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27 Weintrauben im Test

ÖKO-TEST Oktober 2013
vom 27.09.2013

Weintrauben

Jedes Mittel Recht?

Die Bio-Weinbauern treiben die Aufnahme des Pflanzenschutzmittels Phosphonsäure in die Öko-Verordnung voran. Doch damit verwischen die Grenzen zum konventionellen Anbau mehr und mehr. Ein politisches Thema - zum Glück ohne gesundheitliche Nebenwirkungen.

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27.09.2013 | Bio ist bei unseren Tests im Hinblick auf Pestizidrückstände eigentlich eine sichere Bank. Nur äußerst selten finden sich in Produkten aus biologischem Anbau Rückstände. Umso erstaunter waren wir, als unsere beauftragten Labore Phosphonsäure in italienischen Bio-Weintrauben nachgewiesen haben. Auf den Wirkstoff hatten wir testen lassen, weil wir von Landesuntersuchungsämtern einen Hinweis auf die umstrittene Verwendung bei Bio-Weintrauben erhalten hatten. Phosphonsäure ist laut EU-Recht derzeit weder als Pflanzenschutzmittel noch als Düngemittel im biologischen Weinbau zugelassen. Die Verwendung des Wirkstoffes gilt in der Branche jedoch als Politikum. Hierzulande durfte Phosphonsäure bis vor Kurzem als sogenanntes Pflanzenstärkungsmittel auch im Bio-Anbau verwendet werden. Doch es geht um die Frage: Wie stark darf Bio noch verwässert werden?

Phosphonsäure ist ein chemisch-synthetischer Stoff mit systemischer Wirkung. Das heißt er wird im Labor hergestellt und im Gegensatz zu Kontaktmitteln, die sich nicht über die gesamte Pflanze verteilen, über die Wurzel aufgenommen. Das hinterlässt Rückstände in den Früchten. Der Wirkstoff dient im Weinanbau als Alternative zu kupferhaltigen Präparaten. Kupferpräparate werden gegen Pilzkrankheiten wie den Falschen Mehltau eingesetzt. Kupfer schadet der Umwelt. Es reichert sich im Boden an und vergiftet Mikroorganismen und andere dort lebende Tiere. Die EU-Kommission hat die Mitgliedsländer daher bereits vor Jahren aufgefordert, den Einsatz von Kupfer zu reduzieren - ein großes Problem für die Weinbauern. Betroffen sind vor allem die Öko-Hersteller. In der Kupferminimierungsstrategie der Weinbauern spielt Phosphonsäure eine bedeutende Rolle. So wurde Kaliumphosphonat, ein Salz der Phosphonsäure, von der EU im April dieses Jahres als Wirkstoff in konventionellen Pflanzenschutzmitteln genehmigt. Die Verordnung tritt am 1. Oktober 2013 in Kraft.

In den drei auffälligen Bio-Weintraubenproben aus Italien wurde Phosphonsäure in Konzentrationen nachgewiesen, die auf eine Anwendung schließen lassen. "Abdrift ist bei diesen Werten auszuschließen", sagt Johannes Enzler, Leiter der Öko-Kontrollbehörde bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Die Werte widersprächen in dieser Höhe den Voraussetzungen für ein Bio-Produkt. Schließlich wurden die Phosphonsäure beziehungsweise deren Salze bereits als Pflanzenschutzmittel eingestuft. Damit die Anwendung auch im Öko-Weinbau erlaubt ist, wäre zunächst die Aufnahme in die EU-Öko-Verordnung nötig. Doch dort ist Phosphonsäure bislang nicht gelistet und darf damit auch nicht im Ökolandbau eingesetzt werden, betont die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Ob die von uns gefundenen Rückstände aus einem Spritzmittel oder aus einem Dünger stammen, lässt sich nicht überprüfen. Jedoch ist in Italien weder ein Einsatz der Phosphonsäure als Düngemittel noch als Pflanzenschutzmittel im Bio-Anbau zulässig.

Anders in Deutschland. Hier galt eine Ausnahmeregelung als Pflanzenstärkungsmittel. Einige Produkte auf der Basis von Kaliumphosphonat waren nach altem Pflanzenschutzrecht in Deutschland vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) als Pflanzenstärkungsmittel gelistet und durften auch im Bio-Weinbau verwendet werden. Nach Auffassung des BVL können sie aber nach dem novellierten Pflanzenschutzgesetz nicht mehr als Pflanzenstärkungsmittel gelten, sondern sind als Pflanzenschutzmittel anzusehen. Um den Wirkstoff weiterhin verwenden zu können, treiben die Bio-Verbände deshalb derzeit eine Aufnahme von Kaliumphosphonat in die EU-Öko-Verordnung voran. Dort jedoch sind chemisch-synthetisch hergestellte Pestizide wie moderne Kupferpräparate die Ausnahme - ebenso wie systemisch wirkende Stoffe. Und eigentlich ist die Bio-Branche auch selbst nicht daran interessiert, immer mehr solcher Substanzen per Verordnung zu legalisieren. Die Zulassung von Phosphonsäure wäre zudem ein Novum: Chemisch-synthetische Stoffe, die auch noch systemisch wirken - wie Phosphonsäure - sind in der Verordnung bislang überhaupt nicht erlaubt. Dennoch sieht die Bio-Branche derzeit offenbar keine Alternative zu Phosphonsäure. Doch Tatsache ist: Mit der Aufnahme der umstrittenen Substanz in die Öko-Verordnung würde Bio mehr und mehr verwässert.

Wir haben getestet: Um herauszufinden, in welchem Umfang Rückstände von Pestizidanwendungen nachzuweisen sind, haben wir 27 Proben eingekauft, darunter sechs Bio-Produkte, und in die Labore geschickt.

Das Testergebnis

Verkehrte Welt: Gute Noten für Trauben aus konventionellem Anbau, schlechte Noten für Bio. Die sechs Anbieter konventioneller Ware schneiden im Gesamturteil durchweg mit "gut" oder "sehr gut" ab. Keine der 18 Einzelnoten fällt schlechter als "befriedigend" aus. Bei den Bio-Anbietern werten wir aufgrund der nachgewiesenen Phosphonsäure auf "ungenügend" ab.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet
Der Einkauf
Für unseren Test haben wir in neun führenden Handelsunternehmen insgesamt 27 Proben Weintrauben eingekauft. Bei Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Lidl, Kaufland, Real und Rewe waren es Trauben aus konventionellem Anbau, bei Alnatura und Denn's Biomarkt Bio-Trauben. Zum Zeitpunkt des Einkaufs war ausschließlich Ware aus dem Mittelmeerraum verfügbar.

Die Inhaltsstoffe
Da Weintrauben in der Vergangenheit häufig stark mit Spritzmitteln belastet waren, standen Pestizide auch dieses Mal im Vordergrund unserer Untersuchungen. Im August dieses Jahres machte ein ÖKO-TEST auf ein weiteres Problem aufmerksam: Perchlorat, ein Schadstoff, der wahrscheinlich über Dünger in Obst und Gemüse gelangte. Natürlich ließen wir die Weintrauben daher auch auf diese Substanz untersuchen. Bei Bio-Ware untersuchten wir zudem auf Phosphonsäure, einen im Bio-Anbau umstrittenen Wirkstoff.

Die Bewertung
ÖKO-TEST wertet strenger als der Gesetzgeber. Aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes gibt es daher schon Punktabzug, wenn ein Pestizidgehalt Höchstmengen zu mehr als zehn beziehungsweise 50 Prozent ausschöpft sowie wenn fünf oder mehr Pestizide in Spuren nachgewiesen wurden. Drei getestete italienische Proben Bio-Weintrauben enthalten auffällig erhöhte Mengen Phosphonsäure, die im Bio-Anbau als Pflanzenschutzmittel nicht zugelassen ist. Entsprechend streng ist hier unsere Bewertung.

So haben wir getestet

Im konventionellen Anbau von Weintrauben kommen zahlreiche Pestizide zum Einsatz.