Startseite
16 Immunstimulanzien im Test

ÖKO-TEST November 2016
vom 27.10.2016

Immunstimulanzien

Viel drin, nichts dran

Bakterien, Bienensekrete, zig Mineralstoffe und Vitamine: Die 16 getesteten Immunstimulanzien sind prall davon. Ihre Einnahme soll die Abwehrkräfte unterstützen oder gar Erkältungen vorbeugen. Doch das ist mehr als zweifelhaft.

3622 | 49

27.10.2016 | Schlechtes Wetter ist gutes Wetter, vor allem in der kalten Jahreszeit - für Apotheker. Dann brummt das Geschäft: Erkältungsmittel sind Kassenknüller, noch vor allen anderen rezeptfreien Arzneien. Aber hat die Erkältung erst einmal zugeschlagen, können Leidgeplagte nur noch die Symptome mildern. Aus Angst vor dem tagelangen Knock-out versuchen daher viele Menschen vorzubeugen. Wie gerufen, hält die Pharmaindustrie auch dafür Mittelchen parat: rezeptfreie und freiverkäufliche Immunstimulanzien. Ihre Werbung suggeriert, die Einnahme stähle die körpereigenen Abwehrkräfte und schütze so vor grippalen Infekten durch Erkältungsviren. Besonders gut gehen Trinkampullen, Tabletten und Granulate mit einer ordentlichen Dosis Vitaminen und Mineralstoffen. Knapp 72 Millionen Euro setzte die Branche laut den Marktanalysten von Ims Health 2015 allein mit solchen Produkten um; verkauft als Nahrungsergänzungsmittel und bilanzierte Diäten. Frei nach dem Motto "viel hilft viel" vermixen Anbieter auch Bakterien, Aminosäuren und Tier- und Pflanzenextrakte. Bis zu 35 Stoffe stecken etwa in Produkten der Marke Orthomol - den Topsellern.

Wer Virologen nach den Stoffcocktails fürs Immunsystem fragt, trifft auf Skepsis: "Wenn ich gesund bin, also vor einer Erkältung, dann ist mein Immunsystem intakt und ausgeglichen. Dann will ich eigentlich, dass es nicht reagiert", stellt Professor Manfred Lutz vom Institut für Virologie und Immunbiologie der Uni Würzburg klar. Schon der Versuch, dann die Abwehrkräfte zu stimulieren, sei kontraproduktiv, denn: "Dem aktivierten Immunsystem eines Gesunden fehlt der Gegner". Im schlimmsten Fall provoziere die Gabe von Immunstimulanzien Überreaktionen, wie man sie von Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen kenne. Dies führe aber zu keiner Stärkung oder einem Trainingseffekt, betont der Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Von rezeptfreien Stimulanzien seien solche Reaktionen aber ohnehin nicht zu erwarten.

Chronisch erkältet durch ein geschwächtes Immunsystem, klingt einleuchtend, aber gibt's das überhaupt? "Wer sich subjektiv empfunden häufig erkältet, hat nicht zwangsläufig schwache Abwehrkräfte", erklärt Professor Thomas Mertens vom Institut für Virologie am Universitätsklinikum Ulm. Auch ein gesunder Erwachsener könne sich sehr oft und wiederholt mit den vielen verschiedenen Schnupfenviren anstecken: "Eben dann, wenn sein Abwehrsystem mit den Virentypen bisher noch keinen Kontakt hatte." Schwerer Vitamin- und Mineralstoffmangel hingegen und eine dadurch möglicherweise verursachte Immunschwäche und Infektanfälligkeit seien hierzulande extrem selten, sagt Mertens. Es gebe nur sehr wenige Menschen, deren Immunsystem genetisch bedingt nicht richtig funktioniert oder bei denen es durch ernsthafte Erkrankungen und medizinische Behandlungen geschwächt ist. Sie müssten aber ohnehin ärztlich betreut werden.

Wer sich ohne Pillen vor Erkältungen schützen will, muss wissen, wie die Erreger in den Körper gelangen: "Er

ÖKO-TEST November 2016

Gedruckt lesen?

ÖKO-TEST November 2016 ab 4.50 € kaufen

Zum Shop

ÖKO-TEST November 2016

Online lesen?

ÖKO-TEST November 2016 für 3.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Einkauf
Wir haben 16 Produkte in Apotheken und Drogerien eingekauft, deren Anbieter eine Unterstützung des Immunsystems versprechen. Das teuerste Präparat kostete 37,15, das billigste 5,98 Euro. Darunter zwölf Nahrungsergänzungsmittel, drei ergänzend bilanzierte Diäten und ein Arzneimittel. Sie enthalten meist einen Mix aus Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, aber auch Bakterien. Verkauft werden die Immunstimulanzien als Granulat zum Auflösen, als Trinkampullen, Tropfen und Tabletten.

Wirksamkeit und Nutzen
Machen die Mittel die Abwehrkräfte tatsächlich robuster? Diese Frage hat für uns Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität Frankfurt beantwortet. Er beurteilte Wirksamkeit, Risiken und Nutzen der einzelnen Produkte und prüfte die Beipackzettel und Produktinformationen. Zudem baten wir die Anbieter des Arzneimittels und der diätetischen Lebensmittel um die Zusendung produktspezifischer Studien, die die Wirksamkeit der Präparate für die beworbenen Anwendungsgebiete belegen. Nahrungsergänzungsmittel dürfen nicht gegen Erkrankungen oder direkt auf das Immunsystem wirken. Für sie ist zentral, ob sie einen Nutzen für den gesunden Verbraucher haben. Die eingesetzten Vitamin- und Mineralstoffdosierungen glichen wir mit den Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung ab.

Weitere Inhaltsstoffe
Hilfsstoffe formen etwa die Tabletten und erleichtern die Aufnahme der Wirkstoffe in den Körper. Wir haben auf deklarierte problematische Farb- und Konservierungsstoffe und unnötige Zusätze von Aromen und Süßstoffen geachtet.

Bewertung
Entscheidend ist, ob die Wirksamkeit von Arzneimitteln und ergänzend bilanzierten Diäten oder der Nutzen eines Nahrungsergänzungsmittels eindeutig belegt ist. Fehlen aussagekräftige klinische Studien, kann es in der Beurteilung der Wirksamkeit und des Nutzens für den gesunden Verbraucher nur ein "mangelhaft" geben. Überdosierungen und fragwürdige Auslobungen drücken das Gesamturteil dann schnell auf den absoluten Tiefpunkt.

So haben wir getestet

Sehen aus wie Arzneimittel: Immunstimulanzien werden als Tabletten, Granulate und Konzentrate verkauft.