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ÖKO-TEST Januar 2014
vom

Multivitaminsäfte

Oobs(t)!

Wer die Gesundheit stärken möchte, greift gern zu Multivitaminsäften. Wir raten ab: viel zu viele Vitamine, die man sich besser aus richtigen Lebensmitteln holt. Gute Noten gibt es nur für Bio-Multisäfte.

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27.12.2013 | Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht von Dr. Koch's Trink 10 gehört hat. Weniger bekannt dürfte sein, dass es sich um das erste Produkt einer neuen Saftgattung handelte, an der Fruchtsafthersteller Eckes Anfang der 70er-Jahre tüftelte und 1979 erstmals auf den Markt brachte. Das damals als "Frucht-Multi-Vitaminsaft" bezeichnet Getränk bestand aus "10 wohlschmeckenden Früchten" und "10 lebenswichtigen Vitaminen". Eine clevere Geschäftsidee - versprach es doch Geschmack und Gesundheit in einem. Insofern überrascht es nicht, dass der Saft bald zahlreiche Nachahmer fand. Mittlerweile rangiert Multivitaminsaft auf Platz drei der beliebtesten Fruchtsäfte.

An der Rezeptur heutiger Multivitaminsäfte hat sich seit den Anfängen kaum etwas geändert. Noch immer kombinieren die Hersteller Fruchtsäfte und zugesetzte Vitamine. Die Grundlage bilden meist Apfel-, Orangen- und Birnensaft. Typisch exotisch schmeckt der Saft jedoch erst durch Früchte wie Maracuja, Mango, Ananas oder Guave. Das grelle Orange mancher Säfte ist dagegen eher ein Resultat der Vitaminmischung.

Der industrielle Charakter der Produkte offenbart sich auch beim Blick auf die Zutatenliste: Denn meist ist kein direkt gepresster Saft in der Flasche, sondern Fruchtsaft aus Fruchtsaftkonzentrat. Konzentrat entsteht, wenn rohem Fruchtsaft ein Teil des enthaltenen Wassers entzogen wird. Dabei gehen Aromen verloren, die aufgefangen und dem Konzentrat bei der Aufbereitung zu Saft wieder zugefügt werden. Wer jetzt allerdings glaubt, das Aroma der Früchte in seinem Produkt stammt auch aus genau jenem Konzentrat, der irrt. Denn die Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung schreibt nicht vor, genau die Aromen der Früchte zu verwenden, aus denen das Ganze einmal entstanden ist. Es müssen lediglich Aromen "derselben Fruchtart" zugefügt werden. Das freut die Fruchtsaftindustrie, denn so ist es möglich, unterschiedliche Rohstoffqualitäten durch den Zukauf passender Fruchtaromen aus aller Herren Länder auszugleichen und die Getränke mit einem gleichmäßigen Geschmacksprofil auszustatten. Von einem ursprünglichen Saft kann man nach diesem künstlichen "Aufmotzen" allerdings kaum noch sprechen.

Einmal abgesehen vom Geschmack: Echte Multifans interessieren sich natürlich vor allem für die Vitamine. Hersteller preisen ihre Produkte denn auch als "Vitaminfrühstück" an oder schreiben in großen Lettern "vitaminreich" auf die Flasche. Zugesetzt wird in der Regel eine Vitaminmischung aus bis zu zwölf Komponenten. Wie viel genau enthalten ist, besagt das Etikett. Dort erfährt man beispielsweise auch, dass schon 100 ml Saft genügen, um 50 Prozent des Tagesbedarfs wichtiger Vitamine zu decken. Für viele Verbraucher hört sich das verlockend an. Die Verunsicherung ist groß und nicht wenige fragen sich, ob normale Lebensmittel wirklich genügend Vitamine liefern.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat auf diese Frage eine klare Antwort: Deutschland ist kein Vitaminmangelland. "Die überwiegende Zahl der Menschen hierzulande ist ausreichend mit Vitaminen versorgt", sagt Professor Dr. Helmut Heseker, Präsident der DGE. Zudem hätten Studien bislang nicht belegt, dass zusätzliche Vitamingaben Ernährungsfehler ausgleichen können. Mehr noch: "Dem fehlenden Nutzen steht das Gesundheitsrisiko durch zu hohe Zufuhrmengen gegenüber, insbesondere dann, wenn hoch dosierte Vitaminpräparate über eine längere Zeit eingenommen und zusätzlich angereicherte Lebensmittel verzehrt werden", so Heseker.

Für Aufsehen sorgten in den 90er-Jahren insbesondere Studien mit Betacarotin, einer Vorstufe von Vitamin A. Damals war Betacarotin als sogenanntes "Rauchervitamin" zum Schutz vor Lungenkrebs bei Rauchern propagiert worden. Zwei klinische Prüfungen zeigten jedoch das Gegenteil: Raucher, die Betacarotin einnahmen, erkrankten deutlich häufiger an Lungenkrebs als Studienteilnehmer, denen ein Scheinmedikament verabreicht wurde. Unklar ist, ob eine erhöhte Zufuhr auch Nichtrauchern gefährlich werden kann. Angesichts zahlreicher weiterer Wissenslücken und aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu Vorsicht im Umgang mit Betacarotin. Lebensmittel etwa sollten gar nicht damit angereichert werden.

Wir wollten wissen, ob etwa das problematische Betacarotin verstärkt ersetzt wird - zum Beispiel durch Betacarotinhaltigen Karottensaft - und kauften 18 Produkte ein, darunter vier Bio-Multisäfte. Die Vitamingehalte prüften wir anhand von Packungsangaben. Im Labor wurde das Aroma unter die Lupe genommen.

Das Testergebnis

Enttäuschend: Noch immer ist viel zu häufig isoliertes Betacarotin enthalten - immerhin die Hälfte der vitaminisierten Produkten ist damit angereichert. Aber auch überhöhte Vitamingehalte sowie der Zusatz von Vitaminen, die gar nicht aus den verwendeten Zutaten stammen können, sehen wir kritisch. Konventionelle Marken schneiden daher bestenfalls mit "befriedigend" ab. Die meisten Multivitaminsäfte sind mit einem "ungenügend" allerdings total aus dem Rennen. Ein Lichtblick sind nur die "sehr guten" Bio-Säfte, da sie ohne künstliche Vitamine auskommen und auch sonst überzeugen konnten.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In den Test einbezogen wurden sowohl bekannte Marken wie Hohes C, Albi, Valensina und Rabenhorst als auch Produkte von Discountern und Supermärkten. Von Bio-Anbietern nahmen wir als mögliche Alternative sogenannte Multisäfte auf, da sie ähnlich zusammensetzt sind, aber nicht mit Vitaminen aufgepeppt werden dürfen.

Die Inhaltsstoffe
Im Vordergrund stand die Beurteilung der zugesetzten Vitaminmischungen. Wir prüften diese anhand der Angaben auf den Packungen sowie in Anlehnung an die aktuellen Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für die Vitaminanreicherung von Lebensmitteln. Die Vitamine wurden auch dahingehend ausgelotet, ob sie in den verarbeiteten Früchten typischerweise in nennenswerten Mengen vorkommen. Weiterhin wurde geprüft, inwieweit die meist verwendeten Fruchtsäfte aus Konzentrat den Anforderungen der Fruchtsaftverordnung entsprechen. Alle Produkte durchliefen darüber hinaus einen Test auf Rückstände des Pflanzenschutz- und Reinigungsmittelwirkstoffes DDAC, der kürzlich unter anderem in Zitrusfrüchten und tropischem Obst nachgewiesen wurden.

Die Weiteren Mängel
Die Etiketten schauten wir uns auf ihren Informationsgehalt an: Welche Hinweise sind sinnvoll, welche führen in die Irre? Auch der Frage, ob ein Saft in der Einweg-, Mehrweg- oder Kartonverpackung angeboten wird, gingen wir nach. Einweg gilt als ökologisch ungünstigste Angebotsform.

Die Bewertung
Lebensmittel, die mit Vitaminen angereichert sind, braucht kein Mensch. Im Übermaß und über längere Zeit aufgenommen, können sie möglicherweise sogar schaden. Das gilt insbesondere für künstlich hergestelltes Beta-Carotin, das in Studien bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko erhöhte. Produkte, die mit isoliertem Beta-Carotin angereichert sind, können daher bestenfalls mit "mangelhaft" abschneiden. Erhöhte Mengen anderer Vitamine führen ebenfalls zur Abwertung. Zudem trägt ein unzureichend wiederhergestelltes Fruchtsaftaroma zu schlechten Testergebnissen bei.

So haben wir getestet

Auf dem Etikett steht, wie viele Vitamine zugesetzt sind und in welcher Höhe 100 ml Getränk zur Deckung des Tagesbedarfs beisteuern.