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16 Laufshirts im Test

ÖKO-TEST April 2014
vom 28.03.2014

Laufshirts

Ins Hemd gemacht

Die Anbieter moderner Laufshirts setzen im Kampf gegen Schweiß, miese Passform und Scheuern auf Kunstfasern. Während mehr als die Hälfte der Testprodukte sehr passabel abschneidet, zeigten sich sieben Shirts nicht eben in Bestform.

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28.03.2014 | Wenn Rocky Balboa alias Sylvester Stallone in den diversen Teilen des Boxermärchens zum Trainingslauf startet, trägt er diesen betongrauen Schlabber-Jogginganzug. Und wenn Rocky seinen Lauf quer durch Philadelphia schließlich nach dem Sprint über die Treppenstufen hoch zum Philadelphia Museum of Art in Jubelpose beendet, ist der Anzug nass - schweißnass.

Die Mitglieder der Industrievereinigung Chemiefaser, dem Zusammenschluss von Kunstfaserherstellern in Deutschland, Österreich und der Schweiz, kennen den Grund: Rockys Trainingsanzug besteht aus Baumwolle. Und mit dieser Naturfaser am Leib wird der ambitioniert trainierende Boxer zum Wasserträger. Denn wenn Schweiß auf Baumwolle trifft, saugt die sich voll wie ein Schwamm und klebt am Körper. Die Fasern quellen auf und werden undurchlässig.

Ganz anders jene Fasern, aus denen die Sportbekleidungsanbieter heute ihre Funktionstextilien komponieren. Laufshirts aus Polyester oder Polyamid leiten die Feuchtigkeit, die beim Schwitzen entsteht, nach außen ab, bevor sie sich als Schweißfilm auf der Haut ablagert. An der Laufshirtoberfläche kann der Schweiß dann trocknen.

Wer sich jetzt fragt, warum er oder sie dann bei der jüngsten Karnevalsparty im Supermannkostüm oder Catwoman-Catsuit aus Polyester so unheldenhaft geschwitzt hat, findet die Antwort im Herstellungsprozess von Kunstfasern. Denn Fadengröße, -form und -textur entscheiden über die Fähigkeiten des eingesetzten Polyesters oder Polyamids.

Um Chemiefasern herzustellen, benötigt man eine zähe Flüssigkeit: die Spinnmasse. Deren Ausgangsstoffe werden zu spinnbarem Material aufbereitet, dem Polymer. Synthetische Polymere sind zum Beispiel Polyamid-, Polyester- und Elastanfasern. Damit aus der Spinnmasse Garn entsteht, wird das Material durch feine Öffnungen einer Spinndüse gepresst. Die Form der Düsenlöcher ist für die unterschiedliche Faserquerschnittsform verantwortlich. Denn ob der Faden rund, dreieckig oder sternchenförmig ist, hat Einfluss auf die Eigenschaften der daraus hergestellten Textilien.

Die Textuierung, ein weiterer Verarbeitungsschritt, erhöht das Volumen und die Elastizität des Garns. Sie beeinflusst Weichheit, Wärmeisolierungs- und Feuchtetransportvermögen des Garns und der daraus hergestellten Artikel. Und hier stecken Chemiefaserhersteller auch Know-how, das heißt letztlich Geld, rein. Polyesterlaufshirt ist also nicht gleich Polyesterlaufshirt. Zum Beispiel wenn das eine aus Microfasern gewebt ist. Diese feinsten Fäden sind doppelt so fein wie Seide. Knapp drei Kilogramm eines solchen Fadens reichen aus, um die Welt am Äquatorkreis zu umwickeln. Der Einsatz solch feiner Fäden bedeutet größere Oberfläche bei gleichem Gewicht. Eine größere Oberfläche verbessert die Verdunstung von Schweiß. Ein aus feinstem Garn produziertes Laufshirt fasst sich auch weicher, die Chemiefaserhersteller schwärmen "seidiger", an.

Neben dem Faden macht aber auch die Verarbeitung den Unterschied. Hersteller Adidas etwa wirbt mit Climacool-Zonen. Da sind sichtbar offener gewebte Zonen am Rückenteil und den Ärmeln. Wendelin Hübner, Brand PR Manager im Unternehmen, erklärt: "Das Climacool-Gewebe ist offener als das Gewebe im Vorderteil des Shirts, sodass hier Feuchtigkeit und Wärme besonders gut vom Körper nach außen gelangen, während kühlende Luft durchgelassen wird." Dieses offener gewebte Material setzt der Hersteller übrigens nicht im Vorderteil und an den oberen Flächen der Ärmel ein, damit der Körper beim Laufen nicht durch den Wind auskühlt.

Man setzt auf Polyester, da es nicht nur sehr wenig Feuchtigkeit aufnimmt, schnell trocknet und Wärme vom Körper nach außen lässt. Es knittert auch kaum. Davon verspricht sich Adidas Tragekomfort, da Knitterfalten am Körper reiben und die Haut reizen könnten. Wendelin Hübners Tipp, wie ein Verbraucher ein gutes Laufshirt erkennt? "Das Produkt sollte ausreichend Belüftungskanäle, also offener gewebte Zonen, haben. Das Material sollte sich gut auf der Haut anfühlen. Fließendes, weiches Polyestermaterial eignet sich grundsätzlich besser zum Laufen als festes, dickes."

André Kossmann, Anbieter der Kossmann Laufkleidung, setzt Polyamid und nicht Polyester ein. Polyamid sei zwar teurer, aber auch weicher als Polyester. Außerdem rieche Polyamid auch bei starkem Schwitzen nicht so unangenehm, wie es häufig bei Polyester der Fall ist, erklärt Kossmann. Er weiß: "Es gibt tolle Stoffe, die viel können, aber meist aus Kostengründen nicht eingesetzt werden." Als "eher hochpreisiger Anbieter" habe er es da besser. Er könne Stoffe verarbeiten, "die wirklich etwas können". Sein Tipp für Verbraucher: "Ich würde Haptik und Geruch prüfen." Weich deute auf ein feines Garn hin. Und: "Der gute Geruch sortiert dann weiche Stoffe aus, die chemisch behandelt worden sind, um weich zu werden, es von Haus aus aber nicht sind." Die chemische Ausrüstung sei außerdem nach 20-mal waschen weg, verrät Kossmann. "Und dann scheuert das Shirt."

Um die "Ausrüstung", die schon vor dem ersten Waschen nichts in Laufshirts zu suchen hat, hat sich ÖKO-TEST gekümmert. Wir schickten 16 Laufshirts in die Labore und ließen sie auf Schadstoffe und Materialeigenschaften untersuchen.

Das Testergebnis

Gut gelaufen! Mehr als die Hälfte der getesteten Laufshirts können wir empfehlen. Noch besser fällt das Ergebnis beim Test der Materialeigenschaften aus. Beim Test, ob Reibung oder Schweiß die Farbe des Shirts verblassen lässt oder ob ein feuchtes Shirt auf andere Textilien abfärbt, gab es fast nichts zu meckern.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Der Sommer ist nicht mehr weit: Deshalb haben wir 16 kurzärmlige Laufshirts eingekauft. Im Einkaufskorb landeten sowohl acht Modelle für Läufer, als auch acht für Läuferinnen. Mit dabei sind Produkte der bekannten Sportartikelhersteller, aber auch Shirts von kleineren deutschen Anbietern sowie bekannten Laufmarken. Ebenfalls im Test: ein Laufshirt der ersten Sportkleidungskollektion von Hennes & Mauritz. Das günstigste Testprodukt kostete 4,95 Euro, das teuerste 69,95 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Stecken krebserregende Farbbausteine in den knallig-bunten Laufshirts? Und haben die Hersteller Bakterienkiller zugesetzt, um etwa schlechte Gerüche oder Keime zu töten? Es könnten auch schädliche zinnorganische Verbindungen im Material stecken, die die Kunstfasern Polyester oder Polyamid vor Licht, Witterung und Feuchtigkeit schützen sollen. Das alles und noch ein bisschen mehr können moderne Funktionstextilien enthalten. Entsprechend umfangreich waren unsere Untersuchungsaufträge für die Labore.

Die Materialprüfung
Die Fragen waren: Behalten die Laufshirts ihre Farbe, auch wenn sie starker Reibung oder Schweiß ausgesetzt sind? Und färben sie vielleicht im feuchten Zustand auf andere Textilien ab?

Die Bewertung
Laufshirt und nackte Haut kommen unter Extrembedingungen in Kontakt: beim Sport. Die Haut ist warm, sie schwitzt, und das Shirt reibt beim Laufen auch noch an ihr. Stress für die Haut durch problematische Inhaltsstoffe braucht da niemand. Und Farbtöne wie Kiwi, Shocking Orange oder Azur sind wirklich trendy, aber nicht wenn sie auf andere Kleidungsstücke abfärben. Deshalb muss beides stimmen: die Eigenschaften des Materials und dessen Inhaltsstoffe. Ist ein Testergebnis schlecht, kann das Gesamturteil nicht besser sein.

So haben wir getestet

Eine "Abreibung" bekommen die Laufshirts beim Test Reibechtheit. Bleibt die Farbe nicht im Shirt, gibt es Punktabzug.