam." Benz ist einer aus den Pioniertagen der Naturkosmetik. In den 80er-Jahren reiste er als Entwicklungshelfer durch die Welt. Immer im Gepäck: eine Destille, um Proben zu gewinnen aus all den fremden Pflanzen, die ihm unterwegs begegneten. In den Anden, auf 3.000 Meereshöhe, zeigten ihm traditionelle Heiler die Wirksamkeit von Myrte und Eisenkraut. Benz stellte Probedestillationen her und brachte sie nach Deutschland mit. Beim damals noch jungen Unternehmen Primavera fand er einen Abnehmer. Das Bio-Anbauprojekt Aroma Inca Peru war geboren. Heute kultivieren und destillieren 250 Bauernfamilien in Pisac, nahe der ehemaligen Inka-Hauptstadt Cusco, Heilpflanzen für Deutschland.

Auch für andere Naturkosmetikhersteller sind faire Projekte seit vielen Jahren selbstverständlich. So betreibt Santaverde seit 2007 eine Cashewplantage im Nordosten Brasiliens, von der der Cashewsaft für seine Anti-Aging-Serie Xingu stammt. Das Berliner Unternehmen I+M-Naturkosmetik bezieht für seine Produktpalette Arganöl, das marokkanische Berberfrauen in mühevoller Handarbeit aus den Früchten der Arganie pressen. Das flüssige Gold sichert das Einkommen vieler Familien; Fraueninitiativen sorgen dafür, dass das Geld in ländliche Infrastruktur fließt und Dorfgemeinschaften im von der Unesco geschützten Biosphärenreservat Arganeraie erhalten bleiben. Außerdem fließt ein Teil des Erlöses in Aufforstungsprogramme, denn der Arganbaum ist vom Aussterben bedroht.

Ein Teil des Verdiensts fließt in Bildungsprojekte.
Ein Teil des Verdiensts fließt in Bildungsprojekte. (Foto: i+m NATURKOSMETIK BERLIN GmbH)

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Für sein Rosenöl, das in vielen Dr. Hauschka-Produkten eingesetzt wird, unterstützt Wala in Äthiopien eine Rosenfarm auf 2.900 Metern Höhe. Annemarie Börlind sichert über ein Projekt in Mali für bio-zertifizierte Sheabutter die Existenz von jungen Frauen und Bildungsmöglichkeiten für deren Kinder. Noch am Anfang steht ein Projekt in Nepal zur Gewinnung von Rosenkirschöl. Eine Zertifizierung ist in Planung, so Börlind Sprecherin Silva Imken.

Die Liste ließe sich ohne Schwierigkeiten fortsetzen. Fairer Rohstoffhandel geht bei den meisten Naturkosmetikfirmen weit über eine gute Partnerschaft und gerechte Bezahlung hinaus. Sie schließen feste Abnahmeverträge ab. So garantieren sie den Lieferanten, die Ernte auch abzukaufen, und geben ihnen dadurch Planungssicherheit. Außerdem wird die Ernte oft vorfinanziert - eine große Hilfe gerade bei Unternehmensgründungen. Schulungen und Beratungen gehören zum Angebot und oft auch der Aufbau von medizinischen Einrichtungen und Schulen.

Ein großes Engagement, das die Hersteller jedoch kaum in den Vordergrund stellen. "Das ist fest in der Firmenphilosophie verankert", nennt Sabine Kästner, Pressesprecherin von Laverana, als Grund dafür. Und Adam Antal, Pressesprecher von Wala, erklärt: "Das hat etwas mit der Philosophie unseres Hauses zu tun. Es geht uns immer erst um die Sache und weniger darum, kommunikatives Kapital aus ihr zu schlagen." Ralf Kunert, verantwortlich für den Einkauf der Rohstoffe für die Firma Wala, ergänzt: "Wir kaufen unsere Rohstoffe bio ein wegen des Aspekts der Nachhaltigkeit. Aber Letztere bezieht sich für uns nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auch auf die soziale Verträglichkeit. Deswegen sollte man Fairtrade und Bio auch nicht trennen."

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Wenn es aber um die Sache geht, sagt Ralf Kunert, dann hat das Fairtrade-Siegel noch ein anderes Problem: Die Zertifizierung bezieht sich auf Produkte aus Drittweltländern. Regional eingekaufte Rohstoffe lassen sich aber nicht als "fair" auszeichnen - auch wenn die Produktionsbedingungen im Allgäu oder an der Nordsee sicher als sozial verträglich bezeichnet werden können. Auch Rohstoffe aus der Europäischen Union werden nicht Fairtrade-klassifiziert. Kunert nennt ein Beispiel: "Wir beziehen unser Olivenöl aus Spanien und nicht aus Tunesien - mir ist Regionalität und eine gute langfristige Zusammenarbeit lieber als ein Fairtrade-Zertifikat."

Das bestätigt auch Caroline Schliephake, Pressesprecherin von Santaverde: "Die Konzeption der Santaverde-Produktrezepturen folgt stets dem Ziel, möglichst viele Rohstoffe regionaler Herkunft, aus kontrolliert biologischem Anbau und aus Wildsammlung in die Zutatenliste einzubinden, anstatt Inhaltsstoffe bewusst aus weiter Entfernung zu beziehen, nur damit sie Fairtrade-zertifizierbar sind." Aus diesem Grund käme das Label bei vielen Rezepturen von Santaverde nicht infrage. "Dennoch", so Schliephake, "halten wir das Siegel für wichtig."

Nüsse, Öle, Kräuter: Viel war bisher von einzelnen Rohstoffen die Rede, wenig jedoch vom ganzen Produkt. Doch genau hier liegt das größte Problem der fairen Kosmetik: Es stecken zu viele Bestandteile darin. 10 bis 20 sind es in einer Rezeptur, Hunderte von Inhaltsstoffen in einer Produktpalette. Demgegenüber steht die Bandbreite der bisher zertifizierten Rohstoffe. Und die ist klein. Ecocert, einer der größten internationalen Bio-Zertifizierer, listet in seiner Datenbank gerade mal gut 50 Organisationen weltweit auf, die faire Rohstoffe anbauen oder vertreiben. Die meisten von ihnen handeln mit Arganöl, Sheabutter oder ätherischen Ölen. Einige Male findet man in der Datenliste noch Sesamöl, Hibiskus, Vanille, Rosen- und Kokosnussprodukte. Das aber war es dann schon im Großen und Ganzen.

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Guylaine Le Loarer, Leiterin Forschung und Entwicklung bei Annemarie Börlind, fasst es so zusammen: "Mit dem derzeitigen Angebot an Rohstoffen könnte nur ein Öl, vielleicht ein Körperöl, als Produkt das Fairtrade-Label tragen." Das sieht auch Caroline Schliephake von Santaverde so: "Gegenwärtig gibt es noch zu wenig zertifizierte Rohstoffe, die auf die Bedürfnisse des Kosmetikmarkts eingestellt sind."

Fazit: Wer wissen will, wie "fair" seine Naturkosmetik ist, dem werden Siegel nicht weiterhelfen. Orientierung verschafft vielleicht ein Blick auf die Websites der Unternehmen - oder das Wissen, dass die etablierten Hersteller von Naturkosmetik sich seit Jahren für faire Rohstoffe und gute Kontakte in den Anbauländer engagieren.

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