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ÖKO-TEST September 2015
vom

Tee, schwarz

Bittere Ernte

In den Teeanbaugebieten arbeiten insbesondere Frauen unter katastrophalen Bedingungen. Viele Anbieter in unserem Test konnten oder wollten nicht belegen, dass sie sich um faire Löhne und menschenwürdige Verhältnisse bemühen. Zudem sind viele der untersuchten Schwarztees übermäßig mit problematischen Stoffen belastet.

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28.08.2015 | Pflückerinnen mit großen Körben inmitten sattgrüner Teesträucher, im Hintergrund sanfte Hügelketten - so wird der Anbau und die Ernte von Tee in der Werbung gern dargestellt. Mit der Realität haben diese Bilder wenig zu tun. Ganz im Gegenteil: Der Teeanbau ist ein besonders krasses Beispiel für die Ausbeutung und Armut von Menschen, die ehemals kolonial geprägte Güter herstellen.

Nach einem Bericht der Sustainable Trade Initiative (IDH) waren 2010 weltweit dreizehn Millionen Menschen im Teeanbau und der Teeverarbeitung beschäftigt. Dabei wird der größte Teil in China, Indien, Kenia und Sri Lanka produziert. Der Ursprung der Teekulturen geht auf erste Pflanzungen in China zurück. Im 18. Jahrhundert waren es vor allem britische Kaufleute, die den Tee für sich entdeckten und erste Plantagen in Indien und Sri Lanka - damals Ceylon - anlegten. Heute wird Tee in mehr als 50 Ländern angebaut.

Schaut man sich an, wie der Teeanbau organisiert ist, dann findet man sowohl Plantagenwirtschaft als auch kleinbäuerliche Strukturen. Laut der IDH-Analyse hat sich der traditionelle Plantagenanbau vor allem in Indien gehalten, während in Kenia und Sri Lanka primär kleinbäuerlich produziert wird. Dort stammen rund zwei Drittel des Tees von Kleinbauern.

Die Arbeit im Teegarten ist extrem anstrengend und zeitintensiv. Gemeint ist insbesondere die Ernte der Teeblätter, die in den klassischen Anbaugebieten Indiens oder Sri Lankas noch immer Handarbeit ist. Vor allem Frauen arbeiten als Pflücker, während Männer Aufseher sind oder Tätigkeiten wie Düngen, Roden oder die Wartung von Maschinen übernehmen. Weil die frisch geernteten Teeblätter umgehend in die Fabrik geschafft werden müssen, um Qualitätsverluste zu vermeiden, ist Eile angesagt. Aber nicht nur das: Die Frauen arbeiten auch deshalb im Akkord, weil ein Großteil ihres Lohns von der Erntemenge abhängt, die sie am Ende des Tages abliefern. Das Geld, das sie dafür erhalten, ist gering und übersteigt manchmal noch nicht einmal die von der Weltbank definierte Grenze für extreme Armut von 1,25 US-Dollar pro Tag.

"Die Lohnsituation auf Teeplantagen ist insgesamt ein riesiges Problem", sagt Benjamin Luig, Agrar- und Ernährungspolitischer Referent des katholischen Hilfswerks Misereor, der sich intensiv mit der sozialen Situation in Teeanbaugebieten befasst. "Traditionell werden Löhne in West Bengal - wozu auch die Region Darjeeling gehört - zwischen Arbeitgebern und parteinahen Gewerkschaften verhandelt, die Ergebnisse haben mit einem existenzsichernden Lohn aber nichts zu tun", sagt Luig. So habe man sich im Februar auf einen Lohn von aktuell 122,50 Rupien pro Tag geeignigt, der mit umgerechnet 1,90 US-Dollar immer noch sehr niedrig ist.

Kleinere, unabhängige Gewerkschaften kritisieren die Vereinbarung massiv, so der Experte. "Sie fordern auf Basis eines für Haushalte berechneten Nahrungsmittelbedarfs einen Mindestlohn von 322 Rupien pro Tag - das sind 4,95 US-Dollar." Weiterhin dürften zusätzliche Sachleistungen nicht auf mehr als 25 Prozent des Lohnes angerechnet werden.

Doch genau das beschreibt ein weiteres Problem. So hat Indien 1951 ein Gesetz erlassen, das Plantagenbesitzer verpflichtet, ihren Beschäftigten ein ganzes Bündel an Zusatzleistungen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen - angefangen von Unterkünften, medizinischer Versorgung, Kinderhorten und Grundschulen bis hin zu vergünstigten Lebensmitteln, Brennmaterial und Trinkwasser. Laut dem Bericht der IDH gehören diese Dienstleistungen in allen traditionellen Anbaugebieten aber zunehmend der Vergangenheit an. Einer der Gründe sei der Preisverfall für Tee, der dazu führe, dass Löhne durch den Abzug von Zusatzleistungen klein gerechnet würden. Das trifft besonders die Pflückerinnen und ihre Familien, die dadurch immer stärker in einen Teufelskreis aus Armut und Abhängigkeit geraten.

In einer 2014 veröffentlichten Studie haben Misereor und die Menschenrechtsorganisation FIAN International eine derartige Praxis in Indien, Malawi und Sri Lanka festgestellt. Weitere typische Menschenrechtsverletzungen waren sexuelle Belästigung, mangelnder Arbeitsschutz, insbesondere beim Sprühen von Pestiziden, Überstunden sowie die Bekämpfung und Unterminierung von Gewerkschaften. Auch Formen von Mangelernährung wurden beobachtet.

Wir wollten wissen, was Teehersteller tun, um die Menschen in den Ursprungsländern zu unterstützen, und haben 30 schwarze Tees eingekauft. Alle Tees wurden im Labor auf Schadstoffe untersucht. Parallel erhielten die Anbieter einen Fragebogen zum Teeanbau und den Arbeitsbedingungen.

Das Testergebnis Teeanbau und Transparenz

Es wäre falsch, zu behaupten, die Teebranche kümmere sich gar nicht um die Situation auf den Plantagen. Sonst hätten vermutlich keine 26 Anbieter Antworten geschickt. Qualität und Verwertbarkeit der Unterlagen waren jedoch höchst unterschiedlich. Wurden keine oder unklare Angaben gemacht oder keine überprüfbaren Nachweise geliefert, führte dies grundsätzlich zu einem "ungenügenden" Urteil.

Das Testergebnis Inhaltsstoffe

Knapp die Hälfte durchgefallen. Jede Menge Grenzwertüberschreitungen für Anthrachinon, ein türkischer Tee, der gar nicht hätte verkauft werden dürfen, sowie weitere Problemstoffe in einzelnen Produkten - das ist das bittere Fazit aufseiten der Inhaltsstoffe. Aber es gibt auch positive Ergebnisse. So sind acht Tees komplett unbelastet, darunter die Hälfte aus konventioneller Produktion.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In den Test aufgenommen wurden 30 nicht aromatisierte Schwarztees. Das Testfeld reicht dabei von preisgünstigen Discountermarken bis hin zu hochpreisigen Produkten, etwa von Twinings oder Tee Handelskontor Bremen. Auf dem Einkaufszettel standen außerdem Bio-Tees, fair gehandelte Produkte sowie einige Tees aus türkischen und Asia-Läden.

Die Inhaltsstoffe
Tee neigt dazu, Schadstoffe anzureichern. Die Produkte wurden daher auf eine Vielzahl an problematischen Stoffen untersucht, darunter Rückstände von Pestizidanwendungen und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die sich während des Trocknungsprozesses auf dem Tee ablagern können. Im Fokus stand insbesondere Anthrachinon, ein als krebserregend eingestufter Stoff, der in Papierverpackungen oder der Abluft von Trocknungsanlagen enthalten sein kann. Weil Anthrachinon schlecht wasserlöslich ist, gehen eher nur geringe Mengen in den Aufguss über.

Teeanbau und Transparenz
Von den Anbietern wollten wir wissen, was sie tun, um menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen in den Teegärten zu fördern. Unser Fragenkatalog, den wir den Anbietern schickten, deckt grundlegende Eckpunkte ab, etwa ob zumindest der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird oder ob es Lohnabzüge gibt, etwa für Zusatzleistungen wie Unterkünfte, medizinische Versorgung oder Trinkwasser. Solche Dienstleistungen werden auf Plantagen üblicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus fragten wir nach der Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen und ob hochgiftige Pestizide verboten sind. Die gemachten Angaben sollten durch Zertifikate, Einkaufsdokumente und Ähnliches belegt werden.

Die Bewertung
In der Gesamtschau können wir nur wenigen Produkten gute Ergebnisse bescheinigen. Unter den Inhaltsstoffen führen vor allem Überschreitungen von Grenzwerten - etwa für Anthrachinon - zu ungenügenden Urteilen. Unter dem Testergebnis Teeanbau und Transparenz hagelt es Punktabzüge für fehlende Angaben und Nachweise.

So haben wir getestet

Sind Pestizide im Tee immer noch ein Thema? Nur ein Test im Labor schafft Klarheit