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Tiertransporte: "Strategien müssen verändert und das Tierleid beendet werden"

Magazin Dezember 2020: Froh, fair, gut | Autor: Dr. Cornelie Jäger | Kategorie: Essen und Trinken | 16.12.2020

Tiertransporte sind mit dem Leid von Tieren verbunden.
Foto: Animals‘ Angels e.V.

Verletzte, durstige und offensichtlich gequälte Tiere auf Transportfahrzeugen – die Bilder von Tiertransporten verstören. Bei kaum einem Tierschutzthema klaffen die Vorstellungen der Verbraucher, die rechtlichen Vorgaben und die Realität so weit auseinander wie bei diesem.

  • Es gibt ein komplexes Regelwerk der EU, das vorgibt, wie lange Tiere transportiert werden dürfen und wie oft sie Pausen bekommen müssen. Außerdem heißt es dort, dass Tiere nicht unnötig leiden dürfen. 
  • Problem: In der Praxis werden die Regeln gebrochen.
  • Katastrophal und unnötig sind nicht nur Langstreckentransporte in andere Länder, sondern auch viele Tiertransporte innerhalb Deutschlands.

Nach wie vor exportieren Betriebe jedes Jahr tausende Zuchtrinder aus Deutschland nach Aserbaidschan, Usbekistan, Ägypten und in andere ähnlich weit entfernte Regionen. Das bedeutet weit über hundert Stunden Transportdauer für die Tiere, mit allen Einschränkungen, die damit verbunden sind: Hitze, Wassermangel, kaum Ruhepausen und Verletzungsgefahren.

Aufrüttelnde Fernsehbeiträge haben das Elend dieser Langstreckentransporte zwar ins Bewusstsein der Menschen katapultiert. Beendet ist diese Praxis aber immer noch nicht, auch wenn mehrere deutsche Bundesländer mittlerweile den Transport lebendiger Tiere in bestimmte Länder außerhalb des Schengen-Raums untersagt haben.

Tiertransporte: Gesetz verbietet unnötiges Leid

Zudem liegt der Verdacht nahe, dass diese Transporte mittlerweile auf dem Umweg über bestimmte osteuropäische Länder abgewickelt werden und deshalb hierzulande vom Radar verschwinden.

Dabei sind die Vorgaben der EU für sämtliche Tiertransporte unmissverständlich: "Niemand darf eine Tierbeförderung durchführen oder veranlassen, wenn den Tieren dabei Verletzungen oder unnötige Leiden zugefügt werden könnten", heißt es gleich am Anfang der maßgeblichen EU-Verordnung (EG) Nr. 1/2005.

Unwürdig: Transporte bedeuten viel Stress für die Tiere.
Unwürdig: Transporte bedeuten viel Stress für die Tiere. (Foto: Animals‘ Angels e.V.)

Vorgeschrieben ist deshalb auch, dass die Beförderung so kurz wie möglich dauert, die Tiere mit Wasser und passendem Futter versorgt werden und Ruhepausen erhalten. Die EU hat ein komplexes Regelwerk erlassen, wie lange Tiere transportiert werden dürfen und wie oft sie Pausen bekommen müssen.

Diese Regeln gelten in allen EU-Mitgliedstaaten. Ergänzend dazu hat der Europäische Gerichtshof bereits 2015 klargestellt, dass diese Vorgaben auch jenseits der EU-Außengrenzen bis zum Zielort gelten. Vor diesem Hintergrund ist die gängige Praxis kaum zu verstehen. Doch die Tiere leiden weiter, verborgen hinter den Metallwänden der Transporter.

Junge Kälber leiden besonders unter Tiertransporten

Erst in jüngster Zeit erfahren etwa die zigtausenden Kälber, die ständig innerhalb der EU verbracht werden, mehr Aufmerksamkeit. Besonders problematisch sind Langstreckentransporte von Kälbern, die noch nicht entwöhnt sind und deshalb flüssige Nahrung brauchen.

Zuletzt wurden pro Jahr 20.000 bis 60.000 Kälber mit weniger als 80 Kilogramm Gewicht, also sehr junge Tiere, auf Lastfahrzeugen nach Spanien transportiert. Betroffen sind vor allem Bullenkälber, an deren Mast in Deutschland kein Interesse besteht.

Dabei ist seit Langem klar, dass auf den Transportfahrzeugen keine geeignete Tränke- und Fütterungstechnik für diese jungen Tiere zur Verfügung steht. Die Tierschutz-Experten des bundeseigenen Friedrich-Löffler-Instituts kommen in einer Stellungnahme für die Bundesregierung zu dem Ergebnis: "Eine Zulassung von Fahrzeugen für den langen Transport von nicht abgesetzten Kälbern ist deshalb derzeit nicht möglich." Trotzdem rollen solche Transporte weiterhin.

Politik lässt frustrierte Tierärzte im Stich 

Die Situation ist in der Praxis ungeklärt und für die beteiligten Amtstierärzte zunehmend frustrierend. Als sich 2019 immer mehr Tierärzte weigerten, Kälbertransporte nach Spanien abzufertigen, hat die zuständige Bundesministerin Julia Klöckner in einem Schreiben an den bayerischen Landwirtschaftsminister festgestellt: Der Transport nicht abgesetzter Kälber mit mehr als 19 Stunden Dauer ist nicht mit den EU-Vorgaben vereinbar. Ein Verwaltungsgericht in Baden-Württemberg hat dennoch entschieden, dass solche Transporte abgefertigt werden müssen. Ein kälberspezifisches Tränkesystem im Fahrzeug könne nicht verlangt werden.

Viele Amtstierärzte sind inzwischen hochgradig frustriert, nicht nur beim Thema Langstreckentransporte. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und müssen immer wieder gegen ihre eigene fachliche und moralische Einschätzung handeln. Auch die innerdeutschen Transporte verlaufen teilweise katastrophal.

(Foto: ÖKO-TEST)

Tiertransporte zum Schlachthof

Anders als für grenzüberschreitende Transporte gibt es für Tiertransporte innerhalb von Deutschland zwar keine offiziellen Statistiken zu den Tierzahlen oder Strecken. Erfasst ist aber, wie viele Tiere auf Schlachthöfen geschlachtet werden. Klar ist: Alle diese Tiere werden vorher transportiert.

Die Schlachtzahlen legen offen: Pro Jahr werden mindestens 61 Millionen Rinder, Schweine und kleine Wiederkäuer verladen und transportiert sowie über 700 Millionen Hühner, Puten, Enten und Gänse. Dazu kommen schließlich noch die Tiere, die als Jungtiere zu Aufzucht- oder Mastbetrieben gekarrt werden, ebenfalls häufig über lange Strecken.

Brutale Methoden beim Verladen der Tiere 

Zwar ist rechtlich festgelegt, wie die Fahrzeuge und Transportbehältnisse beschaffen sein müssen. Auch ist vorgegeben, dass Schlachttiertransporte maximal acht Stunden dauern dürfen. Selbst für den Umgang mit den Tieren beim Verladen und für ihre Transportfähigkeit gibt es klare Regeln. Doch in der Praxis werden diese Regeln gebrochen, und die Entfernungen und die Behandlung der Tiere sind sehr unterschiedlich.

Geflügel wird in Transportkisten gesteckt und über große Strecken zu spezialisierten Schlachthöfen verfrachtet. Rinder, Schweine und kleine Wiederkäuer müssen selbst auf die Fahrzeuge laufen. Dabei herrscht häufig Zeitdruck, und es entsteht großer Stress.

Deshalb setzen Betriebe, Händler und Spediteure immer wieder rabiate Methoden beim Verladen der Tiere ein, wie beispielsweise Elektrotreiber an sensiblen Körperteilen – obwohl das verboten ist. Sie transportieren zudem Tiere, die dafür eigentlich zu krank oder zu schwer verletzt sind.

Ein Schwein im Transportfahrzeug: Die Bilder von Tiertransporten verstören.
Ein Schwein im Transportfahrzeug: Die Bilder von Tiertransporten verstören. (Foto: Animals‘ Angels e.V.)

Tiertransport: Das sollte sich ändern 

Das alles findet statt, obwohl es vielfältige Möglichkeiten gibt, Tiertransporte überflüssig zu machen oder zumindest die Entfernungen zu begrenzen.

  1. Es fängt damit an, dass man die internationale Tierzucht komplett anders aufstellen könnte. Anstelle von Zuchttieren könnte man tiefgefrorenes Sperma oder Embryonen exportieren, um in den Bestimmungsländern Zuchtbestände aufzubauen und Schritt für Schritt Zuchtziele zu erreichen, die zu den regionalen Gegebenheiten passen.
  2. Millionen von Schlachttieren könnte man durch ein flächendeckendes Netz regionaler Schlachthöfe mit höchsten Standards beim Tierschutz zumindest zahllose Kilometer und letztlich viel Leid ersparen.
  3. Auch die Mast von Kälbern und jungen Rindern in den Herkunftsregionen ist möglich und birgt viele Vorteile: für die Tiergesundheit, bei der Landschaftspflege, für eine ressourcenschonende Fütterung und schließlich für den verantwortungsbewussten Genuss.

Es ist höchste Zeit, alte Strategien und Verhaltensmuster zu verändern und endlich das Tierleid, das die Transporte auslösen, zu beenden.

Mobiles Schlachten mindert Stress der Tiere

Transporte sind für die meisten Tiere purer Stress. Viele – auch solche zum Schlachthof – müssten nicht sein. Eine süddeutsche Interessengemeinschaft, die IG Schlachtung mit Achtung, hat eine Methode entwickelt, um Rinder im Herkunftsbetrieb zu schlachten. Dabei werden alle tierschutzrechtlichen Regeln eingehalten.

Die IG hat unter anderem eine Fixierung entwickelt, die es erlaubt, Schlachttiere sicher zu betäuben. Das geschieht in vertrauter Umgebung – am Stall oder auf der Weide. Zuvor werden die Tiere an die Vorrichtung gewöhnt, um ihren Stress zu minimieren. Die Arbeitsschritte direkt nach der Betäubung geschehen ebenfalls auf dem Hof in einem Spezialanhänger. Anschließend wird das tote Tier innerhalb von 45 Minuten für die weitere Verarbeitung zu einem Schlachtbetrieb transportiert.

Für ihre innovative Entwicklung erhielt die IG im Jahr 2019 den Landestierschutzpreis Baden-Württemberg. Das letzte Hindernis für die Verbreitung dieser Technik: Die EU hat noch nicht verbindlich klargestellt, dass sie diese Art der Schlachtung auch lebensmittelrechtlich gutheißt.

Mobiles Schlachten: So sieht der Spezialanhänger aus.
Mobiles Schlachten: So sieht der Spezialanhänger aus. (Foto: Peter Brandmeier)

Tiertransporte: Zahlen und Fakten

  • Nach Angaben der Bundesregierung wurden im Jahr 2019 mehr als 27.000 Zuchtrinder nach Russland exportiert, mehr als 7.000 nach Usbekistan, mehr als 5.000 nach Marokko, mehr als 3.000 nach Algerien und jeweils ungefähr 1.000 nach Ägypten, Aserbaidschan und in die Türkei. Exporte von Schlachtrindern in diese Länder fanden laut offiziellen Angaben 2019 nicht statt.
  • Mehr als 675.000 Kälber wurden im vergangenen Jahr aus Deutschland in andere EU-Staaten verbracht. Die Hauptabnehmerländer sind die Niederlande und Spanien.
  • Pro Jahr werden mehr als eine dreiviertel Milliarde Tiere (770 Millionen) zu Schlachthöfen in Deutschland transportiert.
  • Tiertransporte finden nicht nur zu Land und zu Wasser statt. In zurückliegenden Jahren wurden beispielsweise jährlich knapp zwei bis vier Millionen Hühnerküken per Flugzeug aus Deutschland exportiert.

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