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Vegane Kosmetik: "Vermutlich wurde jeder kosmetische Inhaltsstoff schon mal an Tieren getestet"

Magazin September 2020: Mehl | Autor: Interview: Heike Baier | Kategorie: Kosmetik und Mode | 03.09.2020

Vegane Kosmetik: "Vermutlich wurde jeder kosmetische Inhaltsstoff schon mal an Tieren getestet"
Foto: Shutterstock/Africa Studio

Vegane Kosmetik ist frei von tierischen Inhaltsstoffen, was nicht heißt, dass die enthaltenen Substanzen nicht an Tieren getestet wurden. Sabrina Engel von Peta erklärt, welche Alternativen es gibt – und warum die nicht automatisch gesund sein müssen.

ÖKO-TEST: Frau Engel, Sie kümmern sich bei Peta um Kosmetik. Wie hat man sich den Badezimmerschrank einer Tierschützerin vorzustellen?

Sabrina Engel: Da sind eigentlich nicht weniger oder andere Kosmetika drin als bei allen Frauen. Wenn man wie ich vegane und tierversuchsfreie Kosmetik möchte, muss man sich halt einmal am Anfang die Arbeit machen und seine Kriterien mit denen von Vegan-Siegeln oder Tierversuchsfrei-Listen abgleichen. So habe ich mich auch durchgewühlt und meine Lieblingsprodukte gefunden. Grundsätzlich gibt es alle Kosmetika ohne Tierleid – von Mascara bis Shampoo, von günstig bis High End. Veganer müssen keine Abstriche machen.

Vegane Kosmetik bedeutet: ohne tierische Inhaltsstoffe. Um welche Stoffe geht es und inwiefern leiden Tiere dafür?

Das Wollwachs Lanolin zum Beispiel fällt beim Scheren von Schafen an. Das klingt erst mal harmlos, aber die Tiere werden dabei häufig verletzt. Für Keratin aus Schnäbeln und Klauen nehmen wir den Tod von Vögeln in Kauf. Für den Farbstoff Karminrot werden Schildläuse getrocknet und gekocht. Auch Bienenwachs und Honig kommen in Kosmetik häufig vor. Den Bienen werden beim Imkern aber immer wieder die Flügel abgerissen oder sie werden ganz zerquetscht. Vegane Kosmetik ersetzt beispielsweise Wollwachs durch pflanzliche Öle.

Aber nicht immer. Häufig ersetzen synthetische die tierischen Stoffe. Steckt in veganer Kosmetik mehr Chemie?

Vegan oder gesund – das gehört bei Kosmetik nicht automatisch zusammen. Nehmen wir Keratin, das in Haarpflege häufig Glanz und Geschmeidigkeit erzeugt. Ein Hersteller kann es durch Weizen-, Soja- oder Nussöl ersetzen. Aber auch durch Silikone, also flüssiges Plastik. Das ist auch eine Preisfrage, denn pflanzliche Inhaltsstoffe können durchaus teurer sein. Wenn wir es schaffen, weniger synthetische Alternativen einzusetzen, wäre das auch ein Beitrag zum Umweltschutz.

Peta setzt sich immer wieder mit spektakulären Aktionen gegen Tierversuche ein, so 2018 in Osnabrück
Peta setzt sich immer wieder mit spektakulären Aktionen gegen Tierversuche ein, so 2018 in Osnabrück (Foto: Peta Deutschland e.V.)

Gibt es für alle tierischen Stoffe natürlichen Ersatz – oder fehlen noch Alternativen?

Karminrot ist ein Beispiel, bei dem Verbraucherinnen in der Vergangenheit etwas länger suchen mussten und bei dem die synthetischen Ersatz-Farbstoffe in der Kritik standen. Aber auch da gibt es inzwischen Lippenstifte mit Rote-Bete-Extrakt. Ich kenne keinen Inhaltsstoff, für den ausschließlich synthetische Alternativen existieren. Schwieriger ist es bei Kosmetikpinseln, für die häufig Haare gefangengehaltener Tieren genommen werden.

Wie einfach ist es in Ihren Augen, gesunde Kosmetik ohne Tierleid zu finden?

Da sehe ich schon noch eine Lücke im Angebot. Wir beobachten derzeit den Trend, dass Verbraucher diese Kombination suchen und sagen: vegan auf jeden Fall, aber am besten auch Bio und Naturkosmetik. In unseren Augen müsste Naturkosmetik noch mehr den Fokus darauf legen, dass ihre natürlichen Inhaltsstoffe auch vegan sind.

Es gibt eben für manche tierischen Zutaten wie Milch oder Bienenwachs eine Jahrhunderte alte Tradition in Kosmetik und ich denke, deshalb sind die auch in der Naturkosmetik noch recht populär. Der Wunsch von Konsumenten nach Produkten ohne Tierleid ist ja erst in den letzten Jahren aufgekommen.

Auch Peta setzt sich erst seit ein paar Jahren für vegane Kosmetik ein. Für Kosmetik ohne Tierversuche kämpfen Sie dagegen schon seit Jahrzehnten. Wie viel Tierversuch steckt heute überhaupt noch in unserer Kosmetik?

Wir wissen, dass weltweit immer noch hunderttausende Tiere in Tierversuchen allein für Kosmetik gequält und getötet werden. Und sie sind auch in Europa noch an der Tagesordnung. Auf der Peta-Liste für tierversuchsfreie Kosmetik stehen inzwischen zwar über 500 Firmen. Aber ein Großteil der Kosmetikhersteller steht da eben nicht. Obwohl die durchaus um die Bekanntheit der Liste wissen.

Dabei sind Tierversuche für Kosmetik in der EU seit 2013 doch eigentlich verboten …

Eigentlich, genau. In Wirklichkeit aber gibt es zu viele Schlupflöcher. Eines davon liegt an der EU-Chemikalienrichtlinie REACH, die ja Sicherheitstests zu allen neuen Chemikalien vorschreibt. Da werden für gewisse Inhaltsstoffe, auch wenn sie ausschließlich in Kosmetik vorkommen, immer wieder Tierversuche verlangt.

REACH gilt allerdings als sinnvolle Errungenschaft, um Verbraucher und Arbeiter vor schädlichen Chemikalien zu schützen …

Das sehen wir auch so. Aber wir fordern, dass das ohne Tierversuche geschieht. Denn deren Ergebnisse sind in den meisten Fällen ohnehin nicht übertragbar. Auch aus wissenschaftlicher Sicht gibt es Bestrebungen, verstärkt auf humanrelevante Methoden umzusteigen.

Und das andere Schlupfloch?

Der China-Export. Wenn ein Unternehmen Produkte aufs chinesische Festland exportiert, machen chinesische Behörden in den meisten Fällen automatisch Tierversuche. Deshalb kommen auf unsere Liste keine Unternehmen, die nach China exportieren, selbst wenn ihre in Europa verkauften Kosmetika ohne Tierversuche zugelassen sind.

Peta vergibt das Cruelty-Free-Siegel für Kosmetik ohne Tierversuche. Im Gegensatz zu anderen Siegeln erlaubt es aber Substanzen, die früher einmal in Tierversuchen zugelassen wurden.

Stimmt. Wenn bei uns ein Unternehmen sagt, ab heute machen wir keine Tierversuche mehr, dann kann es auf unsere Liste kommen und unser Siegel erhalten. Man muss dazu sagen: Vermutlich wurde jeder Inhaltsstoff in kosmetischen Produkten schon irgendwann einmal an Tieren getestet. Uns geht es aber darum, den Unternehmen einen Anreiz zu geben, mit dieser Praxis aufzuhören und umzusteigen. Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Deshalb kämpfen wir für eine Zukunft ohne Tierversuche.

Sabrina Engel ist bei Peta Deutschland als Fachreferentin für Tierversuche auch für das Thema vegane Kosmetik zuständig.

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