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49 Multivitaminpräparate im Test

ÖKO-TEST Februar 2012
vom 27.01.2012

Multivitaminpräparate

Gesund ist was anderes

Vitamine und Mineralstoffe in einer Tablette werden als Rundum-sorglos-Paket zum Erhalt der Gesundheit verkauft. Doch immer mehr Studien zeigen: Mit dem Nutzen solcher Produkte ist es nicht weit her, die Risiken sind nicht zu unterschätzen. Und so schnitten die untersuchten Multivitamin-präparate fast alle katastrophal ab.

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27.01.2012 | Ohne Vitamine läuft gar nichts. Unser Stoffwechsel käme zum Erliegen, schon weil wir Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate ohne sie gar nicht verwerten könnten. Vitamine sind an unzähligen Vorgängen im Körper beteiligt. Das Dumme ist nur, dass der Mensch im Laufe der Evolution die Fähigkeit verloren hat, sie selbst herzustellen. Er ist auf eine ausreichende Zufuhr über die Nahrung angewiesen.

Obwohl uns hier und heute Lebensmittel in einer Hülle und Fülle zur Verfügung stehen wie nie zuvor, lässt die Versorgung mit Vitaminen in einigen Fällen zu wünschen übrig. Laut Nationaler Verzehrsstudie II, einer vom Max-Rubner-Institut durchgeführten Befragung zur Ernährung von Jugendlichen und Erwachsenen, erreichen 80 bis 90 Prozent der Männer und Frauen nicht die empfohlenen Mengen an Vitamin D und Folsäure. Wird kein jodiertes Speisesalz verwendet, nehmen 96 bis 97 Prozent der Befragten zu wenig Jod auf. Außerdem gilt Calcium als kritischer Nährstoff, vor allem bei 14- bis 18-jährigen Mädchen sowie bei älteren Männern und Frauen über 65 Jahre.

Kein Wunder also, dass uns findige Hersteller allerorten Vitaminpillen anbieten. Häufig haben sie neben Produkten für die Allgemeinheit spezielle Präparate für Kinder und Senioren im Sortiment (siehe Kasten Vitamine für jedes Alter).

Wer rundum sorglos sein will, kann sicherheitshalber gleich zum A-Z-Präparat greifen, das nicht nur alle 13 Vitamine enthält, sondern gegebenenfalls auch noch Provitamin A (Betacarotin) und obendrein mehr als zehn Mineralstoffe, angefangen von Calcium und Magnesium bis hin zu den Spurenelementen Chrom, Kupfer und Selen. Allein in der Apotheke gingen im Jahr 2010 nach Angaben des Gesundheitsdienstleisters IMS Health 5,1 Millionen Multivitaminpackungen mit Mineralstoffen und 1,3 Millionen Packungen ohne Mineralstoffe über den Tresen.

Sargnägel für die Supplemente

Gegenüber dem Vorjahr gingen die Absätze damit aber um 10,3 beziehungsweise 14,6 Prozent zurück. Die Verbraucher scheinen vorsichtig geworden zu sein. Denn in jüngster Zeit mehren sich die Hinweise, dass die Vitaminpillen anscheinend sogar schaden können.

Unter dem Titel "Weniger ist mehr - Nahrungsergänzungsmittel und die Sterblichkeitsrate bei älteren Frauen" hatten Wissenschaftler im Fachmagazin Archives of Internal Medicine die Daten von 38.772 Frauen ausgewertet. Diese waren zu Studienbeginn im Jahr 1986 durchschnittlich knapp 62 Jahre alt. Bis Ende 2008 waren 40 Prozent von ihnen gestorben. Dazwischen wurden sie dreimal zur Einnahme von Nahrungsergänzungen befragt. Viele Supplemente erhöhten die Sterblichkeit: Multivitamine um 2,4 Prozent, Zink um 3 Prozent, Eisen um 3,9 Prozent, Vitamin B6 um 4,1 Prozent, Folsäure um 5,9 Prozent und Kupfer gar um 18 Prozent.

Die Vitaminbefürworter entrüsteten sich. Die Aussagen seien "unseriös und wissenschaftlich so nicht haltbar", stellte prompt die Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung (GIVE) fest. Entscheidende Standards seien nicht eingehalten, auf eine umfassende und exakte Erfassung des Ernährungsstatus verzichtet und Dosis sowie Formulierung der Wirkstoffe nicht angegeben worden. In der Tat lassen sich mit derartigen Studien keine ursächlichen Zusammenhänge nachweisen. Schwächen ihrer Studie nennen die Autoren selbst beim Namen. Sie räumen etwa ein, dass sie Vorteile wie eine verbesserte Lebensqualität durch die Supplemente nicht ausschließen können. Dennoch sorgen sich die Wissenschaftler um die langfristige Sicherheit und sehen nur wenig Rechtfertigung für den weitverbreiteten Gebrauch der Produkte.

Einen "weiteren Sargnagel für die Vitamin-E-Supplementation" machte kürzlich das Ärzteblatt MMW - Fortschritte der Medizin aus. In einer Studie hatte das fettlösliche Vitamin E das Risiko für Prostatakrebs bei gesunden Männern erhöht. Die Einnahme einer Kombination von Vitamin E plus Selen oder von Selen allein erhöhte das Risiko zwar nicht, verringerte es aber auch nicht. Allerdings wurden in der Studie sehr hohe Dosierungen gewählt: 400 Internationale Einheiten Vitamin E, das entspricht knapp 270 Milligramm (mg), sowie 200 Mikrogramm (µg) Selen. Hierzulande erhältliche Nahrungsergänzungsmittel enthalten meist um die 12 mg Vitamin E und um die 25 µg Selen.

Kurz vor Weihnachten verkündete die Ärzte-Zeitung dann noch: "Vitaminpillen fördern Schlaganfall." Sie bezog sich auf australische Forscher, die unter anderem der Frage nachgegangen waren, ob sich mit den Vitaminen A, C und E Schlaganfällen vorbeugen lässt. Als Antioxidanzien sollen sie schließlich freie Radikale und reaktive Sauerstoffverbindungen in den Gefäßen abfangen und so die Arterienverkalkung bremsen. Doch Pustekuchen. Bestenfalls wirkte sich die Einnahme überhaupt nicht auf die Schlaganfallrate aus, während in einigen kontrollierten Studien Vitamin A sogar die Sterberate erhöhte.

Überschätzte freie Radikale

Anscheinend wird die Bedeutung der reaktiven Stoffwechselprodukte für die Entwicklung von Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer, Krebs oder das Altern ohnehin überschätzt. "Oxidativer Stress: harmloser als gedacht?", fragte das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg kürzlich. Zwar nur an Fruchtfliegen, doch immerhin erstmals am lebenden Tier, konnten DKFZ-Forscher zeigen, dass schädliche Oxidantien nicht die Lebensspanne der Organismen beeinflussen. "Offenbar sind viele Ergebnisse, die an isolierten Zellen gewonnen wurden, nicht ohne Weiteres auf die Situation in einem lebenden Organismus übertragbar", fasst Tobias Dick zusammen. Er fügt hinzu: "Natürlich lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres von der Fliege auf den Menschen übertragen."

All diese Studien bestätigen, wovor ÖKO-TEST seit Jahren warnt. Betacarotin erhöhte bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko, auch die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Krankheiten stieg. Folsäure verringert nicht das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken, ganz im Gegenteil, bei Männern erhöht die Einnahme von Folsäure das Prostatakrebsrisiko. Und hoch dosiertes Selen scheint Diabetes zu begünstigen.

Wir haben daher die Anforderungen ans Nahrungsergänzungsmittel erhöht. Bislang konnte ein Produkt "sehr gut" abschneiden, wenn es den Dosierungsempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung entsprach. Diese sollen sicher stellen, dass die Präparate zumindest nicht schaden - was inzwischen fraglich ist. Daher fordern wir jetzt zusätzlich, dass die Einnahme von Vitaminpillen dem gesunden Anwender von Nutzen ist.

ÖKO-TEST hat 49 Multivitaminpräparate mit und ohne Mineralstoffe eingekauft, von denen je zwölf speziell für Kinder beziehungsweise Menschen über 50 Jahre angeboten werden. Bis auf zwei diätetische Lebensmittel sind alle als Nahrungsergänzungsmittel im Verkehr.

Das Testergebnis

Niederschmetternd: Kein Produkt ist eine Empfehlung wert. Die wenigsten erreichen mit Ach und Krach ein "befriedigend". Zu hohe Dosierungen, fragwürdige Auslobungen und mangelnder Nutzen sorgen für die vielen "mangelhaften" und "ungenügenden" Gesamturteile.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Eingekauft haben wir Präparate, die nur Vitamine enthalten und sogenannte A-Z-Produkte, die außer Vitaminen auch Mineralstoffe und Spurenelemente liefern. Berücksichtigt wurden Produkte speziell für Kinder, für Senioren und für alle, die sich dazwischen befinden. Fündig wurden wir in Drogerien und Apotheken, im Reformhaus, beim Discounter, im Supermarkt und im Versandhandel. Als traditionelle Arzneimittel oder ergänzend bilanzierte Diäten vertriebene Produkte haben wir außer Acht gelassen.

Die Inhaltsstoffe
Was steckt eigentlich in so einer Pille oder Kapsel drin? Dieser Frage sind wir nachgegangen und haben uns die Vitaminmengen angeschaut, die man nach den Empfehlungen der Hersteller täglich zu sich nimmt. Werden die Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für Nahrungsergänzungsmittel eingehalten? Berücksichtigt haben wir dabei auch unterschiedliche Empfehlungen für unterschiedliche Altersgruppen. Beispiel Vitamin A: Hier nennt das BfR als tägliche Höchstmengen 400 µg für Erwachsene und 200 µg für Kinder zwischen vier und zehn Jahren.

Die Auslobungen
Braucht ein gesunder Mensch überhaupt eine solche "Ergänzung zur Nahrung" oder nutzt das Präparat nur dem Geldbeutel der Hersteller? Wir haben uns die Auslobungen auf den Verpackungen angeschaut und überprüft, was davon gesichert und belegt ist. Dabei orientierten wir uns an den wissenschaftlichen Bewertungen von gesundheitsbezogenen Angaben (Health Claims) durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Die Bewertung
Mit "sehr gut" oder "gut" konnte schon deshalb kein Multivitaminpräparat abschneiden, weil ein Nutzen für den gesunden Verbraucher nicht erkennbar und der Bedarf an Vitaminen und Mineralien bequem durch eine abwechslungsreiche Ernährung zu decken ist. Überdosierungen und fragwürde Auslobungen lassen das Gesamturteil dann schnell in den Keller rutschen.