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12 Therapeutische Säuglingsnahrungen im Test

ÖKO-TEST Jahrbuch Kleinkinder für 2012
vom 09.01.2012

Babynahrung, therapeutische Säuglingsnahrung

Überflüssig

Dreimonatskoliken, Blähungen, Spucken, Durchfall - all diese Unpässlichkeiten können Babys zu schaffen und Eltern Sorgen machen. Die Industrie bietet Spezialnahrungen an. Doch deren Nutzen ist alles andere als belegt. Hinzu kommen noch Fettschadstoffe, in einigen Produkten stecken gentechnisch veränderte Substanzen.

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09.01.2012 | Besorgte Eltern finden ob der Bauchschmerzen, der Koliken, des vielen Spuckens oder des Durchfalls ihres Babys schon in den Drogerieregalen neben normaler Säuglingsnahrung einige Spezialprodukte. Der Umweg über den Arzt ist scheinbar überflüssig.

ÖKO-TEST hat zwölf Säuglingsnahrungen eingekauft, die Hersteller um die Vorlage von Studien gebeten und diese von einem Kinderarzt und Ernährungsexperten begutachten lassen. Zudem haben wir die Deklaration prüfen lassen und Labore mit der Analyse problematischer Inhaltsstoffe beauftragt. Elf Produkte werden als diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke angeboten, eines nennt sich "Diätetisches Lebensmittel für Säuglinge auf Ziegenmilchbasis". Alle Produkte sind laut Deklaration für Säuglinge von Geburt an oder ab der ersten Woche geeignet.

Das Testergebnis

Vernichtend: Kein Produkt erreicht auch nur ein "ausreichendes" Gesamturteil. Die Produkte erfüllen allesamt nicht die Anforderungen an eine Säuglingsnahrung beziehungsweise an ein diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke. Für etliche Spezialnahrungen liegen entweder keine belastbaren klinischen Daten vor oder der Nutzen ist zweifelhaft.

Auch eine erhöhte Spuckneigung ist zunächst einmal nicht behandlungsbedürftig. Daher ist der Einsatz bei gesunden Säuglingen nicht sinnvoll. Lediglich unter ärztlicher Aufsicht bei Säuglingen mit schwerer Refluxkrankheit oder bei drohender Unterernährung können sie eingesetzt werden, damit weniger Nahrung durch Erbrechen verloren geht. Zudem ist die Wirkung angedickter ("AR-") Nahrungen von fragwürdiger klinischer Bedeutung.

Heilnahrung ist bei Durchfall fehl am Platze. Die beiden Heilnahrungen bei Durchfall Humana Plus HN und Milupa Milumil enthalten nur wenig oder keine Lactose. Das Humana-Erzeugnis ist zudem mit Ballaststoffen (Prebiotika und Bananenpulver) angereichert. Beide sollen den Stuhl rasch normalisieren. Nur: Bei Durchfall geht es primär darum, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, zum Beispiel mit Glucose-Elektrolyt-Lösungen, um dann mit der normalen Kost fortzufahren.

Nahrungen auf Basis von Sojaprotein bei Kuhmilchunverträglichkeit hält die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) zwar für geeignet, allerdings nach Rücksprache mit dem Arzt. Damit kommen Sojanahrungen infrage bei der seltenen angeborenen Lactoseintoleranz, bei veganer oder koscherer Lebensweise oder wenn eine Ernährung mit Formelnahrungen zur Behandlung von Kuhmilchallergie nicht praktikabel ist. Für die Ernährung gesunder, gestillter Säuglinge sind Sojaprodukte jedoch nur zweite Wahl. Zudem rät die DGKJ, Sojanahrungen nicht in den ersten sechs Lebensmonaten zur Therapie von Nahrungsmittelallergien einzusetzen. Alle drei Produkte auf Sojabasis enthalten gentechnisch veränderte Bestandteile in Spurengehalten. Die Toleranzgrenze von 0,9 Prozent Gen-Soja wurde nicht überschritten.

Gegen Verstopfung und Blähungen beziehungsweise gegen lactosebedingte Dreimonatskoliken,

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Den Großteil der Spezial-, Heil- und milchfreien Nahrungen haben wir in Drogerien und großen (Bio-) Supermärkten eingekauft. Von den Fachgesellschaften empfohlene Formelnahrungen, die der Arzt zur Therapie einer gesicherten Kuhmilchproteinallergie verordnen kann, haben wir nicht berücksichtigt.

Die Begutachtung
Mit einer gutachterlichen Stellungnahme haben wir Professor Berthold Koletzko beauftragt. Er leitet die Abteilung Stoffwechsel und Ernährung am Dr. v. Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München und ist unter anderem Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Er ist vor allem der Frage nachgegangen, inwieweit die Auslobungen auf den Produkten durch Studien gedeckt sind und somit ein Nutzen für den Säugling zu erwarten ist.

Die Inhaltsstoffe
Da die Säuglingsnahrungen mit verarbeiteten pflanzlichen Fetten angereichert werden, haben wir die Schadstoffe 3-MCPD- und Glycidylester analysieren lassen. Daraus freigesetztes 3-MCPD hat in Tierversuchen die Nieren geschädigt. Wegen des zunehmenden Anbaus von Gen-Soja haben wir die auf sojabasierten Säuglingsnahrungen auf gentechnisch verändertes Material untersuchen lassen.

Die Bewertung
Solange vollmundig Versprechungen nicht mit handfesten Studien untermauert sind, kann in der Begutachtung durch den Experten kein besseres Urteil als "mangelhaft" stehen. Und ist doch ein Nutzen erkennbar, dann sollte gerade Säuglingsnahrung frei von bedenklichen oder umstrittenen Inhaltsstoffen sein.

So haben wir getestet

Die Inhaltsstoffe und die Wirksamkeit der Produkte standen auf dem Prüfstand