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ÖKO-TEST Januar 2016
vom

Schwarze Kosmetik

Schwarz ist das neue Weiß

Schwarz wie die Nacht: Das ist der neue Trend in der Kosmetikbranche. Kohle oder Vulkanstein in Zahncremes, Peelings, Masken und Reinigern sollen wahre Wunder vollbringen. Beweisen kann das allerdings kein Hersteller. Gar nicht wunderbar: In einigen Produkten haben wir sogar PAK gefunden.

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28.12.2015 | Dem Weißen Riesen, Meister Proper und all den anderen Saubermännern aus der Reinigungsmittelindustrie ist es zu verdanken, dass Weiß wie keine andere Farbe für hygienische Sauberkeit steht. Ihr dunkler Gegenspieler, das verruchte Schwarz, fristete bislang sein Dasein auf den Gesichtern malochender Bergarbeiter oder als Dresscode für Trauerfeiern. Dass Schwarz einmal synonym für tiefenreine Sauberkeit stehen könnte, hielten vermutlich nur medizinisches Fachpersonal oder Filtertechnik-Experten für möglich. In deren Branchen nämlich hat sich die tiefschwarze Aktivkohle zur Adsorption von Schadstoffen etabliert. Sie bindet zuverlässig Giftstoffe im Magen-Darm-Trakt und wird als Filtermaterial in Belüftungs- oder Wasseraufbereitungsanlagen eingesetzt. Ihre Effektivität in diesen Anwendungsgebieten ist unbestritten.

Das möchte sich auch die Kosmetikindustrie zunutze machen. Schließlich lässt sich mit der bewährten Wirkweise der Aktivkohle hervorragend werben und so wird sie als Inhaltsstoff von Zahncremes, Seifen, Peelings oder Masken für die "porentiefe Reinigung" angepriesen. Neben Ablagerungen und Talg soll die Wunderzutat auch Gerüche binden. Passenderweise eignen sich diese Produkte auch noch ausgezeichnet dazu, das häufig etwas stiefmütterlich behandelte Segment der Männerkosmetik zu bedienen. Denn: "Im Großstadt-Dschungel" verstopfen nicht nur die Hauptverkehrsstraßen zur Rushhour schnell, sondern auch die zarten Poren empfindlicher Männerhaut - zumindest wenn es nach den Werbetextern des L'Oréal-Konzerns geht. Der Zahncreme-Anbieter Curaden richtet indes seine Wirkversprechen gezielt an beide Geschlechter einer ominösen "Hey!-I-make-it-happen-generation", die weiß, "dass das Leben oft dann am besten ist, wenn die Vernunft im Zaum gehalten wird" - etwa während des exzessiven Konsums von Kaffee, Tee, Zigarren oder Rotwein, dessen Spuren auf den Zähnen mit der Superkraft der dunklen Paste entfernt werden können.

In den Inhaltsstoffen der schwarzen Kosmetika finden sich Kohlenstoffverbindungen wie "Charcoal Powder" sowie "Carbon Black" und "CI 77266". Bei den beiden Letzteren handelt es sich um Bezeichnungen für Industrieruß, der gezielt aus natürlichen oder künstlich hergestellten Grundstoffen gefertigt und etwa in Mascara oder Lidschatten als Farbstoff eingesetzt wird. Zwar kann auch dieser durch aufwendige Aktivierungsverfahren theoretisch eine sehr große Oberfläche erlangen. In der europäischen Datenbank für kosmetische Inhaltsstoffe (Cosing) werden ihm allerdings keine der adsorbierenden oder abrasiven Eigenschaften zugeschrieben, für die die Aktivkohle bekannt ist. Viele Lifestyle-Portale haben im Internet bereits über die schwarze Kosmetik berichtet und plappern zum Teil ungeniert die Werbeversprechen der Anbieter nach. Kaum ein Autor hinterfragt, ob an der beschworenen Reinigungskraft wirklich etwas dran ist. Wissenschaftliche Belege für eine Wirkung von Kohle als Inhaltsstoff in Kosmetika sucht man in der Tat vergeblich und auch die meisten Experten aus Chemie, Dermatologie und Zahnheilkunde halten sich mit konkreten Bewertungen lieber zurück. Professor Dr. Carolina Ganß, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin, geht zwar nicht von einem schädlichen Einfluss der Aktivkohle auf Zahnfleisch und Zähne aus, steht den Wirkversprechen aber prinzipiell eher kritisch gegenüber: "Aktivkohle ist ja relativ reaktiv - ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mit den vielen Inhaltsstoffen einer Zahncreme reagiert." Dass die Kohlenstoffteilchen durch die anderen Zutaten des Produkts also bereits gesättigt sein könnten und somit gar nicht mehr in der Lage wären, Schmutzpartikel von außen zu binden, ist eine naheliegende Annahme. Das gilt übrigens nicht nur für Zahncremes, sondern auch für andere Kosmetikprodukte.

Unbekannt ist das "schwarze Gold" in der Zahnpflege jedoch nicht: In Afrika und Asien sei es als Zahnputzmittel lange bekannt und werde zum Teil heute noch angewendet, weiß Professorin Ganß. Asche und Kohle werden etwa als Pulver oder gemischt mit Wasser auf die Zähne geschrubbt. Diese Technik sei auch im Zusammenhang mit der Verwendung von Miswak, dem vor allem im arabischen Raum traditionell genutzten Zweig des Zahnbürstenbaums (Salvadora persica) bekannt, so Ganß. Ein reinigender Effekt der Kohle sei aber eher auf eine scheuernde als auf eine adsorbierende Wirkung zurückzuführen. Die Professorin bezweifelt, dass die Kohlezahnpasta fest am Zahn haftende Ablagerungen überhaupt lösen kann. Diese seien eher ein Anzeichen für falsche Putztechniken, die es vorrangig zu beheben gelte. "Auch angesichts des Preises von bis zu 30 Euro pro Tube gibt es sicher sinnvollere Maßnahmen, zum Beispiel eine professionelle Zahnreinigung", betont sie.

Ob nun Zahncreme, Duschgel oder Maske - gemeinsam haben die Produkte vor allem eines: ihre gewöhnungsbedürftige Farbe. Wie ein Mittel zur effektiven Reinigung sieht die grau-schwarze Pampe nicht aus; eher wie ein Überbleibsel des letzten Ölwechsels am Auto. Kann so etwas gesund sein? Dass sich bei der Herstellung von "Charcoal Powder" und "Carbon Black" polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) bilden können, haben das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sowie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf Nachfrage von ÖKO-TEST bestätigt. PAK, von denen einige nachweislich krebserregend sind, andere unter dringendem Krebsverdacht stehen, bilden sich bei Verbrennungsprozessen - wie der Gewinnung von Kohle. Bereits in den 1990er-Jahren hatte der Bundesrat "ein Verbot von Steinkohlenteer und Bestandteilen aus Steinkohlenteer in kosmetischen Mitteln" in die Kosmetikverordnung aufgenommen, da sie problematische PAK enthielten. Steinkohlenteer ist ein Nebenprodukt der Kohlegewinnung und darf seither nur noch über einen begrenzten Zeitraum etwa in medizinischen Shampoos gegen Schuppenflechte (Psoriasis) angewendet werden.

Um zu überprüfen, ob die schwarzen Kosmetikprodukte sauber sind, haben wir 15 von ihnen in den Laboren untersuchen lassen. Um zu erfahren, ob sie sauber machen, forderten wir die Hersteller auf, uns Wirksamkeitsnachweise für ihre Produkte zu schicken.

Das Testergebnis

Ab in den Keller. Kein Produkt im Test kann so richtig überzeugen. Wenn zudem noch problematische Zutaten drinstecken, rauscht das Gesamturteil schnell in den Keller. Ganze sechs Produkte fallen mit "ungenügend" durch, drei weitere kommen mit "mangelhaft" nicht wesentlich besser weg. Immerhin: Die Inhaltsstoffe der fünf Produkte, die es im Gesamturteil auf "befriedigend" bringen, sind laut den von uns beauftragten Laboranalysen unbedenklich.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Die schwarzen, kohle- oder vulkangesteinhaltigen Kosmetikprodukte sind noch relativ neu am Markt. Wir haben insgesamt 15 von ihnen aufgestöbert: einige in Drogerien, andere in Parfümerien, wieder andere im Internet. 250 Milliliter des günstigsten Produktes haben wir für 1,25 Euro eingekauft, das teuerste Produkt schlug mit 29,99 Euro für 100 Milliliter zu Buche.

Die Inhaltsstoffe
Was auf den ersten Blick schon gewöhnungsbedürftig aussieht, kann auf den zweiten Blick Zutaten enthalten, an die man sich lieber gar nicht gewöhnen möchte: Zum Beispiel potenziell krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die sich bei Verbrennungsprozessen bilden können - wie sie bei der Herstellung von Kohle stattfinden. Deshalb hat das von uns beauftragte Labor hier ganz genau hingeschaut. Aber auch andere Problemstoffe wie Formaldehyd/-abspalter, halogenorganische Verbindungen, PEG/PEG-Derivate und Isothiazolinone standen auf der Prüfliste.

Die Weiteren Mängel
Wer so vollmundig wirbt, muss seine Versprechen auch belegen können. Deshalb forderten wir Nachweise von den Herstellern, dass ihr Produkt durch seinen besonderen Inhaltsstoff anderen Zahncremes, Peelings, Masken, Duschgels oder Shampoos etwas voraus hat. Außerdem werten wir ab, wenn ein Produkt einen Umkarton hat, der weder Glas schützt noch mehrere Teile zusammenhalten muss.

Die Bewertung
Wenn man sich mit einem Reinigungsprodukt aufgrund der enthaltenen Schadstoffe fast noch mehr Schmutz auf die Haut reibt, als man herunterwäscht, läuft etwas gehörig schief. Für problematische Inhaltsstoffe gibt es daher Notenabzug. Ebenso für falsche Versprechungen - ohne vollständige und glaubhafte produktbezogene Studien konnten uns die Hersteller nicht davon überzeugen, dass ihr Produkt besser ist als ein herkömmliches.

So haben wir getestet

Es kostet etwas Überwindung, sich die schwarze Paste auf die Zähne zu schrubben. Ob sie überhaupt wirkt, ist nicht belegt.