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Chirurgische Ferkelkastration ohne Betäubung verboten: Gibt es mildere Methoden?

Magazin Januar 2021: Wie viel Grün steckt im Öko-Strom? | Autor: Dr. Cornelie Jäger | Kategorie: Essen und Trinken | 11.01.2021

Ferkelkastration: Wir erklären, welche Möglichkeiten Schweinehalter haben.
Foto: Countrypixel/imago images

Ferkelkastration ist eine gängige Methode, um zu verhindern, dass das Fleisch der Tiere beim Erhitzen einen müffelnden Geruch abgibt. In Deutschland werden jährlich mehr als 25 Millionen männliche Mastschweine kastriert. Und Kastration ist ein Dilemma: Jede Alternative hat auch Nachteile. Höchste Zeit für einen öffentlichen Diskurs aller Möglichkeiten.

  • Per Gesetz geregelt: Ferkel dürfen nicht mehr ohne wirksame Betäubung chirurgisch kastriert werden. 
  • Die Kastration männlicher Ferkel verhindert, dass das Fleisch der Tiere beim Erhitzen den typischen müffelnden Ebergeruch abgibt.
  • Schweinehalter haben derzeit bei der Ferkelkastration die Wahl zwischen Ebermast, Immunokastration, Operation mit Isoflurannarkose und Operation mit Injektionsnarkose. 

Seit dem 1. Januar 2021 erleiden männliche Ferkel in Deutschland per Gesetz weniger Schmerzen: Sie dürfen nicht mehr ohne wirksame Betäubung chirurgisch kastriert werden. Bisher war es erlaubt, ihnen bis zu einem Alter von sieben Tagen unbetäubt die Hoden zu entfernen.

Diese schmerzhafte Prozedur sollte eigentlich schon vor zwei Jahren ein Ende finden. Doch die Schweinebranche hatte die im Tierschutzgesetz vorgesehene Übergangsfrist von fünf Jahren nicht ausreichend genutzt, um sich auf die neue Situation vorzubereiten. So verschob die Politik das Ende des massenhaften Operierens ohne Betäubung in letzter Minute. Nun wird es aber ernst mit dem Verbot.

Ferkelkastration: Warum werden Ferkel kastriert? 

Kurz gesagt: Damit das Fleisch nicht stinkt. Die Kastration männlicher Ferkel ist seit jeher eine gängige Praxis, die verhindert, dass das Fleisch der Tiere beim Erhitzen den typischen Ebergeruch abgibt, den viele Menschen als unangenehm bis ekelerregend empfinden.

Ebergeruch entsteht hauptsächlich durch die Stoffe Androstenon und Skatol. Androstenon wird im Hoden geschlechtsreifer Eber gebildet. Skatol kann bei allen Schweinen im Darm entstehen, reichert sich aber besonders im Fettgewebe unkastrierter männlicher Tiere an.

Lange Zeit war man der Meinung, dass neugeborene Tiere Schmerzen nicht so stark erleben wie ältere Tiere. Deshalb durften Schweinehalter ihre Ferkel bisher ohne Betäubung kastrieren. Längst ist aber klar: Diese Annahme ist falsch.

Wie kann Ebergeruch vermieden werden? 

Nun muss die Branche also anders dafür sorgen, dass das Fleisch auf dem Teller nicht müffelt. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. 

  1. Die Halter verzichten beim Mästen der Eber komplett auf die Kastration. Geruchsauffällige Schlachtkörper müssen dann aussortiert werden.
  2. Die Geschlechtsreife der männlichen Tiere lässt sich durch eine Impfung verhindern, die sogenannte Immunokastration.
  3. Es ist möglich, wie bisher einen chirurgischen Eingriff vorzunehmen – aber mit Betäubung. Das Schmerzempfinden kann dabei durch eine Vollnarkose oder durch eine lokale Betäubung ausgeschaltet werden.
Kastration mit dem Messer: Die Köpfe der Ferkel stecken in der Maske für die Inhalationsnarkose.
Kastration mit dem Messer: Die Köpfe der Ferkel stecken in der Maske für die Inhalationsnarkose. (Foto: Countrypixel/imago images)

Vor- und Nachteile der Methoden zur Ferkelkastration

Jede dieser Methoden hat diverse Vor- und Nachteile. Zunächst hatten viele Tierhalter und Schlachtunternehmen auf die erste Möglichkeit gesetzt: Ebermast ohne Kastration – bis immer deutlicher wurde, welche Probleme dabei auftreten. So müssen die Halter beispielsweise getrenntgeschlechtliche Tiergruppen bilden, wenn sie nicht frühe Trächtigkeiten bei den weiblichen Mastschweinen riskieren wollen.

Außerdem gibt es immer wieder Probleme mit Rangkämpfen und Penisbeißen in den Ebergruppen. Auch das Geruchsproblem hat sich bisher nicht befriedigend lösen lassen, vor allem weil die vollautomatische Erkennung riechender Schlachtkörper nicht zustande kam. Die Folge: Wer Eber mästet, muss inzwischen mit Preisabzügen bei der Vermarktung rechnen.

Chirurgische Kastration mit Betäubung kommt häufig vor

Die zweite Möglichkeit, die Impfung, wird derzeit vor allem durch Einwände des Handels blockiert. Der behauptet, dass die Konsumenten dies ablehnen würden. So hat derzeit die dritte Möglichkeit Konjunktur: die chirurgische Kastration mit Betäubung. Die ist allerdings verbunden mit allen Risiken, die solche Eingriffe mit sich bringen: Zwischenfälle bei der Narkose sind ebenso wenig auszuschließen wie Wundinfektionen.

In puncto Narkose gibt es Unterschiede: Bei der Isoflurannarkose inhalieren die Ferkel ein Gas. Hinterher sind sie zwar sehr schnell wieder wach und können zum Muttertier zurück. Das Narkosegas, ein Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoff, ist aber für die anwendenden Personen gesundheitsbelastend und zudem klimaschädlich.

Und: Isofluran betäubt die Schweine zwar, schaltet ihre Schmerzen aber nicht aus. Außerdem ist die Anschaffung der Narkosegeräte mit rund 10.000 Euro nicht billig.

(Foto: ÖKO-TEST)

Betäubung per Spritze ist schwierig

Die Alternative ist die Vollnarkose per Spritze: Man injiziert den Schweinen ein Ketamin-Azaperon-Gemisch. Allerdings lässt sich diese Narkose schlecht steuern und bringt einen relativ langen Nachschlaf der Tiere mit sich. Schweinehalter müssen die operierten Tiere deshalb länger von ihren Artgenossen getrennt halten, sie überwachen und wärmen.

Wegen dieser Schwierigkeiten wurde immer wieder der Ruf nach einer lokalen Betäubung per Spritze laut. Alle Versuche, sie zu etablieren, scheiterten aber bisher: Die Injektion in den Hoden oder den sogenannten Samenstrang ist schwierig und verursacht erheblichen Stress und Schmerzen. Vor allem aber ist bisher kein geeignetes Medikament dafür zugelassen.

Diese Wahl haben Schweinehalter bei Ferkelkastration

De facto haben Schweinehalter derzeit die Wahl zwischen:

  • Ebermast
  • Immunokastration
  • Operation mit Isoflurannarkose
  • Operation mit Injektionsnarkose

Und die Politik? Bemerkenswert ist, dass sich die Bundesregierung vor allem für die – aus tierärztlicher Sicht nicht optimale – Isoflurannarkose eingesetzt hat. Auf dem Verordnungsweg hat die Regierung den Tierhaltern inzwischen die Möglichkeit eingeräumt, nach einer Schulung solche Narkosen selbst durchzuführen, also ohne Tierarzt.

Bestes Verfahren zur Ferkelkastration wird ignoriert

Das aus tierärztlicher Sicht beste Verfahren, die Impfung, wird dagegen von Gesetzgeber, Handel und Konsumenten weitgehend ignoriert oder abgelehnt. Eine aufklärende, breite öffentliche Debatte darüber hat bislang kaum stattgefunden.

Tierhalter mit Sicherheitspistole: die Eber impfen, statt ihre Hoden abzuschneiden.
Tierhalter mit Sicherheitspistole: die Eber impfen, statt ihre Hoden abzuschneiden. (Foto: Christian Mühlhausen/Landpixel)

Unverständlich ist außerdem, weshalb sie bei ökologischer Tierhaltung künftig gar nicht mehr erlaubt sein soll, obwohl auch Bio-Betriebe gute Erfahrungen damit gemacht haben. Und noch könnten alle Bemühungen der Tierhalter unterlaufen werden: Wenn der Handel auch zugekaufte Ferkel aus den Niederlanden, Dänemark oder anderen Ländern akzeptieren würde, für die nun niedrigere Standards bei der Kastration gelten.

Der dafür ausschlaggebende Verband QS hat sich erst nach langem Drängen zu einem wichtigen Schritt durchgerungen, damit das nicht passiert: Er will 2021 eine Liste gleichwertiger Kastrationsmethoden erstellen, die von den Ferkelerzeugern außerhalb Deutschlands angewendet werden müssen, wenn die Tiere hier gemästet werden sollen.

Immunokastration: Impfen gegen den Ebergeruch

Aus tierärztlicher Sicht ist die schonendste Art der Kastration die Impfung, die sogenannte Immunokastration: Der Tierhalter impft den männlichen Schweinen ein künstliches Eiweiß und der Körper des Schweins bildet dagegen Antikörper. Entscheidend dabei: Ein Teil des geimpften Eiweißes gleicht einem natürlichen Botenstoff, der die Bildung von Geschlechtshormonen auslöst – und damit letztlich den strengen Geruch.

Die Antikörper greifen nicht nur das geimpfte Eiweiß an, sondern auch den natürlichen Botenstoff. So lässt sich mehrere Wochen vor der Schlachtung die Bildung von Geschlechtshormonen gezielt blockieren, mit der Folge, dass das Fleisch der Tiere nicht stinkt.

Wer Fleisch von so geimpften Tieren verzehrt, braucht keine Auswirkungen auf den eigenen Hormonhaushalt zu befürchten. Der Impfstoff ist auch deshalb mittlerweile in mehr als 60 Ländern zugelassen – einschließlich Deutschland. Die Sicherheitspistole für die Immunokastration heißt übrigens so, weil sie verhindert, dass sich Tierhalter versehentlich selbst impfen.

Ferkelkastration: Das betrifft in Deutschland jährlich mehr als 25 Millionen männliche Mastschweine.
Ferkelkastration: Das betrifft in Deutschland jährlich mehr als 25 Millionen männliche Mastschweine. (Foto: Mark Agnor/Shutterstock)

Fakten zur Ferkelkastration 

  • Ob und wie kastriert wird, betrifft in Deutschland alle männlichen Mastschweine, also etwa die Hälfte der mehr als 55 Millionen Schweine, die jährlich hierzulande geschlachtet werden.
  • Bei etwa 3 bis 5 Prozent der unkastrierten männlichen Schweine tritt der strenge Ebergeruch beim Erhitzen des Fleischs so stark auf, dass das Fleisch entsorgt werden muss.
  • Je jünger die Tiere geschlachtet werden, desto weniger Testosteron haben sie gebildet und umso weniger Ebergeruch entsteht.
  • Ungefähr drei Viertel der Bevölkerung nehmen den Ebergeruch mehr oder weniger stark wahr, Frauen häufiger als Männer.
  • Männliche Schweine heißen Eber. Für Fortgeschrittene: Kastrierte männliche Schweine werden in Fachkreisen als Börge oder Borge bezeichnet, der Singular Borg ist eher selten.

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