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14 Wärmepflaster im Test

ÖKO-TEST Oktober 2017
vom 28.09.2017

Wärmepflaster

Trostpflaster

Rücken und Schultern entkrampfen, Muskel-, Gelenk- und Regelschmerzen lindern: Die Anbieter von Wärmepflastern versprechen viel. Doch ihre Wirksamkeit ist nur dürftig belegt.

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28.09.2017 | "Schätzelein, ich habe Rücken." Was bei Komiker Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer noch als Running Gag taugt, schlägt im wirklichen Leben häufig auf die Stimmung. Der Rücken ist Problemzone Nummer eins. Seit Jahren sind Leiden entlang der Wirbelsäule in Deutschland einer der häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Chronischer Rückenschmerz, der sich mindestens drei Monate und nahezu täglich bemerkbar macht, martert laut Robert-Koch-Institut jede vierte Frau und etwa jeden sechsten Mann.

Grund für die Pein können etwa Arthritis, Osteoporose oder Bandscheibenvorfälle sein. Am häufigsten ist aber Rückenschmerz, der nicht auf einer konkreten Erkrankung oder Verletzung beruht. Ihm liegt meist eine Fehlbelastung zugrunde, die muskuläre Verspannungen auslöst. Bewegungsmangel, Stress im Beruf, aber auch etwa Übergewicht und Rauchen können den Schmerz verstärken.

Gegen Rückenleiden gibt es zig Therapien. Neben Schmerzmitteln bewerten die Bundesärztekammer und die kassenärztliche Bundesvereinigung in ihrer wissenschaftlichen Leitlinie zu nicht spezifischem Kreuzschmerz ganze 29 nicht medikamentöse Ansätze. Darunter etwa auch Massagen und Wärmetherapie.

Die Autoren empfehlen vor allem Bewegungs- und Verhaltenstherapie, Rehasport und progressive Muskelentspannung: "Menschen mit unspezifischen Rückenschmerzen schonen sich häufig und erfahren so eine kurzfristige Linderung", erklärt Professor Michael Hüppe, Vizepräsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Diese Einstellung sei aber falsch, denn zu viel Schonung verstärke eine langfristige Verfestigung des Schmerzes, so der leitende Psychologe der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Wärmetherapie - etwa mit Wärmepflastern - spielt dagegen in der Leitlinie eine nachgeordnete Rolle. Die Autoren erkennen sie lediglich als Anwendung ergänzend zu Bewegung an.

Nichtsdestotrotz gilt Wärme schon seit jeher als Hausmittel gegen Rückenprobleme. Denn Rotlicht, Wärmflasche und Vollbad fördern die Durchblutung im Gewebe. Ob das tatsächlich Muskeln entkrampft und gegen Kreuzschmerz hilft, ist strittig. Offenbar spielt auch der Glaube eine Rolle: "Ob Wärme Rückenschmerzen lindert, hängt stark davon ab, ob der Patient davon überzeugt ist, selbst etwas gegen die Schmerzen machen zu können", erläutert Hüppe. Positive Erwartungen machten einen Effekt wahrscheinlicher.

Die Pharmaindustrie jedenfalls verdient bestens an der Wärmetherapie. Rund 82 Millionen Euro setzte sie laut Ims Health 2016 mit rezeptfreien Wärmepflastern um. Auf dem Markt finden sich Produkte, die über Wirkstoffe die Durchblutung anregen und so für ein Wärmegefühl sorgen. Das Gros des Geldes machen Pharmafirmen aber mit selbst erwärmenden Pflastern. Diese enthalten Eisenpulver, Aktivkohle und Wasser. Nach dem Öffnen der versiegelten Verpackung oxidiert das Eisen im Pflasterinneren langsam mit dem Luftsauerstoff. Das Pflaster gibt die Reaktionswärme nach außen ab und erreicht dabei anhaltende Temperaturen um die 40 Grad Celsius.

Doch hilft das wirklich? ÖKO-TEST hat elf selbst erwärmende Pflaster eingekauft und prüfen lassen, ob sie tatsächlich, wie beworben, gegen Schmerzen aller Art helfen und ob sie Schadstoffe enthalten.

DAS TESTERGEBNIS

Lau: Die wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit sind dünn. So schneidet kein Pflaster besser als mit "ausreichend" ab. Sechs Wärmer sind wegen Schadstoffen und fehlender Arzthinweise "mangelhaft".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben elf Pflaster eingekauft, die Wärme nach dem Prinzip des Aktivkohlewärmers abgeben. Alle sind Medizinprodukte, deren Anbieter eine Wirkung versprechen. Wärmepflaster mit Wirkstoffen wie Capsaicin haben wir in diesem Test nicht berücksichtigt.

Wirksamkeitsbelege und Beipackzettel
Wie empfehlenswert sind die Pflaster etwa bei Muskel- und Gelenkbeschwerden? Wie steht es um Risiken und Nebenwirkungen? Diese Fragen hat Professor Manfred Schubert-Zsilavecz von der Uni Frankfurt für uns beantwortet.

Die Inhaltsstoffe
Stecken in den Pflastern gesundheitsgefährdende Stoffe? Wir haben die Pflaster auf problematische Weichmacher untersuchen lassen. Spezialisten testeten die Wärmer zudem auf giftige zinnorganische Verbindungen. Auch wollten wir wissen, ob in den Pflastern optische Aufheller, PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen oder umstrittene halogenorganische Verbindungen stecken.

Der Tragetest
Überhitzen die Pflaster, werden sie zu schnell kalt oder reizen die Haut? Haften sie ausreichend? Eine Einschätzung lieferte ein auf technische Prüfungen spezialisiertes Labor. Eine Probandin trug die Pflaster mehr als acht Stunden. Darüber zog sie Unterhemd und T-Shirt. Sensoren erfassten die Temperatur jede halbe Stunde. Auch wie gut die Wärmepflaster kleben, nahmen die Experten unter die Lupe.

Die Weiteren Mängel
Ein Labor untersuchte die Pflasterverpackungen auf umweltschädliche PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen.

Die Bewertung
Die Wirksamkeit der Pflaster steht im Zentrum unserer Bewertung. Sie ist für die ausgelobten Anwendungen wenig überzeugend belegt. Je nach ausgelobtem Anwendungsgebiet können die Pflaster sogar schaden. Weitere Minuspunkte gibt es für problematische Inhaltsstoffe wie zinnorganische und halogenorganische Verbindungen sowie optische Aufheller.

So haben wir getestet

Pflaster drauf, Kleidung drüber: Ein technisches Prüflabor analysierte das Temperaturverhalten und die Haftleistung der Wärmer.

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