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ÖKO-TEST Juli 2011
vom

Mineralwasser, still

Rein gar nichts

Viele Menschen trinken stilles Mineralwasser - es gilt als besonders pur und rein. Unser Test offenbart eine andere Seite: Abbauprodukte von Pestiziden, Keime und manchmal zu viel giftiges Uran. Gut die Hälfte der 105 getesteten Wässer können wir aber empfehlen.

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24.06.2011 | Natürliches Mineralwasser ist ein ganz besonderes Wasser - darauf legt die Branche wert. Es unterliegt einer Vielzahl an Anforderungen und bedarf als einziges deutsches Lebensmittel einer amtlichen Anerkennung. Genaues regelt die Mineral- und Tafelwasserverordnung. Danach hat natürliches Mineralwasser seinen Ursprung in unterirdischen, vor Verunreinigungen geschützten Wasservorkommen und ist von ursprünglicher Reinheit. Es darf zudem in seinen charakteristischen Eigenschaften nicht verändert werden. Nur wenige, die Wasserqualität nicht beeinflussende Behandlungsverfahren sind erlaubt.

Was genau unter ursprünglicher Reinheit zu verstehen ist, definiert die Allgemeine Verwaltungsvorschrift über die Anerkennung und Nutzung von natürlichem Mineralwasser (AVV). Klare Botschaft: Mineralwasser ist ein Naturprodukt und darf vom Menschen verursachte Verunreinigungen nicht enthalten. Im Einzelnen sind Orientierungswerte für bestimmte Stoffe festgelegt, darunter Pestizide, Arzneimittel oder Phenole.

So weit, so gut. Tatsache ist aber, dass einige dieser Stoffe - nämlich Abbauprodukte von Pestiziden - seit einiger Zeit in Mineralwasser nachgewiesen werden. Und zwar in Mengen, die nicht selten über dem in der AVV festgelegten Orientierungswert von 0,05 Mikrogramm pro Liter (µg/l) liegen. Auch zwei Produkte aus dem ÖKO-TEST Mineralwasser für Säuglingsnahrung 6/2011 waren mit erhöhten Werten belastet. Allerdings bezieht sich der Orientierungswert auf Pestizide - worauf auch einige Mineralwasserhersteller aufmerksam machen. Nach Auffassung der Überwachungsbehörden der Länder zählen jedoch auch die Abbauprodukte von Pestiziden mit dazu. Die Beurteilung der Länderüberwachung ist daher eindeutig: Wässer mit Metabolitgehalten über dem Orientierungswert werden beanstandet und der Brunnenbetreiber aufgefordert, die Quelle zu sanieren. Ansonsten steht die amtliche Anerkennung auf dem Spiel und der Brunnen könnte geschlossen werden.

Aus Sicht der Mineralwasserbranche ist die Angelegenheit dagegen alles andere als eindeutig. Sie pocht darauf, dass es sich bei den Substanzen um sogenannte nicht relevante Metabolite handelt, die aus gesundheitlicher und ökologischer Sicht unbedenklich und daher auch nicht zu beanstanden seien. In einer Stellungnahme, die ÖKO-TEST vorliegt, schreibt der Verband Deutscher Mineralbrunnen: "Völlig unbedenkliche Substanzen wie nicht relevante Metaboliten stellen keine Verunreinigung dar." Und: "Die ursprüngliche Reinheit bleibt gewahrt."

Dass die nicht relevanten Abbauprodukte von Pestiziden tatsächlich unschädlich sind, bestätigen die Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung und des Umweltbundesamtes. Die Mengen, die man findet, sind zudem winzig. Doch toxikologische Aspekte sind an dieser Stelle gar nicht das Thema. Denn die AVV zielt darauf ab, Altlasten aus der Landwirtschaft oder sonstigen menschlichen Tätigkeiten grundsätzlich aus dem Naturprodukt fernzuhalten. Wobei die AVV im Prinzip noch strenger ist. Denn wenn etwas nicht oder nur unterhalb einer sehr niedrigen Schwelle enthalten sein darf, kann es auch keinen Schaden anrichten.

Allerdings steht eine Änderung der Verwaltungsvorschrift ins Haus. Laut Bundesverbraucherministerium läuft der Abstimmungsprozess zwischen den Ländern und der Wirtschaft noch. Eines ist aber jetzt schon klar: Die Mineralwasserbranche setzt alles daran, die nicht relevanten Pestizidmetaboliten "salonfähig" zu machen. Nur so ließe sich Mineralwasser weiter als "ursprünglich rein" vermarkten. Und auch nur so bliebe der Begriff "natürliches Mineralwasser" in der Form erhalten, wie man ihn hierzulande definiert hat. Wie dieses gelingen kann und ob der Versuch überhaupt eine Chance hat, ist fraglich. Denn die Metabolite sind und bleiben Fremdstoffe.

Wir wollten wissen, wie es um die ursprüngliche Reinheit von Mineralwasser bestellt ist und haben 105 Produkte ins Labor geschickt und unter anderem auf Pestizidabbauprodukte untersuchen lassen.

Das Testergebnis

Jedes fünfte Wasser fällt nur "mangelhaft" oder "ungenügend" aus. Zum Glück schneidet aber deutlich mehr als die Hälfte der Produkte mit "sehr gut" und "gut" ab. Abbauprodukte von Pestiziden über dem Orientierungswert: In sage und schreibe 31 Wässern fand das Labor Pestizidmetabolite und in 17 Produkten sogar in Mengen über dem Orientierungswert.

ÖKO-TEST Juli 2011

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In Deutschland gibt es über 500 Mineralwässer, so viel wie in fast keinem anderen Land. Das Angebot variiert je nach Region. Unsere Einkäufer tourten daher kreuz und quer durch die Republik und kauften insgesamt 105 Marken - meist in Getränkemärkten, außerdem in großen Verbrauchermärkten, Supermärkten und bei Discountern. Sie sollten dabei bevorzugt Mehrwegflaschen einkaufen. Außerdem nur Mineralwasser ohne Kohlensäure. Dieses liegt seit Jahren im Trend.

Die Inhaltsstoffe
Mineralwasser enthält wichtige Mineralien, aber möglicherweise auch unerwünschte Stoffe wie Eisen, Mangan, Arsen oder Uran. Entfernt werden dürfen allerdings nur wenige. Für giftiges Arsen und Uran ist kein Verfahren erlaubt. Teilweise lassen sich die Gehalte aber bei der Abtrennung von Eisen und Mangan reduzieren, was allerdings nicht immer funktioniert, so Erfahrungen aus der Praxis. Die Untersuchung von Schwermetallen war daher ein wichtiger Schwerpunkt. Mineralwasser soll laut Gesetz von "ursprünglicher Reinheit" sein. Dabei geht es insbesondere um den Schutz vor Verunreinigungen durch menschliche Einflüsse, wie Bergbau, Landwirtschaft oder Mülldeponien. In diesem Zusammenhang hat man in den vergangenen Jahren vermehrt Abbauprodukte von Pestiziden in Mineralwässern entdeckt. Wir ließen alle Wässer daher auch auf diese Stoffe überprüfen. Auf dem Plan stand außerdem die mikrobiologische Qualität. Stilles Mineralwasser ist in dieser Hinsicht anfälliger, da Kohlensäure das Keimwachstum hemmt. Last, not least wollten wir wissen, ob die von den Herstellern angegebenen Mineralstoffgehalte tatsächlich stimmen und machten daher im Labor die Probe aufs Exempel.

Die Verpackung
Hier ging es um die ökologische Bilanz der vier wichtigsten Abfüllsysteme PET-Mehrweg, Glas-Mehrweg, PET-Einweg und PET-Cycle. Dabei spielen unter anderem das Material, Wiederbefüll- und Recyclingquoten, Flaschengrößen und die Entfernungskilometer von der Abfüllung bis in den Laden eine Rolle.

Die Bewertung
Das Gesamturteil beruhte überwiegend auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Die ökologisch weniger sinnvollen PET-Einweg- und PET-Cycle-Flaschen führten unter den Weiteren Mängeln zu Punktabzug. Um auszuschließen, dass von uns gekaufte PET-Einwegflaschen womöglich auch als Mehrweg erhältlich sind, berücksichtigten wir weitere, von den Herstellern genannte Angebotsformen.

So haben wir getestet

Auch die Verpackung haben wir untersucht. Sie hat Einfluß auf das Gesamturteil