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ÖKO-TEST März 2015
vom

Antibakterielle Produkte

Reinheitsverbot

Antibakterielle Produkte sollen bis zu 99,999 Prozent aller Bakterien und Viren wegputzen. Doch Experten sehen den Einsatz solcher Produkte im Privathaushalt gar nicht gern. Wirklich empfehlen können wir keines der Produkte.

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27.02.2015 | Mal eben unterwegs die Hände desinfizieren, den heruntergefallenen Schnuller des Kindes abwischen oder die Toilettensitzfläche sauber machen: Produkte, von denen die Hersteller versprechen, dass sie antibakteriell wirken, sind in jedem Supermarkt- oder Drogerieregal zu finden. Nicht ohne Erfolg bauen die Produzenten auf das Bedürfnis der Verbraucher, sich gegen Viren und Bakterien schützen zu wollen. Das Anwendungsspektrum ist so breit wie die Auswahl groß ist. Es reicht von Flüssigseifen und Desinfektionsgelen, Hygienetüchern für die Hände bis hin zu Sprays für Oberflächen und Gegenstände, aber auch für Schnuller und Fieberthermometer. Nur: "Jeder Wirkstoff, der in einem Desinfektionsmittel verwendet wird, wirkt nur gegen bestimmte Mikroorganismen. Die Produkte können daher nicht universell eingesetzt werden", warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Der Verbraucher muss also genau nachsehen, wogegen und vor allem in welcher Dosis die Mittel antibakteriell wirken. Damit sie auch wirklich Keime töten, muss zudem die vorgeschriebene Einwirkzeit unbedingt eingehalten werden. Eine korrekte Anwendung der Produkte im Privathaushalt sei jedoch kaum sicherzustellen, kritisiert das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Ein weiteres Problem: Die Produkte wirken nie zu 100 Prozent. Die Folgen erklärt das BfR in einer Mitteilung von 2014: "Mikroorganismen können Resistenzen gegen einen bioziden Wirkstoff ausbilden, wenn sie regelmäßig geringen, nicht tödlichen Konzentrationen des Wirkstoffes ausgesetzt sind." Wie gefährlich resistente Keime sind, zeigt das Versagen von Antibiotika bei den in Krankenhäusern verbreiteten Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA)-Erregern. "Letztlich besteht sogar die Gefahr, dass sich die Anwender von Desinfektionsmitteln im Haushalt in falscher Sicherheit wiegen und klassische Hygienemaßnahmen wie das Händewaschen vernachlässigen", warnt das Umweltbundesamt.

Das BfR räumt aber ein: Die Anwendung sei sinnvoll und notwendig, wenn es eine Übertragung von Krankheitserregern zu vermeiden oder empfindliche Haushaltsmitglieder zu schützen gelte. Hat etwa ein Familienmitglied einen Norovirus und die Toilette muss gesäubert werden, oder jemand mit eitrigen Wunden wird zu Hause gepflegt, dann kann der Einsatz angemessen sein. Dr. Christian Brandt, Krankenhaushygieniker aus Frankfurt, rät dann aber zu Produkten, die auch für den medizinischen Bereich zugelassen sind und nicht zu den Produkten aus Supermärkten und Drogerien.

Wir haben 24 antibakterielle Produkte eingekauft, ins Labor geschickt und den Nutzen bewertet.

Das Testergebnis

Weder gesund noch rein: Kein Testprodukt ist besser als "befriedigend". Denn: Die Produkte bringen dem Verbraucher keinen hygienischen Vorteil. Vier Desinfektionsmittel fielen auf ganzer Linie durch.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 24 antibakterielle Produkte ausgewählt, darunter Flüssigseifen, Handgele und Händedesinfektionslösungen, aber auch Hygienetücher und Sprays zur Behandlung von Gegenständen und Oberflächen.

Die antibakterielle Wirkung
"Beseitigt 99,99 Prozent aller Keime" - solche und ähnliche Formulierungen finden sich auf den Verpackungen. Wir haben die Hersteller gefragt, mit welchen Substanzen die versprochenen Effekte erreicht werden, und sie gebeten, uns Belege für die antibakterielle Wirksamkeit vorzulegen. Zudem baten wir sie um Belege für den hygienischen Nutzen.

Die Inhaltsstoffe
Des Weiteren haben wir die Produkte im Labor auf polyzyklische Moschus-Verbindungen und Duftstoffe, die Allergien auslösen können, untersuchen lassen. Auf der Prüfliste standen auch DEP, ein zur Vergällung von Alkohol eingesetzter Weichmacher, sowie biozid wirkende quartäre Ammoniumverbindungen. Zudem interessierte uns, ob bedenkliche Konservierungsmittel wie Formaldehyd/-abspalter, halogenorganische Verbindungen oder Isothiazolinone in den Produkten stecken.

Die Bewertung
Wenn die Produkte dem Verbraucher keinen hygienischen Vorteil bieten, der über das regelmäßige Waschen mit Wasser und Seife hinausgeht, können die Produkte nicht besser als "befriedigend" sein. Fehlen dann noch Belege für die ausgelobte antibakterielle Wirksamkeit, gibt es ein "mangelhaft". Unabhängig von ihrer Wirkung führen natürlich auch problematische Inhaltsstoffe zu Abwertungen.

So haben wir getestet

Fast keimfrei dank antibakterieller Produkte? Wir fragten die Anbieter, welche Substanzen die Keime abtöten sollen.