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20 Glutenfreie Lebensmittel im Test

ÖKO-TEST August 2017
vom 27.07.2017

Glutenfreie Lebensmittel

Kein Freifahrtschein

Glutenfreie Produkte boomen. Menschen mit einer Zöliakie brauchen sie. Doch auch viele Gesunde greifen zu Lebensmitteln ohne Gluten. Wir zeigen, welche Produkte akzeptabel sind.

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27.07.2017 | Ulrike Oelhoff hatte Glück im Unglück. Sie erhielt ihre Diagnose als eine der ganz Wenigen bereits Ende der 60er-Jahre. Oelhoff war damals noch kein Jahr alt und so schwach und unterernährt, dass ihre Eltern sich keinen anderen Rat wussten und die Tochter in das Krankenhaus nach Offenburg brachten. Dort gerieten sie an einen jungen Stationsarzt, der - nachdem Aufpäppelversuche mit Haferschleim gescheitert waren - die richtige Idee hatte und entsprechende Untersuchungen einleitete. Der Befund der Darmschleimhaut war eindeutig: Es handelte sich um Zöliakie, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Dünndarms, die auf einer lebenslangen Unverträglichkeit gegenüber Gluten beruht.

Was eine glutenfreie Ernährung bedeutet und wie sie in die Praxis umgesetzt wird, das mussten sich Ulrike Oelhoffs Eltern aber mühsam selbst erarbeiten. Glutenfreie Produkte gab es damals kaum zu kaufen, erzählt die heute 50-Jährige, die mit ihrer Familie mittlerweile in Mannheim wohnt. "Ich kann mich noch gut an mein erstes Brot erinnern - das war ein Waffelbrot aus Mais." Die ersten Nudeln, die sie vertrug, kamen aus Italien "zu einem sündhaft teuren Preis", und glutenfreie Kekse kauften die Eltern in der Schweiz. "Die waren staubtrocken, aber toll", erinnert sich Oelhoff. Aber sie kannte ja auch nichts anderes. Auf das heutige große Angebot glutenfreier Produkte angesprochen, sagt sie: "Ich schätze die Vielfalt und esse trotzdem am liebsten das, was ich kenne und vertrage. Ich backe mein Brot selbst und brauche viele Produkte gar nicht."

Der Stoff, um den sich bei der Zöliakie alles dreht, heißt Gluten. Er ist auch als Klebereiweiß bekannt und steckt in Weizen, Roggen, Gerste und verwandten Getreidearten wie Dinkel, Grünkern oder Emmer. Alle Lebensmittel aus diesen Getreiden enthalten den Eiweißstoff ebenfalls. Gluten hat zur Folge, dass sich die Darmzotten zurückbilden. Weil der Darm dadurch nicht mehr genügend Nährstoffe aufnehmen kann, entstehen im Laufe der Erkrankung Nährstoffdefizite, die eine Reihe von Beschwerden auslösen können. Betroffene leiden unter Durchfall, Blähungen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust, aber auch unter Schlaflosigkeit, Depressionen und Eisenmangel. Manche haben auch gar keine Symptome.

Rund ein Prozent der Bevölkerung ist von Zöliakie betroffen, sagt Bianca Maurer von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG). Beschwerden nach dem Verzehr von Brot, Nudeln oder anderen glutenhaltigen Lebensmitteln kennen aber auch andere Menschen. Ob es sich dabei um Zöliakie oder um eine Weizensensitivität oder -allergie handelt, kann allein der Facharzt feststellen.

Sicher ist: Auch diese Menschen profitieren von einer glutenfreien Ernährung. Warum um Lebensmittel ohne Gluten aber ein regelrechter Hype entstanden ist, lässt sich auch mit der Weizensensitivität nicht erklären. Das bestätigt Bianca Maurer: "Es gibt offenbar einen sehr großen Personenkreis, der glaubt, eine glutenfreie Ernährung sei gesünder und man könne damit abnehmen." Tatsächlich steht es um das Image des wichtigsten Brotgetreides derzeit ziemlich schlecht. Reißerisch aufgemachte US-Bestseller wie "Die Weizenwampe: Warum Weizen dick und krank macht" und "Dumm wie Brot: Wie Weizen schleichend Ihr Gehirn zerstört" haben zur Verunsicherung beigetragen. Ihre Botschaft: Der heutige hochgezüchtete Weizen sei für zahlreiche Zivilisationserkrankungen verantwortlich. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es nicht. Getreide und damit auch Weizen gilt nach den Empfehlungen, etwa der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, sogar als wichtiger Teil einer gesunden Ernährung, besonders als Vollkorn.

Tatsächlich hat "frei von" auch viel mit Lifestyle zu tun. Die Hersteller hören es gern und stocken ihre Sortimente auf - nicht nur Anbieter der ersten Stunde wie Dr. Schär und Hammermühle, sondern auch Bio-Produzenten wie Alnavit und Bauck oder konventionelle Firmen wie Barilla, Kölln und Nestlé. Selbst Discounter bieten schon eigene Produktlinien an. Bianca Maurer sieht den Trend mit Sorge: "Die Betroffenen haben zwar eine größere Produktauswahl. Zugleich führt der Hype aber dazu, dass die Beschwerden und Belange derjenigen, die zwingend auf eine glutenfreie Ernährung angewiesen sind, zum Teil weniger ernst genommen werden."

Wir wollten wissen, wie es um die Qualität von glutenfreien Produkten bestellt ist, und haben 20 Proben im Labor gewohnt umfangreich untersuchen lassen.

Das Testergebnis

... könnte besser sein. Elf Produkte haben zwar mit "sehr gut" oder "gut" abgeschnitten, knapp die Hälfte aber auch nur mit "befriedigend" oder "ausreichend".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Aus dem riesigen Angebot an glutenfreien Produkten wählten wir Basislebensmittel wie Brot, Mehlmischungen, Nudeln und einige Frühstücksprodukte aus.

Die Inhaltsstoffe
Im Mittelpunkt der Laboranalysen standen problematische Stoffe wie Schwermetalle, Schimmelpilzgifte, Pestizide und Mineralölkohlenwasserstoffe. Anorganisches Arsen etwa kann in größeren Mengen in Reis vorkommen, insbesondere in Vollkornreis. Auf das im Getreideanbau übliche Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ließen wir per Einzelmethode prüfen. Mineralölbestandteile können aus Verpackungen oder der Produktion auf Lebensmittel übergehen. Experten fordern die Minimierung, da sie sich im Körper langfristig ablagern können.

Die Weiteren Mängel
An dieser Stelle prüften wir die Verpackung sowie Packungsangaben. Werben Hersteller zum Beispiel damit, dass sie gesetzliche Vorgaben einhalten, dann ist das nichts, was man besonders herausstellen muss, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Die Bewertung
Einige Produkte enthalten Spuren von Gluten. Da diese die gesetzliche Grenze von 20 mg/kg aber deutlich unterschreiten und diese Lebensmittel daher als sicher gelten, haben wir nicht abgewertet. Zu Punktabzügen führen vor allem zu hohe Gehalte an gesundheitlich bedenklichen Stoffen wie Arsen, Cadmium und Schimmelpilzgiften.

So haben wir getestet

Glutenfreiheit verspricht das Label mit der durchgestrichenen Ähre. Ob das stimmt, haben wir im Labor untersuchen lassen.

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Video zum Thema

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ÖKO-TEST-Magazin 8/2017:

glutenfreie Lebensmittel

Kein Freifahrtschein.

Glutenfreie Produkte boomen. Menschen mit einer Zöliakie brauchen sie. Doch auch viele Gesunde greifen zu Lebensmitteln ohne Klebereiweiß. Wir haben aktuell 20 glutenfreie Lebensmittel untersucht, darunter Mehl, Brot, Nudeln und Haferbrei. Die gute Nachricht: Das Labor hat in den Produkten Gluten gar nicht oder nur in Spuren gefunden. Die schlechte Nachricht: In vielen Lebensmitteln wurden zahlreiche Schadstoffe nachgewiesen.