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Sauberes Trinkwasser: Warum es verschwendet, vergiftet, verhökert wird

Autor: ÖKO-TEST-Redaktion | Kategorie: Freizeit und Technik | 30.11.2011

Sauberes Trinkwasser: Warum es verschwendet, vergiftet, verhökert wird
Foto: CC0 / Unsplash.com / mrjn Photography

Fast 900 Millionen Erdenbürger haben nicht einmal zuverlässig sauberes Trinkwasser. Denn das kostbare Gut wird in aller Welt verschwendet, vergiftet und verhökert. Nicht jedes Gegenrezept taugt, doch es gibt hoffnungsvolle Ansätze. Die Welt muss nur entschlossen handeln.

Kinder planschen, das Vieh wird getränkt, Frauen waschen, Mädchen füllen Krüge für zu Hause – eine pittoreske Szene, wie wir sie von Flüssen und Seen in der Dritten Welt kennen. Doch sauberes Trinkwasser gibt es an solchen Wasserstellen kaum. Mit diesem Mangel leben fast 900 Millionen Menschen weltweit. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef meldet, dass jährlich 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Durchfall sterben, weil sie verschmutztes Wasser getrunken haben – ein Skandal.

Als sich die Regierungschefs der wichtigsten Staaten dieser Erde feierlich im September 2000 bei der UN in New York versammelten, um Pläne für das neue Millennium zu schmieden, beschlossen sie neben anderen hehren Zielen, die Zahl der Menschen ohne sichere Wasserversorgung bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Und tatsächlich: Statt mehr als einer Milliarde Erdenbürger zu Beginn der Kampagne, waren 2010 nur noch 880 Millionen unversorgt, meldet die für die Millenniumprojekte zuständige UN-Kulturorganisation Unesco. Weil viele weitere Projekte noch laufen, könne das Ziel wohl sogar schon vorzeitig erreicht werden, jedoch bleibt Afrika weiterhin zurück.

Seit 2011: Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser

Im Juni 2011 hat die UN-Vollversammlung dann eigens die Liste der Menschenrechte erweitert: Der Zugang zu sauberem Trinkwasser gehört nun dazu. Pech nur, dass diese Rechte nicht einklagbar sind. Die Wasserversorgung zu verbessern ist nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch volkswirtschaftlich hochrentabel, errechnete die Weltgesundheitsorganisation WHO. Jeder Euro, der dafür aufgebracht werde, bringe einen Vorteil von mindestens drei Euro, in Fällen, in denen damit Krankheiten vermieden werden, sogar bis 34 Euro.

Keine Frage: Das lebensnotwendige Nass muss gerechter verteilt und effizienter eingesetzt werden, zumal der zu erwartende globale Temperaturanstieg die Lage vor allem in den schon heute trockenen Weltregionen dramatisch verschärfen wird. 2030 wird fast die Hälfte der Erdbevölkerung in Gebieten mit Wassermangel leben, kalkulieren UN-Wasserexperten. Schon jetzt aber wird in vielen Teilen der Welt mehr Wasser verbraucht, als auf Dauer zur Verfügung steht.

(Foto: ÖKO-TEST)

Sauberes Trinkwasser: Gnadenloser Raubbau

Der bei Weitem wichtigste Wassernutzer ist die Landwirtschaft. Fährt man durch die Mittelmeerländer, schweift der Blick über Landschaften, die bis zum Horizont in Plastikfolien verpackt sind. Derart geschützt wachsen Früchte aller Art für den Export in die wohlhabenden Länder Mittel- und Nordeuropas heran. Dort wollen die Kunden während des ganzen Jahrs erntefrisch kaufen - Frühkartoffeln aus Zypern, Salat aus Sizilien, Tomaten aus Südspanien.

Was den Käufern kaum bewusst ist: Um die Früchte zu ziehen, ist viel Wasser nötig. In nördlichen Breiten liefert es der reichlich fallende Regen. In den warmen südlichen Regionen muss bewässert werden: Für ein Kilogramm Kartoffeln sind 250 Liter Wasser nötig, Tomaten brauchen je Kilo 190 Liter, berechnete die Unesco. Andere Agrarprodukte, etwa Baumwolle, sind noch weit durstiger. Virtuelles Wasser nennen Fachleute Einsatzmengen, die man den Waren nicht ansieht.

Dabei prägt der Lebensstil den Wasserbedarf. 1.000 Liter genügen, um eine tägliche Überlebensration zu erzeugen, ein Vegetarier nimmt bei ausgewogener Kost schon 2.600 Liter virtuelles Wasser zu sich. 5.000 Liter braucht es pro Tag, wenn Fleisch und Wurst auf dem Teller liegen sollen. Kommen Früchte aus den trockenen Südregionen hinzu, verschärft das dort den Wettbewerb um das knappe Wasser.

Doch nicht nur als Konsumenten von Obst und Gemüse forcieren die Mittel- und Nordeuropäer den Wassermangel am Mittelmeer, sondern auch als Touristen. Da sie vielfach Hotelsilos verschmähen, werden mehr Ferienhäuser gebaut - samt wasserdurstiger Gärten, Pools und Golfplätzen, von denen jeder pro Jahr so viel Wasser benötigt wie ein Ort mit 15.000 Einwohnern. In den Ländern rund um das Mittelmeer verursacht der Tourismus nach UN-Schätzungen bis zu 20 Prozent des Wasserverbrauchs.

Um sich trotz der Konkurrenz um das Wasser billigst damit zu versorgen, betreiben die Bauern in Spanien laut einer amtlichen Studie 500.000 illegale Brunnen. Letztlich wird 40 Prozent mehr Wasser gepumpt, als zulässig wäre. Konsequenz: Wegen der starken Wasserentnahme sinkt der Pegel des Grundwassers und der Flüsse, die ökologisch wichtigen Feuchtgebiete trocknen aus.

Extremer noch als in Spanien lässt sich diese Entwicklung in den USA beobachten. Dort bringt der Colorado River nicht einmal ein Prozent seiner früheren Wassermenge zum Meer, weil sein Wasser auf Felder und Gartenbeete geleitet wird. Der Rio Grande kann im Sommer im Mündungsgebiet auch schon mal austrocknen. Ähnliches geschieht weltweit: so beim Gelben Fluss in China oder beim Jordan in Palästina, der kaum noch das Tote Meer erreicht, das heute um 35 Prozent kleiner ist als 1970.

Bei Flussumleitungen zur Bewässerung - etwa in Spanien vom Tajo in den Segura - zeigen sich Probleme: Das Entnahmegebiet trocknet aus, und weil auf dem Weg viel verdunstet und versickert, profitiert das Zielgebiet weniger als erhofft.

(Foto: ÖKO-TEST)

Sauberes Trinkwasser aus der Tiefe ist endlich

Wo Flüsse, Seen und das normale Grundwasser nicht genug hergeben, findet sich manchmal dennoch Wasser: in tiefen Lagerstätten, die sich vor Jahrtausenden gebildet haben. Da sie unter wasserdichten Schichten liegen, werden sie vom Regen nicht wieder aufgefüllt. Eine endliche Reserve: So erstreckt sich das größte Vorkommen in USA, der Ogallala-Aquifer, von South Dakota bis Texas - und wird gnadenlos angezapft.

Auch unter der Sahara gibt es ein riesiges Wasserreservoir, das bei der Ölsuche entdeckt wurde. Libyen beutet es aus: In Betonrohren mit vier Metern Durchmesser wird es über 1.800 Kilometer in die besiedelten Regionen an der Mittelmeerküste gepumpt, um dort einen Ausbau der Landwirtschaft zu ermöglichen; künftig ist auch dort der Export von Agrarprodukten beabsichtigt.

Fazit: Die Landwirtschaft nutzt heute mehr Wasser, als ihr auf Dauer zur Verfügung steht. Viele dieser fossilen Wasserreserven sind in 20 Jahren erschöpft. Endzeitstimmung muss dennoch nicht aufkommen, denn die Landwirtschaft könnte sich mit weit weniger Wasser begnügen. Dazu gibt es viele, oft verblüffend einfache Lösungen. So sprühen die üblichen Beregnungsanlagen Wasser durch die Luft, wo ein großer Teil verdunstet. Viel läuft auch an der Ackeroberfläche ab in Gräben und Bäche.

"Höchstens 50 Prozent des eingesetzten Wassers erreicht die Wurzeln der angebauten Pflanzen, oft sind es sogar nur 20 Prozent", sagt Tanja Dräger de Teran, zuständig für internationale Landwirtschaft beim WWF Deutschland. Viel effizienter als Sprinkleranlagen wirken poröse Schläuche, die im Feld nahe an den Pflanzen verlegt oder besser vergraben werden und aus denen Wasser sickert. Trotzdem noch ablaufendes Wasser kann in Drainagen gesammelt und wieder auf die Felder gegeben werden.

Auch althergebrachte Anbautechniken gehören auf den Prüfstand: Reis lässt sich ohne die typische Flutung der Felder anbauen. Dieses Verfahren brachte in Japan und Thailand gute Ernten, meldet der WWF.

Selbst in Deutschland, wo es insgesamt genug regnet, schwindet örtlich das Grundwasser. Es sind zu viele Flächen versiegelt, sodass der Regen nicht versickern kann und über die Kanalisation abfließt. Wer Regenwasser vom Dach sammelt und im Garten nutzt, hilft deshalb der Natur - und seinem Portemonnaie.

Garten mit eigenem Brunnen bewässern

Von ergiebigen Brunnen wie in Ingolstadt können viele Menschen in der Dritten Welt nur träumen. Sie müssen oft kilometerweite Wege zurücklegen, um an Wasser zu gelangen, das dann auch noch häufig mit Keimen und Schädlingen belastet ist. Wichtige Ursache dafür: 2,6 Milliarden Menschen vor allem in Asien und Afrika verfügen nicht über einfachste sanitäre Anlagen. Zu den Millenniumzielen, welche die bei der UN in New York versammelten Staatschefs im Jahr 2000 festlegten, gehörte es, diese Zahl bis 2015 zu halbieren. Doch hier gibt es kaum Fortschritte zu vermelden, für 2015 erwartet die UN sogar einen Anstieg auf 2,7 Milliarden Betroffene.

Offenbar ist es für Politiker nicht attraktiv, sich um dieses anrüchige Problem zu kümmern. Die Weltgesundheitsorganisation WHO berechnete, dass jährlich gut sieben Milliarden Euro in die Abwasserentsorgung investiert werden müssten, um noch annähernd das Millenniumziel zu erreichen.

(Foto: ÖKO-TEST)

Nun sind zwar Entsorgungssysteme wie in den Industriestaaten für die Dritte Welt unbezahlbar, doch Bindeshwar Bathak zeigt in Indien seit 1970, was möglich ist. Er hat ein einfaches WC mit minimalem Wasserverbrauch und einem Sickergrubensystem entwickelt, in dem Fäkalien zu einem festen, geruchlosen, bakteriell einwandfreien Dünger kompostieren. Die Anlage lässt sich mit Materialien, die in jedem Dorf vorhanden sind, leicht nachbauen.

Bathak ist aber nicht nur ein tüchtiger, autodidaktischer Konstrukteur, sondern auch ein begnadeter Motivator: 50.000 Freiwillige seiner Organisation Sulabh propagieren das System in ganz Indien. 1,2 Millionen Haushalte legten sich eine solche Toilette zu. Zudem errichtete der Verein in Slums oder in der Nähe von Tempeln 7.500 Anlagen, die zehn Millionen Menschen täglich gegen Gebühr benutzen. Trotz Bathaks Leistung bleibt viel zu tun. Helga Kuhn, Sprecherin von UNICEF Deutschland berichtet: "In China und Indien gelangen die Abwässer von mehr als 1,5 Milliarden Menschen ungefiltert in die Umwelt."

Doch nicht nur Fäkalien belasten das Wasser. Manchmal enthält der Boden problematische Mineralien, die in die Brunnen gelangen, meldet die UN. Besonders verbreitet ist Arsen, wovon 140 Millionen Menschen in 70 Ländern betroffen sind, die Hälfte davon in Bangladesch. Den Menschen bleibt keine Alternative: Sie trinken das Wasser weiter.

Muhammad Yunus wusste Rat. Er hatte 1983 die Grameen Bank gegründet, die armen Mitbürgern, die bei anderen Instituten mangels Sicherheiten keine Darlehen erhalten, Kleinstkredit gewährt, und erhielt für diese Leistung 2006 den Friedensnobelpreis. Er nutzte sein Ansehen, um den französischen Konzern Veolia, den weltweit führenden privaten Wasserversorger, dafür zu gewinnen, exemplarisch ein Wasserwerk in einer Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern zu bauen, samt Zapfstellen in verschiedenen Ortsteilen. Die Anlage arbeitet kostendeckend, und Yunus hofft, dass weitere gebaut werden.

Verschmutzung von Trinkwasser gefährdet Menschenleben

Häufiger als natürlich vorkommende Gifte schaden Einleitungen aus Gewerbe, Industrie und Agrarbetrieben den Flüssen und dem Grundwasser. In Deutschland haben die Wasserwerke besonders in den Gebieten mit Massentierhaltung Probleme. Manche Bauern geben so viel Gülle auf die Äcker, dass das darin enthaltene Nitrat mit dem Regen in das Grundwasser sickert.

Diese Belastungen verringern sich nur sehr langsam, in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen haben sie sich sogar wieder erhöht, berichtet der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. In Niedersachsen wurden bei jüngeren Untersuchungen teils mehr als 260 Milligramm Nitrat im Grundwasser gemessen. Es muss dann für die Trinkwasserversorgung aufwendig gereinigt oder die Brunnen aufgegeben werden. Da bezahlen manche Wasserwerke die Bauern, die Felder in den Trinkwasserschutzzonen besitzen, lieber dafür, dass sie dort weniger Gülle einsetzen.

Hohe Kunstdüngergaben können zu gleichen Schäden im Grundwasser führen, was insbesondere in Weinbaugebieten verschiedentlich zu Problemen führt. So nutzen drei Millionen Franzosen Wasser mit überhöhtem Nitratgehalt.

Ob die im Jahr 2000 verschärften EU-Vorschriften zum Schutz des Grundwassers nachhaltig helfen werden, muss sich zeigen. Die Vorgaben sind streng, um langfristige Gefährdungen auszuschließen. Auch endokrin wirksame Stoffe - also Hormone oder einige Arzneimittel -, die in Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können, dürfen nicht mehr in unser Grundwasser gelangen. Diese Stoffe wirken oft schon in kleinsten Mengen auf den menschlichen Organismus - wie stark, ist allerdings noch unerforscht.

Seit 2006 wird explizit die Fauna im Grundwasser geschützt. Gut 2.000 bekannte Arten - und viele noch unbekannte - wirken daran mit, dass die Qualität des Wassers stimmt. Für Pestizide und andere Schadstoffe gelten einzelne Grenzwerte, aber auch in Summe dürfen sie bestimmte Anteile nicht übersteigen. Für Nitrat gilt nun ein Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Wenn eine Grundwasser führende Schicht stärker belastet ist, sollen sie nach der neuen Verordnung bis zum Jahr 2015 saniert werden.

Aufgrund des Langzeitgedächtnisses des Grundwassers wird das EU-Ziel eines guten Zustands in vielen Gebieten wohl erst 15 Jahre später erreicht werden.

(Foto: ÖKO-TEST)

Trinkwasser: Privatisierungen sind umstritten

Eine solche langfristige Vorsorge ist in Schwellenländern und der Dritten Welt noch unvorstellbar, dort geht es erst einmal um die Grundbedürfnisse. Damit die möglichst bald gesichert sind, propagiert die Weltbank eine Privatisierung der Wasserversorgung. Nur Unternehmen besäßen das notwendige Wissen und Kapital. Ein taugliches Mittel? Eine breite Bürgerbewegung stemmt sich inzwischen gegen das Konzept, Wasser zum Handelsgut zu machen.

Der kanadische Umweltschützer Tony Clarke kritisiert in seinem Bestseller "Blaues Gold" die Kommerzialisierung und fordert, jedem Erdenbürger sollten kostenlos 25 Liter sauberes Wasser pro Tag zustehen. "Wasser ist ein Menschenrecht", sagt Julia Duchlow von "Brot für die Welt", der Initiative der evangelischen Kirchen Deutschlands: "Auch die Ärmsten brauchen Zugang zu sauberem Wasser, das ist der Maßstab. Wasserpolitik sollte eine öffentliche Aufgabe bleiben."

Abseits solcher Grundsatzdebatten darf sich zumindest die Landbevölkerung in der Dritten Welt nicht viel von den privaten Investoren erhoffen. Denn die zeigen dort bisher nur Interesse an den Wassersystemen in den großen Städten. Und selbst da gibt es Probleme mit privatisierten Versorgern. Das hat Nils Rosemann mit einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung am Fall Manila dokumentiert. Dort hatten 1997 zwei Konsortien, an denen einheimische und ausländische Konzerne beteiligt waren, die Konzession für jeweils eine Hälfte der philippinischen Hauptstadt erhalten. Die Unternehmen sollten das Leitungsnetz zügig ausbauen, das zuvor nur zwei Drittel der Menschen erreichte.

Rosemanns Gesamturteil: "Die Versorgung war vor der Privatisierung unzweifelhaft schlechter als heute." Die Qualität des Wassers stieg, eine Million Menschen ist zusätzlich der Zugang zum Trinkwassernetz ermöglicht worden; in Slums erhielten dabei allerdings ganze Wohnblocks nur eine gemeinsame Zapfstelle.

Der Ausbau wurde aber weitgehend mit staatlichen Krediten finanziert, nicht etwa mit Privatkapital. Und bis zu 70 Prozent des eingespeisten Wassers versickern, weil die neuen Betreiber zu wenig in die bestehenden Netze investierten. Am härtesten traf es die Bewohner, dass der Wasserpreis - entgegen der vertraglichen Absprache - weit stärker stieg als ihre Einkommen. Denn die Konsortien kalkulieren in US-Dollar, und als dessen Wechselkurs anzog, akzeptierte ihn die Aufsichtsbehörde trotzdem weiter als Maßstab.

Ähnlich wie in Manila gibt es auch in anderen privat versorgten Städten der Schwellen- und Entwicklungsländer Streit und Enttäuschungen. Die Behörden können die Kalkulationen kaum prüfen und ebenso wenig die Argumente, wenn die Investitionen nicht wie vereinbart vorankommen. Die Kontrolle fällt selbst in Industriestaaten mit ihrem eingespielten Staatsapparat und den erfahrenen Gerichten schwer.

Beispiel England: Dort privatisierte 1989 Premierministerin Margaret Thatcher die Wasserversorger samt dem Rohrnetz. Nur Kapitalgesellschaften traute die radikale Marktwirtschaftlerin die Sanierung der veralteten Anlagen zu. Doch die kommt wesentlich langsamer voran, als die neuen Eigentümer zugesagt hatten. Ziel ist es jetzt, dass bis 2015 die Hälfte der Haushalte einen Wasserzähler erhält; die meisten zahlen derzeit einen Pauschalbetrag nach dem Mietwert des Hauses und haben somit keinen Anreiz, Wasser zu sparen.

Immerhin sind die maroden Rohrnetze jetzt so weit erneuert, dass statt gut 25 Prozent jetzt nur noch 15 Prozent des eingespeisten Wassers durch Lecks sickern. Zum Vergleich: In Deutschland entschwinden nur 6,5 Prozent des Wassers aus dem Rohrnetz, in Bulgarien und Slowenien dagegen um 40 Prozent, in Italien und Frankreich an die 30 Prozent.

An 75 Prozent der französischen Wasserlieferungen sind Privatfirmen beteiligt, die aber von den Kommunen nur Konzessionen für 20 bis 30 Jahre erhalten, Anlagen und Leitungen bleiben Gemeindeeigentum. Solche Regelungen gibt es dort bereits seit 150 Jahren, entsprechend ausgereift sind die Verträge und Kontrollen. Zwei Unternehmen beherrschen diesen französischen Teilmarkt fast vollständig und dominieren auch global: Der Konzern Veolia (früher Vivendi) versorgt weltweit 100 Millionen Menschen mit Wasser, Konkurrent Suez Environnement 91 Millionen.

In Deutschland sorgen Privatfirmen nur für 3,5 Prozent des Wassers. An weiteren Betrieben, die insgesamt fast 30 Prozent der Wassermenge liefern, sind allerdings Private beteiligt. Auch dabei spielen die französischen Unternehmen eine wichtige Rolle: Die Suez-Tochter Eurawasser versorgt etwa Rostock, Schwerin, Cottbus und Goslar. Veolia fing neben Braunschweig und etlichen kleineren Fischen einen ganz großen: Der Konzern kaufte im Jahr 2000 gemeinsam mit RWE für umgerechnet 1,7 Milliarden Euro 49,9 Prozent der Berliner Wasserbetriebe (BWB), der Rest blieb dem Berliner Senat. Die BWB versorgen vier Millionen Menschen in der Hauptstadt und ihrer Umgebung. "Für die Kunden ein schlechtes Geschäft", urteilt Rechtsanwalt Klaus-Martin Groth, der für den Berliner Verband Haus & Grund die Privatisierung überprüfte.

Die wichtigsten Ärgernisse: Die Senatskasse erhielt den Verkaufspreis, den Bau vieler Leitungen hatten jedoch die Bürger mit einem Aufschlag auf das Wassergeld bezahlt. Nach dem Verkauf werden ihnen nun diese Rohre noch einmal in Rechnung gestellt. Dabei wird die dafür fällige Abschreibung auch noch anhand heutiger Kosten berechnet und nicht etwa nach den niedrigeren tatsächlich dafür einst gezahlten Preisen. In die Tarife gehen alle absehbaren Kosten ein, auch wenn sie durch Missmanagement entstanden sind. Verärgert erzwangen die Berliner im Februar 2011 per Volksentscheid, dass ihr Senat alle Verträge rund um die Privatisierung offenlegt. Nun soll der Stadtstaat das Unternehmen wieder komplett übernehmen, doch wie das angesichts leerer Kassen geschehen soll, ist unklar.

(Foto: ÖKO-TEST)

Wie ein Wasserbetrieb auf Effizienz zu trimmen wäre, davon hat Jurist Groth eine klare Vorstellung. Sein Modell: ein kommunaler Betrieb, der aber selbst kaum Personal hat, weil er fast alle Arbeiten ausschreibt und von vielen kleinen Privatfirmen ausführen lässt. Groths Modell könnte auch in den Metropolen der Dritten Welt Erfolg haben. Denn gerade dort sind die Aufgaben gigantisch, weil immer mehr Menschen vom Land in die Slums drängen. Und obwohl weltweit das Millenniumziel bei der Wasserversorgung erreicht wird, stieg in diesen Ballungszentren die Zahl der Unversorgten seit der Jahrtausendwende um mehr als 100 Millionen an.

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