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Antibakterielle Produkte im Test: Ist Nutzung von Tüchern, Gelen & Co. sinnvoll?

Ratgeber Kosmetik 2015 | Kategorie: Kosmetik und Mode | 05.06.2015

Wie sinnvoll ist es, Desinfektionsgele, Hygienetücher oder Sprays zu benutzen?
Foto: goffkein.pro/Shutterstock

Keime lauern überall. Doch wie sinnvoll ist es, sich mit antibakteriellen Seifen, Gelen und Tüchern dagegen zu wappnen? Wir haben 24 antibakterielle Produkte getestet.

Mal eben unterwegs die Hände desinfizieren, den heruntergefallenen Schnuller des Kindes abwischen oder die Toilettensitzfläche sauber machen: Produkte, von denen die Hersteller versprechen, dass sie antibakteriell wirken, sind in jedem Supermarkt- oder Drogerieregal zu finden. Nicht ohne Erfolg bauen die Produzenten auf das Bedürfnis der Verbraucher, sich gegen Viren und Bakterien schützen zu wollen.

Hygienetücher, Sprays & Co.: Auswahl ist groß  

Das Anwendungsspektrum ist so breit, wie die Auswahl groß ist. Es reicht von Flüssigseifen und Desinfektionsgelen über Hygienetücher für die Hände bis hin zu Sprays für Oberflächen und Gegenstände, aber auch für Schnuller und Fieberthermometer. Nur: "Jeder Wirkstoff, der in einem Desinfektionsmittel verwendet wird, wirkt nur gegen bestimmte Mikroorganismen. Die Produkte können daher nicht universell eingesetzt werden", warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Der Verbraucher muss also genau nachsehen, gegen was und vor allem in welcher Dosis die Mittel antibakteriell wirken. Damit sie auch wirklich Keime töten, muss zudem die vorgeschriebene Einwirkzeit unbedingt eingehalten werden. Eine korrekte Anwendung der Produkte im Privathaushalt sei jedoch kaum sicherzustellen, kritisiert das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Einsatz von Produkten nicht immer angemessen 

Ein weiteres Problem: Die Produkte wirken nie zu 100 Prozent. Die Folgen erklärt das BfR in einer Mitteilung von 2014: "Mikroorganismen können Resistenzen gegen einen bioziden Wirkstoff ausbilden, wenn sie regelmäßig geringen, nicht tödlichen Konzentrationen des Wirkstoffes ausgesetzt sind." Wie gefährlich resistente Keime sind, zeigt das Versagen von Antibiotika gegen die in Krankenhäusern verbreiteten MRSA-Erreger (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). "Letztlich besteht sogar die Gefahr, dass sich die Anwender von Desinfektionsmitteln im Haushalt in falscher Sicherheit wiegen und klassische Hygienemaßnahmen wie das Händewaschen vernachlässigen", warnt das Umweltbundesamt.

Das BfR räumt aber ein: Die Anwendung sei sinnvoll und notwendig, wenn es eine Übertragung von Krankheitserregern zu vermeiden oder empfindliche Haushaltsmitglieder zu schützen gelte. Hat etwa ein Familienmitglied einen Norovirus und die Toilette muss gesäubert werden, oder jemand mit eitrigen Wunden wird zu Hause gepflegt, dann kann der Einsatz angemessen sein. Dr. Christian Brandt, Krankenhaushygieniker aus Frankfurt, rät dann aber zu Produkten, die auch im medizinischen Bereich zugelassen sind, und nicht zu den Produkten aus Supermärkten und Drogerien.

Antibakterielle Produkte im Test: Sind sie empfehlenswert? 

Wir haben 24 antibakterielle Produkte eingekauft, ins Labor geschickt und den Nutzen bewertet. Das Ergebnis: Knapp die Hälfte fällt mit "mangelhaft" oder "ungenügend" durch.

Bei einer durchschnittlichen Hygiene im Haushalt ist der Einsatz antimikrobieller Mittel überflüssig. Das normale Händewaschen etwa entfernt 90 bis 99 Prozent der Keime. In einem regelmäßig gereinigten Haushalt sind gesundheitliche Risiken durch Mikroorganismen nicht zu befürchten. Kein Hersteller konnte uns eine Studie vorlegen, aus der hervorgeht, dass der Verbraucher einen Gesundheitsvorteil durch die Anwendung des Produkts gegenüber einer ganz normalen, regelmäßigen Hygiene hat. Dafür ziehen wir zwei Noten ab.

Hygiene: Händewaschen entfernt etwa 90 bis 99 Prozent der Keime.
Hygiene: Händewaschen entfernt etwa 90 bis 99 Prozent der Keime. (Foto: Alexander Raths/Shutterstock )

Zudem blieben uns sieben Hersteller Nachweise dafür schuldig, dass ihr Produkt zumindest im Laborversuch das gegebene Versprechen einer antibakteriellen Wirkung erfüllt. Sechs weitere Hersteller konnten das nur indirekt tun. So legten die Anbieter von vier Tüchern Nachweise für die antibakterielle Wirkung der Tränklösung der Tücher, aber nicht für die Tücher selbst vor. Der Anbieter eines Produkts zur Händedesinfektion schickte Nachweise zur Wirksamkeit in der Flächendesinfektion, nicht aber zur Wirksamkeit in der Händedesinfektion.

Kritik an Inhaltsstoffen der Produkte 

Biozide im Visier: In einigen Produkten kommen Alkohole wie Ethanol, Propanol und Isopropanol in unterschiedlichen Lösungen und in einer Konzentration von bis zu weit über 50 Prozent zur Anwendung. Sie werden im Gesundheitswesen zur Desinfektion eingesetzt. Sie verflüchtigen sich und sind im Vergleich zu anderen antibakteriellen Stoffen vergleichsweise unbedenklich, wenn auch entzündlich. Hingegen quittieren wir im Teilergebnis Antibakterielle Wirkung den Einsatz von quartären Ammoniumverbindungen mit einem Punktabzug von zwei Noten. Das betraf fünf Produkte.

Wir bewerten diese Stoffe als bedenklich, weil sie die Zellmembran angreifen und Allergien auslösen können. In den von uns geprüften Produkten kam vor allem Benzalkoniumchlorid zum Einsatz. Es wirkt gegen Bakterien und Viren. Der Stoff bleibt nach der Reinigung auf der behandelten Oberfläche zurück. Er kann zu Resistenzen bei Pseudomonas aeruginosa führen - einem hartnäckigen Keim, der in Krankenhäusern für Infektionen verantwortlich ist. Kaum zu glauben, dass benzalkoniumchloridhaltige Produkte von den Herstellern auch zur Reinigung von Schnullern empfohlen werden.

Diese bedenklichen Inhaltsstoffe haben wir außerdem gefunden:

  • In einem antibakteriellen Produkt im Test entdeckte das beauftragte Labor die polyzyklische Moschus-Verbindung Galaxolid, die sich im menschlichen Fettgewebe anreichern kann.
  • In vier Produkten wies das Labor halogenorganische Verbindungen nach, darunter einmal das allergieauslösende Methylchloroisothiazolinon. Zu den halogenorganischen Verbindungen zählen mehrere Tausend Stoffe. Viele können allergen wirken, einige erzeugen Krebs.
  • In einem Produkt wurde Diethylphthalat nachgewiesen, das den Schutzmechanismus der Haut beeinflusst und im Verdacht steht, wie ein Hormon zu wirken.
  • Außerdem fand das beauftragte Labor fünfmal PEG/PEG-Derivate, die die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen können.

Kosmetik, Biozid oder Medizinprodukt?

Die einen sind Medizinprodukte, die anderen sind einfache Kosmetika oder Reinigungsmittel und wieder andere - Biozide. Problematisch ist, dass die Grenzen fließend sind und der Verbraucher vor einem Wildwuchs an antibakteriellen Produkten steht. Die Kategorisierung fällt selbst Experten schwer und ist immer eine Einzelfallprüfung.

Neben den Wirkstoffen entscheiden das Wirkversprechen und die übrige Aufmachung über die Eingruppierung der Produkte. Für die Meldung von Biozidprodukten ist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) zuständig. Dr. Viola Weinheimer von der Behörde teilte uns jedoch mit: "Aufgrund der Übergangsregelung für Altwirkstoffe sind derzeit in Deutschland noch viele Biozidprodukte zulassungsfrei verkehrsfähig." Es gibt also momentan keine eindeutige Abgrenzung.

Herstellerreaktion: Hersteller Mapa wies ausdrücklich darauf hin, es gebe keinerlei Studien, die einen Infektionsschutz des Verbrauchers bei Anwendung der Tücher belegen könnten. 

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Testverfahren

So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben 24 antibakterielle Produkte ausgewählt, darunter Flüssigseifen, Handgele und Händedesinfektionslösungen, aber auch Hygienetücher und Sprays zur Behandlung von Gegenständen und Oberflächen.

Die antibakterielle Wirkung

"Beseitigt 99,99 Prozent aller Keime" - solche und ähnliche Formulierungen finden sich auf den Verpackungen. Wir haben die Hersteller gefragt, mit welchen Substanzen die versprochenen Effekte erreicht werden, und sie gebeten, uns Belege für die antibakterielle Wirksamkeit vorzulegen. Zudem baten wir sie um Belege für den hygienischen Nutzen.

Die Inhaltsstoffe

Des Weiteren haben wir die Produkte im Labor auf polyzyklische Moschus-Verbindungen und Duftstoffe, die Allergien auslösen können, untersuchen lassen. Auf der Prüfliste standen auch DEP, ein zur Vergällung von Alkohol eingesetzter Weichmacher, sowie biozid wirkende quartäre Ammoniumverbindungen. Zudem interessierte uns, ob bedenkliche Konservierungsmittel wie Formaldehyd/-abspalter, halogenorganische Verbindungen oder Isothiazolinone in den Produkten stecken.

Die Bewertung

Wenn die Produkte dem Verbraucher keinen hygienischen Vorteil bieten, der über das regelmäßige Waschen mit Wasser und Seife hinausgeht, können die Produkte nicht besser als "befriedigend" sein. Fehlen dann noch Belege für die ausgelobte antibakterielle Wirksamkeit, gibt es ein "mangelhaft". Unabhängig von ihrer Wirkung führen natürlich auch problematische Inhaltsstoffe zu Abwertungen.

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